Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben!

 

„Es läutet, horch, es läutet!

Wer mag so spät es sein,

Bei diesem schlimmen Wetter

Geh´, lass den Armen ein!“

 

So sprach die fromme Witwe,

Die in der Stube saß

Und mit der kleinen Rosa

Im Buch der Heil´gen las.

 

Das Mädchen eilt von dannen,

Sie war ein gutes Kind,

Fliegt mit den leichten Füßchen

Die Trepp´ hinab geschwind.

 

Ein alter Mann stand draußen,

Den Bart so weiß wie Schnee,

Demütig Einlass bittend:

„Die Kälte tut so weh!“

 

Da war auch schon die Mutter,

Zu jeder Hilf bereit;

Und nahm den armen Alten

Auf voll Barmherzigkeit.

 

„Wir haben keinen Reichtum,

Ihr müsst genügsam sein;

Es gibt nur Hafersuppe,

Doch schöpft die Liebe ein!“

 

Die Witwe eilt zum Feuer,

Er sieht so müde aus;

„Schnell, Rose, hole Wasser,

Die Löffel nimm heraus!“

 

Drauf holt sie aus dem Schranke

Das letzte frische Brot,

Den armen Mann zu stärken

In seiner bittern Not.

 

Sie schicken sich zum Mahle

Und beten alle drei;

Der Mutter und dem Kinde

Wird heut so wohl dabei.

 

Der Bettler spricht vom Glauben

Von Treu und Liebesglut,

Wie wohl es seinem Herzen

Bei guten Menschen tut.

 

Die Witwe lauscht wie trunken

Er spricht so herrlich schön,

Je seine milde Rede

Macht alles Leid vergehn.

 

Da nimmt er von dem Brote,

Das segnet seine Hand,

Und kaum war es gebrochen,

Da hat sie ihn erkannt.

 

Sie sah die Dornenkrone,

Sein bleiches Angesicht,

Sie sah die blut´gen Wunden

Verklärt im Strahlenlicht!

 

In heilig süßem Schauer

Fand sie kein einzig Wort,

Und bis sie sich gesammelt,

Da war der Bettler fort.