Der Todes-Engel

 

Auf dem Throne saß der hohe

Herrscher in dem Geisterreich,

Salomon, der weitberühmte,

Dem an Weisheit Niemand gleich.

 

Mit ihm sprach der Todes-Engel,

Von dem Herrn herabgesandt,

Dass dem König er verkünde,

Was beschlossen Gottes Hand.

 

Als der finst`re Todes-Engel

Von dem Fürsten Abschied nahm,

Da gewahrte er den Kanzler,

Der zu raten eben kam.

 

Einen Blick des größten Staunens

Warf der Engel, eh` er ging,

Auf den greisen alten Kanzler,

Dass er an zu zittern fing.

 

Was soll mir der Blick bedeuten?

Rief der Alte bang und bleich;

Will der Engel mich entführen

In sein finst`res Todesreich?

 

„Hab` ich treulich dir gedienet,

Weiser, großer Salomon!

Gib das schnellste deiner Rosse,

Hoher Herrscher, mir zum Lohn!

 

Nimmer lässt der Blick mich ruhen;

O mein König, lass mich zieh`n!

Auf dem schnellsten deiner Rosse

Lass dem Engel mich entflieh`n.“

 

„Was du bittest“, sprach der König,

„Sei von Herzen dir verlieh`n;

Doch dem gottverhängten Loose

Wirst du nie, mein Sohn, entflieh`n.“

 

Auf des Morgens schnellstem Rosse

Flog wie Wind der bange Greis

Über Berge, Meer und Länder

Nach der Erde fernstem Kreis.

 

Viele, viele tausend Meilen

War mit ihm das Tier gerannt,

Als es müd` bei einem Steine

Abends in der Wüste stand.

 

Da ergriff ein Schreck den Alten,

Dass das Leben ihm entschwand,

Als er einsam auf dem Steine

Schon den Engel sitzend fand.

 

Sterbend sprach er zu dem Engel:

„Eh` du führest mich zur Ruh`,

Sprich, warum du mir am Morgen

Warf`st den Blick des Staunens zu?“

 

„Wunderbarlich“, rief der Engel,

„Sind, o Herr, die Wege Dein!

Einsam hieß er mich erwarten

Abends dich auf diesem Stein.

 

Heute sah ich noch am Morgen

Staunend dich bei Salomon;

Sieh`, da bist du noch vor Abend

Zur bestimmten Stelle schon.

 

Staunend traut` ich nicht den Augen,

Weil ich`s möglich nie gedacht,

Dass so viele tausend Meilen

Würd` ein schwacher Greis gebracht.“

 

Also sprach der Todes-Engel,

Hielt ihn sterbend in dem Schoß,

Der so fern herbeigeritten

Zu entfliehen seinem Los!