Gottes Ratschluss

 

In niederer Hütte, siech und krank

Ein armes Kind liegt auf der Bank,

Von kargen Lumpen kaum bedeckt,

In tiefem Elend hingestreckt.

 

Und bei ihm sitzt ein armes Weib

Mit hohlen Blicken und magerem Leib,

Sie weinet ob des Kindes Not,

Wünscht sich und ihm den frühen Tod. –

 

Der Tod, er hört ihr Weinen nicht,

Vorüber an der Hütte dicht

Schleicht er und geht empor zum Schloss,

Dort liegt des Grafenhauses Spross

 

In seidnen Decken wohl verwahrt,

Kein Mittel hat der Arzt gespart,

Auf seinen Wink harrt das Gesind,

Die Gräfin wacht beim kranken Kind.

 

Es wacht an seinem Bett der Graf

Und prüft den Puls und prüft den Schlaf.

Und doch der Tod drängt sich herein

Und löscht der Augen hellen Schein! –

 

O sprich! Warum im Grafenhaus

Blies doch, o Tod, dein Odem aus

Das junge, hoffnungsvolle Licht?

Warum nahmst du das Würmlein nicht,

 

Dem doch in dunkler Zukunft Schoß

Verborgen liegt ein traurig Los?

Doch wie ich wollt´ verzagen schier,

Dacht´ ich im stillen so bei mir,

 

Als spräch´ der Tod: Hätt´ ich getan

Nach deinem unbedachten Plan,

Es wüsst´ der reichen Eltern Herz

Von keinem Leid, von keinem Schmerz,

Und jener Armen wär geraubt

Das einz´ge Glück, an das sie glaubt.