Von Christi Geburt und Wanderung

 

(Gedicht aus dem 15. Jahrhundert, erschienen in „Ave Maria“, Heft 12, 1913)

 

Da Jesus Christ geboren ward,

Da war es kalt;

Da ward er in ein Krippelein,

Gelegt alsbald.

Ein Esel stand da und ein Rind,

Die atmeten über das heil`ge Kind,

Gar unverborgen. –

Wer ein reines Herz hat,

Der darf nicht sorgen.

 

Josef nahm sein Eselein,

Wohl bei dem Zaum,

Was fand er an dem Wege steh`n?

Einen Dattelbaum.

„Ach Eselein, du musst stille steh`n,

Wir wollen die Datteln pflücken geh`n;

Wir sind so müde.“

Da neigt sich der Dattelbaum

Durch Gottes Güte.

 

Maria las die Datteln

In ihren Schoß –

Josef war ein alter Mann –

Das ihn verdross:

„Maria, nun lass die Datteln steh`n,

Wir haben noch dreißig Meilen zu geh`n,

Es wird so spate. –

Wir bitten das werte Kindelein

Um seine Gnade.“

 

Da zogen sie fürbass hin,

Wohl in eine Stadt;

Josef da wohl treulich um

Eine Herberg` bat.

Der Wirt, der lebt in Saus und Braus,

Er trieb die Gäste wiederum aus

Wohl ins Elende.

Maria spann das reine Garn

Mit ihren Händen.

 

Sie gingen fürbass in ein Dorf

So gar veracht;

Josef da um Herberge bat

Wohl für die Nacht:

„Wirtin, liebste Wirtin mein,

Behaltet mir das Kindelein,

Und die Frau so treue.“

Sie sprach: „Ich will es gerne tun;

Wollt ihr eine Streue?“

 

Wohl hin, wohl hin gen Mitternacht,

Da war es kalt;

Der Wirt zu seiner Fraue da

Anhub alsbald:

„Fraue, liebste Fraue mein,

Steh auf und mach ein Feuerlein,

Um Gottes Willen;

Das Kindlein heut kein Ruh gewann,

Es möchte erfrieren.“

 

Die Frau stund auf gar bald,

Wie man sie hieß;

Wie bald sie in die Küche lief,

Ein Feuerchen anblies.

„O Fräulein, liebstes Fräulein!

Nun trag herein dein Kindelein,

Zum Feuerchen allhiere:

Das Kindlein heut kein Ruh gewann,

Es möchte erfriere.“

 

Maria hatte ein Pfännelein,

Und das war klein;

Da kocht sie dem Kind ein Müßelein:

War lauter und rein.

Als es verzehrt sein Müßelein,

Maria sang ihrem Kindelein

So zart und leise:

So bist du mir ein Spiegel klar,

Ein Augenweide.

 

Maria konnte spinnen,

Des freut sie sich;

Josef konnte zimmern,

Des nährten sie sich;

Jesus, der konnte haspeln Garn,

Der reiche Wirt, der ward bald arm

Der arme wurde reich.

Nun helfe uns Gott vom Himmel

Wohl in sein Reich.