Das blinde Mädchen

 

O Tag des Heils, an dem zu Betlehem geboren

       Die Gottesmagd!

Es ruht der Gott, der sie zur Mutter sich erkoren,

       Auf Stroh und klagt.

 

Noch singt der Engel Chor hoch aus der Nacht, der klaren,

       Das Gloria,

Und hin zum Stalle strömt das Hirtenvolk in Scharen,

       Und kniet allda.

 

An diesem Wonnetag, so geht die fromme Kunde,

       Fand sich ein Kind,

Ein Mägdlein, hold und lieb, doch seit der ersten Stunde,

       Ach, krank und blind.

 

Das klagte: „Alles kann zur Krippe heute ziehen,

       Ich bleib´ allein.

Darfst, Mutter, du dem Kind fröhlich zu Füßen knien,

       Sitz ich und wein´!“

 

Die Mutter sprach: „Ach, klagst du so mit blassen Mienen,

       Mein Herz fast bricht!

Gern führte ich dich mit, doch wozu kann es dienen?

       Du siehst ja nicht.

 

Wie freust du morgen dich, bin ich beim Abendscheine

       Schon wieder hier!

Was alles ich dann sah, das all, du arme Kleine,

       Erzähl´ ich dir.“

 

„Wohl weiß ich längst: durch Nacht muss ich und Grauen immer

       Zu Grabe gehn;

O göttlich Angesicht, nie darf ich Deinen Schimmer,

       Den goldnen, sehn,

 

Doch gläubigen Vertrau`ns zu seinem Gott sich wenden

       Kann auch, wer blind;

Und sieht mein Auge nicht, so schau ich mit den Händen

       Das Gotteskind.“

 

Und auf die Knie sank die Ärmste, und sie klagte

       In solcher Pein,

Dass sie Erhörung fand, denn ihre Mutter sagte

       Nicht länger „nein“.

 

Und als sie kam zum Stall, wie bebte die Beglückte

       Vor Wonne da!

Christkindleins Händchen zog ans Herz die Erdentrückte,

       Und – o, sie sah!