Johannisbeere

 

Im Felsental, der Welt entflohn,

Weilt still und ernst der Wüste Sohn,

Johannes, der berufen war,

Zu sammeln der Verirrten Schar.

 

Er wallt umher, der Sonne Glut

Gießt zehrend Feuer in sein Blut,

Doch denkt, versenkt in ernstre Pflicht,

Er auf des Leibes Pflege nicht.

 

Schon taut der Abend auf die Flur,

Da siegt die menschliche Natur,

Und tief ermüdet sinkt sein Haupt

Auf eine Felsenbank, kühl umlaubt.

 

Er schaut umher; wohin er blickt,

Ist keine Hand, die ihn erquickt.

Nicht Speis und Trank, nicht Quell und Frucht,

Wo auch sein spähend Auge sucht.

 

Er seufzt, doch blickt er auf und spricht:

„Der Herr verlässt sein Werkzeug nicht.“

Von Dornen wund sind Fuß und Arm,

Es fließt in Tropfen hell und warm

 

Sein Blut hernieder zu dem Strauch,

Der ihn gekühlt mit sanftem Hauch;

Bald schlummert er und träumet süß

Von lichter Zukunft Paradies,

 

Und von der Liebe starkem Held,

Dem rüstig er das Feld bestellt.

Indessen hat der Strauch mit Lust

Schmiegt sich an des Schläfers Brust;

 

Ihm ist so wohl, ihm ist so gut:

So hat kein Lichtstrahl ihn erquickt,

So hat ihn noch kein Lenz geschmückt.

 

Und als, gestärkt von sanfter Nacht,

Der Seher heiter nun erwacht,

O Wunder! ist des Strauches Grün

Geschmückt mit funkelndem Rubin,

 

Und Beeren, purpurrot und hell,

Wie ihres Ursprungs reinster Quell,

An Labung süßen Trauben gleich,

Bekränzen fröhlich das Gesträuch.

 

Da sinkt Johannes betend hin

Und blickt empor mit Kindessinn,

Und schlürft den süßen Labetrank

Der reifen Frucht mit Lieb und Dank.

 

Die Traube aber blieb zur Zier

Dem guten Strauche für und für,

Und wird bis heut im ganzen Land

„Johannisbeere“ noch genannt.