Allerseelen

 

Von Leopold Gheri

 

In der Nacht von Allerseelen

Ist`s den Toten freigestellt,

Zu verlassen ihre Gräber

Und zu wandeln durch die Welt.

Willst du Wunderbares schauen,

Geh zum Friedhof still hinein,

Doch dein Aug sei fromm und gläubig,

Sonst wird dir`s verborgen sein.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Väter wach,

Und sie wandeln sorgendüster

Hin durch ihrer Söhne Dach.

Nachzuschau`n, ob Glück und Segen

Noch im Haus der Lieben wohnt,

Ob noch Fleiß und Sorg der Kinder

Ihres Lebens Mühen lohnt.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Fasst sie namenlose Pein,

Und in ihre Leichentücher

Hüllen sie sich weinend ein.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Mütter wach,

Und sie wandeln sorgendüster

Hin zu ihrer Töchter Dach,

Nachzuschau`n, ob Fleiß und Friede

Noch das traute Haus bestellt,

Ob der Töchter reine Sitte

Von der Mutter Wert erzählt.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Bricht der armen Mütter Herz

Und sie nehmen in die Gräber

Mit hinab den tiefsten Schmerz.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Kindlein wach,

Und sie fliegen, leicht beflügelt,

Hin zu der Geschwister Dach.

Und sie legen ihre Händchen

Auf die Schlummernden zum Gruß,

Drücken auf die zarten Lippen

Ihren reinen Engelskuss.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Dann im Grabe, still und klein,

Jene süßen, bleichen Kinder

Schlafen weinend wieder ein.