Letzter Strahl

 

Von M. Ellis

 

Hoch über den Berg – der Weg so weit –

So stürmisch die Nacht – Novemberzeit –

Die Zeit, da die Blätter im Winde verweh`n;

Zeit, da die Menschen von hinnen geh`n . . .

So finster die Nacht – der Weg so weit . . .

Eile dich, Priester! Gott geb` dir`s Geleit!

Du trägst Ihn ja bei dir –, das höchste Gut

An deinem Herzen geborgen ruht . . .

Wer rief dich? – Ein armes, krankes Kind,

Ein Knösplein, geknickt vom Novemberwind,

Ein junges Mägdlein, kaum sechzehn Jahr`,

Das vor Monden noch frisch und rosig war; -

Nun sucht es der Tod, der grimme Gesell! –

Eile dich, Priester, der Tod reitet schnell! –

Und der Bote Gottes beschleunigt den Schritt;

Legionen Engel ziehen mit;

Der Mesner mit Licht und Glöcklein voran –

O heilige Wand`rung auf nächtlicher Bahn! –

Dieweil träumt im Hüttchen am Waldessaum

Das sterbende Kind seinen letzten Traum;

Schon wuchsen der jungen Seele Flügel,

Schon nahm sie den Anflug zum ewigen Hügel;

Doch ehe sie vollends empor sich will heben,

Möcht` sie noch einmal zurück ins Leben, -

Ins warme, goldene – zu einem Tag,

Da noch die Erde in Blüten lag;

Zu einem Maitag, rosig und zart,

Zum Feste Christi Himmelfahrt! –

Im Frühlicht war es – die Glocken riefen

Bis hin in der Täler verborgenste Tiefen;

Sie riefen die Bräute von nah und fern

Zum ersten Male zum Tische des Herrn! –

Da sieht sich das Kind an der Eltern Seite

Im Myrtenkranz und dem weißen Kleide;

Die Lerchen jauchzen, die Sonne lacht

Und die Bräute geh`n durch die Maienpracht

Mit pochendem Herzen, beflügeltem Schritt,

Und jede bringt ihren Engel mit. –

Und mählich verstummt der Glocken Rufen;

Die Glücklichen knien an des Altars Stufen;

Das Opfer beginnt, die Lieder tönen;

Himmel und Erde feiern Versöhnen; -

Und die Kinderherzen öffnen sich weit,

Dass einzieh` des Königs Herrlichkeit . . .

Die Sterbende lächelt – schon weltenfern . . .

Sie war ja die erste am Tische des Herrn! . . .

Hoch über den Berg – der Weg war weit –

Doch gab ja Gott selber das Geleit –,

Schon geht es bergab, ins Dorf hinein;

Hinter niederm Fenster ein blasser Schein;

Schon läutet das Glöcklein die Stufen herauf . . .

Die Kranke lauscht: - die Türe geht auf –

Laternenschein huscht über die Schwelle –

Der Bote Gottes, nun ist er zur Stelle!

Getrost, o Seele! dein Heiland ist hier!

Einst kamst du zu Ihm, nun kommt Er zu dir!

Nun klag` Ihm, was je dir Leid`s geschah!

Nein, juble und singe Ihm „Gloria!“ –

Und die junge Seele öffnet sich weit,

Dass einzieh` des Königs Herrlichkeit!

-

Siehst du sie wandeln unter den Palmen?

Hörst du sie singen die ewigen Psalmen?

Siehst du die himmlischen Banner weh`n?

Triumph! denn`s „Sterben“ heißt „Aufersteh`n“!

-

Die Stürme schweigen. Es will schon tagen.

Ein Herz hat aufgehört zu schlagen.

Der Priester wirft einen letzten Blick

Auf das Marmorantlitz und kehrt dann zurück

Hoch über den Berg – der Weg so weit

Und das Herz so schwer – Novemberzeit . . .