St. Irmgardis

 

Wo durch die weiten, grünen Wiesen

Der Niers* Gewässer lieblich fließt,

Da liegt von alters her ein Städtchen**,

Das freundlich aus dem Tale grüßt.

 

Es ist bekannt durch seine Höhen,

Bekränzt mit duft´gem Waldesgrün,

Und scharenweis sieht man die Fremden

Zur Sonntagszeit nach Süchteln ziehn.

 

Inmitten dunkler Tannenbäume,

Ward einst ein Kirchlein dort erbaut,

Die weißen Mauern weithin schimmern,

Ein Türmlein auf zum Himmel schaut.

 

Tritt ein, du Wandrer aus der Ferne,

In diesen stillen, heil´gen Ort,

Und lass ein Weilchen fromm dich nieder,

Wie ist´s so lieb, so traulich dort!

 

Auf schlichtem, hölzernem Altare

Siehst du ein Bild der Gottesbraut,

Die einst als Heilige hier lebte

Und nun vom Himmel niederschaut.

 

Irmgardis wurde sie geheißen,

Ein Grafenkind aus Niederland,

Die in Entsagung aller Güter

Der Seele wahren Frieden fand.

 

Ein Hüttchen dient´ ihr hier zur Wohnung,

Ein Brünnlein spendet´ Wasser frisch,

Mit wilden Beeren, rohen Kräutern

Deckt´ einfach ihr der Wald den Tisch.

 

Wenn aus dem Städtchen früh am Morgen

Drang Glockenklang zum Berg empor,

Und in die hellen Töne mischte

Sich mannigfach der Vöglein Chor,

 

Dann stieg Irmgardis, leise betend,

Zur Kirche drunten in dem Tal,

Der heiligen Messe beizuwohnen,

Zu stärken sich beim Opfermahl.

 

In manche arme, niedre Hütte

Kehrt auf dem Rückweg sie dann ein,

Hier einen Kranken sanft zu pflegen,

Dort Armen Gaben mild zu weihn.

 

Und kehrt sie dann zur Zelle wieder,

Teilt sie in Arbeit und Gebet

Die Stunden, die ihr noch verblieben,

Bis spät der Tag zur Neige geht.

 

So saß sie meist am Sommertage

Mit ihrem Rädchen da und spann,

Und über Gottes Wunderwerke

Sie tief in ihrem Herzen sann.

 

Da tönt auf einmal Hundebellen

Und Pferdewiehern an ihr Ohr,

Und aus dem dunkeln Dickicht sprengen

Drei Ritter, reich geschmückt, hervor.

 

Sie nahen schmeichelnd sich der Reinen,

Zu locken sie zur Welt zurück,

Sie bieten ihr der Erde Schätze,

Sie sprechen ihr von Liebesglück.

 

Entrüstet steht sie vor den Bösen,

Und Flammen sprüht ihr heller Blick,

Und mit der Rechten, streng gebietend,

Weist sie die Frechen schroff zurück.

 

Dann sprach sie mit Prophetenstimme,

Zu den Erschreckten hingewandt:

„Zur Strafe sollen eure Burgen

Zerstöret sein im ganzen Land.“

 

Die Ritter fliehen, bleich und zitternd,

Zurück in ihrer Heimat Au´n,

Um die Erfüllung jener Worte

Mit eig´nen Augen bang zu schau´n.

 

Doch St. Irmgardis, voller Sorgen,

Verlässt die stille Einsamkeit,

Und macht mit andern frommen Frauen

Zur Pilgerreise sich bereit.

 

Wohl über Berge, hoch und eisig,

Lenkt sie die Schritte hin nach Rom,

Des Papstes Segen zu erflehen,

Zu knien in St. Peters Dom.

 

Den heil´gen Vater fromm zu ehren,

Bringt eine Gabe sie, gehüllt

In einen Handschuh, der mit Erde,

Getränkt mit Märtyrerblut, gefüllt.

 

Und dreimal zieht nach Romes Stätten

Sie hin, durch Glaub´ und Lieb´ gestählt,

Dann geht ihr Weg nach Köln am Rheine,

Das jetzt zur Wohnung sie erwählt.

 

Ganz nahe bei dem hohen Dome

Bezieht sie dort ein Kämmerlein,

Die letzten Jahre ihres Lebens

Dem Tabernakel nah zu sein.

 

Auf einem Altar dort im Dome

Stand ein uraltes Christusbild,

Es ist noch heute da zu schauen,

Der Heiland blickt vom Kreuz so mild.

 

Das blieb der Jungfrau liebstes Plätzchen,

Dort, wo des Domes Kreuzaltar,

Da kniet´ sie täglich, innig betend,

Bis in ihr letztes Lebensjahr.

 

Und endlich kam die letzte Stunde,

Und selig lächelnd schlief sie ein,

Um droben in der Schar der Reinen

Sich ew´ger Wonne zu erfreu´n.

 

Ihr heil´ger Leib ruht noch im Dome,

Doch hoch verehrt wird sie am Ort,

Wo einst sie arm und einsam lebte,

Bei Süchteln in dem Walde dort,

 

Wo einst ihr Hüttchen hat gestanden,

Steht nun das kleine Gotteshaus,

Und wo sie einsam oft gebetet,

Gehen fromme Pilger ein und aus.

 

Und kommst zur Kirche du im Städtchen,

So siehst du auf dem Hochaltar

Von Künstlerhand gar zart gemalet,

Was Irmgard einst und später war.

 

Und rings die schönen Kirchenfenster

Erzählen dir in Bildern fein,

Was alles sich hat zugetragen

Mit dieser Jungfrau fromm und rein.

 

Und kommst im Herbste du nach Süchteln

Zum schönen St. Irmgardisfest,

So wirst du staunen ob der Feier,

Von der das treue Volk nicht lässt.

 

Dann siehst du Tausende von Pilgern

Vor ihrem schlichten Bildnis knien,

Und herrlich, wie zum höchsten Feste,

Die Prozession zum Berge ziehn.

 

Die heilige Irmgardis war eine Einsiedlerin bei Süchteln. Um 1030 geboren, starb sie im Jahre 1085. Ihr Fest wird am 4. September begangen.

 

*Die Niers ist ein Fluss im linken Niederrheingebiet, der parallel zu Maas und Rhein auf der östlichen Seite der deutsch-niederländischen Grenze verläuft. In Goch wendet sie sich nach Westen, um bei Gennep, Niederlande in die Maas zu münden. Die Länge der Niers beträgt 117,7 Kilometer.

 

** Süchteln ist ein Stadtteil der Kreisstadt Viersen des gleichnamigen Kreises im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die Mitte der alten Weberstadt bildet die 1856 gebaute katholische Pfarrkirche St. Clemens. Ihr heute noch gut erhaltener, 73 m hoher Turm stammt aus dem Jahr 1481.