Nazareth

 

Hier war er untertan, der große Weltenbauer,

Der Flutenbändiger, der mit der sel´gen Mauer

Den Ozean bezwingt und beugt,

Hier war er untertan, er, dem als Untertanen

Die Sterne huldigen auf wandellosen Bahnen,

Er – vor dem Morgenstern gezeugt.

 

Auf dessen Schultern ruht der Herrschaft ew´ge Würde

Hier trug er, Knechten gleich, des Alltagslebens Bürde,

Hier trug er die verborgne Last,

Nicht jene Last, vor der die dunklen Mächte weichen,

Das hehre Banner nicht, der Menschheit Siegeszeichen,

Nicht hier hat er sein Kreuz umfasst.

 

Er trug, was Tausende vor langer Zeit getragen,

Was Tausende bedrückt in ferner Zukunft Tagen

Der Armut heimlich bitt´re Schmach,

Und sieh, wir wissen nicht, was wohl in jener Stille

An großen Zeichen tat sein königlicher Wille,

Nicht, was er dachte, was er sprach!

 

Wir wissen´s nicht, und doch – aus diesem Dämmerlichte

Stieg frohes Morgenrot und plötzlich schwand der dichte

Der trübe Nebel schwand dahin.

Wie Schuppen fiel es da vom Aug´ der Unterdrückten.

Wo sind die Mächt´gen nun, die Reichen, die Beglückten?

Heil, Armut, neue Königin!

 

O du verborgner Ort in tiefer Talesmulde,

O stilles Nazareth, was dir die Menschheit schulde,

Nicht Mensch noch Engel spricht es aus!

Wohl thronte Gottes Macht auf Sinas glüh´nden Steinen,

Wohl rühmt der Tempelberg die hehre Pracht des Einen –

Hier aber stand des Heilands Haus!

 

Aus „Lieder vom Heiligen Lande“

M. Buol, Brixen, A. Wegers Buchhandlung