Das Heldenmädchen Rosa Zenoch

 

Ihr Mütter und Frauen und Jungfräulein!

Ich seh` euch sitzen beim Lampenschein.

Die Nadeln klirren, ihr strickt behende

Den braven Soldaten als Liebesspende

Fein warme Binden, Socken und Stauchen,

Dass sie im Krieg nicht frieren brauchen.

Die Kleinen selbst mit den süßen Mäulchen

Hantieren mit Nadeln und Strickwollknäulchen.

Nur hurtig! Und während die Nadeln klingen,

Will ich von Rosa Zenoch euch singen.

 

An Österreichs Grenze wogt die Schlacht,

Um Rawaruska, schon Tag und Nacht,

Mit Russlands teufelswilden Horden,

Es ist ein gräuliches Menschenmorden.

Bei Kugelregen, Granatengeheule

Hält tapfer sich Österreichs Heeressäule.

Und im Feuer vorn, wo die Schützen steh`n,

Da sieht man Mädchenkleider weh`n.

Ein Kind, zwölf Jahre knapp - ; vom Kopf

Hängt ihm zerzaust der schwarze Zopf.

Das ist die Rosa, das Bauernkind,

Wie ein Engel schön und schnell wie der Wind,

Trägt Wasser den lechzenden Kriegern herbei

Trotz Pulverdampf und tödlichem Blei.

„Kind, bleibe zurück, um Gottes willen!“

Es eilt schon wieder, den Becher zu füllen,

Reih` ab und auf – und immer wieder.

„Kind, hüte deine zarten Glieder!“

Da – ein Schrapnell! – die Kugeln fliegen –

Getroffen bleibt Klein-Rosa liegen.

Wie rinnt das Blut so rot und warm!

Ein Schütze trägt auf starkem Arm

Die Heldin aus der Schar der Streiter

Und donnernd tobt die Feldschlacht weiter.

 

In Wien, auf blütenweißem Bett,

Liegt Rosa Zenoch im Lazarett,

Mit Blumen, Edelgestein und Gold

Hat Kaiser Franz Josef ihr Ehre gezollt.

Doch über Gold und Edelgestein

Wird Rosas Name gepriesen sein.

In Österreich und im deutschen Land,

Vom Rheines- bis zum Donaustrand,

Wo hochgesinnte Herzen brennen,

Wird man dich, kleine Heldin, nennen!

 

(Wigbert Reith in der „Kölner Volkszeitung, 1914)