Der bestrafte Frevler

 

Aufgestiegen war die Sonne

Feierlich, in stiller Pracht,

Wald und Flur und Tal und Hügel –

Alles ihr entgegen lacht; –

 

Da, vom Dorfe her erschallet

Feierlicher Glockenklang,

All die Gläub´gen in der Runde

Ruft er auf zum Kirchengang.

 

Rings aus den Gehöften wallen

Fromme Christenscharen hin;

Feiert man ja heut ein hohes

Fest der Himmelskönigin.

 

Nahe bei dem Hause Gottes

Liegt am Bach des Müllers Haus;

Doch aus seiner Pforte wallet

Nicht ein einz´ger Mensch heraus,

 

Und das Mühlrad dreht sich lärmend,

Wie zu jeder andren Zeit,

Aus dem Fenster schaut der Müller

Im bestaubten Werktagskleid.

 

Und die Kirchengänger fragen:

„Müller, wie, lässt du denn heut

Nicht die Knechtesarbeit ruhen,

Wie´s das hohe Fest gebeut? –

 

Darfst wohl eine Stund der Andacht

Der Gebenedeiten weihn.

Komm und geh mit uns zur Kirche,

Es wird dir zum Segen sein.“ –

 

Doch der Müller lacht und höhnet:

„Geht zur Kirche immerhin

Und erbettelt euch den Segen

Eurer Himmelskönigin.

 

Torheit ist die Festesfeier,

Müßiggang ist euer Ziel;

Doch mein Mühlrad rastet nimmer

Wegen eurem Possenspiel.“ –

 

Ernst ruft ihm ein Greis hinüber:

„Müller, lass den frevlen Hohn;

Denn nicht ungestraft verhöhnen

Lässt die Mutter Gott der Sohn.

 

Was dein Rad am Festtag mahlet,

Bringt sicher dir kein Glück!“

Doch der Müller ruft mit Lachen

Dem ehrwürd´gen Greis zurück:

 

„Spar die Red! So wahr ich lebe

Und noch länger leben mag,

Soll mein Rad geschäftig mahlen

Trotz dem hohen Frauentag.

 

Und es soll, recht festlich klappernd,

Trotz dem schönsten Orgelklang

Laut ertönen und begleiten

Euren frommen Kirchensang.“

 

Alle hören mit Entsetzen

Solche frevle Lästerred,

Manches Mütterlein bekreuzt sich

Wie vom Bösen angeweht.

 

Doch die Glocken wieder schallen

Zu des hohen Amts Beginn,

Und die frommen Kirchengänger

Eilen nach der Pforte hin. –

 

Und zum Altar geht der Priester,

Reich mit Festschmuck angetan,

Und der Klang der Festeslieder

Und der Orgel hebet an.

 

Doch dazwischen tönet störend

Von der nahen Mühle her

Das Geklapper ohne Ruhe

Und verwirret das Gehör.

 

Aber als das Gloria schallet,

Hat der Mühllärm aufgehört.

Ah, so hat der böse Müller

Doch zum Bess´ren sich bekehrt!

 

Froher nun die Lieder schallen,

Heller nun die Orgel klingt.

Aus des Opfers Gnadenquelle

Ungestört die Andacht trinkt.

 

Und es preist vielstimmger Jubel

Laut die Himmelskönigin,

Und der Sohn, den sie geboren,

Der uns führt zum Vater hin. –

 

Als das heil´ge Amt vollendet,

Und die Gläub´gen kehr´n zurück,

Wendet sich, voll Neugier forschend,

Nach der Mühle jeder Blick.

 

Doch, was ist das? Aus der Mühle

Stöhnet banger Klagelaut!

Welch ein Unglück ist geschehen?

Kommt zur Mühle, kommt und schaut!

 

Und es eilt dahin die Menge –

Ha! die Knechte stehn entsetzt

Dort um ihres Meisters Leiche;

Gott, wie ist der Leib zerfetzt!

 

Einer von den schreckenbleichen

Mühleburschen zitternd sprach:

„Hemmen wollten wir das Mühlrad

An dem heil´gen Frauentag:

 

Doch der Meister lachte höhnend:

Keine Arbeit stell ich ein;

Herrlich soll mein Rädlein klappern

In den Kirchensang hinein!

 

Die gehemmte Speiche reißt er

Dann heraus mit zorn´ger Hast,

Gleitet aus, und stürzt – o Schrecken!

Wird vom Mühlenrad erfasst.

 

Und es schleudert ihn im Kreise

Dreimal um mit Allgewalt,

Bis er in den Schaufeln haftet

Und dem Rad gebietet Halt.

 

Nimmer konnt das Werk sich drehen,

Weil gehemmt vom toten Mann,

Also musst er tun als Leiche,

Was er lebend nicht getan.“

 

Schaudernd schaut der Gläubigen Menge

Das verzerrte Angesicht,

Und gar manche Lippe lispelt:

„Schrecklich, Herr, ist Dein Gericht.“

 

Und der Greis, der ernste Mahner,

Tritt zur Leiche nah heran,

Blickt auf sie und dann zum Himmel,

Sprechend: „Das hat Gott getan,

 

Der Allmächtge und Gerechte!

Das ist frechen Spottes Lohn;

Denn nicht ungestraft verhöhnen

Lässt die Mutter Gott der Sohn!“