Die Blumenleserin

 

Ein schöner Maienmorgen ging auf im stillen Tal,

Da wallten fromme Pilger beim ersten Sonnenstrahl

Zum hohen Gnadenorte, wo wundertätig mild

Thront der Gebenedeiten und Schönsten heilig Bild.

 

Gekühlt von Frühlingslüften, von Blütenduft umweht,

Im Herzen Himmelsfreude, erklommen mit Gebet

Sie schon die letzte Höhe an eines Abgrunds Rand;

Da sie – ein Mädchen wandelt hinan die Felsenwand.

 

Gar lieblich war das Mädchen, ihr Blick so rein und fromm,

Und zarte Blümchen waren´s, wonach das Mädchen klomm;

Die wollte sie der schönsten Jungfrau und Mutter weih´n,

Drum stieg mit frohem Mute die Felsen sie hinein.

 

Der Abgrund gähnet unten wohl tief und schaudervoll,

Und brausend in dem Kessel des Wassers Brandung schwoll;

Die frommen Pilger grauet: „O Mädchen, halte ein!

Ein Schritt noch, und die Tiefe muss dein Begräbnis sein.“

 

Die Unschuld schreitet sorglos die schmalen Tritte hin:

„Dort seh´ ich noch so schöne, milchweiße Blümchen blüh´n,

Die sind des Kranzes Zierde für die Geliebteste;“

Sie denkt´s, langt hin und wanket, die Pilger rufen: „Weh!“

 

„Was seid ihr bleich und schauet so nieder in die Tief`´?“

Vom nahen Hüttchen eilend ein Landmann ihnen rief,

Hört ihre Trauerkunde, und steigt zum wilden Bach

Den steilen Pfad hinunter, dem armen Mädchen nach.

 

„Du gute fromme Dirne, erbarme Gott sich dein!

Muss dieser schöne Morgen dein letzter Morgen sein?

Wie werd´ ich, ach, dich finden? Zerschlagen, ganz in Blut!

Mir ist so leid, Sophie; du warst so fromm und gut.“

 

Schon war er sinnend, weinend und spähend auf dem Grund,

Um die geliebte Leiche zu tragen aus dem Schlund,

Da sieht er mit dem Strauße die Jungfrau hold und schön

Ihm über das Gewässer lächelnd entgegengeh´n.

 

„So hab´ ich dich denn wieder! Wie, oder ist´s dein Geist?

Doch nein, du bist´s. O Wunder, das keine Zunge preis´t!“

„Mich trug in linden Armen Maria sanft hinab,

Der ich beim grausen Falle mich traulich übergab.

 

Lasst mich ein wenig ruhen, es war so schwindelnd hoch;

Die schönen Blümchen bring´ ich der Mutter heute doch,

Der süßen lieben Mutter; sie trug mich, ach, so lind,

Drum bleib´ ich auch für immer ihr treues frommes Kind!“