Ein Kind (von Klemens Brentano)

 

Wer ist ärmer als ein Kind!

An dem Scheideweg geboren,

Heut` geblendet, morgen blind,

Ohne Führer geht`s verloren;

Wer ist ärmer als ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Welch Geheimnis ist ein Kind!

Gott ist auch ein Kind gewesen;

Weil wir Gottes Kinder sind,

Kam ein Kind, uns zu erlösen;

Welch Geheimnis ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

O wie dankbar ist ein Kind!

Pflege ich die zarte Pflanze,

Schütz` ich sie vor Sturm und Wind,

Wird`s ein Schmuck im Himmelsglanze.

O wie dankbar ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Die im Himmel waren Kind,

Die auch, die der Fluch getroffen.

Ach, so such` ein Kind geschwind,

Lehr` es glauben, lieben, hoffen;

Die im Himmel waren Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Sei nicht bange um das Kind!

Lass` es alles selbst verdienen,

Sei barmherzig, streng und lind,

Sei, wie Gott mit dir, mit ihnen.

Sei nicht bange um das Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wie gelehrig ist ein Kind!

So wie du es lehrest lesen

In dem Buch, in dem wir sind,

So wird einst sein ganzes Wesen.

Wie gelehrig ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Willst du segnen, lehr` ein Kind!

Aus den Körnlein werden Aehren;

Wie dein Körnlein war gesinnt,

Wird das Brot die Welt einst nähren.

Willst du segnen, lehr` ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Ach, wer führt dies schwache Kind!

Höll` und Himmel stehen offen,

dass das Lamm dem Wolf entrinnt,

Hat es mich wohl angetroffen.

Ach, wer führt dies schwache Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

In der Krippe lag ein Kind!

Ochs und Esel es verehren;

Wo ich je ein Kindlein find`

Will ich`s lieben, pflegen, lehren.

In der Krippe lag ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Zu mir Sünder kam dies Kind!

Lehrte mich den Vater kennen;

Drum, wo ich ein Kindlein find`,

Muss ich`s meinen Bruder nennen.

Zu mir Sünder kam dies Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wie so heilig ist ein Kind!

Nach dem Wort von Gottes Sohne

Aller Kinder Engel sind

Zeugen vor des Vaters Throne.

Wie so heilig ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Welche Würde hat ein Kind!

Sprach das Wort doch selbst die Worte:

„Die nicht wie die Kinder sind,

Geh`n nicht ein zur Himmelspforte.“

Welche Würde hat ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Werden muss ich wie ein Kind!

Wenn ich will zum Vater kommen;

Kinder, Kinder, kommt geschwind,

Ich wär` gerne mitgenommen.

Ich muss werden wie ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wer dies sang, war auch ein Kind,

Und ist jetzt ein armer Sünder,

Und er schreibt auf Sturm und Wind:

Wachet über Gottes Kinder!

Wer dies sang, war auch sein Kind.

Herr, lass` dies ihn heiß empfinden,

Sich den Kindern durch das Jesuskind verbinden!