Die heilige Juliana von Lüttich

 

O Sankt Juliana, dir huldigen wir:

Du bist der Stadt Lüttich erlesenste Zier,

Das hohe Fronleichnamsfest danken wir dir.

 

Sag an, edle Schwester! wer gab dir den Mut –

Geschmäht und verfolgt von der grimmigsten Wut –

Ein Fest anzubahnen dem würdigsten Gut?

 

„Mein Heiland, der gerne das Schwache erwählt,

Hat mich, die doch stets zu den Sündern gezählt,

Zum herrlichen Werke erst langsam gestählt.

 

Die Klausnerin Eva, als Freundin so treu,

Den Kummer verjagte, wie flüchtige Spreu,

Und riet mir, zu pilgern nach Köln ohne Scheu.

 

Bei Ursulas Grab, auf dem Märtyrerfeld

Stieg aufwärts mein Geist in die höhere Welt,

Da sah ich die Jungfrau´n im himmlischen Zelt.“

 

„Getrost, Juliana“, sprach Ursula mild,

„Mag toben der höllische Feind noch so wild,

Wir schützen dich all wie ein eherner Schild.

 

Wir werden bestürmen die göttliche Macht,

Bis du deine Aufgabe glücklich vollbracht:

Fronleichnam wird feiern die Erde mit Pracht!“

 

„Habt Dank, edle Jungfrau´n!“ die Nonne drauf spricht,

„Mein elendes Wesen, es werde zunicht,

Wenn heller nur strahlet mein Jesus im Licht!

 

Nun kehr ich mit Freuden nach Lüttich zurück:

Erfüllt muss ja werden in jeglichem Stück,

Was Gott uns verheißen der Kirche zum Glück.“

 

So hat denn das heilige Märtyrerheer

Beschleunigt die Feier des Festes so hehr:

Fronleichnam! Was gäb uns der Himmel noch mehr?

 

Die fromme Klosterfrau von Lüttich sah in einer Erscheinung das Kirchenjahr unter dem Bild des Vollmondes, in dem ein dunkler Fleck zeigte, dass ein Fest zur Verherrlichung des allerheiligsten Altarsakramentes im Kirchenjahr fehle. Im Jahr 1264 wurde daraufhin von der Kirche das heilige Fronleichnamsfest eingeführt. Die heilige Juliana gehörte dem Orden der Augustinerinnen an. Sie war 1193 zu Retinne bei Lüttich geboren und starb am 5. April 1258 zu Fosse.