Der Verräter

 

Sieh hin durchs Fenster den leuchtenden Saal.

Welch Aufruhr von Schatten mit einem Mal! –

Horch! Flüchtiges Stimmengewirr ertönt;

Im schweren Fall eine Türe dröhnt.

Das stille Haus ist plötzlich erwacht.

`s ist Nacht.

 

Die Treppe erbebt unter stürmischem Schritt.

Die Gänge, die Wölbungen hallen mit. –

In fiebernder Hast ist erreicht das Tor.

Ein düsterer Mann tritt eilend hervor;

Er ist verhüllt in seltsamer Tracht.

`s ist Nacht.

 

Wild wogt ein Kampf in seiner Brust.

Es treibt ihn voran des Silbers Lust.

Die Liebe des Meisters glüht noch fort,

Es zittert noch nach sein Abschiedswort.

Da hält es den Eilenden an mit Macht.

`s ist Nacht.

 

Er steht. Einen wirrerschrockenen Blick

Wirft er zum leuchtenden Fenster zurück.

Da taucht ein schwarzer Schatten empor,

Naht schmeichlerisch drohend sich seinem Ohr.

Und der Mann ballt grimmig die Faust und lacht.

`s ist Nacht.

 

Vergessen im Nu ist der leuchtende Saal,

Die trauliche Runde beim Liebesmahl.

Kein Kampf mehr tobt in dem grausigen Mann.

Sein Geist liegt starr in bezwingendem Bann.

Blind stürmt er voran und ohne Bedacht.

`s ist Nacht.

 

Im Feuerschein wogt eine Rotte wild.

Der Lärm verstummt. Da ertönt es mild:

„O Judas, du gibst als Liebeslohn

Den Verräterkuss dem Menschensohn?“ –

Stumm funkelt darüber der Sterne Pracht.

`s ist Nacht.

 

Zur einsamen Palme huscht ein Mann,

Reißt ab sich den Gürtel, erhängt sich dran,

Stößt zuckend den letzten Fluch hervor.

Der schwarze Schatten taucht wieder empor.

Was er geflüstert, nun ist es vollbracht.

`s ist Nacht.

 

Chr. V. Chiusole

Judaskuss - Gemälde von Aug. Geiger