Die Lerche

 

Als am siebten Schöpfungstage

Gott der Herr sein Werk vollbracht,

Schaute er mit Wohlgefallen,

Dass er alles wohlgemacht.

 

Hocherfreut ging er lustwandeln

Durch die frühlingsfrohe Flur,

Sah die Blumen und die Vögel,

Jedes Wesen der Natur.

 

Wie sie alle überselig

Sonnten sich in seinem Blick,

Und mit stiller Lust genossen

Ohne Neid ihr Lebensglück.

 

Auch ein Vöglein sah er hüpfen,

Klein und schwach, im grauen Kleid

Ohne Schmuck, mit leiser Stimme,

Doch die Brust voll Freudigkeit.

 

„Lerche“, sprach er, „armes Vöglein,

Sprich, bist du nicht sehr betrübt,

Dass dein Schöpfer allzu wenig

Liebe hat an dir geübt?“

 

„Nein, o Vater! o, ich freue

Fürstlich mich in meinem Stand.

Alles, was ich bin und habe,

Kommt es doch aus Deiner Hand.

 

Und Du bist ein guter Vater,

So der Kleinsten treu gedenkt,

Und mit mancher reichen Spende

Tag für Tag sein Kind beschenkt.“

 

„Aber“, sprach mit Huld Gott Vater,

„Dein Gewand, es ist doch arm;

Dass du also schlecht gekleidet,

Macht gewiss dir bittern Harm.“

 

Drauf das Vöglein: „Ach, ich fürchte,

So ein farbenprächtig Kleid

Weckt in mir ein eitles Prunken

Und in andern gelben Neid.“

 

„Doch dein Nestlein auf der Erde,

Tief im Saatengrün versteckt,

Ist so dürftig und verborgen,

Dass kein Nachbar es entdeckt.“

 

„Das ist´s eben, was ich wünsche,

Dass ich friedlich und allein

Und von niemandem belästigt

Kann bei Frau und Kindern sein.“

 

Sprach der Schöpfer: „Eine Stimme,

Süßer denn der Amsel Schlag,

Sei dein eigen, dass sich alle

Welt daran ergötzen mag.“

 

„Wie du willst! Du bist mein Vater,

Du allein weißt, was mir frommt;

Ach, bei äußeren Talenten

Allzu leicht der Hochmut kommt.

 

Auch mit einer schwachen Stimme

Lalle ich Dir Dank und Preis;

Wenn nur Du mein Lied vernommen,

Ich mich reich getröstet weiß.“

 

Da erglänzt des Vaters Auge,

„Vöglein“, spricht er, tief gerührt,

„Bleibe allzeit so bescheiden,

Nie von eitler Sucht verführt!

 

Dafür soll mein Himmelsfriede

Füllen deine kleine Brust,

Und du sollst in Fülle kosten

Stillen Glückes süße Lust.

 

Und weil selbst du ohne Wünsche,

Höre, was dein Schöpfer spricht:

Gleich dem Adler sollst du steigen

Himmelan zum Sonnenlicht.

 

Dort, in ungetrübten Sphären,

Fern der Welt und ihrem Dunst,

Sollst du mir allein lobsingen

Und dich freuen meiner Gunst.

 

Nur die keuschen, frommen Seelen

Werden lauschen deinem Sang,

Und mit dir vereint mich loben

In der Liebe starkem Drang.“

 

Sprach es und erhob zum Segen

Seine gnadenvolle Hand.

Wer in Demut bleibt zufrieden,

Allzeit Gottes Segen fand.