Das Gottesgericht

 

Du hast ihn erschlagen, du hast es getan,

Drob klag ich des Mordes am Vater dich an;

Zur Abendzeit, als er müde vom Feld,

Da hast du dich meuchlings ihm zugesellt,

Zu nächtlicher Stund, als er lag im Schlaf,

Des Streitkolbens Schlag zerschmetternd ihn traf,

Der Bruder bezeugt’s mit heiligem Eid,

Darum sei verflucht in Ewigkeit!

 

So donnert der Richter im hallenden Saal.

Der Mörder wird blass, der Mörder wird fahl:

O dass mir der Himmel die Zunge verdorrt,

Beim gütigen Gott, ich beging nicht den Mord;

Und soll mich treffen der ewige Fluch,

Ich sah, wie der Bruder den Vater erschlug,

Drum klaget den Bruder des Mordes an,

Der im Zorn die blutige Sünde getan!

 

Die Richter erschrecken, der Bruder erblasst:

Du hast mich im ganzen Leben gehasst;

Vom Vater das Erbe, mir ward es bestimmt,

Darob bist du ewiglich mir ergrimmt;

Ich bot dir die bessere Hälfte dafür,

Du aber wiesest mir grollend die Tür

Und fluchtest: ihr habt betrogen mein Recht,

So wardst du der Sünde verwerflicher Knecht!

 

Hoch lauschen die Richter dem grausigen Wort:

So schachert ihr beide um Blut und Mord,

So seid auch beide verfallen dem Beil,

Bis Gott ihn entlarve, den schuldigen Teil;

So sollet ihr ziehn aus dem dunklen Schoß

Des Schicksals der Rache Vergeltungslos;

Wem die höchste Zahl vom Ew’gen beschert,

Der werde nimmer des Lebens versehrt.

 

Bang lauschet des Volkes gewaltige Zahl

Dem grausen Verhängnis im Richtersaal:

Wie die Todeswürfel im Becher leis

Sich mischen im lebenentscheidenden Kreis.

Jetzt fallen sie nieder, der Mörder starrt,

Ob seiner die Schuld, ob die Unschuld harrt?

Da jauchzt er auf, dass erklinget der Saal:

Drei Sechsen, die höchste, die glückliche Zahl!

 

Einen Blick gen Himmel der Bruder warf:

Du willst, dass die Sünde sich freuen darf?

So verhülle dem Rechte das Angesicht,

So blende der Wahrheit das Augenlicht;

Und soll ich das Opfer der Lüge sein –

Beim allmächtigen Gott, meine Hand blieb rein,

Blieb rein von des Vaters teurem Blut;

Das ist meines Sterbens tröstliches Gut!

 

Nun birgt aufs neue der Würfel drei

Des Bechers Mund und er tritt herbei;

Doch das Volk, es murret und lärmt und schreit:

Schon hat Gott beendet den Bruderstreit,

Was soll noch das Losen, wozu die Qual,

Schon ist sie gefallen, die glückliche Zahl,

Da gleiten zum Becher die Würfel heraus

Und es grauset dem Volk und es bebt das Haus:

 

Drei Sechsen liegen auf ebenem Feld,

Doch der dritte Würfel, er ist zerschellt,

Zersprungen die Scheibe des Elfenbeins,

Hoch weist sie die unschulderlösende Eins;

Da braust es im Volk, da donnert es los:

Gerecht ist des Schicksals tiefdunkeler Schoß,

Und neunzehn liegen auf offenem Plan,

Das hat im Himmel Gott selber getan!

 

Und weinend das Volk in die Knie sank

Und betete stumm und betete lang

Und dankte Gott, dass die Unschuld nicht

Ihr Leben ließ auf dem Hochgericht,

Dass die blutige Tat ward sonnenklar

Und des Mörders Heuchelsinn offenbar,

Der aber schrie und klagte sich an:

Herr Gott, o vergib, ja ich habs getan!