Karfreitag

 

Schweigsam, leis den Kiesel tretend,

Wund im Herzen Psalmen betend,

Zieht ein Trauerzug dahin.

Auf den Schultern ein`ger Treuer

Ruht ein Leichnam, lieb und teuer;

Wenige begleiten ihn.

 

Gartenprangen, Frühlingslüfte,

Palmenhauch und Rosendüfte

Hüllen ein die heil`ge Schar.

Ihre Sinne sind verschlossen;

Denn ein Leid ist ausgegossen,

Wie noch keins auf Erden war.

 

Bei dem Felsen angekommen,

Wird behut herabgenommen

Die so teure tote Last.

Wehdurchwühlt und liebeglühend

Legen sie, sich zitternd mühend,

Ihren Herrn zur Grabesrast.

 

In der kalten Felsenstille

Kniet bei der entseelten Hülle,

Die ihm einst das Leben gab.

Noch ein Kuss – ein Blick – ein Beben –

Abschied von dem toten Leben –

Und verschlossen ist das Grab.

 

Einsam an der Felsenmauer

Sitzt die Mutter, stumm vor Trauer

Und das Antlitz gramgebleicht.

Alle, die vorübergehet,

Stehet stille doch und sehet,

Ob ein Schmerz dem ihren gleicht.

 

Drüben sieht man goldig bluten

In den letzten Sonnengluten

Stolz der Tempelzinnen Kreis.

Dunkelnd schweigt die Hügelkette.

Auf die Königin der Städte

Senkt die Sabbatruh sich leis.

 

Still geworden ist`s schon lange.

Nur im Garten tönt noch bange

Eines Mutterherzens Schlag.

Und die Blümlein ringsum lauschen –

Und die Palmenfächer rauschen:

„Heute ist Erlösungstag!“

 

(Chr. Chiusole)