Mein Freund

 

Es mögen viele ihre Freunde preisen

Und im Besitz derselben glücklich sein;

Ich habe keine solchen aufzuweisen

Und steh‘ auf weiter Erde ganz allein.

 

Zwar lernt` ich manche edle Seele kennen,

Die treu an mir geübet ihre Pflicht,

Doch was man pfleget einen Freund zu nennen,

Das fand ich durch mein ganzes Leben nicht.

 

Fast habe ich die Hoffnung aufgegeben,

Auf Erden je zu finden solch ein Herz,

Das mit dem meinen einen Schlag, ein Leben,

Ein Denken, Lieben hätte, einen Schmerz;

 

Das mir in jeder noch so schweren Lage

Ein immer off‘ner, sich‘rer Zufluchtsort,

Und das mir bis zum letzten Lebenstage

Stets Trost und Hilfe sei, und Schutz und Hort.

 

Doch will ich mich darob nicht sorglich grämen,

Und weil man ohne Freund nicht wohl kann sein,

Will Jesus ich zu meinem Freund mir nehmen,

Ihm Herz und Liebe weihen ganz allein.

 

So kommt nun alle, die ihr Freunde habet,

Stellt neben den sie, den ich mir erwählt;

Ob sie mit Freundestugend mehr begabet,

Ob nicht am besten euch mein Freund gefällt.

 

Du rühmest dich, wie sehr dein Freund dich liebe,

Wie er sein Ohr stets deinen Bitten leih‘,

Wie er, ob alles wankte, treu dir bliebe,

Wie er so warm um dich bekümmert sei;

 

Du darfst ihm alles, alles anvertrauen,

Er teile redlich mit dir Lust und Schmerz;

Du kannst zu jeder Stunde auf ihn bauen –

O täusche dich nicht allzu sehr, mein Herz!

 

Zisternen sind es, die kein Wasser halten,

Und wenn auch, ist es wenig, lau und trüb;

Verglühte Essen, wo nach dem Erkalten

Nur Rauch und Ruß und Asche hinterblieb;

 

Sind morsche Stützen, die vermodernd wanken,

wenn du dich grambelastet an sie lehnst;

Sind Menschenherzen, die da selber kranken,

Wo du vergebens zu gesunden wähnst.

 

Mein Freund hingegen gleicht der klaren Quelle,

Die ewig frisch, die unversiegbar fließt;

Sein Herz ist eine Sonne, deren Welle

Mit Licht und Wärme Welten übergießt;

 

Es ist ein Gottesherz, dran ich gesunde;

Ist eine Veste mir, ein starker Turm,

Ein Balsam für die tiefste Seelenwunde,

Ein sich‘rer Port in jedem Unglückssturm.

 

Wo schlägt ein Herz so zärtlich wie das seine?

Wo hat je eins so stark, so heiß geliebt?

Noch keins war so bekümmert um das meine,

Noch keins hat Treue je so treu geübt.

 

Er hört zu jeder Stunde auf mein Klagen,

Mehrt mir die Freude, lindert mir den Schmerz;

Ihm darf ich wahrhaft alles, alles sagen,

Er nur allein versteht mein ganzes Herz.

 

Er würdigt wohl mein stillverhalt‘nes Sehnen,

Neigt jeder Frage gerne stets sein Ohr;

Er zürnet nicht ob meiner Schwächen, Tränen,

Kommt meinen Nöten liebreich schon zuvor;

 

Er hat, was ich am Freunde nicht will missen,

Ein Herz, an reichem, edlem Fühlen voll,

Genie, Charakter, Tugend, reiches Wissen,

Kurz, was mein Freund nur immer haben soll.

 

Er überlässt wenn Feinde sich erheben,

Mich niemals feig und herzlos ihrer Wut;

Steht, wenn Gefahren dräuend sich erheben,

Selbst für mich ein mit Leben, Gut und Blut.

 

Er hat die Feuerprobe überstanden,

Verließ mich nicht in meiner größten Not;

Er kaufte, als ich schon in Todes Banden,

Mich wieder los durch seinen Kreuzestod.

 

Und ich entsag um seinetwillen gerne

Jedweder Freundschaft, jedem Liebesglück;

Ob Herz um Herz sich auch von mir entferne,

Ich rufe keins derselben mehr zurück.

 

Und wenn auch alle Menschen mich verlassen,

Bleibt er mir treu, so bin ich nicht allein;

Und sollte selbst die ganze Welt mich hassen,

Von ihm geliebt, wird ich glückselig sein.

 

Und hättest wirklich du ein Herz gefunden,

Das treu dir bliebe bis zum letzten Tag,

Das Balsam gießt in alle deine Wunden

Und dich beschützt vor jedem Unglücksschlag;

 

So drohet dir doch eine tiefe Wunde,

Für die sein bester Balsam nichts mehr nützt;

So gibt’s – ach glaub es mir – doch eine Stunde,

Vor der die treuste Freundschaft dich nicht schützt.

 

Es ist die letzte Stunde deines Lebens,

Wo du vom Tod verwundet niedersinkst,

Wo du nach allen Seiten – ach vergebens,

Dem treusten Freunde dann um Hilfe winkst;

 

Er kann dich trösten, kann wohl für dich beten,

Doch muss er bleiben, wo dein Auge bricht;

Denn mit dir hin vor deinen Richter treten,

Das kann er mit dem besten Willen nicht.

 

Doch mir erscheint an meinem Lebensende

Mein Freund, als Arzt und Führer, Licht und Stab,

Es tragen seine starken Freundeshände

Mich über Hölle, Todesnacht und Grab.

 

Selbst, wenn ich vor dem Richterstuhle stehe,

Noch seine Freundschaft süßen Trost mir gibt,

„Weil ich ja den als Richter vor mir sehe,

Den ich auf Erden einzig hab geliebt.“