Ernste Gedanken

 

(von Joh. Mich. Sailer)

 

Eh ich dies heut vollendet habe,

Sinkt diese Hütte vielleicht ein,

Und vielleicht ruht im dunklen Grabe

Nach dreien Tagen mein Gebein.

 

Wie, wenn ich heut noch sterben sollte

Wie wär`, o Seele, dir zumut`?

Bist du, wie Gott dich haben wollte,

In seinen Augen rein und gut?

 

Wirst du vor deinem Gott bestehen,

Vor ihm, der heilig, heilig ist?

Scheust du dich nicht, den anzusehen,

Durch den du wurdest, was du bist?

 

Wie? Heute hörtest du mit Freuden

Die Stimme: Du musst sterben, an?

Gern wolltest du vom Leibe scheiden,

Noch heute gehn die dunkle Bahn?

 

Sei nicht zu schnell, nicht zu gelinde,

Dich täusche keines Schmeichlers Mund!

Wird deine Hoffnung nicht zu Winde,

Erwägst du deiner Taten Grund?

 

Aus welcher Absicht, welchem Triebe

Quillt dein gerühmtes Christentum?

Erfüllt dich Jesu Christi Liebe,

Nicht Lüsternheit nach Menschenruhm?

 

Im Sterben, ach im Sterben sinken

Der falschen Tugend Stützen ein.

Den Wahn-Christ stellt der Herr zur Linken;

Wem Christi Geist fehlt, ist nicht sein.

 

Suchst du in allem Gottes Ehre?

Lebst du nur Christus und nicht dir?

Wie, wenn dir Jesus sichtbar wäre

Und täglich sagte: Folge mir!

 

Ist nichts als Sünde dir verhasster?

Fühlst du zu jedem Siege Kraft?

Bekämpfst du auch die liebsten Laster?

Bist Herr du deiner Leidenschaft?

 

Ach nein! Ich muss mich selbst verdammen,

Ich bin kein Heiliger, kein Christ;

Ich sehe des Gerichtes Flammen

Vor mir, wenn du nicht gnädig bist.

 

Ja, zagen müsst ich und erbeben,

Riefst du vor deinen Thron mich heut.

Ach, Vater lass mich länger leben

Und gib zur Buße mir noch Zeit.

 

Ach, Vater, lass es ernst mir werden,

Zeig täglich mir des Todes Nacht,

Lass mich so heilig sein auf Erden,

Dass mir der Tod nicht bange macht.