Marienverehrung in "Des Knaben Wunderhorn"

 

(Von Georg Plohvich, „Ave Maria“, 1914, Heft 5, S. 115)

 

In der Sammlung alter Volkslieder, „Des Knaben Wunderhorn“ genannt, finden sich neben schönen Liedern von Leben und Liebe auch Lobeshymnen auf die Jungfrau Maria. Diese Perlen echter Volkskunst gehören zu den erhebendsten Marienliedern. Meist legendenhafte Züge aus dem Leben Mariens sind in rührender Naivität in jener schweren, treffenden Wucht der Volkssprache dargestellt, die, erst schwer verständlich, dem aufmerksamen Leser eine Fülle zarter Seelenoffenbarungen aufzeigt.

Im Folgenden gebe ich alle Mariengedichte, die ich aus dem „Wunderhorn“ herausgesucht habe, in ihren schönsten Stellen wieder.

Kindlich-erhebend wirkt der „Liebesscherz mit dem neugeborenen Kind Maria“:

 

Wann wünschen wir können, Maria rein,

So möcht` ich jetzt wohl ein Baumeister sein,

Ich wünschte mir Salomons Schätze,

Dukaten und Taler viel Metzen,

Bloß deinen Geburtsort zu ehren,

Mein` Andacht und Trost zu vermehren.

 

Ich wollte dir bauen ein Kirchlein,

Das sollte mit Gold gepflastert sein,

Von Edelstein alle Gewölbe,

Der Altar, das wäre ich selber,

Mein Herze, das müsse der Altardom sein,

Darauf müsstest du wohnen, mein Kindelein.

 

Die Geburt Mariä begrüßt das Gedicht:

 

Gleich wie die lieb` Waldvögelein

Mit ihren Stimmen groß und klein

Früh morgens lieblich singen - - -

 

Also, ihr Menschen, kommt herbei

Lasst hören eure Melodei,

Das Kindelein zu grüßen.

Heut fröhlich sein Geburtstag fällt,

Sankt Anna bringt es auf die Welt,

Es lasset euch genießen.

 

Zum Fest Mariä Empfängnis findet der Dichter folgende, tiefsinnige Worte als „Antwort Mariä auf den Gruß der Engel“:

 

Zwei Nachtigallen ich singen hör,

Ein Englein kommt vom Himmel

Nach Nazareth, nicht ungefähr,

Ins jungfräuliche Zimmer;

O, wie so lieblich singt er an

Das Jungfräulein Marie.

Kein menschlich Zung beschreiben kann

Die süße Harmonie.

 

Voll Freude über die Botschaft des Engels, eilt Maria übers Gebirge zu Elisabeth. Sie eilt; warum, darüber gibt sie Auskunft im Gesicht „Maria auf der Reise“:

 

Warum so einsam und so geschwind,

Will ich dir herzlich gern aufzeigen . . .

 

Jungfrauen will`s gebühren gar nicht,

Viel untern Leuten umzuziehen.

Eben darum viel Böses geschieht,

Weil sie die Leut` bei Zeit nicht fliehen.

 

Durch das Gebirg über Berg und Tal

Tut sich mein Geist in Gott erschwingen,

Als wie ein himmlisch Nachtigall

Ich das Magnifikat tu singen,

Wer gern allein ist und betet gern,

Der tut sein Zeit gar schön zubringen . . .

 

Maria ist Mutter Gottes geworden. – „Von Jesse kommt ein Wurzel zart.“ – Zuflucht der Betrübten, Fürsprecherin bei ihrem Sohn. So wendet sich in „Abschied von Maria“ Gräfin Elsbeth voll Vertrauen zu ihr:

 

O Maria, welches Leid,

Letzte Blumen bring ich heut,

Dass ich reise, schmerzet mich,

Ob ich wiedersehe dich?

 

O, Maria, jetzt ist Zeit,

Dass ich wieder von dir scheid;

Fort ich muss, auf lange fort,

Ach, ade, du Gnadenort!

 

Schau, Maria, Mutter mein,

Lass mich dir befohlen sein;

Ach, es muss geschieden sein

Von dir und deinem Kindelein.

 

Meine Zunge ist mir schwer,

Meine Augen voller Zähr,

Nicht mehr hell ist meine Stimm,

Gute Nacht, ich Urlaub nimm . . .

 

O, Maria, noch die Bitt`:

Mich im Tod verlasse nit;

Sei gegrüßet tausendmal,

Ach, ade, viel tausendmal!

 

„Das Gnadenbild Maria-Hilf bei Passau“ wird besungen:

 

Es wohnt ein schönes Jungfräulein

Bekleidet mit Samt und Seiden,

Ob Passau in ein Kirchel klein,

Auf einer grünen Heiden,

Dort auf dem Kapuzinerberg . . .

 

Auf ihrem Haupt trägt sie ein Kron

Von Gold und Edelsteinen,

Von Silber ist gemacht ihr Thron,

Auf dem sie tut erscheinen,

Jesus, der wahre Gottessohn,

In ihren Armen wohnet; . . .

 

Ihr Ursprung ist sehr adelig,

Von königlichem Stamme,

Ich darf sie nennen öffentlich,

Maria heißt ihr Namen . . .

 

Vor ihr die Engel neigen sich,

Weil sie Gott selber ehret, - -

Die Kaiser beugen ihre Knie,

Die König sie schön grüßen,

Fürsten und Herren rühmen sie

Und fallen ihr zu Füßen . . .

 

Mit vielen zarten Blümelein

Ist sie gar fein umstecket, . . .

 

Oft Musikklang und Orgelspiel

Tut man da bei ihr hören,

Ämter und Litaneien viel

Haltet man ihr zu Ehren . . . usw.

 

Gleicherweise ist „Maria, die Gnadenmutter zu Freiberg“ gepriesen:

 

Wunderschön prächtige,

Große und mächtige,

Liebreich holdselige himmlische Frau . . .

 

Die Sonn begleitet dich,

Es unterwerfet sich

Zu deinen Füßen der silberne Mond,

Kein Unvollkommenheit

Mindert dein Herrlichkeit . . .

 

Ein schönes, idyllisches Bild bietet „Eine heilige Familie“. Groß und gewaltig ist der Lobgesang auf Maria von Balde.

 

Ach, wie lang hab ich schon begehrt,

Maria dich zu loben!

Nicht zwar als wie du wirst verehrt

Im hohen Himmel oben;

Dies wär umsonst! Mein arme Kunst

Würd an der Harfe hangen,

Und dieses Lied, so sehr sie glüht,

Im tiefem Ton anfangen.

 

Die Unbefleckte lobpreist Balde also:

 

Zwölf Stern um ihr glorwürdig Haupt

Als Krone ringsum schweben,

Und jauchzen: Uns ist es erlaubt,

Allein sie zu umgeben!

 

Der Sang endet:

 

Wenn mir geschwächt sind alle Sinn,

Und die Umstehenden sagen:

Jetzt scheidet er, jetzt geht er hin,

Der Puls hört auf zu schlagen!

Dein schöne Hand, dein milde Hand,

O, Mutter meines Lebens,

Gleit über mich, erquicke mich,

Denn sonst ist all`s vergebens.