Das Hirtenmädchen

 

Ein armes Hirtenmädchen,

Fern in Romagnas Land,

War als getreue Dienerin

Mariens viel bekannt.

Mit jedem jungen Morgen

Trieb sie bei frohem Sinn

Die ihr vertraute Herde

Zu einem Berge hin.

 

Auf jenen grünen Höhen

Da stand ein Gotteshaus,

Geweiht der heil´gen Jungfrau

Der trug sie manchen Strauß.

Und während sie dort ehrte

Die Himmelskönigin,

Zog weidend ihre Herde

Um die Kapelle hin.

 

„Gegrüßet seist du, Maria!“

Floss stets aus ihrem Mund

Von Anbeginn des Tages

Bis spät zur Abendstund´.

Und allemal im Lenze,

Im Wonnemonat Mai,

Dann wand aus schönen Rosen

Sie hübsche Kränze zwei.

 

„Sieh,“ sprach sie, „liebe Mutter:

Ich möchte eine Kron´

Von Gold und Edelsteinen

Dir weih´n und deinem Sohn;

Doch leider sind die Mittel

Dazu mir nicht beschert,

Drum sei dies schlicht Gewinde

Von Rosen dir gewährt!“

 

„Nimm hin, was ich besitze,

Ein treues Herz, nimm´s hin;

Es soll für dich und Jesum

Nur schlagen fürderhin. –

Wie fühl` ich mich so selig,

Denn sieh, in deinen Schoß

Darf ich getrost ja legen

Mein ganzes Lebenslos!“

 

So schwanden Jahr´ um Jahre,

Die arme Schäferin

Wand Kränze fort zur Ehre

Der Himmelskönigin.

Und immer fort sie lallte:

„Gegrüßet seist du, Marie!“

In ihrem frommen Munde

Der Gruß verhallte nie.

 

Der Lenz mit seinen Blumen

Verjüngte die Natur,

Und munt´re Lieder schallten

Durch die belebte Flur.

Da lag daheim das Mädchen,

Erkrankte bis zum Tod,

Und dachte oft der Herrin

In seiner Angst und Not.

 

„Dir opf´re ich mein Leiden,“

Sprach es, „o Himmelszier!

Und will in aller Treue

Auch jetzo dienen dir!“

Und sieh, da es so dachte

Und gottergeben sprach,

Da öffnete sich sachte

Das kleine Schlafgemach.

 

Und eintrat eine Dame,

Ihr Antlitz glänzend schön,

Dergleichen unser Mädchen

Noch niemals hatt´ gesehen.

Und liebreich sprach die Hehre:

„Was schmerzet dich? sag´ an!

Denn wisse, alles Übel

Ich dir benehmen kann!“

 

„Wer bist du denn? o Gute?“

Sprach´s Mädchen fromm zu ihr,

„Ich bin das Heil der Kranken

Und will auch helfen dir!

Ich werde dich befreien

Von allem Schmerz und Leid,

Und dich schon morgen führen

Zu lauter Seligkeit!“

 

Und als am andern mOrgen

Des Dorfes Pfarrer kam,

Und von dem kranken Mädchen

Die Wunder-Mähr vernahm:

Sieh, da erfüllte Lichtglanz

Das ganze Kämmerlein,

Umweht von Hmmelsdüften

Trat jene Dame ein.

 

Ein Sternenkranz umschwebte

Ihr wunderschönes Haar,

Um ihre Glieder wallte

Ein strahlender Talar.

Auf ihren Armen wiegte

Ein Knäblein sich gar hold,

Das trug die schönste Krone

Von Edelstein und Gold.

 

Und zu dem kranken Mädchen

Der Knabe neigte sich,

Und sprach in holdem Tone

Die Worte minniglich:

„Du hast dein ganzes Leben

Die Mutter mein verehrt,

Drum bist du des Besuches

Der Vielverehrten wert!“

 

„Du wandest Blumenkränze

Ihr oftmals in der Zeit,

Drum hab ich dir bereitet

Die Kron´ der Ewigkeit.

Ins Paradies der Freuden

Komm nur, o Mädchen, mit!“

Die Hirtin sprach entzücket:

„Ich komme!“ und verschied.