Engelsschwingen

 

Der Abend sinkt. Des Paradieses Räume

Erglühen hold im letzten Sonnenstrahl;

Den süßen Duft verhauchen Blütenbäume

Und Bächlein sprudeln hell durchs grüne Tal.

Es schläft der erste Mensch und sel`ge Träume

Umgaukeln ihn, des Lebens Widerhall,

Des Schlafes Segen hat ihm Gott beschieden

Und seine Lippe lächelt leis im Frieden.

 

Ob seinem Lager schweben Lichtgestalten,

Die, still versunken, auf ihn niedersehn;

Und ihre Hände Palmenzweige halten,

Sanft fühlt der Schläfer ihrer Schwingen Weh`n,

Die schützend sie ob seinem Haupt entfalten;

Sie, die vor Gottes Thron lobpreisend steh`n:

Sie freuen sich, dass mild dem Erdensohne

Der Schöpfer schenkte Edens süße Wonne.

 

Und doch, so herrlich auch dem Erdensohne

In Vaterliebe die Gestalt er lieh:

„Sich aufwärts schwingen zu des Ew`gen Throne

Aus eig`ner Macht, wie wir, das kann er nie.

Der Freiheit Zeichen, uns`re Himmelswonne,

Das gold`ne Flügelpaar, ihm fehlen sie.

Kommt, lasst uns flehend vor dem Schöpfer knien.

Dass ihm die edle Gabe wird verliehen!“

 

Und wie sie flehend seinen Thron umschweben,

Da glänzt Jehovahs Auge mild und klar:

Ich will dem Erdgebornen Schwingen geben,

Die stark ihn tragen, schützend in Gefahr.

Mit heil`gem Strahl erhellen ihm sein Leben

Und seinen Geist erheben wunderbar.

Kommt her, des Himmels sel`ge Lichtgestalten,

Ihr sollt nun segnend des Erschaff`nen walten.

 

Du, Glaube, mit den starken, gold`nen Schwingen,

Du lenke seine Seele himmelwärts!

Du, holde Hoffnung, dir wird es gelingen

Ihm Trösterin zu sein in jedem Schmerz.

Doch du, o Liebe, magst den Preis erringen,

Du füllst mit Seligkeit des Menschen Herz;

Und du ersetzest ihm als gold`ne Sonne

Im Erdenland des Paradieses Wonne.

 

Und nun entlass ich euch! Seid stets Gefährten

Dem Menschen, der zu hohem Glück bestimmt.

Des Lebens Siegerkrone soll ihm werden,

Wenn er euch treu zu seinen Führern nimmt.

Nicht achten soll er Mühen und Beschwerden

Bis er sein höchstes Lebensziel erklimmt.

Und Großes wird und Hohes ihm gelingen,

Leih`n Glaube, Hoffnung, Liebe, ihm die Schwingen.

 

Antonie Tippner