Der barmherzige Samaritan

 

(Gedicht von Friedrich J. Pesendorfer)

 

Von Jerusalem nach Jericho,

So heißt`s im Evangelio,

Ist einst ein Mann hinabgegangen,

Dort haben Räuber ihn gefangen.

Sie raubten alles ihm zur Stund`

Und schlugen ihn mit Stöcken wund;

Dann ließen sie in größter Not

Am Wege liegen ihn halbtot.

Da kam des Weges ein Levit;

Der Ärmste schreit: „O hilf, ich bitt`!

Weil ich sonst durstend hier verschmacht`!“

Der geht vorbei, nimmt sein nicht acht,

Er denkt bei sich: „Was geht mich an

Der mir ganz unbekannte Mann?

Was dich nicht brennt, das blase nicht,

Sonst komme ich noch vors Gericht,

Muss Zeugnis steh`n, wie ich ihn fand,

Und Scherereien allerhand.

Und schließlich auch erwachsen gleich

Viel Kosten und ich bin nicht reich.

Hab` auch Familie nicht minder,

Hab` eine Frau und sieben Kinder,

Für die zu sorgen ist mir Pflicht –

Nein, nein, und weiteres schert mich nicht.“

Ob auch der Ärmste schrecklich litt,

Vorüber schon ist der Levit.

 

Nun kam durchs Tal so rauh und düster

Zum wunden Mann ein Judenpriester.

Der sah ihn an genauer schon:

„Ist der von meiner Nation?

Er scheint doch nicht von unsrer Sippe,

Ich kenn`s genau an Nas` und Lippe.

Ich böt` ihm hilfreich gern die Hand,

Wär` er ein wenig mir verwandt.

Doch wer sich annimmt fremder Leut`,

Der erntet oft nur Undank heut`.

Zwar trüg` ihn leicht mein starkes Ross,

Doch Geh`n mich immer sehr verdross.

Ich hab` gewiss ein fühlend Herz,

Doch wollt` man lindern jeden Schmerz,

Da hätte man wohl viel zu tun

Und könnte Tag und Nacht nicht ruh`n.

Doch will nach Jericho ich reiten

Und dort die Unglücksmär` verbreiten.“

Laut seufzt der Mann, er kann nicht sprechen

Und fast die Augen ihm schon brechen,

Und fort, von seinem Edelmute

So ganz erfüllt, enteilt der Gute.

Die Sonne steigt, in ihren Gluten

Muss sich der Ärmste bald verbluten.

 

Da kommt den heißen Pfad heran

Ein Fremdling, ein Samaritan.

Dies Volk, das hasst die Juden sehr,

Die Juden jene noch viel mehr.

Nun muss wohl jede Hoffnung schwinden,

Im Tode Hilfe noch zu finden.

Doch kaum erblickt der Samaritan

Den Mann, hält er sein Lasttier an.

Flugs steigt er auf die Erde nieder

Und stärkt des Halberschlag`nen Glieder.

Gießt Öl und Wein in seine Wunden

Und hat sie liebreich dann verbunden.

Der frägt nicht: Bist ein Landsmann du?

Gehörst du meinen Feinden zu?

Er frägt ihn nicht nach Rang und Titel,

Nach Stand und Namen, Geld und Mittel,

Er zögert keinen Augenblick,

Zu helfen scheint ihm höchstes Glück.

Für ihn gibt`s jetzt nur ein Gebot:

Dem Bruder hilf in seiner Not! –

Nachdem er in des Felsen Schatten

Zum Leben neuerweckt den Matten,

Hebt treulich er aufs Lasttier ihn

Und führet ihn zur Herberg` hin

Und sorgt beim Wirt, dass ihm nichts fehle –

O wahrhaft edle, große Seele!

 

O lieber Herr, was du erzählt,

Das Gleichnis hast du gut gewählt!

Du bist`s, der jene Tat getan,

Der göttliche Samaritan.

Du bist`s, wenn mich die Sünde schlug,

Der mich an seinem Herzen trug

Zur Herberg` hin, zum Gnadenzelt –

Hohnlachend ging vorbei die Welt.

Du gossest Öl in meine Wunden,

Die Gnade ließ mein Herz gesunden;

Den Wein der Liebe gabst du mir

Im Sakrament, wie dank` ich dir!

O göttlicher Samaritan,

Ich bete deine Liebe an,

Gib mir ein großes Herz voll Liebe,

Die treu an Freund und Feind ich übe!