Das Wegkreuz

 

Ein Kreuzbild ragt am Seitenweg,

Vom Sturm halb umgestoßen,

Und ringsum wuchert Dorngeheg

In purpurfarbnen Rosen.

 

Doch zärtlich fast schlingt das Gerank

Sich um des Heilands Glieder,

Dass ja kein Dorn die Wunden blank

Des Dulders öffne wieder.

 

Und wo das Mal der Nägel klafft,

Erglänzt nun Rosenschimmer,

So hängt der Herr am Kreuzesschaft

Und lächelt, lächelt immer.

 

Auf seinen Lippen ist der Schrei

Der Qualen ganz erstorben,

Seit, Mitleid atmend, ihn der Mai

Mit seinem Hauch umworben.

 

Und seiner Wunden herber Schmerz

Im Rosenkuss versiegte,

Seit sich ans stille Gottesherz

Der linde Frühling schmiegte.

 

Und alle Tage fand ich so

Das Kreuz am Seitenwege,

Die Rosen rot und frisch und froh

Und grün das Dorngehege.

 

Das war der Tau nicht, der sie sacht

Mit seinen Perlen letzte,

Das war der Herr, der sie bei Nacht

Mit Blut und Tränen netzte.

 

O könnt auch ich durch Kreuz und Mühn

Das Rosenschicksal erben:

Am Herzen Jesu aufzublühn –

An Jesu Herz zu sterben!