St. Johannes und das Würmchen

 

Johannes ging am hellen Bach

Und sah dem Lauf der Wellen nach;

Er schritt durch Gras und Blümelein

Und schaute wohl mit Liebe drein:

Wie frisch das blüht, wie hold zu sehn,

O Gott, wie ist die Welt so schön!

Die Blümlein lächeln allzumal,

Und alles grünt und quillt im Tal;

Da ist kein Kraut, da ist kein Blatt,

Das nicht Gefühl vom Leben hat;

Des Seins sich jedes Würmlein freut,

Und trüg´ es noch so schlichtes Kleid;

Denn was nur Lebensfunken hegt,

Auch Gottes Liebe in sich trägt!

Wie nun Johannes liebend sinnt,

Er ein ganz kleines Würmchen find´t,

Zwar schlicht und grau, gar klein gestalt´t,

Johannes hätt´s zertreten bald,

Da hebt er´s auf vom Boden fein

Und setzt es auf ein Blümelein

Und spricht: „O lebe, lebe nur,

Dir blüht ja auch die Frühlingsflur!“

Das Würmlein fühlt sich kaum berührt,

Als es die Segenshand verspürt;

Entbrannt von reiner Liebesglut

Es plötzlich lieblich leuchten tut;

Auch wachsen bald ihm Schwingen an,

Die tragen´s durch der Lüfte Bahn.

Durch Wipfel zieht´s bei lauer Nacht

Hell, wie ein blitzender Smaragd;

Auf Blumen liegt es weit und breit,

Wie lichte Sternlein ausgestreut.

So ruht es friedlich süß im Grün,

In Liebe wird es still verglühn.