Das Brautlied der hl. Agnes


Ein alter Kirchengesang

 

Den meine Seele liebt, / hat gar nicht seines Gleichen.

Drum muss auch seiner Lieb` / all` andre Liebe weichen.

Denn was an Anderen / geliebt wird oft und viel,

Besitzt mein Bräutigam / ohn` alles Maß und Ziel.

 

Liebt man, was wohlgebor`n: / Mein Freund ist hochgeboren,

Ein wahrer Gott von Gott, / obwohl dazu erkohren,

Dass er um Seine Braut, / die arme Sklavin, warb

In schlechter Knechtsgestalt, / und schmählich für sie starb.

 

Liebt man, was mächtig ist: / mein Bräut`gam ist allmächtig.

Er kann das, was er will, / er ist von Taten prächtig;

Mir fehlt bei ihm nicht Rat, / nicht Beistand oder Schutz.

Mit ihm kann ich getrost / den Feinden bieten Trutz.

 

Liebt man des Reichtums Schein: / mein Schatz hat wahre Güter,

Die schaffen sich`re Freud` / und Ruhe der Gemüter.

Ihr Abgrund wird niemals / durch Gaben ausgeleert.

Je mehr die Braut verbraucht, / je mehr wird ihr beschehrt.

 

Liebt man, was tugendreich: / mein Liebster ist die Quelle,

Da Tugend drau`s entspringt, / und sich gar rein und helle

Ohn alle Maß mitteilt / der Seel`, die Ihm vertraut,

Die in dem Glauben fest / auf Ihn ist wohlgebaut.

 

Liebt man der Schönheit Schmuck; / so kann ich kühnlich sagen,

Dass selbst der Himmel nichts / so schön hat je getragen,

Als schön mein Bräut`gam ist: / Er ist blutrot und weiß;

Trotzt wer Ihm nehmen wollt, / der Schönheit höchsten Preis.

 

Liebt man die Gegenwart: / die ist nicht stets zu haben

Von einem Menschenkind. / Damit will aber laben

Mein allerbester Freund, / als der stets bei mir bleibt,

Und allen Kummer so / von meinem Herzen treibt.

 

Liebt man auch große Ehr`: / seht, die mein Liebster giebet,

Ist unaussprechlich groß / der Seele, die Ihn liebet.

Sie, als die werte Braut, / wird Gottes liebstes Kind;

Sie ist`s, die ihren Sitz / auf Christi Throne find`.

 

Man sieht sie in dem Schmuck, / den Er ihr schenket, gehen,

Und in dem feinsten Gold / zu seiner Rechten stehen.

Die Engel ehren sie, / sie schützen ihre Ruh.

All` Kreatur ruft ihr / viel tausend Segen zu.

 

Ein solcher ist mein Freund; / und doch sind seine Gaben,

Mit welchen Er ohn` End` / mich inniglich will laben,

Und was ich davon weiß, / das ist gewiss gering.

Ein mehrers werd` ich seh`n, / wenn ich zu ihm eindring`.

 

Indes ist mir`s genug, / dass ich hab solche Schätze,

Die sich in mir vermehr`n, / je mehr ich mich ergötze

An meinem Bräutigam, / der noch viel lieber schenkt,

Als mein Gemüt und Sinn / zu nehmen jetzt gedenkt.

 

Drum soll die Liebesflamm`/ sich mehr und mehr vermehren.

Ihr stäte Glut soll dich, / mein Schönster, allzeit ehren.

Es soll mein ganzes Tun, / Mein Reden, Geh`n und Steh`n,

In das Gedenken selbst / aus reiner Lieb` escheh`n.

 

So, Jesu, will ich stets / mit Dir einher spazieren,

Und fröhlich mit der Zung / Dir rühmend jubilieren.

Wie wird mein Mund so voll / von deinem Ruhme sein,

Wenn Du dereinst mich führst / in deinen Himmel ein!