Des Vögleins Ave Maria

 

Nach einer Sage fromm und alt

Lebt einst im tiefen Tannenwald

Ein Klausner, ein gar heil‘ger Mann,

Der betend jeden Satz begann:

Ave Maria!

 

Ein Vöglein klein war sein Genoss,

Das lehrte er mit Mühen groß

Zu sprechen lieblich, klar und rein

Den hehren Gruß der Engelein:

Ave Maria!

 

So sang es friedvoll im Hüttchen traut,

Doch als der Frühling durchs Fenster schaut

Und alles schmückt mit Blüten der Mai,

Da flog es hinaus und jubelt frei:

Ave Maria!

 

Und immer weiter fliegts in den Wald,

Umsonst der Ruf des Alten erschallt,

Nur aus der Ferne noch zart und fein

Zwitschert das fröhliche Vögelein:

Ave Maria!

 

Da fällt ein Habicht herab aus der Höh,

Pfeilschnell und packts, o Jammer und Weh!

Er will es zerreißen – da ruft es laut

In Todesangst die Worte vertraut:

Ave Maria!

 

Der Würger, erschreckt durch den seltsamen Klang,

Gibt frei die Beute aus seinem Fang;

Das Vöglein schwingt sich zum Himmel hinauf

Und jubelt immer und hört nicht auf:

Ave Maria!

 

Der Klausner sieht es aus der Fern,

Heiß dankend Marias Hilfe dem Herrn;

Und wieder kehrt auf seine Hand

Das Vöglein und singt ins blütige Land:

Ave Maria!

 

O Mutter, die du ein Vöglein klein

Errettet selbst aus Angst und Pein,

Gedenke unser in Sturm und Not

Und führ uns sicher durch Nacht und Tod:

Ave Maria!