Was St. Josef sang bei der Himmelfahrt Mariä

 

Als Maria aufgefahren

Und ihr Sohn sie hatt geleitet

Zu dem Thron, der seit Beginnen

Aller Zeit ihr ward bereitet,

 

Rauscht ein neuer Strom der Freude

Durch des Himmels weite Hallen,

Und es ging zu ihrem Throne

Bald ein jubelvolles Wallen.

 

Engel knieten vor ihr nieder,

Um die Königin zu schauen,

Die der Herr für sie berufen

Aus der armen Erde Gauen.

 

Und es kam auch Isaias

Mit der Seher Schar gegangen,

Um die Jungfrau zu begrüßen,

Die das Heil der Welt empfangen.

 

Auch die Väter, die gehütet

Der Verheißung Wort solange,

Sangen zu der Seher Tönen

In so wunderbarem Klange.

 

Als der jüngste kam St. Josef,

Ernst und sinnend war sein Schreiten,

Gleich, als ob bei solchem Jubel

Er gedächt´ vergangner Zeiten.

 

Singend trat er vor die Jungfrau,

Auf die Harfe schlug er leise,

Und der Himmel schwieg und lauschte

Seiner liebentzückten Weise.

 

„Weiße Lilie, die im Tempel

Gott gelegt in meine Hände,

Dass an ihrem Duft und Glanze

Licht und Trost ich viel erfände;

 

Weiße Lilie, ungebrochen,

Keiner soll dir lauter singen,

Als wer so zu seinem Herzen

Deinen Zauber fühlte dringen.

 

Zarte Blume, meine Wonne,

Und mein Trost auf rauen Wegen,

Ach, ich konnte dich nicht schützen,

Nicht vor Frost und Winden hegen.

 

Und die Frucht des neuen Lebens,

Die dein reiner Kelch getragen,

Ach, ich konnte sie nicht decken

In des harten Winters Tagen.

 

Kön´ge kamen aus dem Osten,

Sie zu sehn in frommem Glauben,

Und dann suchten grimme Neider

Dir die Himmelsfrucht zu rauben.

 

Weiße Lilie, wie so traurig

Sich dein Haupt zur Erde neigte,

Als die Wege der Verbannung

Uns der Engel Gottes zeigte.

 

Und dann sanken auf dich nieder,

Ach, Ägyptens heiße Gluten,

Und es tränkten dich im Durste

Nur der Tränen bittre Fluten.

 

Als ich zitternd dich genommen

Und zur Heimat hingetragen,

Hat die Sonn sich dir verborgen,

In drei tödlich langen Tagen.

 

Ach, es war, als ob die süße

Frucht, die einst dein Kelch geborgen,

Sich vom Stamme lösen wollte

Schon in ihres Lebens Morgen.

 

Immer weißer, immer heller

Ward dein Glanz, du lichte Blume,

Immer klarer deines Duftes

Balsam in dem Heiligtume.

 

Selig hab ich dich betrachtet,

Und den reinen Duft genossen,

Bis ich einmal, wonnetrunken,

Still die Augen hab geschlossen.

 

Weiße Lilie, sieh, der Himmel

Ist entzückt von deiner Schöne,

Mit dem Dufte deines Kelches

Steigen deines Loblieds Töne.

 

Doch zu keines Menschen Herzen

Dringen süßer Duft und Lieder,

Als zu dem, der wonnberauschet

Denket alter Zeiten wieder.

 

Denn ich ward dir angetrauet,

Sah dich leiden mit Erbarmen,

Hab dein Kindlein dir ernähret,

Und ich starb in deinen Armen.“

 

Als St. Josef ausgesungen,

Ruht Marias Auge lange

Auf dem Sänger, der die Seele

Ihr bewegt mit süßem Klange.

 

Und der Glanz der weißen Blume

Fiel auf ihn so hell und reine,

Dass der Himmel schöner wurde

Auch von Josefs Licht und Scheine.