Die Muttergottesrosen

 

An eines klaren Bächleins Rand

Maria einst in Demut stand;

Sie wäscht ein Kleidlein weiß und fein

Für Jesus, ihren Knaben, klein,

Und sieht sich um nach sich´rer Stätte,

Wo es die Sonn´ getrocknet hätte.

 

Doch nackt war alles ringsumher,

Ein Rosenstrauch nur, kahl und leer,

Hing wild am schroffen Felsenrain;

Kein Blättlein grünt im Sonnenschein,

Kein rotes Röslein freundlich nickt,

Maria fragend zu ihm blickt:

 

"Du Armer, willst du freundlich nützen?

Willst meines Lieblings Kleidchen schützen?"

Die Holde spricht´s und hängt gewandt

Das Kleidchen auf mit zarter Hand

Und kehrt mit liebevollem Blick

Zu ihrem süßen Kind zurück.

 

Schaut seines Schlummers wonnig Glühn,

Der Wänglein zarte Rosen blühn,

Die Äuglein selig zugeschlossen,

Vom hellen Himmelsschein umgossen,

So wunderschön, wie Engel sind,

Und doch ein holdes Erdenkind;

 

Mit ird´schen Zügen ist´s geschmücket,

Doch was durch sie das Herz entzücket,

Das ist auf Erden nicht entsprossen,

Das ist ja höh´rem Licht entflossen.

Maria neigt sich liebend hin

Und flüstert mit bewegtem Sinn:

 

"O Kind, wie bist Du engelschön!

Möcht´ and´res nicht auf Erden sehn;

Was ist´s, was mir bei Dir das Herz

Erregt in Wonne und in Schmerz?

Wie bin ich neben Dir so klein,

Und doch so reich, denn Du bist mein!"

 

Noch lange stand sie betend so,

Bewacht ihr Kindlein fromm und froh,

Dann aber eilet sie geschwinde,

Ob trocken sie sein Kleidchen finde

Vom Sonnenschein, vom Windeshauch,

Zurück zu jenem Rosenstrauch.

 

Doch welch ein Wunder sie erschaut!

Dem eignen Blicke kaum sie traut,

Als ihr der dürre Strauch in Pracht

Mit Blüt´ und Duft entgegenlacht.

Die grünen Blätter sonder Zahl,

Sie wiegen sich im Sonnenstrahl,

 

Und hell, wie Morgenröte glüht,

Sind holde Röschen aufgeblüht,

Die auf den schlanken, leichten Zweigen

Sich grüßend ihr entgegenneigen.

Ein leiser, wunderbarer Hauch

Umwallet sanft den heil´gen Strauch,

 

Auf jedem Blatt ein Duft, so süß,

Als weht´ er aus dem Paradies.

Maria steht und atmet kaum,

Sie meint, es sei ein frommer Traum;

Sie nimmt mit zitternd leiser Hand

Herab das heilige Gewand.

 

Und küsst den Zweig, auf dem´s gehangen,

Mit scheuer Lust, mit frommem Bangen.

Sie kehrt zu ihrem Kind zurück,

Das schaut sie an mit hellem Blick,

Und reicht die Ärmchen ihr entgegen

Gleich einem reichen Himmelssegen.

 

Doch sie mit demutvollem Sinn

Fällt vor dem heil´gen Kindlein hin,

Und betet still den Ew´gen an,

Der Großes hat an ihr getan.

Und immer noch so hoch erhöht

Die "Muttergottesrose" steht,

 

Noch immer schwebet Duft und Glanz

Um ihren grünen Blätterkranz.

Im dunklen Wald sieht man sie stehn,

Als Frühlingswunder anzusehn,

Und selbst des Gartens Königin

Ist nicht so hold in meinem Sinn.

 

Und strömet mir auf wilden Wegen

Ihr zarter Blütenhauch entgegen,

Und seh´ ich sie so lieblich blühn,

Fühl´ ich mein Herz in Andacht glühn;

Es dünket mir der Duft so süß,

Ein Gruß aus Gottes Paradies,

 

Der Felsenklippe öder Raum

Umspielt von einem Engelstraum.

O du mein Heiland, Himmelslicht,

Das durch des Lebens Wüste bricht:

Nimm hin mein Herz, sieh´s gnädig an,

Wie du´s dem armen Strauch getan!