Freudenvollen Wiedersehen!

 

Auf Wiedersehn! O süßes Wort beim Scheiden,

Das uns der Trennung bitt`ren Schmerz versüßt!

Auf Widersehn! O Hoffnung voll des Trostes,

Der Balsam in die tiefen Wunden gießt!

 

O Mutter, die du jetzt ein Kind beweinest,

Das, ach! in schönstem Jugendflor erblich,

O sei getrost! – es spielt auf Himmelsauen

Und wartet dort voll Sehnsucht nur auf dich.

 

Wenn einst des Wiedersehens Morgen tagt,

Umarmet es dich mit wonnevollem Blick;

Und was das finstre Grab dir neu gegeben,

Das nimmt der Himmel dir nicht mehr zurück.

 

Ja wiederfinden wirst du, arme Waise,

Die Eltern, die so früh dein Herz verlor;

Ich weiß, du schaust mit tränenfeuchten Augen

In jeder Nacht zum Sternenlicht empor.

 

Geduld mein Kind! du kannst zu ihnen gehen,

Wenn einst für dich die Scheidestunde schlägt;

Vielleicht, dass früher, als du jetzt es ahnest,

Ein Engel dich zu deiner Mutter trägt.

 

O, trockne deine Tränen, fromme Gattin,

Und halte ein mit deiner Wehmutsklag;

Du wirst den treuen Gatten wiedesehen

Am großen, hehren Auferstehungstag.

 

Im Reich der Sel`gen gibt es nicht mehr Trennung,

Weil dort nur ewiges Wonneleben blüht;

Und jene, die die Liebe hier vereinte,

Sie sind auch dort von heil`ger Lieb durchglüht.

 

Ihr alle, die ihr jetzt an Gräbern stehet

Und schmerzdurchglüht um teure Tote weint,

O, tröstet euch, da nach des Grabes Nächten

Des Wiedersehens süßer Tag erscheint!

 

(Aus: "Der Armen-Seelen-Freund", Heft 12, September 1912, Seite 178)