Sieben Fragen

 

Willst du vernehmen, was der Heiland spricht?

Du hörst es im Geräusch der Gasse nicht;

Verschließe dich einsam im Kämmerlein,

Geh in den wilden, weiten Wald hinein;

Der liebe Heiland redet süß und sacht,

Sei still – gib acht!

 

Als in Getsemani mein Kampf begann,

Als Blut und Schweiß mir von der Stirne rann,

Da in der Prüfungsstunde harter Not

Erkor ich dir zu Liebe Schmach und Tod,

Du arme Seele; o, wie lieb ich dich,

Sag, liebst du mich?

 

Von zwölf Erwählten, die mir folgten, schied

Der eine, der aus Habsucht mich verriet;

Und von den Elfen ließ mich in Gefahr,

Verzagt und schwach, der sonst der Stärkste war;

Er büßte schwer, er weint in bitt`rer Reu;

Bist du mir treu?

 

Hast du den Mut, zu streiten, wie ich stritt?

Gelassenheit, zu leiden, wie ich litt?

Gibst du die Hand den hanf`nen Stricken preis?

Den wunden Leib dem Riemen und dem Reis?

Der Faust des Knechts, dem Speier das Gesicht?

Und klagest nicht?

 

Sie haben mich mit scharfem Dorn gekrönt,

In Purpurlumpen spöttisch mich verhöhnt,

Als Zepter mir ein dürres Rohr gereicht

Und vor dem König lächelnd sich verneigt;

Mich jammerte des Wahns – ich schwieg dazu;

Was tätest du?

 

Mein schweres Kreuz, ich trug es mit Geduld,

Viel schwerer war der Menschheit Sündenschuld;

Ich brach zur Erde nieder; keine Rast!

Mich riss empor des Büttels Wut und Hast;

Da dacht ich dein und aller; denkst du mein?

Ja oder nein?

 

Dann zwischen Erd und Himmel schwebt ich da,

Kein Helfer war, kein Tröster war mir nah,

Der Bleiche nur, der Todesengel kam,

Der mich gelind in seine Arme nahm;

So starb ich, Mensch, für alle wie für dich;

Lebst du für mich?

 

Nun sprich, du arme Seele, ich und du

Wir sind allein, es hört uns niemand zu:

Willst du mir Jünger sein, folgst du mir nach?

Durch Dorn und Distel, Spott und Hohn und Schmach,

Trägst du dein Kreuz wie ich nach Golgotha?

Nein oder Ja?

 

O lausche, lausche, wie der Heiland spricht,

Du hörst es im Geräusch der Gasse nicht;

Verschließe dich einsam in dein Kämmerlein,

Geh in den wilden, weiten Wald hinein;

Der liebe Heiland redet süß und sacht,

Sei still – gib acht!

 

Friedrich Wilhelm Weber