Elisabeths Rosen

 

(von Ludwig Bechstein)

 

Sie stieg herab wie ein Engelsbild,

Die heil´ge Elisabeth, fromm und mild,

Die gabenspendende, hohe Frau,

Vom Wartburg-Schloss auf die grüne Au.

 

Sie trägt ein Körbchen, es ist verhüllt,

Mit milden Gaben ist´s vollgefüllt.

Schon harren die Armen am Bergesfuß

Auf der Herrin freundlichen Liebesgruß.

 

So geht sie ruhig; doch Argwohn stahl

Durch Verräters Mund sich zu dem Gemahl,

Und plötzlich tritt Ludwig ihr zürnend nah

Und fragt die Erschrockne: „Was trägst du da?“

 

„Herr, Blumen!“ bebt´s von den Lippen ihr. –

„Ich will sie sehen, zeige sie mir!“

Wie des Grafen Hand das Körbchen enthüllt,

Mit duftenden Rosen ist´s gefüllt.

 

Da wird das zürnende Wort gelähmt,

Vor der edlen Herrin steht er beschämt,

Vergebung erflehet von ihr sein Blick,

Vergebung lächelt sie sanft zurück.

 

Er geht, und es fliegt ihres Auges Strahl

Fromm dankbar empor zu dem Himmelssaal.

Dann hat sie zum Tal sich herabgewandt

Und die Armen gespeist mit milder Hand.

 

Die älteste Legende berichtet uns über ein gleiches Wunder beim heiligen Nikolaus, der den Armen im strengen Winter Brot brachte. Der hartherzige Abt hielt ihn einmal auf seinem Liebesgang an und befahl ihm, den Korb zu öffnen. Zitternd erhob Nikolaus den Deckel, und blühende Rosen leuchteten dem Abt entgegen.

In gleicher Weise erzählt die Legende Rosenwunder von der heiligen Elisabeth von Thüringen, der heiligen Radegunde, der heiligen Rosa von Viterbo und der heiligen Casilda von Burgos, Tochter eines Sarazenenkönigs, welche heimlich den christlichen Gefangenen Speisen brachte.