Lesejahr B

 

1. Adventssonntag - B

 

Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7

1 Kor 1,3-9

Mk 13,33-37

 

"Gebt acht! Wachet und betet, denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist." Wachen heißt achtgeben, genau aufpassen, aufmerksam bleiben, allerdings nicht ziellos, sondern immer im Sinne des Herrn, so dass wir ihn in erster Linie wahrnehmen. Es gibt ja auch ein gegenteiliges Verhalten: unwachsam sein, locker und im Halbschlaf durchs Leben gehen, sich vom Leben tragen lassen, ein bisschen Glauben dabei haben, ein bisschen Weltanschauung besitzen. Die wahre Bereitschaft zu tun, was der Herr von uns verlangt, ist natürlich etwas anderes. Wach sind wir dann, wenn unsere Sorgen, Fehler, Sünden, unsere Langsamkeit und Schläfrigkeit und Begriffsstutzigkeit uns nicht daran hindern, die Stimme des Herrn zu hören. Wachen erfordert Anstrengung. Im Wachen kämpft man gegen den Schlaf an, um Zeit für den Herrn zu haben, und dabei auf ein Stück unseres Wohlbehagens zu verzichten. Aber der Herr nimmt alle unsere Bemühungen gnädig an. Wir sollen natürlich nicht unsere Nächte damit verbringen, gegen den Schlaf anzukämpfen, schon gar nicht, wenn wir am anderen tag unserem Beruf nachgehen oder für die Familie sorgen müssen. Vielmehr sollen wir uns bei allem, was wir tun, hören, lesen usw. uns nicht durch irgendwelche Argumente einschläfern, oder vom Herrn abbringen lassen. Und wir tun dies nicht, um unsere geistigen Kräfte in Übung zu halten, sondern um im Zustand der Bereitschaft für den Herrn zu bleiben. Er soll unser Wachsein bestimmen. So ist Wachen eine geistliche Übung, wie Buße tun, Fasten, sich kasteien usw. Es ist vor allem eine Übung, den Willen des Herrn zu tun, nicht den eigenen. In diesem Sinne wollen wir wachen: bei der Arbeit, bei der Erholung, und vor allem bei allen Worten, die wir aussprechen, um immer so zu reden und so zu sein, dass unser Gespräch mit dem Herrn nicht unterbrochen wird.

 

Am 31. Juli 1621 wurden im Studienhaus des Jesuitenordens zu Rom, in dem der heilige Johannes Berchmans weilte, der Sitte gemäß die "Monatsheiligen" ausgeteilt, kleine Zettel, die jeweils einen Heiligen des kommenden Monats in Lehre und Beispiel vor Augen stellten. Als der junge Student Johannes Berchmans seinen "Monatsheiligen" erhielt, las er auf dem Zettel die Worte (Mk 13,33): "Wachet und betet, denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist." Von diesem Augenblick an war es dem Heiligen eine ausgemachte Sache, dass sein Verlangen nach dem Himmel Erhörung gefunden habe und sein Heimgang nahe bevorstehe. Und in der Tat, wenige Tage darauf warf ihn ein heftiges Fieber auf das Krankenlager, das sein Sterbebett werden sollte. Am 13. August früh morgens wurde der Obere des Hauses zu dem Sterbenden gerufen. Nach den Akten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe betete er ihm die Worte der Psalmen vor: "Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit!", die der Kranke leise und innig nachbetete. Kurz nach 8 Uhr heftete der Heilige sein Auge fest auf das Kruzifix in seinen Händen, wiederholte noch einmal die Namen "Jesus, Maria" und ging friedvoll hinüber in die Ewigkeit.

 

"Und betet, denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist." Beten ist natürlich auch eine Form der Wachsamkeit. Beten ist Gespräch mit dem Herrn, mit dem dreieinigen Gott und seiner Liebe. Dabei ist es ganz gleichgültig, wie dieses Gebet im Augenblick aussieht, ob es mündliches oder betrachtendes ist, ob wir die Worte aus unserem Gedächtnis sprechen, aus dem Evangelium oder der Liturgie, oder ob sie spontan aus dem Augenblick heraus gesprochen werden oder ob es sich gar nicht in Worte kleiden lässt. Die Einheit von Wachen und Beten ist für uns wichtig, denn wir wissen nicht, wann die Zeit da ist. Wir kennen die Stunde unseres Todes nicht, nicht die Stunde unserer Krankheit, unseres Versagens. Es gibt keine einzige Stunde, die wir wirklich kennen. Deshalb müssen wir wachen, bitten, beten, stets den Willen des Herrn zu tun. Und es ist wichtig, dass jedes Ereignis, was eintritt, uns beim Wachen und Beten so vorfindet, wie wir sein sollen: bereit. Würden wir aufhören zu wachen und zu beten, so wären wir geschwächt, weil nicht mehr Gott zugekehrt, wir könnten Gottes Absichten nicht mehr begreifen. Wenn wir aber im Wachen und Beten bleiben, dann wird es auch gleichgültig sein, wann die Zeit da ist, wann wir getroffen werden. 

 

Am 6. August 1875 wurde Garcia Moreno, der berühmte Präsident von Ecuador, auf Befehl der Logenbrüder von gedungenen Meuchelmördern aus dem Hinterhalt überfallen und erdolcht. In der Frühe des gleichen Tages - es war der erste Freitag des Monats - hatte er die heilige Kommunion empfangen und unmittelbar vor seiner Ermordung noch in der Kathedrale der Hauptstadt das Allerheiligste besucht. In sein Tagebuch hatte er für diesen Tag die Worte geschrieben: "Mein Jesus, gib mir Liebe und Demut und lass mich erkennen, was ich heute für deinen Dienst tun soll!"

 

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2. Adventssonntag - B

 

Jes 40,1-5.9-11

2 Petr 3,8-14

Mk 1,1-8

 

Das Markusevangelium beginnt nicht irgendwo im Leeren, sondern die Frohbotschaft erfüllt etwas Verheißenes. Das Frühere wird im Kommenden fortgeführt und erweitert. Und die Tatsache des Übergangs vom Alten zum Neuen Bund kann ja für unseren katholischen Glauben nicht gleichgültig sein, denn wir stehen mitten in diesem Ereignis drin. Johannes der Täufer ist der Bote, der von Gott ausgesucht wurde und einen Auftag hat. Und dieser Auftrag ist bereits von Jesaja geweissagt. Er kommt nicht plötzlich, sondern Gott lässt ihn etwas erfüllen, das von weit vorher für ihn vorbereitet war. Der Erwählte wird also in seine Sendung, in seinen Auftrag hineingeboren.Die Sendung war schon vorher da, in der Weissagung. Und Johannes nimmt diesen Platz ein, der für ihn vorherbestimmt war. Dieser Platz ist mit einem Hohlraum vergleichbar, den der Beauftragte genau auszufüllen hat. Bei uns ist es nicht anders. Es ist nicht so, dass wir zunächst da sind und dann selbst unsere Aufgabe bestimmen, sondern bereitet die Sendung vor und stellt dann den Menschen in Freiheit in sie hinein. Und in Freiheit deshalb, weil Gott bei jeder Berufung die Freiheit gewährt, zu hören und anzunehmen oder aber eben nicht. Gott übt keinerlei Zwang aus. Aber nach der Annahme unserer Berufung gibt Gottes Gnade auch immer die Möglichkeit der Erfüllung. Spätestens an dieser Stelle muss sich jeder von uns betroffen fühlen und sich fragen, ob er bereit ist, den ihm bereiteten Auftrag anzunehmen. Die Berufungen ergehen allerdings gewöhnlich nicht in einer so greifbaren und deutlichen Form wie bei Johannes, sondern eher in Stille und Verborgenheit. Im Wesen aber bleibt sie sich gleich: von Gott ist es bestimmt, von uns ist es zu erfüllen. Wir wählen die Berufung nicht, doch wir können in Freiheit Ja zu ihr sagen. So geht uns also die Sendung des Johannes auch uns etwas an, und wie wir uns auf unseren eigenen Auftrag einzustellen haben. Wir werden erleben, dass in der Kirche nichts geschieht, was nicht auch vorbereitet ist. In der Kirche ist immer alles grundgelegt, weil der Herr seine Kirche begleitet. Für uns ist es nur wichtig, dass wir uns geistig auf unsere Sendung und Beauftragung vorbereiten, ähnlich wie wir uns auf den Empfang der Sakramente vorbereiten. Keine Begegnung mit dem Herrn sollte unvorbereitet sein. Gebet, Fasten, Betrachten, Stille, Zurückgezogenheit usw. sind dann wichtig. Das Leben eines jeden von uns sollte, wie das Leben des heiligen Johannes, in dauernder Wegbereitung für den Herrn bestehen, ohne Ablenkung, ohne Verführung  von den Dingen dieser Welt.

 

Stolberg erzählt in seiner Religionsgeschichte von einem griechischen Einsiedler namens Eulogius, der in seiner Jugend das Kunsthandwerk erlernt hatte, dann aber in die Einsamkeit gegangen war, um das Heil seiner Seele sicherzustellen. Da stieß er eines Tages auf eine Höhle, in der ein großer Schatz an barem Geld und eine Menge anderer Kostbarkeiten versteckt und vergessen worden war. Von diesem Augenblick an war es mit der Lust am Einsiedlerleben bei ihm vorbei. Er schaffte den Fund nach Konstantinopel und stieg durch seinen Reichtum und seine Gewandtheit bis zur Würde eines Patriziers und Präfectus Prätorio auf. Da geschah es, dass er unter Kaiser Justinian II. in einen Aufstand gegen den Kaiser verwickelt wurde. Er rettete sich durch schleunige Flucht, aber alle seine Güter wurden eingezogen. Nachdem er so alles wieder verloren hatte, ging er in sich und kehrte wieder zu seiner Alten Einsiedlerzelle zurück, die er vor vielen Jahren verlassen hatte. Er tat strenge Buße und führte ein heiliges, nun ganz Gott zugewandtes Leben bis an das Ende seiner Tage. Die Liebe zum Geld hatte ihn verblendet, der Verlust all seiner Habe ihn wieder sehend gemacht.

 

"Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!" Der heilige Johannes wird als Stimme verheißen, die eine Weissagung zu erfüllen, eine Botschaft zu verkünden hat. Eine bloße Stimme, etwas an sich Unpersönliches, Wesenloses, wesentlich nur durch die in ihr enthaltene Botschaft, die Gott allein verleiht. Also nur in dieser Stimme, in dem an sich so Unwesentlichen, liegt die Brücke zwischen Johannes und dem Herrn. Das Wesentliche liegt in dem verkündeten Inhalt, und der ist: Vorbereitung des Herrn und seiner Ankunft. Wie wichtig ist dies auch für uns: Wenn gesagt wird, dass selbst Johannes der Täufer als bloße Stimme erscheint, dann werden wir uns auch selber weniger Gewicht beimessen. Auch uns kommt es zu, von uns weg zu weisen und allein hin auf den Herrn. Dieser Weg des Herrn, der zu bereiten ist, braucht dauernde Vorbereitung. Der Herr will aber sein Erlösungswerk nicht ohne eine Mitwirkung des Menschen vollbringen. Jeder, der vom Herrn hört, der vom Herrn weiß, soll Anteil an seinem Weg haben. Und jeder, der eine Sendung hat, sie mag noch so lächerlich und klein sein, hat sie innerhalb der Sendung des Herrn. Die Kirche braucht die Mitwirkung aller Gläubigen. Alle Gläubigen sollen dem Herrn die Schwierigkeiten aus dem Weg schaffen, ihm helfen, das Rauhe, Winklige, das Ungerade zu glätten. Nicht, dass es der Herr nicht auch selbst tun könnte, aber ihm liegt daran, die Mithilfe aller Gläubigen zu erhalten. Und die Aufgabe ist auch für den Einzelnen nicht zu groß, wenn viele Einsatzwillige mithelfen. Was gerade wir anzuschauen haben, ist diese kleine, unscheinbare, alltägliche Arbeit, die ohne jede Auszeichnung, ohne Lob, ohne jedes Aufsehen verlangt wird. Es ist dieses äußerlich Bedeutungslose, das doch eine vollkommene Bedeutung hat, weil es im Dienst des Herrn geschieht. Und wenn der Evangelist Markus gleich zu Beginn auf die Mitwirkung aller Menschen auch im Geringen Gewicht legt, so deshalb, weil beim Weg des Herrn auch das Unscheinbare sofort und bleibend Bedeutung hat.

 

Es gibt verschiedene Weisen dem Herr zu dienen. Der englische Dichter John Milton wurde in seinen besten Mannesjahren von unheilbarer Blindheit befallen. Das furchtbar für einen Mann, der von glühendem Eifer erfüllt war, zur Ehre Gottes auf der großen Schaubühne des Lebens zu wirken und der auch wie wenige die Fähigkeit zu solchem Wirken hatte. Was in seiner Brust damals vorging, lassen uns die Worte ahnen: "Wenn ich bedenke, wie mein Augenlicht dahin ist, ehe die Hälfte meiner Tage vorüber ist in dieser dunklen, weiten Welt, wenn ich bedenke, dass es den Tod für mich bedeutet, wenn das Talent, das Gott mir verlieh, nun unnütz in mir ruht, obgleich meine Seele sich sehnt, damit meinem Meister zu dienen, was soll ich sagen?" Aber dann tritt er dem aufsteigenden Murren entgegen: "Fordert Gott Arbeit, wenn er das Licht versagt? So frage ich. Gott bedarf weder der Arbeit des Menschen, noch der Gaben, die er selbst ihm gegeben hat. Die am besten sein sanftes Joch tragen, die dienen ihm am besten. Sein Reich ist königlich groß und weit. Tausende eilen auf sein Wort ohne Aufhören über Land und Meer. Aber auch jene dienen ihm, die nur dastehen und seiner Befehle harren."

 

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3. Adventssonntag - B

 

Jes 61,1-2a.10-11

1 Thess 5,16-24

Joh 1,6-8.19-28

 

Nun tritt in der Welt ein Mensch auf, der von der Welt auf Gott und auf das Licht des Wortes hinzeigt. Vorher, bevor das Wort in Fleischesgestalt erschien, war in der Welt eine Erwartung da, aber alles war auch ungenügend. Die Welt spürte eine Leere, aber sie wusste nicht, wie diese Leere gefüllt werden sollte. Jetzt aber tritt der erste qualifizierte Zeuge des Lichtes Christi auf: Johannes der Täufer. An seinem Bild ist das Wesen aller christlichen Beauftragung und Zeugenschaft abzulesen. Darum steht er am Anfang des Johannes-Evangeliums, im sogenannten Prolog, an so bedeutsamer Stelle: er taucht mit seinem Auftrag auf, noch bevor das Wort im Fleisch erscheint, noch bevor Jesus für alle sichtbar auftritt. Er ist Zeuge als Vorläufer. Dies heißt zunächst, dass Johannes das Ende und den Abschluss des Alten Bundes verkörpert und dass er als erster, vom Alten herkommend, die Schwelle des Neuen überschreitet. Insofern ist er die Erfüllung des ganzen Alten Bundes, dessen Sendung sich im Hinweis auf Christus erschöpft. Die Juden fragen ihn: "Wer bist du?" Und er bekannte: "Ich bin nicht Christus!" Das ist die erste Antwort. Aber damit Johannes diese Antwort geben kann, muss er in vollster Klarheit wissen, wer Christus ist. 

 

Ein Mädchen, das aus dem Judentum den Weg zu Christus und seiner Kirche fand, schreibt im Rückblick auf ihren Entwicklungsgang: "Sie fragen mich, wann ich zum ersten Mal von unserem Erlöser Jesus Christus gehört habe? Ich glaube, dass die erste Anregung zu meiner Bekehrung von jenem Passah-Abend ausging, an dem ich bemerkte, dass alle Türen zum Speisesaal offen standen und der Ehrenplatz bei Tisch unbesetzt blieb. "Für wen ist dieser leere Platz bestimmt und für wen müssen die Türen offen bleiben?" fragte ich meine Eltern. Sie erklärten mir, dass das eine alte Gewohnheit bei allen gläubigen Juden sei, die am Passah-Fest die Ankunft des Messias erwarten; für ihn bleiben die Türen sperrangelweit offen! "Wir laden ihn ein, zu uns zu kommen und an unserem Mahl teilzunehmen." Das war immer so der Brauch in unserem Haus, aber ich war bisher noch zu jung gewesen, um ihn zu bemerken und nach dem Grund desselben zu forschen. Ich mochte damals 10 oder 11 Jahre alt sein. Ich hatte eine sehr, sehr alte Großmutter, die äußerst fromm war. Obwohl Jüdin, war doch ihr liebstes Lese- und Betrachtungsbuch: "Die Nachfolge unseres Herrn Jesu Christi", aus dem sie mir manchmal ein Kapitel vorlas. Ich zählte damals 12 oder 13 Jahre. "Wer ist dieser Herr Jesus Christus, dem man nachfolgen soll?" fragte ich die Großmutter eines Tages, indem ich auf den Titel des Buches deutete. "Ich weiß es eigentlich selbst nicht recht", antwortete sie, "die Christen behaupten, es sei der Messias!" "Ist das wahr?" rief ich erstaunt aus. "Ich weiß es nicht, es wird besser sein, wenn du deinen Onkel, den Rabbiner fragst; der wird dich darüber aufklären." Als ich meine Frage an diesen richtete, rief er lachend aus: "Das ist wahrlich keine Sache für dich; solche Dinge gehen die Rabbiner an, aber nicht kleine Mädchen wie dich!" "Warum aber beten wir um die Ankunft des Messias?" Nun wurde er böse. "Ich habe es dir eben gesagt, das geht dich nichts an", erwiderte er barsch und wandte sich ab. Von dieser Stunde an habe ich nie wieder um die Ankunft des Messias gebetet. Ich hatte nämlich die Überzeugung, dass er bereits gekommen sei. Von Jahr zu Jahr wuchs nun mein Wunsch, ihn kennen zu lernen. Als ich 17 Jahre alt war, bat ich um die Erlaubnis, katholisch zu werden. Da gab es eine fürchterliche Katastrophe in der Familie. Weil ich aber trotz des heftigen Widerstandes nicht aufhörte, meine Bitte immer wieder zu erneuern, sagte man endlich, man gestatte mir, protestantisch zu werden, aber katholisch - nie! Ich dachte anfangs, es würde wohl das gleiche sein; immerhin beschloss ich, die Sache genauer zu prüfen. Als ich sah, dass bei den Protestanten so viele Meinungsverschiedenheiten in Glaubenssachen waren, während die Katholiken in allen Fragen, die sich auf den Glauben beziehen, vollkommen einig sind, zögerte ich nicht mehr. Zudem hatte ich bei den ersteren die Gewohnheit entdeckt, über jede Glaubenswahrheit zu disputieren und sie in Zweifel zu ziehen, eine Gewohnheit, die ich ja auch in reichem Maße geübt hatte; nun aber wünschte ich, einer Religion anzugehören, in der man die Sicherheit des Glaubens fand und keine neuen Zweifel. Mit 19 Jahren benützte ich die Gelegenheit einer Reise an die Meeresküste, um mich unterrichten und taufen zu lassen. Von diesem Gnadentag an wurde ich immer mehr im Glauben gefestigt. Ich erinnere mich, dass eine meiner Freundinnen mir ein Buch leihen wollte: "Leben eines Juden, durch eine wunderbare Erscheinung bekehrt". Ich erwiderte aber: "Der Glaube allein genügt mir, ich brauche nicht zu sehen!"

 

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4. Adventssonntag - B

 

2 Sam 7,1-5.8b-12.14a.16

Röm 16,25-27

Lk 1,26-38

 

Sehr bekannt ist die Predigt des heiligen Bernhard von Clairxaux  zu diesem Evangelium, das von der Verkündigung des Erzengels an die Jungfrau Maria berichtet. Der heilige Bernhard redet darin förmlich auf Maria ein, endlich "Ja" zu sagen und spornt sie an, nicht länger zu zögern mit ihrer Antwort: "Der Engel wartet auf deine Antwort. Wir alle, o Herrin, warten auf ein Wort des Mitleids von dir. Siehe doch, dir ist der Preis unseres Heils angeboten worden. Wenn du zustimmst, werden wir befreit. O Jungfrau, Adam und alle seine Nachkommen bitten dich. Die ganze Welt kniet vor dir in frommer Erwartung: Vom Wort deiner Lippen hängt der Trost der Elenden ab, die Befreiung der Gefangenen, das Heil der Kinder Adams, die Erlösung der ganzen Welt. O Jungfrau, gib doch deine Antwort! Warum zögerst du? Schau nur, er, der von allen Völkern ersehnt wird, klopft an deine Tür. Steh doch auf, lauf schnell und öffne ihm!"

 

Das herrliche Bild von der Verkündigung, das Fra Angelico im Kloster San Marco zu Florenz gemalt hat, befindet sich gerade an der Stelle, wo die Treppe in den Gang mündet, so dass es jedem, der nach oben oder unten will, in die Augen fallen muss. Unter dem Bild aber hat der fromme Künstler den sinnigen Denkspruch gemalt: "Führt dich dein Weg der Jungfrau rein zu Füßen, vergiss nicht, sie mit Engels Gruß zu grüßen!"

 

Vom Wort der Jungfrau Maria hängt es ab, ob Gott Mensch werden kann. Der Herr hat die Welt und jeden einzelnen Menschen erschaffen, ohne ihn um seine Zustimmung zu fragen oder um seine Mitarbeit zu bitten. Das erste Buch der Bibel berichtet uns davon, wie er sein Wort ins Nichts gesprochen hat: "Fiat" - "Es werde", und alles, was ist, ist durch ihn ins Dasein gerufen worden. Im Werk der Erlösung aber bittet Gott um die Mitarbeit seiner Geschöpfe. So sehr achtet er die Freiheit des Menschen, dass der Herr die Zustimmung jedes Einzelnen erfragt. So auch bei Maria. In dieser Stunde geht es um das Heil der ganzen Welt. Am Anfang hat Gott sein "Fiat" gesprochen, und die Welt ist geworden. Und als Gott einen neuen Anfang setzen will, mit der Menschwerdung seines Sohnes, der auf die Erde herabsteigen möchte, um sie zu erneuern und zu erlösen, spricht Maria eben dieses Wort des Schöpfers: "Fiat" - "Es geschehe, wie du es gesagt hast!" Und wie Gott es bei der Jungfrau Maria getan hat, so bittet er uns ebenfalls um unser "Ja" und um unsere Mitarbeit, damit sich der Himmel immer wieder neu öffnen kann. 

 

Es war im Jahr 1090, da rief Papst Urban II. zum Kreuzzug, zur Rückeroberung des Heiligen Landes auf. Er ordnete an, dass vom ersten Tag an, da das christliche Heer auszog, in allen Kirchen der Welt geläutet und um Gottes Schutz und Hilfe gebetet werde. Im Jahr 1239 erneuerte Papst Gregor IX. dieses Gebot und bestimmte, dass beim Klang der Glocke am Morgen und am Abend von jedermann der Englische Gruß auf den Knien gebetet werde. So war der Englische Gruß von Anfang an das Sturmglockengebet der Christenheit, ein Kreuzfahrergebet, bei dem es um das Höchste ging. Es war im Jahr 1453. Konstantinopel war in die Hände der Türken gefallen. Das ganze christliche Abendland war bedroht. Da stellte sich der Papst in Rom abermals die Frage: "Wie können wir das Christentum vor dem Untergang bewahren?" Er rief diejenige zu Hilfe, die einst in der Stunde der Verkündigung vom Engel gegrüßt wurde und durch ihr Jawort die Welt gerettet hat. Und so ordnete Papst Calixtus III. an, dass alle Gläubigen auch am Mittag beim Klang der Glocke den Gruß des "Engels des Herrn" beten. Der Englische Gruß war das Gebet der Christenheit geworden, um dem Abendland in den Zeiten größter Gefahr die Gnade des Glaubens zu retten. 

 

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Die 3 Weihnachtsmessen

Siehe Lesejahr A

 

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Fest der Heiligen Familie - B

 

Gen 15,1-6; 21,1-3

Hebr 11,8.11-12.17-19

Lk 2,22-40

 

Geboren wurde der Sohn Gottes in einem Stall auf den Feldern, nicht in der Geborgenheit einer warmen Herberge. Gott wird Mensch und die Welt hat keinen Platz für ihn. Er musste mit seinen Eltern flüchten. Die Eltern, Maria und Josef, waren eher arm als reich, der Junge lernte früh Arbeit und Not und Sorgen einer kleinen Familie kennen. Später dann war er ein Wanderprediger und führte zusammen mit seinen Jüngern ein rastloses und entbehrungsreiches Leben. Anerkennung und Erfolg sind nicht die treffenden Worte, wenn man dieses Leben der Heiligen Familie beschreiben will. Dann wurde er obendrein noch verfolgt, angeklagt, verraten und mit 33 Jahren gekreuzigt. Auf so vieles hat Jesus Christus in seinem Leben verzichtet, aber er hat nicht auf eine Familie verzichtet. Er sollte in einer Familie geboren werden, aufwachsen, lernen und spielen, von Eltern begleitet und beschützt werden. Ungefähr 30 Jahre hat er in seiner Familie gelebt und gearbeitet und gebetet. Er lernte in dieser Zeit von Maria und Josef alles über den jüdischen Glauben, über die Heilige Schrift, über die Bedeutung der frommen Zeremonien zu Hause, über den Gottesdienst in der Synagoge und über den Tempeldienst. Also eine fast ganz normale Familie vor 2000 Jahren im Heiligen Land. 

 

Papst Pius IX. gab einmal einem Maler den Auftrag zu einem Gemälde, das die Verkündigung des Glaubenssatzes von der Unbefleckten Empfängnis Mariens darstellen sollte. Als der Entwurf fertig war, legte der Maler ihn dem Hl. Vater vor. Der Papst betrachtete ihn aufmerksam, besonders die Gruppe, die Maria und Christus im Himmel darstellte. Da rief er: "Und der hl. Josef? Wo ist der hl. Josef?" Der Künstler deutete auf eine Gruppe hin, die sich in den Wolken verlor und sagte: "Heiliger Vater, hier werde ich ihn malen." Da versetzte der Papst entschieden, indem er mit dem Finger auf den Platz neben Jesus zeigte: "O nein, da und nur da soll er sein, neben Jesus und Maria! Denn auch im Himmel ist der hl. Josef dort!"

 

Das Seltsame an dieser Familie ist, dass keiner eigentlich das ist, was er nach außen hin zu sein scheint. Und seltsam ist auch, dass diese Familie nicht durch die Bindungen der menschlichen Geschlechtlichkeit beisammen gehalten wird, sonder durch einen göttlichen Auftrag, durch Gottes Heilsplan. Gott ist die Mitte dieser Familie. Alle handeln nach seinem Willen. Und so zeigt uns das Fest der Heiligen Familie auch den wahren Sinn jeder christlichen Familie, es weist zugleich auf das hohe Ziel jeder christlichen Familie hin: eben eine heilige Familie zu werden, in der geglaubt, gehofft und geliebt wird, in der gebetet wird, in Katechismus und Bibel gelesen wird, in der Maria, die Mutter Gottes, verehrt und geliebt wird, besonders im Monat Mai und im Oktober, in der die Heiligen und die Engel ihren besonderen Platz im Leben aller Familienmitglieder haben, in der alle regelmäßig zur hl. Beichte und sonntags, an Festtagen und auch sonst so oft wie möglich zur Heiligen Messe gehen. 

 

Pater Matteo war noch vor einigen Jahren bekannt als der unermüdliche Apostel der Familienweihe. In 10 Jahren besuchte er wiederholt 43 Diözesen Frankreichs, durchreiste zweimal Spanien und Italien, wirkte mit größtem Erfolg in Holland, außerdem in der Schweiz, in Belgien, Luxemburg, England, Schottland und Irland. Als er einmal in der von Zuhörern dicht gefüllten Kathedrale von Bologna über die Weihe der Familien gepredigt hatte und eben die Kanzel verlassen wollte, hielt ihn der Kardinal von Bologna zurück mit den Worten: "Bleiben Sie Hochwürden!" Dann fuhr er vor all den Zuhörern fort: "Sie haben uns eine große Wahrheit gepredigt, und ich möchte mein Amen dazu sprechen. Sehen Sie, an den hohen Festtagen ist die Kathedrale und so manche andere unserer Kirchen immer gefüllt, und doch sehe ich nicht, dass das Volk christlicher wird. Ich frage mich, woher das kommt. Und ich sehe den Grund darin: Weil man nur einige Augenblicke hier betet und damm heimgeht und dort das gewohnte, ganz natürliche und heidnische Leben weiterlebt; weil das Heim", dabei erhob der Kardinal seine Stimme, "nicht das ist, was Hochwürden gesagt haben - ein Tabernakel, wo man Jesus in den Familien findet. Das muss anders werden!"

 

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Neujahr: Maria Gottesmutter

Siehe Lesejahr A

 

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2. Sonntag nach Weihnachten

Siehe Lesejahr A

 

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Erscheinung des Herrn

Siehe Lesejahr A

 

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Taufe des Herrn - B

 

Jes 42,5a.1-4.6-7

Apg 10,34-38

Mk 1,7-11

 

Jesus kommt in die Wüste, so wie die anderen Menschen, um sich von Johannes taufen zu lassen. Er lässt sich das Sakrament der Taufe spenden. Er nimmt es sich nicht selber, sondern er lässt es sich geben, und die Taufe, die Johannes predigt, ist eine der Reue. Er, der nie gesündigt hat, lässt sich diese Taufe der Reue spenden. Wie kann diese Taufe auch für ihn bestimmt sein? Wie kann er sie empfangen? Weil er bereits die Sünden trägt, die er am Kreuz tragen wird. Nur die fremde Sünde nimmt er auf sich. Er bereut für die anderen, er trägt die Sünde der anderen, die er erlösen will. Seine Taufe gehört so unzweideutig schon zu seinem Erlösungswerk. Sein öffentliches Leben beginnt. Von der Taufe bis zum Kreuz ist der Weg der Erlösung klar vorgezeichnet. So erhält er bei der Taufe auch ein klares Zeichen durch die Öffnung des Himmels: er erfährt seine Verbundenheit mit dem Vater. Und er sieht die Taube, die den Heiligen Geist versinnbildet. Er sieht also den Geist, den er fortan so dringend braucht, um den Menschen den Weg zum Vater begreiflich zu machen, ihnen den Glauben zu geben. Jesus wird ab jetzt noch mehr wissen: der Geist ist mit ihm, der Geist ist in ihm, der Geist, der mit dem Vater und ihm zusammen der dreieinige Gott ist, hat seinen Sitz in ihm. 

 

Eine der ergreifendsten Darstellungen des Gotteslamms hat Matthias Grünewald auf seinem berühmten Isenheimer Altar geschaffen, und zwar auf dem gewaltigen Hauptbild selbst, das den gekreuzigten Christus darstellt. Während Christus der Herr in unnennbaren Qualen am Kreuz stirbt und sein Vorläufer Johannes mit weit ausgestrecktem Arm auf ihn hinweist, steht rechts am Fuß des Kreuzes ein schneeweißes Lamm, eine zarte und leuchtende Gestalt, und drückt durch das Schultern des Kreuzleins, durch sein williges Hinschreiten und seinen Aufblick zum Kreuz die Opferbereitschaft dessen aus, von dem der Täufer schon bei seinem ersten Auftreten am Jordan gesprochen hatte: "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!" Das Herzblut aber, das aus der Wunde in der Brust des Lammes in den goldenen Opferkelch fließt, deutet hin auf "das Lamm, das geschlachtet wurde seit Anbeginn der Welt." (Offb 13,8)

 

Und eine Stimme erklang vom Himmel: Dem Herrn wird bestätigt, was er weiß und was der Evangelist im ersten Satz seiner Botschaft verkündet hat: Jesus Christus, der Sohn Gottes. Jesus hört und erkennt die Stimme des Vaters: Du bist mein geliebter Sohn. Das soll der Sohn jetzt wissen. Für sein jetzt beginnendes Apostolat wird im ausdrücklich zugesprochen, dass er der Sohn ist, denn seine Aufgabe wird auch darin bestehen, die Menschen, denen er begegnet und die er erwählt, mitzunehmen, sie zu Söhnen und Töchtern Gottes zu machen, so dass sie an allem teilhaben, was sein ist. Und dieses Seinige ist in den Worten zusammengefasst: Du bist mein geliebter Sohn, in dich habe ich meine ganze Liebe gesetzt. Der Vater hat an ihm Gefallen gefunden, er hat seine ganze Liebe in ihn gesetzt, eine Liebe, die zum Fruchtbarsten gehört, was es gibt. Sie hat die Kraft, aus bloßen Geschöpfen und aus Sündern Kinder Gottes zu machen, durch sich selbst und dadurch, dass der Herr von ihr lebt. Und in diesem Sinne wird Gott bewirken, dass auch wir seine Stimme in dem Moment unseres Lebens hören, wenn wir unsere Aufgabe ernsthaft übernehmen. Gott wird das tun, wenn wir im Gebet mit ihm verbunden bleiben. Wir werden zwar nicht sehen, wie der Himmel sich öffnet, und werden die Stimme des Vaters nicht so hören, wie Jesus sie hörte. Aber wir werden im Gebet eine Bestätigung erhalten, die für uns gleichbedeutend ist mit diesem Hören. 

 

Als unsere Stammeltern das Paradies verlassen mussten und gesenkten Hauptes ihres Weges schritten, da wandte sich Adam, so erzählt die Legende, an der Pforte noch einmal um und sprach zu Gott: "Herr, sollen wir nun ganz von dir getrennt sein und nie mehr mit dir reden dürfen?" Da wurde Gott von Erbarmen gerührt und sprach: "Ich will euch einen Boten schicken, den ihr mit euren Anliegen zu mir senden könnt." Er winkte einen Engel heran und gab ihm eine geheime Weisung. Als sich nun die Pforte des Paradieses hinter ihnen geschlossen hatte und die Vertriebenen den Weg antraten in das Land der Verbannung, sah Adam neben sich plötzlich eine lichte Gestalt. Er fragte: "Wer bist du?" Der Begleiter antwortete: "Ich bin das Gebet."

 

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2. Sonntag im Jahreskreis - B

 

1 Sam 3,3b-10.19

1 Kor 6,13c-15a.17-20

Joh 1,35-42

 

Wir hören hier, dass Johannes der Täufer Jünger hat. Und er sieht mit seinen Jüngern den Herrn vorübergehen. Für sie ist es die erste Begegnung mit Jesus. Johannes weist auf ihn hin und sagt: "Seht, das Lamm Gottes!" Gestern, als er dem Herrn begegnete, hatte er hinzugefügt: "das hinwegnimmt die Sünden der Welt." Heute lässt Johannes diesen Zusatz hinweg. Die Jünger sollen ganz unbelastet zum Herrn gehen, unbeschwert von jeder Berechnung ihrer eigenen Vollkommenheit oder Sünde. Nur im bloßen Glauben und in reiner Liebe sollen sie ihm begegnen, sollen sie konvertieren. Und sie sollen dabei nicht an die persönliche Sicherheit oder an das eigene Heil denken. Nichts Berechnendes darf zwischen ihnen und dem Herrn stehen: nur Liebe und Hingabe. Zum ersten Mal lösen sich Menschen aus einer menschlichen Bindung, um eine christliche Bindung einzugehen. Es ist die erste Konversion aller Zeiten. Bisher waren sie an einen irdischen Meister gebunden, und diese Bindung war eine gute und gottgewollte. Aber sie verlassen sie jetzt, um sich in eine größere Bindung zu begeben. Und dieser Übergang ist ein mutiger Sprung, wie fast jede Konversion, nicht eine bloße Entwicklung. Ihr erster Lehrer war ja ein guter Lehrer für sie, denn er hat sie ja dazu erzogen, dass sie diese Wahl auch vollziehen können. Johannes der Täufer, der seine Jünger erzogen und dann dem Herrn übergeben hat, steht auch deshalb ganz im Auftrag des Herrn. Er stand im Auftrag des Herrn, seine Jünger aber ahnten vorher noch nichts von ihrer bevorstehenden Konversion, von ihrer Berufung. So lebt auch eine wirkliche Berufung zur Kirche als Priester oder im Orden oder zu einer anderen Sendung in einer Seele noch bevor sie selbst diese Berufung bemerkt. Der Konvertit bekommt seine Berufung auch nicht im Augenblick der Konversion, sondern in der Konversion wird deutlich, was Gott schon immer mit einem Menschen vorhatte.

 

Im Jahr 1930 ging das Büchlein der Konvertitin Luise von Brandt "Wie Konvertiten die Kirche erleben" zum dritten Mal hinaus in die Welt. In dem Abschnitt "Das Glück der Heimkehr" heißt es: "Konversion, Aufnahme in die Kirche! Einer der glücklichsten Tage, wenn nicht überhaupt der herrlichste im Leben der Konvertiten! Die Stunde der Erwartung, die weihevolle Ansprache des Priesters, der einen Stufe für Stufe der Kirche nähergebracht hat; die erste Beichte, die erste Heilige Messe, die Erstkommunion sind innere und äußere Vorgänge voll des Erschütternden, an die geheimnisvollen Saiten der Seele Rührenden. Erfüllte Sehnsucht nach Herz-Jesu-Licht ist es, das einem aus dem Grab auferweckt und einem das verloren gewähnte Ewigkeits-Ich wiederschenkt. Junges Glaubenslicht ist der Himmel auf Erden."

 

Die Jünger folgen Jesus nach, und weil sie folgen, sind sie auch vom Herrn angenommen. Johannes ist der Erstgerufene unter den Aposteln, weil er die Liebe ist. Und es gibt Berufung und Amt in der Kirche nur auf dem Grund der Liebe. So ist es überall in der katholischen Kirche. Die Jünger folgen Jesus, ohne dass er sagt wohin, wie weit oder wie lang. Es ist eine Bindung für immer. Jetzt nicht mit dem Herrn zu gehen, weiter und bis zum Ende, wäre eine Sünde. Das gilt besonders für alle Konvertiten, die zum Herrn unterwegs sind. Ist einmal der erste Schritt getan, hat man sich in Bewegung gesetzt, so gibt es kein Zurück mehr. Alle anderen Schritte müssen folgen. Und das gilt auch in allen anderen innerkirchlichen Berufungen des Herrn. Die Jünger wandern hinter dem Herrn hinterher und er fragt: "Was sucht ihr?" Sie antworten: "Wo wohnst du?" Wir spüren: Der Herr und auch die Jünger wissen: sie haben gefunden! Jesus macht ihnen mit seiner Frage deutlich, dass sie am Ziel sind. Sie antworten mit einer neuen Frage, weil sie gar nichts mehr suchen, sie haben gefunden. Nur noch: Aber wo ist dein Ort? "Kommt und seht!" Jesus besiegelt sozusagen diese neue Bindung zwischen ihm und den Jüngern. Sie gehen mit und sehen und bleiben. Die ganze Episode mündet sozusagen im überirdischen, strahlenden Licht der Fülle des Herrn, die nicht mehr mit menschlichen Worten beschrieben werden kann. 

 

Der Konvertit Dr. Sam Atkinson in Kanada schreibt: "Oft bin ich gefragt worden: Was haben Sie in der katholischen Kirche gefunden? Folgendes Bild mag diese Frage beantworten: Ein kleines Kind lag krank darnieder. Als es, vom Fieber gepeinigt, sich hin und her warf, tat die Mutter alles, um ihm Linderung zu verschaffen. Sie netzte seine brennenden Lippen mit einem kühlen Trunk, glättete seine Kissen und leistete ihm hundert kleine Liebesdienste, wie nur eine Mutter es kann. Aber nichts half. Schließlich, als sie nicht mehr wusste, wie sie helfen sollte, nahm sie das Kind vom Krankenbett und bettete seinen Kopf in ihre Arme. Da seufzte das Kind erleichtert auf und sagte: Mutter, so ist es gut. Geborgen in den Armen der Mutter Kirche, wurden alle meine Wünsche erfüllt. In ihr habe ich gefunden, was mir fehlte. Den Frieden? Ja, aber noch mehr. - Die Wahrheit, das Glück? Ja, aber noch mehr. - Das wahre Leben, die Freiheit? Ja, aber noch mehr. - Den Geist der Entsagung, der die Freiheit des Nächsten höher schätzt als die eigene, die Zufriedenheit? Ja, aber durch Opfer. In der katholischen Kirche habe ich erfahren, wie klein ich bin und wie groß unser Erlöser ist."

 

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3. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jon 3,1-5.10

1 Kor 7,29-31

Mk 1,14-20

 

"Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte." Johannes hat getan, was er tun musste, und dann wurde er ins Gefängnis gesteckt. Knapper geht eine Darstellung eines Heiligen, eines Märtyrers nicht mehr. Dann geht es sofort weiter. Viele hunderttausend Mal hat es sich so in der Geschichte der Kirche abgespielt. Einer wird ausgeliefert, und danach geht die Geschichte weiter. Niemand interessiert sich wirklich für das Ende eines Christen. So hart wie es sich anhört: Dies ist deshalb möglich, weil der Auftrag, die Sendung wichtiger ist als das Leben und der Tod im Anschluss daran und der Tod für uns kein Ende bedeutet, sondern eine Fortsetzung oder gar ein neuer Anfang. Aus diesem Grunde ist der Evangelist Markus berechtigt, jetzt kein Wort über das Verschwinden des Täufers zu verlieren. Und die Geschichte geht unverzüglich weiter, da der Nächste da ist: Jesus, der das Evangelium Gottes verkündigt. Wir alle sind in unserer Sendung irgendwie Vorläufer von etwas Neuem, etwas Größerem. Die Sendung stirbt nicht mit uns, sondern es soll eine Saat aufgehen, eine Saat, die wir nicht zu sehen brauchen. Der Täufer und jeder Christ wird gesandt, um zu säen, die Frucht aber gehört dem Herrn. Wir spüren: Dieses Geheimnis der Saat, das so oft im Evangelium vorkommt, ist ein zentrales Geheimnis unseres christlichen Lebens. Wir tun im Gehorsam, was wir tun sollen, dann kommt Christus selber, oder es kommt ein anderer christlicher Auftrag. Johannes hat seine irdische Sendung hinter sich: jetzt kommt der Herr aus der Wüste, übernimmt sozusagen und geht nach Galiläa und "verkündet das Evangelium Gottes". Der Täufer hat ihm den Weg bereitet, er war die Stimme in der Wüste, und Jesus predigt die Frohbotschaft, und zwar so, wie sie ihm der Vater in den Mund gelegt hat. 

 

Ein Weizenkorn, von des Sämanns Hand gesät - so erzählt Jörgensen in seinen "Parabeln" - lag einsam und allein zwischen zwei schweren schwarzen Erdschollen. Der Tag war regnerisch und das Weizenkorn am Verzweifeln. Und als am andern Tag auch noch die Egge über das Feld ging und das Körnlein tief im Dunkeln vergrub, da schwand ihm alle Hoffnung, und es begann zu klagen: "Ach, warum wurde ich erschaffen, wenn das das Ende ist! Weit besser wäre es, ich hätte nie das Licht der Sonne erblickt und wäre vor diesem Elend verschont geblieben!2 Da hörte es eine Stimme wie aus dem Innern der Erde sprechen: "Fürchte dich nicht, du wirst nicht zugrunde gehen. Gib dich getrost und willig in dein Schicksal, und ich verspreche dir ein herrliches, besseres Leben! Stirb, weil es mein Wille ist, und du wirst leben!" Da fragte das Korn: "Wer bist du, der da zu mir redet?" Und es war ihm ganz ehrfürchtig dabei zumute. "Ich bin", so war die Antwort, "derjenige, der dich erschuf und der dich jetzt von neuem schaffen will." Da ergab sich das arme Weizenkorn trotz aller Todesnot in den Willen seines Schöpfers und - wusste von nichts mehr. Der Frühling kam, und eines Tages drang ein grüner Schößling aus dem von Schnee befreiten Boden in das Licht - es war das Weizenkorn. Entzückt sah es sich um und sah das ganze Heer von Geschwistern rings um sich. Da fühlte sich das neuerstandene Pflänzlein von einer unnennbaren Lebensfreude durchbebt, und es war ihm, als müsse es voll Dankbarkeit bis zum Himmel wachsen und seinen Jubel in alle Lande singen. Doch mitten in seiner Freude hörte es eine Stimme, wie jene, die einst zu ihm geredet hatte, die Worte sprechen: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde sinkt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, dann bringt es reiche Frucht." (Joh 12,24)

 

"Er sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" Die Zeit des Wartens ist vorbei. Jetzt ist Zeit der Taten des Herrn, Zeit seiner Wunder, seines Leidens, die Zeit der Erlösung. Und er verkündet dies den Menschen, damit keiner, der Christus in irgendeiner Form begegnet, sagen kann, er sei unvorbereitet. Und die Erfüllung der Zeit besagt die Nähe des Gottesreiches. Er beschreibt dieses Reich des Vaters nicht, er droht nicht damit, aber er verspricht auch nichts. Der Herr kündigt aber an, was sie zu tun haben, wie sie sich vorzubereiten haben, was der Vater von ihnen erwartet: Umkehren, d.h. bereuen und glauben. Will man es im Licht der Sakramente betrachten, so kann man sagen, dass sich die christliche Beichte ankündigt. Sie sollen in der Freude des Evangeliums leben, aber erst nachdem sie bereut haben. Er will nicht, dass die Menschen ihm nur in der Freude entgegentreten, sondern er will, dass sie den Weg gehen, den man in jeder Beichte und beim Empfang jedes Sakramentes geht: zuerst umkehren und dann in die Freude eintreten. Und das kann jeder Mensch, dazu muss man nicht zu den Gebildeten gehören: er kann seine eigene Schuld erkennen, und er kann sich auf etwas freuen. Er kann eine neue Freude empfangen, Freude in Christus; Freude, die vermittelt wird, nachdem der Mensch bereut hat. Der Herr verknüpft auf eine neue Art Reue und Freude und bietet dem Menschen beides an. 

 

Zu einem Gottesmann kam einst ein junger Mann, der in schlimme Sünden verstrickt war. Er sagte ihm, er möchte wohl gerne beichten, aber er könne keine Reue über seine Lieblingssünden empfinden. Der fromme Priester sagte nichts, ging still an einen Schrank und suchte ein kleines Bildchen hervor. Es stellte den Heiland an der Geißelsäule dar. Das gab er ihm mit den Worten: "Mein Freund, betrachte acht bis vierzehn Tage aufmerksam dieses Bildchen, jeden Tag fünf Minuten lang; dann komm wieder!" Nach acht Tagen schon kam der jugendliche Sünder und bekannte mit tiefer Zerknirschung seine Verfehlungen. 

 

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4. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Dt 18,15-20

1 Kor 7,32-35

Mk 1,21-28

 

Ein Mann schreit in der Synagoge. Er hat einen unreinen Geist, wird gesagt, einen Geist, der sich mit Gott nicht verträgt. Gott und Unreinheit sind Gegensätze. Das merken wir auch daran, dass dieser unreine Geist durch die Anwesenheit Christi beunruhigt ist. Er muss angesichts des Sohnes Gottes, der Reinheit schlechthin, schreien. Wer einmal an einem Gottesdienst in einem psychiatrischen Krankenhaus teilgenommen hat, bei dem psychisch kranke Patienten anwesend waren, der hat auch erlebt, dass die Patienten auf den Priester irgendwie besonders reagieren. Da gibt es während der Predigt lautes Weinen oder Lachen, oder einige beginnen zu reden und sich mit dem Nachbarn zu unterhalten, der Priester wird sogar während der Gebete aufgefordert sich zu rechtfertigen, warum er hier das Wort führt und nicht die Patienten selbst. Man denkt: es sind halt psychisch Kranke. Der sogenannte normale Gottesdienstbesucher hat sicher auch ähnliche Empfindungen. Er verspürt Abneigung gegen das, was der Priester sagt, oder er freut sich im Herzen über seine guten Worte. Aber dieser Hörer empfindet sofort seine Schranken, er verhält sich vernünftig, er hört und schweigt, höchstens ein bestimmter Gesichtsausdruck signalisiert Zustimmung oder Ablehnung. Er nimmt sich höchstens einmal vor, unter vier Augen mit dem Prediger zu reden, Klartext, aber nicht vor Zeugen. Immerhin also: was den Mann mit dem unreinen Geist dazu trieb, dazwischenzuschreien, das ist uns nicht völlig fremd. Für uns wird die Kirche zwar nie der Ort sein, wo wir dazwischenrufen. Mit unserer Unruhe, mit unseren Fragen und Anmerkungen müssen wir anders fertigwerden. Für unseren Widerstand gegen Gott und seine Liebe können wir bei ihm um Verzeihung bitten.

 

Ein Heiliger sah einmal in einer Vision Satan vor Gottes Thron stehen und hörte, wie er vorwurfsvoll sprach: "Warum hast du mich verdammt, wo ich dich nur ein einziges Mal beleidigt habe, während du Millionen Menschen begnadigst, die dich so oft beleidigt haben?" Da gab ihm Gott zur Antwort: "Hast du mich denn schon ein einziges Mahl um Verzeihung geben?" Da schwieg der Teufel, denn gerade dies tat er nie und wird es in Ewigkeit nicht tun.

 

Der unreine Geist schrie: "Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth?" Warum beunruhigst du uns? Weshalb störst du uns? Warum bist du gekommen? Warum schweigst du nicht wie die anderen? Warum sprichst du nicht so wie die anderen? Warum dringst du in unsere Intimität ein? Und das ist es wohl, was den unreinen Geist am meisten beeindruckt, dass man ihm nicht einfach sein Wesen lässt, dass man etwas von ihm fordert. In unserer Lauheit vertragen wir ja auch alles Mögliche, wir vertragen gute Ratschläge und kluge Weisheiten. Aber was ein unreiner Geist nicht vertragen kann, ist das direkte Fordern, das Persönliche, die Frage, die eine verbindliche Antwort erwartet, der Gedanke, dass ein neuer Anfang gemacht werden muss, dass alles im Leben ins Wanken gerät. Der unreine Geist will von Gott in Ruhe gelassen werden, er will nur bei sich selber sein. Er mag es nicht, wenn er in das Licht Gottes gezerrt wird. Er lehnt die Gemeinschaft ab. Er will aber auch keine Einsamkeit, sondern völlige Trennung von Gott. Er verzichtet auf Beunruhigung, auf Gebet, auf Gott. Aber Verzicht hat letztlich nur einen Sinn für uns, wenn er in der Hingabe an Gott vollzogen wird. Ohne Hingabe an Gott bleibt der Verzicht unfruchtbar, und der unreine Geist will keinesfalls Fruchtbarkeit. Denn fruchtbar ist alles, was uns mit dem Herrn verbindet, jede Brücke, die zu uns hin baut. "Du bist gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen! Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes!" Der unreine Geist weiß genau, mit wem er es zu tun hat. Er kennt den Sohn Gottes von jeher. Alles ist heilig an ihm, alles an ihm ist getrennt von der Unreinheit des Geistes. 

 

Auf einer seiner ersten Predigtreisen kam der heilige Bernardin von Siena auch nach Perugia. Die Stadt war damals von Parteihader zerrissen, der sich immer wieder in Ausbrüchen wilden Hasses entlud und den Bewohnern der Stadt den Ruf der Grausamkeit eintrug. Die Predigten des Heiligen zogen viele Leute herbei, aber sie schlugen nicht durch. Da kündigte der Heilige eines Tages an, er werde ihnen im Lauf der nächsten Tage den Teufel leibhaftig zeigen. Natürlich kamen von da an noch viel mehr, ihn zu hören. Einige Tage später hielt er plötzlich mitten in der Predigt inne. "Nun will ich mein Wort einlösen und euch den Teufel zeigen. Nein, nicht nur einen, sondern eine ganze Menge!" Die Spannung war aufs höchste gestiegen, da rief er mit lauter Stimme: "Schaut euch nur selbst an, und ihr seht Teufel genug! Oder seid ihr nicht Teufel, wenn ihr die Werke Satans tut?" Dann entwarf er mit heiligem Ernst ein Bild der Laster, die in der Stadt herrschten, und beschwor seine Hörer feierlich, den Werken des Teufels zu entsagen. Und in der Tat: nun war das Eis geschmolzen und die Umkehr vollständig. 

 

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5. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Ijob 7,1-4.6-7

1 Kor 9,16-19.22-23

Mk 1,29-39

 

"In der Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging hinaus, um sich an einen einsamen Ort zu begeben, und dort betete er." Wir haben gesehen, dass die Kranken nach Sonnenuntergang zu ihm gebracht wurden, damit es unbeachtet bleibt. Jeder bringt die zu Heilenden in der Dunkelheit, im Geheimnis. Jeder, der kommt, will an der Gnade des zu erwartenden Wunders teilhaben, aber keiner mag dabei gesehen werden. So bleibt ihre Einstellung, die sie für sich finden müssen, noch offen. Wenn es gut ausgeht, können sie sagen: Wir haben geglaubt. Wenn nichts erfolgt ist: Wir haben ja auch nichts erwartet. Es ist also eine Haltung der Feigheit und der Undankbarkeit. Die christliche Dankbarkeit beginnt ja nicht erst nach dem Empfang der Gnade. Sie beginnt beim Erkennen des Wesens des Herrn. Hätten sie das Göttliche des Herrn erkannt, so wären sie dankbar und hätten nicht auf die Dunkelheit gewartet. Und jetzt ist es der Herr, der nicht gesehen werden will: er geht im Dunkel des Morgens allein hinaus, um zu beten. Er braucht immer wieder die Einsamkeit. Er hat sie ja dreißig Jahre lang gebraucht, um sich auf sein Wirken vorzubereiten, und auch jetzt braucht er sie immer wieder. Man wird ihn dort zwar später stören, aber jetzt braucht er diese Einsamkeit, um seine Vorhaben durchführen zu können. Niemand kann er dazu mitnehmen. Er muss einsam sein mit dem Vater. Wir lernen daraus, dass auch wir immer wieder Zeiten der Stille brauchen. Und diese Zeiten brauchen wir nicht aus Egoismus, sondern wir brauchen sie in der Nachfolge des Herrn. 

 

In einer Gesellschaft von Musikern, in der sich auch Joseph Haydn befand, wurde die Frage aufgeworfen, wie man die durch Arbeit ermattete Kraft am schnellsten und besten wieder auffrischen könne. Einer sagte, ihm helfe in einem solchen Fall am besten eine Flasche Champagner; ein anderer riet, in eine anregende Gesellschaft zu gehen. Haydn aber sprach: "Ich habe in meiner Wohnung eine kleine Kapelle. Dahin gehe ich und bete, wenn ich mich müde fühle, und dieses Mittel hat bei mir seine stärkende Kraft noch nie verfehlt."

 

Der Herr geht zu einem Ort irgendwohin, wo es keine Menschen gibt, keine Gelegenheit zur Unterhaltung oder Ablenkung. Natürlich betet Jesus immer, sein ganzes Dasein ist ein Gebet, ein Gespräch mit Gott Vater. Wenn er zu Menschen spricht, gibt es kein einziges Wort, das nicht auch an den Vater gerichtet wäre. Es gibt in ihm keinen Gedanken, der nicht auch Gebet wäre. Trotzdem geht er an einen einsamen Ort. Er schafft alle Ablenkung weg. So sollten auch wir, wenn wir beten und betrachten möchten, sorgfältig alles ausschließen, was uns ablenken könnte, damit wir frei sind, Gottes Wort zu hören, Gottes Gedanken mitzudenken, Gottes Wollen in uns aufzunehmen und schließlich unser Ja dazu zu finden. Wie die Einsamkeit Jesu, das Gebet Jesu aussieht, welche Liebe von ihm dabei aufstrahlt, welche Hingabe er dem Vater anbietet, all das geht über unser Begreifen. Und der Vater antwortet dem Sohn, indem er ihm neu erlaubt, als Mensch für die Menschen sein Leben dahinzugeben bis zum Tod am Kreuz. Auch wir sollten versuchen, etwas von diesem Geist des Gebetes Jesu in das unsere hineinzunehmen, und Gott bitten, er möge unser Gebet aus Liebe zu seinem Sohn annehmen, auch wenn es mit ganz schwachen Kräften erfolgt.

 

Donoso Cortès, der im Jahr 1849 spanischer Botschafter in Berlin war, hielt viel aufs Beten. Von Berlin aus schrieb er an einen Freund: "Ich glaube, dass die Beter mehr für die Welt tun als die Kämpfer, und wenn`s täglich schlimmer mit der Welt wird, kommt es daher, dass es mehr Kriege, mehr Schlachten als Gebetsstürme gibt. Damit die Welt Ruhe und Frieden habe, braucht es eine Art Gleichgewicht zwischen äußerem Tun und Gebet, zwischen Tätigkeit und Beschaulichkeit. Wieviel Gebet zur Bewahrung dieses Gleichgewichtes nötig ist, weiß Gott allein. Käme einmal eines Tages eine Stunde, wo die Erde gar kein Gebet zum Himmel senden würde, so würde das den letzten Tag und die letzte Stunde für das Weltall bedeuten."

 

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6. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46

1 Kor 10,31-11,1

Mk 1,40-45

 

Der Aussätzige ist ein von der Gesellschaft Ausgeschlossener und er ist einsam und wird gemieden. Außerdem ist sein Leiden außerordentlich schmerzvoll und niederdrückend. Aber bei all dem hat er trotzdem Glauben: er tritt an den Herrn heran und spricht seine Bitte aus: Wenn du willst, kannst du mich von meiner Krankheit befreien. Von Erbarmen gerührt, streckt Jesus seine Hand aus und berührt ihn. Wir wissen: Nie hört der Herr eine Bitte gleichgültig an. Er wendet sich dem Bittenden in seiner ganzen Liebe zu, er berührt ihn direkt mit der ausgestreckten Hand auf der kranken Haut, und das, obwohl die Krankheit scheußlich, ekelerregend und obendrein ansteckend ist. An dieser Stelle drängt sich der Vergleich mit der heiligen Beichte auf. Wir beichten, wir entblößen vor dem Herrn unsere Krankheiten, und indem wir sie ihm zeigen, erwarten wir, dass er seine Hand gerade auf die kranken Stellen legt. Jesus empfindet dabei keinen Ekel, denn er liebt den Sünder, der beichtet, wie er den Kranken liebt, und die Liebe überwindet alles. Er wendet den kranken Stellen seine ganze Aufmerksamkeit zu, wie ein gewissenhafter Arzt. Ja er übernimmt sogar durch seine Berührung das Kranke, all das Scheußliche, er denkt dabei nicht an sich, sondern hat nur unsere Heilung und unsere Rückkehr zum Vater im Sinn. 

 

In einem Tiroler Wallfahrtskirchlein läutete die Beichtglocke. Der Kaplan, der das alte Kirchlein versah, ging hinaus und fand einen vornehmen Herrn in kostbarem Pelz, mit schweren goldenen Ringen an seinen Fingern. Da Beichtleute in der Regel nicht so auszusehen pflegen, grüßte er mit den Worten: "Darf ich ihnen vielleicht die Kirche und ihre Kunstschätze zeigen?" Der Herr aber lehnte lächelnd ab. "Nein, dazu bin ich nicht gekommen. Zuallererst möchte ich da drinnen Ordnung machen. Ich bin mit fünfzehn Jahren von der Heimat fort nach Nordamerika. Von dort hat es mich nach Japan verschlagen, dann nach China und schließlich wieder nach Amerika. Ich bin ein reicher Mann geworden. Nun hat mich eine unwiderstehliche Sehnsucht gepackt, die Heimat wieder aufzusuchen. Jetzt bin ich da und möchte vor allem da drinnen wieder Ruhe und Frieden finden. Aber," so fügte er hinzu, "machen Sie sich auf alles gefasst, was menschenmöglich ist." Nach der Beichte wurde der stattliche Herr übermütig wie ein kleiner Junge und fing vor Freude an, ein Tiroler Lied zu singen. Da wandte sich der Kaplan an ihn: "Darf ich wohl fragen, was sie eigentlich nach so langen Jahren wieder zu Gott zurückgeführt hat?" "Das kann ich ihnen schon sagen", war die freundliche Antwort. "Als kleiner Junge habe ich einmal das Passionsspiel in Thiersee anschauen dürfen. Alles andere aus dem Spiel habe ich längst vergessen; nur eine Szene ist mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Da kommt Petrus nach seiner Verleugnung weinend zur Mutter Gottes und fragt: "Kann mir dein Sohn wohl noch verzeihen?" Und Maria gibt ihm die tröstliche Antwort: "Er hat dir schon verziehen, ich habe für dich gebetet." Sehen Sie, das Wort, das hat mich vor Verzweiflung bewahrt. Es hat mir auch den Mut gegeben, heute hierher zu kommen. Das will ich aber auch der Mutter Gotts nie wieder vergessen." 

 

"Ich will es - werde rein!" sagt der Herr, der aus dem Willen des Kranken seinen eigenen Willen macht. Das ist möglich, weil der Kranke vorher schon von der Gnade des Herrn berührt worden war und nun kraft der schon erhaltenen Gnade die Gnade der Heilung erwirkte. Die Gnade ruft nach der Gnade. Bei all unseren Bitten, bei unseren Krankheiten und Sünden wissen wir, dass wir zunächst unseren Willen dem Willen des Herrn anpassen müssen, damit er dann unseren Willen zu seinem eigenen machen kann. "Im gleichen Augenblick wich der Aussatz von ihm und er wurde rein." Die Berührung des Herrn wirkt ein Wunder, nicht allmählich, sondern sofort. Es gibt keinen Heilungsprozess. Nicht Wunde für Wunde wird geheilt, sondern der ganze Kranke ist jetzt als ganzer Mensch gesund. Das bedeutet für uns: Wer sich dem Herrn anvertraut, der kann keine Bedingungen stellen und etwa sagen: ich will dir ein bisschen gehören, ich will ein wenig tun, was du willst, jeden Tag eine halbe Stunde glauben und beten, jede Woche einen Tag lang deinen Willen erfüllen, jedes Jahr einen Monat lang usw. Glauben kann man nur bedingungslos, so wie auch der Herr seine Gnade nicht abgestuft zur Verfügung stellt. Er gibt sie ganz. Das Ganze, das Absolute haben wir zu lernen, weil er es uns zeigt und lehrt. "Und der Mann war rein." Nichts in uns soll weiterhin unrein und dem Herrn abgeneigt sein. Wir sollen an der Reinheit des Herrn teilhaben, an der Reinheit in der Gemeinschaft der Heiligen in der Kirche. 

 

Rembrandt, der große niederländische Maler, hat um das Jahr 1650 sein berühmtes Gemälde "Jesus, der Krankenheiland" geschaffen. Schlicht, doch von Strahlen umgeben, steht in der Mitte des Bildes Christus der Herr. Die linke Hälfte des Bildes liegt in nüchternem Tageslicht. Dort sitzen die klugen Menschen dieser Welt behaglich beisammen und machen hochmütige Gesichter, als ob sie sagen wollten: "Was brauchen wir den da und seine Wunder? Wir glauben ihm nicht, und wir lehnen ihn ab." Einer von ihnen mustert geringschätzig die elenden Gestalten, die von der anderen Seite des Bildes zu Jesus kommen. Arme, geplagte Menschen stecken ihm flehend die Hände entgegen. Blinde Augen suchen den Heiland, den Helfer für ihre Not. Eine Mutter fährt ihr krankes Kind auf einem Karren ganz nahe zu Jesus hin. Er aber steht inmitten der Scharen, bereit, die Krankheiten zu heilen, wenn gläubiges Vertrauen ihn darum bittet. Die Stellung der Menschen zu Christus und seinen Wundern ist dieselbe geblieben von den Tagen Christi bis auf Rembrandt und unsere Zeit. Die einen, die "Reichen im Geiste", lehnen ihn und seine Wunder ab, und der Herr lässt sie "leer ausgehen". Seine Liebe und seine Heilandsmacht gehört den "Armen im Geiste", denn "nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken", wie er selbst gesagt hat.

 

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7. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jes 43,18-19.21-22.24b-25

2 Kor 1,18-22

Mk 2,1-12

 

Der Gelähmte muss gebracht werden. Anders als bei dem Aussätzigen, der selber zu ihm kam, oder bei dem Besessenen, der ihm begegnete, muss der Gelähmte von Vieren getragen werden, er kann den Weg zu Jesus nicht selber gehen. Er kann zwar den Wunsch aussprechen, mit Jesus zusammenzukommen, aber er kann nichts Eigenes dazu tun. Er ist auf Hilfe angewiesen, er wird getragen durch die Kraft der anderen. Allerdings bringt der Gelähmte seinen Glauben und seine Liebe mit, die sich vor allem als Hoffnung ausdrücken. Die vier Begleiter müssen schließlich eine List anwenden, um den Kranken vor den Herrn zu bringen. Auf dem gewöhnlichen Weg geht es wegen der Menge der Menschen nicht, also erfinden sie einen anderen, außergewöhnlichen Weg. Wir wissen nicht wie schwierig es war, das Dach zu öffnen und die Bahre herunterzulassen, es ist auch nicht so wichtig, aber wichtig ist, wie die Liebe zu ihrem Freund die Träger anspornt und ihnen diesen Ausweg zeigt. Sie hätten dem Gelähmten ja auch sagen können: Es geht diesmal nicht, es sind zu viele Leute da, wir versuchen es ein anderes Mal, du musst dich halt zufriedengeben. Nein, es lebt da etwas in ihnen, das sie befähigt, Hindernisse zu überwinden. Und damit gehören diese Helfer durch die Gnade irgendwie bereits der Kirche an, durch ihre Tatkraft und ihren Einsatz. Sie erfinden Wege, um Menschen zu Gott, um Menschen zur Wahrheit zu führen. Und daraus können auch wir ganz viel lernen für unser weiteres Leben. Es gibt Nichtchristen, die uns ein Vorbild des Einsatzes und der Erfindungskraft im Dienst der Nächstenliebe sein können und uns dadurch beschämen. Auch unsere christliche Klugheit und Anstrengung soll nicht nur so weit gehen, als der Weg einfach ist, sondern darüber hinaus, wo er schwierig wird. 

 

Johann Moschus (ein Mönch im Kloster des hl. Theodosii um das Jahr 630, reiste die Klöster zu besuchen mit Sophronio in den Orient, Ägypten und Rom etc. und schrieb mit seiner Hilfe ein Werk unter dem Titel: Viridarium, Paradilus oder Pratum spirituale) erzählt von einem Einsiedler, der in der ganzen Gegend von Jerusalem ob seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft in aller Munde war. Schon bevor er in die Einsamkeit ging, war es seine liebste Beschäftigung, einer armen Witwe oder einem kranken Nachbarn des Nachts das Feld zu bestellen oder die Ernte heimzubringen, ohne dass dieser es merkte. Und so hilfreich blieb er auch in seinem neuen Beruf. Er war fast immer auf dem steinigen Weg zwischen Jerusalem und Jericho zu finden. Sobald er einen müden Pilger sah, nahm er ihm die Last ab und trug sie ihm bis Jerusalem. Für Durstige hatte er stets einen Wasservorrat bei sich. Manchmal sah man ihn ein müdes Kind oder gar deren zwei auf seinen Schultern tragen. Wieder anderen flickte er die zerrissenen Schuhe mit dem Handwerkszeug, das er eigens zu diesem Zweck bei sich trug. Manchmal schenkte er den eigenen armseligen Mantel einem Wandersmann, der keinen hatte. "Und es war rührend", fügt der Bericht bei, "den treuen Alten Tag für Tag sich abmühen zu sehen im Dienst der Hilfsbedürftigen."

 

Als Jesus ihren Glauben sah, als er sieht, dass sie ihn in einer bestimmten Absicht suchen, weiß er, dass sie von ihm eine Heilung erwarten. Sie brauchen ihm das gar nicht erst zu sagen, er weiß genau, was sie wollen, und dass sie es auf Grund ihres Glaubens wollen. D.h.: Er sieht in jedem von uns sofort das Wesentliche. Er sieht es bei den Trägern, bei dem Gelähmten, bei allen anderen sieht er vor allem ihren Glauben. Und wo er auch nur Anzeichen oder Ansätze dieses Glaubens sieht, fühlt er sich verpflichtet und es entsteht eine Bindung zwischen ihm und dem Menschen. Aber dann schenkt er dem Gelähmten etwas, das sein Erwarten bei weitem übertrifft, das für den Gelähmten und vielleicht auch für uns in keinem Zusammenhang steht mit dem, was er erwartet hat. Der Kranke kommt, um seine Lähmung loszuwerden, und der Herr verzeiht im seine Sünden. Es ist eigentlich immer so, wenn der Herr angesprochen wird, etwas von ihm erwartet wird: er antwortet, aber jeweils in seiner Art, die mit unserer kaum übereinstimmt, weil seine Antwort uns immer weit übertrifft. Und das Übertreffende erweckt in uns dann das Gefühl, es ist ganz und gar daneben. Im ganzen Evangelium ist es so: es passt eine Antwort des Herrn nur selten auf die Frage des Menschen, oder besser: die Frage passt nicht auf die Antwort, die der Herr geben will. Und hier werden als Antwort die Sünden verziehen, Sünden, die gar nicht gebeichtet wurden, weil ja die Beichte als Sakrament noch gar nicht eingesetzt ist. Und doch sind es Sünden, die der Herr sieht. Dann fragt der Herr nicht, ob der Gelähmte gesund werden will, sondern er befiehlt: "Steh auf, nimm deine Bahre und geh nach Hause." Zwischen dem Gelähmtsein und dem Aufstehen liegt ein Sprung, aber ein Gelähmter kann ja gar nicht aufstehen, sonst ist er ja gar nicht gelähmt, Der Herr überbrückt diesen Widerspruch: Er verwandelt die Lähmung in Bewegung. Der Gelähmte steht auf und der Herr sagt ihm, dass er seine Bahre nehmen soll. Die Zeugin seines Gelähmtseins, die Bahre, an die er gefesselt war, wird seiner Macht übergeben. Die Bahre, die bisher ihn getragen hat, die trägt er jetzt hinaus. Und das Haus, das bisher sein Gefängnis war, soll er nun in Freiheit betreten und darin ab jetzt im Gehorsam die Nachfolge des Herrn leben. Wenden wir das Ganze auf uns an und ersetzen wir die Lähmung durch Sünde und Kleingläubigkeit und Trägheit usw. und sehen wir zu, was der Herr uns zu sagen hat. Auch von uns verlangt er, dass wir aufstehen, unsere geistige Lähmung überwinden, unseren Kleinmut zusammenpacken wie eine Bahre und das Haus betreten sollen, das sein Haus ist, eine katholische Kirche, in der wir seine Weisungen und Lehren hören und dann befolgen. 

 

Der Präsiden eines großen Bankunternehmens in USA, dessen Konversion in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregte, legte über die Beweggründe seines Rücktritts zur Kirche folgendes Bekenntnis ab: "Immer habe ich mich gesträubt, katholisch zu werden, denn ich wollte frei und unabhängig bleiben. Schon der Gedanke, mich einer Autorität zu unterwerfen, schien mir gleichbedeutend mit Sklaverei. Aber damals wusste ich nicht, was ich jetzt weiß, nämlich dass man sich erst aus aller Sklaverei befreit, wenn man katholisch wird, dass man erst dann die wahre Freiheit findet, die Befreiung von allen Ketten und Schrauben, mit denen man an die Verzweiflung, die Ziellosigkeit, die Ungewissheit und Unsicherheit gefesselt ist. Die wahrheit zu finden, zu wissen, dass es die Wahrheit ist, und sie freiwillig annehmen - kann es eine größere Freiheit geben? Ein Tor ist, wer sich weigert, sich ihr zu unterwerfen!"

 

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Aschermittwoch

Siehe Lesejahr A

 

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1. Fastensonntag - B

 

Gen 9,8-15

1 Petr 3,18-22

Mk 1,12-15

 

In einer mir sehr lieben Übersetzung heißt es: "Und sogleich stieß ihn der Geist in die Wüste." Sobald sich der Heilige Geist auf Jesus herabgesenkt hat, "stieß" oder "trieb" er ihn, in die Wüste zu gehen. Und Jesus ist sofort gehorsam, er geht in die Wüste. Jesus gehorcht dem Geist, ohne zu fragen. Hier wird Jesus ein Beispiel des Gehorsams für uns. Er geht nicht auf eigenen Antrieb in die Wüste, nicht auf Grund einer Überlegung, die er anstellt, und der er dann Folge leistet, sondern er wird vom Geist gestoßen. Wir können hier durchaus an unseren eigenen Weg denken und uns fragen, ob nicht auch wir in der Nachfolge Christi vom Geist Gottes in die Einsamkeit getrieben worden sind. Auch wir sollen im Gehorsam das tun, was uns gesagt wird. Und wenn unser Weg auch nur ein wenig eine Nachfolge Christi sein soll, so muss unser Gehorsam versuchen, sich dem Herrn anzugleichen, denn um überhaupt in der Nachfolge zu sein, müssen wir in der Nachfolge seines Gehorsams sein. "Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt." Die Länge dieser Versuchung macht klar, wie stark der Herr versucht worden sein muss. Es gab darin keinen Stillstand, kein Nachlassender Heftigkeit dieser Versuchungen. Und wenn der Herr vierzig Tage brauchte, um mit den Versuchungen fertig zu werden, braucht es uns nicht zu wundern, wenn wir Sünder viel länger brauchen. Der Satan ließ bei Jesus nicht locker und man sollte keinesfalls denken, es sei für Jesus leicht gewesen, immer standzuhalten. Auch wenn er die Sünde nie gekannt hat, so ist er aber trotzdem ein Mensch, den die Versuchungen ebenso empfindlich treffen wie andere Menschen. Die Versuchungen verlieren bei ihm nichts von ihrer angreifenden und verführerischen Kraft. Der einzige Unterschied zu uns Sündern ist, dass er sie stets ausschlägt. Also halten wir uns, wenn wir vom Satan in Versuchung geführt werden, an das Beispiel des Herrn und bitten wir ihn zu Beginn dieser heiligen Fastenzeit um die Kraft, mit seiner Gnade widerstehen zu können. 

 

Der heilige Einsiedler Coemgen (+ 618 in Irland), war schon hochbetagt. Da überkam ihn, so meldet die Legende, eine merkwürdige Unruhe und Wanderlust. Der Weg führte ihn beim Einsiedler Garban vorüber. "Wohin, Mann Gottes?" redete der ihn an. "Wie, du wanderst umher? Glaube mir, es ist besser, an einem Ort in Christus treu auszuharren, als im Greisenalter noch umherzuwandern. Oder hast du je gehört, dass ein Vogel seine Eier im Flug ausbrütet?" Heilsam beschämt, kehrte Coemgen um. Doch vorher wollte er noch den blinden heiligen Berchan besuchen. Der nahm ihn gütig auf und ließ dem staubbedeckten Pilger ein warmes Bad bereiten. Seine Holzschuhe stellte Coemgen außen ab. Berchan ließ sie holen. Als der Bruder sie ihm brachte, rief ihm Berchan schon von weitem zu: "Was sitzt denn auf den Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon!" Dann fing er heftig zu schimpfen an: "Was tust du hier, Versucher? Wie kannst du es wagen, das Schuhwerk dieses heiligen Mannes zu berühren? Fort mit dir!" schrie er den Dämon auf dem Holzschuh an. "Wir konnten ihm", versetzte frech das Teufelchen, "nichts anhaben, außer unter dem Schein des Guten. So bin ich denn in seinen Schuh geschlüpft und hab ihn zu frommer Pilgerfahrt verleitet." Sprachs, und machte sich schleunig aus dem Staub. Da war St. Comgen gründlich geheilt von seinem unheiligen Wandertrieb, zog heimwärts und blieb fortan in Furcht und Liebe Gottes bis an sein seliges Ende in seiner stillen Zelle.

 

"Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm." Der Herr ist also in der Wüste nicht alleine. Wilde Tiere sind da, und auch Engel stehen zu seinen Diensten bereit. Bei dieser Vorstellung ist ein Schmunzeln sehr angebracht. Wilde Tiere und Engel: welche Kontraste umgeben Jesus. Aber wir haben auch Mühe bei unseren Vorstellungen: um ihn herum sind dienende Engel, ein versuchender Satan und wilde Tiere. Ein richtiges Getümmel um Jesus herum in dieser Wüsteneinsamkeit. Und doch ist darin ein großer Trost für uns enthalten: Wir Christen sind in unseren Versuchungen nie alleine gelassen. Immer sind die Engel da, die helfen, ob wir sie sehen oder nicht. Der Herr sieht die Engel natürlich, weil er in seinem ganzen Erdenleben bis hin zum Kreuz seinen Blick für das Überirdische nie verloren hat. Er sieht die Taube, hört die Stimme des Vaters und erblickt auch die Engel. Wir Christen können freilich nicht erwarten, dass wir die überirdische Welt ebenso sehen können wie Jesus, aber wir bekommen nach und nach ein Gespür dafür, ob das was uns begegnet von Gott oder vom Teufel kommt. Das ist Gnade.

 

Papst Pius IX. erzählte gern ein Erlebnis aus seiner Jugendzeit zum Beweis für die wunderbare Hilfe des Schutzengels. In der väterlichen Hauskapelle versah er als Knabe den Ministrantendienst. Eines Tages, als er an der untersten Altarstufe kniete, während der Priester das heilige Opfer feierte, wurde ihm auf einmal merkwürdig bang zumute. Er wusste nicht, warum. Sein Herz begann mächtig zu klopfen. Unwillkürlich wandte er seine Augen wie hilfesuchend nach der gegenüberliegenden Seite des Altars. Da erblickte er ebendort auf einmal einen schönen Jüngling, der ihm winkte, zu ihm herüberzukommen. Verwirrt durch diese Erscheinung, wagte er nicht, sich von seinem Platz zu erheben. Aber die leuchtende Gestalt winkte noch nachdrücklicher. Da sprang er auf und eilte hinüber. Die Erscheinung verschwand. Im selben Augenblick stürzte vom Altar eine schwere Heiligenstatue herab und gerade auf den Platz, den der kleine Ministrant soeben verlassen hatte. Bis ins höchste Alter blieb dem Papst dieses Jugenderlebnis unvergesslich und zeitlebens blieb er seinem Schutzengel für dieses sichtbare Eingreifen dankbar.

 

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2. Fastensonntag - B

 

Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18

Röm 8,31b-34

Mk 9,2-10

 

Der Herr nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit in die Einsamkeit. Er nimmt sie weg aus der Schar der anderen Jünger, auch weg vom Volk, hinein in eine engere Auswahl. Selbstverständlich nimmt er Petrus mit. Petrus, weil er jetzt die Kirche vertritt, Jakobus, der Vertreter der Gemeinschaft, und Johannes, der die persönliche Liebe vertritt. Er zeigt sich diesen drei Jüngern in einer für sie ganz neuen Weise. Er wurde verwandelt, heißt es. Und als Beschreibung dieser Verklärung nur der Hinweis: seine Kleider wurden strahlen weiß. Man weiß als Zuhörer nicht, ob Jesus diese Veränderung wirklich durchmacht, oder ob die drei erwählten Jünger ihn plötzlich nur so sehen, wie er immer vor Gott steht. Man darf wohl annehmen, dass die Verklärung vor allem eine göttliche Wahrheit ist, die den Jüngern für nur einen kurzen Augenblick zuteil wird. Sie sehen Jesus mit den Augen Gottes. Sie sehen ihn mit und in dem Licht, mit dem Gott ihn sieht. Sie sehen sein Gott-Sein, seine Heiligkeit, sein Leben mit dem Vater, das er immer besitzt und das ihren irdischen Erkenntnissen sonst verborgen bleibt. Dieser Augenblick wird von den drei Jüngern unvergesslich bleiben. Sie erfahren, wer Jesus eigentlich ist. Sie sollen erzittern darüber, so mit Gott selbst zusammenleben zu dürfen, in seiner Nähe leben zu können. Jeden Tag könnten sie diesen Anblick gar nicht aushalten, sie wären damit überfordert, deshalb nur in diesem kurzen Augenblick. Aber sie müssen sich daran erinnern, ihn so gesehen zu haben, wie er vor Gott steht, ganz anders, als sie ihn bisher gesehen haben. An dieser Stelle sollen wir fragen, ob auch Maria eine Verklärung besitzt, die man mit menschlichen Augen nicht sehen kann. Und die Antwort muss lauten: Ja, von Anfang an. Sie war zwar die einfache Jungfrau, die schlichte Frau, so wie alle Frauen in ihrer Umgebung, aber sie war zugleich die Inhaberin eines so großen Geheimnisses, dass Gott sie auch mit ganz anderen Augen sieht als die Menschen. Von Anfang an besaß sie einen Anteil am Geheimnis der Verklärung ihres Sohnes. Gott sieht Maria in einer Reinheit, die die Menschen nicht ahnen können. Aber ihre Reinheit ist eben verborgen. Nur ihr Sohn sieht ihre Verklärung. Es gibt ein tiefes Geheimnis der Mutter Gottes, das ihr ganzes Leben einhüllt. Verehren und lieben wir sie als himmlische Mutter und Königin an allen Tagen unseres Lebens.

 

Es war an einem stürmisch trüben Spätherbstabend des Jahres 1849, da stand Papst Pius IX., der wenige Tage zuvor durch die Revolution aus Rom vertrieben worden war, sinnend auf einer Felsenterrasse am Hafen von Gaeta und blickte auf die wild schäumende Meeresbrandung hinaus. In seinem Auge glänzten Tränen. Sein Herz sah im Aufruhr der Elemente ein Abbild der Stürme, die das Schifflein Petri von allen Seiten umtosten. Da sprach der alte Kardinal Lambruschini, der neben dem Papst stand: "Heiliger Vater, Sie werden die Wunden der Zeit nur heilen können, wenn sie die Unbefleckte Empfängnis der Welt verkünden. Diese Lehrentscheidung wird den Völkern die übernatürlichen Wahrheiten zum Bewusstsein bringen und die Geister von den Irrwegen des Naturalismus auf den Weg Christi zurückzuführen." Fünf Jahre später, am 8.12.1854, verkündigte Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Gottesmutter und Jungfrau Maria.

 

Ja, wir können bei der Frage nach der Verklärung sogar noch einen Schritt weiter zurückgehen, bis zur heiligen Mutter Anna, zum Mutter Marias, die auch an diesem ganzen Geheimnis teilhat, weil sich in ihr die Unbefleckte Empfängnis vollzogen hat. Das geschah natürlich nicht für die heilige Anna selbst, sondern schon für ihr Enkelkind, für unseren Herrn und Heiland Jesus Christus. Es ist ein Geheimnis, das von der Mutter Anna zur Mutter Maria zum Herrn für die ganze Kirche geht. Wie aber stehen wir zu diesem Geheimnis? Ist da zu viel Volksfrömmigkeit enthalten oder gar Frömmelei, oder ist es im Laufe der zweitausend Jahre Kirche langsam verlorengegangen? Nein, es gilt heute noch genau so wie am Anfang. Es gilt, weil es im Evangelium enthalten ist, weil es uns täglich neu zur Wahrheit werden soll. Es gibt in Gott ein Verklärtsein unseres Herrn Jesus Christus, an dem teilzunehmen wir durch die Mutter und damit auch deren Mutter eingeladen sind. Danken wir Gott für dieses große Geheimnis, das wir in seiner ganzen Größe niemals werden erfassen können, uns aber immer begleiten soll, nicht als etwas Nebensächliches, das man betrachten kann oder auch nicht, sondern wie ein zentrales Geheimnis unseres Lebens im Herrn. 

 

Der Tag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis am 8.12.1854 zu St. Peter in Rom war gekommen. Nachdem ein gewaltiges "Komm, Heiliger Geist!" zum Himmel emporgedrungen war, erhob sich Papst Pius IX. und verkündete stehend, als oberster Lehrer der Kirche und Ausleger der apostolischen Überlieferung, in Gegenwart von nahezu 200 Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen, mehreren tausend Priestern und Ordensleuten aus allen Orden und mindestens 50.000 Gläubigen aus allen Weltteilen das Vorrecht der glorreichen Himmelskönigin. Als er zu der Stelle kam, die sich an die Unbefleckte richtete, zitterte seine Stimme vor innerer Bewegung, und da er die Worte sprach: "Wir erklären, verkünden und entscheiden", überwältigte ihn die Rührung so sehr, dass er innehalten und sich die Tränen abwischen musste, die aus seinen Augen stürzten. Während der Verlesung der Bulle hob der Wind zuweilen den Vorhang an einem Fenster der Peterskuppel; dann fielen die durch das Fenster eindringenden Sonnenstrahlen gerade auf das Antlitz des Papstes, das dadurch wie in Verklärung glänzte. Es war, als wollte ihm der Himmel sein Wohlgefallen und die seligste Jungfrau ihren Dank zu erkennen geben. 

 

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3. Fastensonntag - B

 

Ex 20,1-17

1 Kor 1,22-25

Joh 2,13-25

 

Jesus kommt in den Tempel und findet dort die Waren und die Händler vor. Aber er unterscheidet nicht, er wirft sowohl die Waren, wie die Händler hinaus. Er warnt nicht vorher, er hält keine Predigt und mahnt sie nicht, sondern alles wirft er in einer stürmischen und spontanen Aktion aus dem Tempel hinaus. Die Händler und die Waren haben beide nichts mit dem Gottesdienst zu tun. Er, der sonst immer bereit ist, die Sünder aufzunehmen und die Suchenden weiterzuführen, er kennt hier keinen anderen Weg, er ist kompromisslos. Er will trennen. Er will auseinanderhalten. Diesen Krämern fehlt die rechte Gesinnung, die im Gotteshaus wichtig ist, daher behandelt er sie nicht nur unsanft, sondern er wirft sie ohne Worte hinaus. Der Herr geht auf jeden Menschen ein, er lässt sich zu jedem herab, der eine Frage oder eine Bitte an ihn hat, aber mit diesen Satten, die nur an ihren Gewinn denken, die nur ihr Geschäft sehen, will er nichts zu tun haben. Er ist steinhart und unerbittlich. Er prügelt sie sogar, er geht aufs Ganze. Von den Rindern bis zu den Tauben, vom Gröbsten bis zum Feinsten wird alles ohne Ausnahme von ihm verworfen. Nichts will von all dem will er hier im Haus seines Vaters sehen. Jeder Handel innerhalb des Tempels ist ihm ein Ärgernis. Und durch diese Tat des Herrn wissen wir auch: In der Kirche dürfen keine Geschäfte gemacht werden, hier sind Glaube und Liebe wichtig. Durch seine radikale Handlung sollen es alle Menschen zu allen kommenden Zeiten wissen und beherzigen, um jede Art von Geschäften aus den Kirchen verschwinden zu lassen. Auch das soll verschwinden, was eine Vermischung von Kultus und Krämerei darstellt, wie z.B. Simonie oder der Missbrauch des Ablasses. Der Herr weiß wohl, dass auch die Kirche leben muss und daher irdische Mittel braucht, aber davon ist hier gar nicht die Rede. Auch nicht von der Vergütung für die Heilige Messe, von den sogenannten Messstipendien. Sondern was nicht geduldet wird, dass sich Menschen in der Kirche aufhalten, die nicht glauben, die nichts von Gott erbitten und erwarten, sondern nur das Eigene im Sinn haben. Einen wirklich Suchenden und Betenden hätte der Herr niemals aus dem Tempel hinausgeworfen. Aber völlig unerträglich ist für ihn diese Mischung von Unglaube und Geschäft. 

 

Auf einer Tafel in einer Tiroler Kirche steht folgende kurze, aber gehaltvolle Belehrung über den "Schaden des Schwätzens in der Kirche":

1. Man nimmt Gott die Ehre,

2. den Engeln die Freude,

3. den Armen Seelen die Hilfe,

4. dem Mitmenschen die Andacht,

5. sich selbst Gottes Gnade.

Der heilige Johannes "der Almosengeber" duldete auch nicht, dass jemand in der Kirche schwätzte. Wer dies tat, dem wies er vor aller Augen die Kirchentür, indem er zu ihm sprach: "Bist du hierher gekommen, um zu beten, so verwende Geist und Mund zum Gebet! Bist du aber gekommen, um zu schwätzen, so wisse, es steht geschrieben: Das Haus Gottes soll ein Bethaus sein. Mache es also nicht zur Räuberhöhle."

 

Nachdem der Herr seine Unerbittlichkeit gezeigt hat, redet er aber doch mit den Händlern. Er will ermahnen, dass das Geschäft von der Kirche getrennt wird. Wenn sie etwas in den heiligen Raum mitbringen, dann sollen sie es in die Hände des himmlischen Vaters legen: Das Gebet, die Liebe, all ihre Hoffnung und der Glaube. "Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich." Sein Eifer verzehrt den Herrn. Was bei uns verzehrt werden sollte, ist unser Ich, indem es glaubt und hofft und dient und der Liebe untertan ist. Wir sollen nicht in uns selbst unseren Mittelpunkt haben, sondern in unserer Sendung, die wir von Gott erhalten haben, in unserem Auftrag. So ist es auch beim Herrn selbst. Jede seiner Taten geschieht vor den Augen des Vaters, und jedes Stehen vor den Augen des Vaters wird fruchtbar in einer Tat der Liebe. So liegt das Schwergewicht des Herrn und auch sein Ruhepunkt allein im Vater. Er kann sich sogar mit Gott identifizieren, so wie wir uns im Herrn Jesus Christus identifizieren sollen. In ihm können wir sogar wissen, wer wir sind: nämlich Sünder und von seiner Gnade Beschenkte. Aber das wollen wir leider oft nicht, wir wollen uns vielmehr in uns selbst um uns selbst drehen, indem wir jeden Ausblick über uns hinaus verriegeln. Und darum identifizieren wir uns allmählich auch in der Sünde. Wir machen stückweise aus unserer Sünde ein Reservat, das wir für uns behalten, das anfangs nur wir betreten dürfen und schließlich auch vor uns selbst verbergen. 

 

Die Schriftstellerin Alexandra Anzerowa wollte einmal in Russland, so erzählt sie in ihrem Buch "Aus dem Lande der Stummen", eine alte Holzkirche in einem Dorf am Ufer der Nord-Dwina besuchen. "Ich stand auf dem Friedhof am hohen Flussufer - aber wo war denn die Kirche? Ich sah sie nicht. Ein altes Weiblein sitzt auf einem Grabstein. "Wo ist die Kirche?" fragte ich sie. Die Alte lächelte traurig. "Ja, der liebe Gott hat nicht gewollt, dass noch mehr Gotteslästerungen und Sünden hier bei uns geschehen. Er hat sie uns selbst genommen, wir sind wohl ihrer nicht würdig gewesen. Die Komsomolzi in unserem Dorf hatten beschlossen, die Kirche abzubrechen - es sei Schwindel, leeres Gerede, es gäbe keinen Gott, sagten sie. In der Nacht nach diesem Beschluss - es war gerade die Nacht vor Pfingsten - war plötzlich unter furchtbarem Getöse der Fluss lebendig geworden. Er regte sich und sprengte das Eis und warf es umher. Plötzlich sahen wir eine gewaltige Eisscholle auf die Kirche stürzen und sie wie mit einem Messer wegschneiden. Die ganze Kirche mit allem Schmuck, mit Bildern und Gefäßen glitt groß und feierlich vor unseren Augen auf der Eisscholle den Fluss entlang. Der Sturm schlug die Glocken aneinander, ein Strick riss, und eine Glocke fiel ins Wasser. Schon war die Kirche unseren Blicken entschwunden, aber wir hörten noch das immer weiter verklingende wehmütige Geläute. Das war unser Pfingstgottesdienst."

 

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4. Fastensonntag - B

 

2 Chr 36,14-16.19-23

Eph 2,4-10

Joh 3,14-21

 

5. Fastensonntag - B

 

Jer 31,31-34

Hebr 5,7-9

Joh 12,20-33

Palmsonntag - B

Lesungen siehe Lesejahr A

Passion nach Mk 14,1-15,47

 

Gründonnerstag

Siehe Lesejahr A

 

Karfreitag

Siehe Lesejahr A

 

Osternacht - B

 

Lesungen wie in A

Evangelium Mk 16,1-7

 

Ostersonntag

Siehe Lesejahr A

 

Weißer Sonntag - B

 

Apg 4,32-35

1 Joh 5,1-6

Joh 20,19-31

 

2. Sonntag der Osterzeit - B

 

Apg 3,12a.13-15.17-19

1 Joh 2,1-5a

Lk 24,35-48

 

4. Sonntag der Osterzeit - B

 

Apg 4,8-12

1 Joh 3,1-2

Joh 10,11-18

 

5. Sonntag der Osterzeit - B

 

Apg 9,26-31

1 Joh 3,18-24

Joh 15,1-8

 

6. Sonntag der Osterzeit - B

 

Apg 10,25-26.34-35.44-48

1 Joh 4,7-10

Joh 15,9-17

 

Christi Himmelfahrt - B

 

Apg 1,1-11

Eph 1,17-23

Mk 16,15-20

 

7. Sonntag der Osterzeit - B

 

Apg 1,15-17.20ac-26

1 Joh 4,11-16

Joh 17,6a.11b-19

 

Pfingsten - A(BC)

 

Apg 1,1-11

Gal 5,16-25

Joh 15,26-27; 16,12-15

 

Dreifaltigkeitssonntag - B

 

Dt 4,32-34.39-40

Röm 8,14-17

Mt 28,16-20

 

Fronleichnam - B

 

Ex 24,3-8

Hebr 9,11-15

Mk 14,12-16.22-26

 

Herz-Jesu-Fest - B

 

 Hos 11,1.3-4.8a.c-9

Eph 3,8-12.14-19

Joh 19,31-37

 

8. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Hos 2,16b.17b.21-22

2 Kor 3,1b-6

Mk 2,18-22

 

9. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Dt 5,12-15

2 Kor 4,6-11

Mk 2,23-3,6

 

10. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Gen 3,9-15

2 Kor 4,13-5,1

Mk 3,20-35

 

11. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Ez 17,22-24

2 Kor 5,6-10

Mk 4,26-34

 

12. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Ijob 38,1.8-11

2 Kor 5,14-17

Mk 4,35-41

 

13. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Wh 1,13-15; 2,23-24

2 Kor 8,7.9.13-15

Mk 5,21-43

14. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Ez 2,2-5

2 Kor 12,7-10

Mk 6,1-6a

 

15. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Am 7,12-15

Eph 1,3-14

Mk 6,7-13

 

16. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jer 23,1-6

Eph 2,13-18

Mk 6,30-34

 

17. Sonntag im Jahreskreis - B

 

2 Kön 4,42-44

Eph 4,1-6

Joh 6,1-15

 

18. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Ex 16,2-4.12-15

Eph 4,17.20-24

Joh 6,24-35

 

Der Gegensatz zwischen Altem und Neuem Bund wird durch Jesus scharf zugespitzt. "Nicht Mose hat euch das wahre Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot. Denn das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabsteigt und der Welt das Leben spendet." Dieses erste Wunder des Mose ist nur ein Vorbild gewesen, nun aber, da die Erfüllung gekommen ist, ist das Brot vom Himmel Jesus selbst. Er spendet das wahre Leben, das ewige Leben. Was von jetzt an vom Himmel herabsteigt, hat nur noch eine Richtung, eine Tendenz, einen Sinn: den Himmel zu vermitteln und zum Himmel zurückzuführen. Darüber hinaus gibt es nichts mehr und ist auch nichts weiteres zu erwarten. Im Mittelpunkt steht ab jetzt die Eucharistie, die, ob einmal gespendet oder täglich und überall verteilt, nur noch eins kennt: die Verleihung des ewigen Lebens. Und für jeden Menschen, der den Herrn in der Eucharistie empfangen hat, bleibt er zugänglich auch außerhalb des sichtbaren Empfanges der Hostie: die Einigung mit dem Herrn erschöpft sich nicht in der vom Priester gespendeten Kommunion. Sondern diese wirkt über sich selbst hinaus: die Sättigung, die sie gibt, vermittelt zugleich auch den Durst nach weiterer und stetiger Kommunion. Daraus folgt: Dieser Durst der Liebe ist das Leben von uns Christen in Gott, das Geschenk des ewigen Lebens, das uns dieses Brot vom Himmel gebracht hat. 

 

Satyrus, der Bruder des großen Heiligen Ambrosius, war, wie ursprünglich auch der heilige Bischof, Staatsbeamter. Auf einer Reise von Afrika nach Italien geriet sein Schiff in einen furchtbaren Sturm. Es wurde an die Küste zurückgeworfen - jeden Augenblick konnte es zerschellen. Und Satyrus war noch Heide, noch immer nicht getauft, trotz jahrelanger Mahnungen des Gewissens und seines bischöflichen Bruders. Wie es jetzt mit einem mal in seinem Inneren hämmerte, wie es pochte! Heiße Gebete zum Allerbarmer stiegen in ihm auf, und das Versprechen, nun endlich Christ zu werden, rang sich in jener furchtbaren Stunde durch. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. Er wusste, dass die Getauften auf gefahrvollen Reisen das göttliche Geheimnis des Glaubens, das heiligste Sakrament, bei sich tragen durften. Er bat einen Christen um ein Teilchen des eucharistischen Brotes, das dieser, damaligem Brauch entsprechend, bei sich trug, ließ es in ein Linnentüchlein legen und schlang es um den Hals. So sprang er ins Meer, um sich schwimmend zu retten. Er dachte gar nicht daran, eine der losgerissenen Planken zu erhaschen. Ihm genügte die Nähe des Sakraments. Andere Hilfe verlangte er nicht. Und tatsächlich wurde er aus den Fluten gerettet und stieg wohlbehalten ans Land. Das erste, was er tat, war, sein Versprechen einzulösen, eine christliche Kirche aufzusuchen, um dort seinem Gott und Herrn zu danken. Dann ließ er sich taufen. "So empfing er", erzählt sein Bruder, "die ersehnte Gnade Gottes. Er hat sie treu bewahrt. Und wenn er schon den Schutz des himmlischen Geheimnisses erfahren hatte, da er es im Linnen bei sich trug, wie stark musste sein Glaube erst werden, wenn er das Geheimnis mit dem Mund empfing und in die Tiefen des Herzens aufnahm! Wieviel klarer musste er es erkennen, wenn er es im Innern seines Herzens trug, da es ihm noch umhüllt schon solchen Nutzen gebracht hatte!" 

 

"Da riefen die Jünger ihm zu: Herr gib uns immerdar dieses Brot!" Der Hunger nach diesem Brot, dass das ewige Leben spendet, ist in den Jüngern so groß geworden, dass sie ihn in sich stärker und lebendiger fühlen als sich selbst. Er beginnt das zu werden, was ihr Leben bestimmt. Er erhält den ersten Platz in ihrem Leben, und die Jünger werden ihm ihre ganze Kraft und ihr ganzes Leben opfern müssen. Durch diesen Hunger wird eine ganz große Sehnsucht erkennbar nach der himmlischen Herrlichkeit. Sie fordern nicht, sie bitten wie die Kinder, aber sie ahnen nicht, dass bis zur Erfüllung ihr Hunger noch unendlich wachsen muss, während sie selber noch unendlich abnehmen müssen. Aber dann scheint der Herr das genaue Gegenteil dessen zu sagen, was wir eben betrachtet haben. Wer zu ihm kommt, wird nicht mehr hungern, wer an ihn glaubt, wird nicht mehr dürsten. Aber dieser Gegensatz, dieser schmerzliche Abstand zwischen der Sehnsucht und der Erfüllung wird erst einst im Himmel vollständig überbrückt sein. Dann wir man wirklich im erfüllten Glauben zum Herrn gekommen sein und nicht mehr hungern und dürsten. Diese Kluft wird von der Gnade geschlossen und nicht durch unsere Anstrengung. 

 

In einer Missionspredigt forderte der Missionar sehr eindringlich zur fleißigen Übung der geistigen Kommunion auf, oder, wie er es nannte, zur "Kommunion der Sehnsucht". Bei der Predigt war auch ein Andersgläubiger anwesend. Gerade dieser Gedanke, man solle fleißig die Kommunion der Sehnsucht üben, machte auf ihn nachhaltigen Eindruck. Er geht heim, erzählt von dieser Art zu kommunizieren seiner Familie. Bei allen fällt der Gedanke, die geistige Kommunion geistig zu empfangen, auf guten Boden. Ungefähr nach einem Jahr erhielt der Missionar einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seit jener Predigt in der andersgläubigen Familie die "Kommunion der Sehnsucht" öfter empfangen wurde. Es verging noch einige Zeit und die ganze Familie trat zur katholischen Kirche über, glücklich, den Erlöser nun auch wirklich empfangen zu können.

 

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19. Sonntag im Jahreskreis - B

 

1 Kön 19,4-8

Eph 4,30-5,2

Joh 6,41-51

 

"Unser tägliches Brot gib uns heute." Das Brot ist das unbedingt notwendige Lebensmittel für uns. Die Vater-unser-Bitte will aussprechen, wie nötig wir das tägliche Brot brauchen. Aber der Herr ist für uns in gleicher Weise lebensnotwendig. Er sagt von sich, dass er das "Brot des Lebens" ist, er ist das "Brot, das vom Himmel herabkommt". Aber welches Leben ist hier gemeint? Der Herr meint zuerst das ewige Leben, das uns niemand geben kann als Gott allein. Und darum sagt er von der heiligen Kommunion: "Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit." Er lädt uns in der heiligen Kommunion ein, sein Fleisch zu essen. Diese Einladung klingt sogar wie ein Gebot. Sein Wort ist von einer so leuchtenden Einfachheit und Deutlichkeit, dass jeder Versuch, es zu verbiegen oder abzuwerten oder es als bloßes Symbol anzusehen, eine schwere Sünde ist, ein Ungehorsam Gott gegenüber.

 

Es ist gut zu verstehen, dass an dieser Stelle viele über den Herrn schimpfen oder sich von ihm abwenden. Es ist so schwer zu begreifen, was er da sagt. Aber er will nicht, dass sie "murren", dass sie schlecht denken und reden über ihn und miteinander tuscheln. Es ist damals und heute so und zu allen Zeiten: Sein Fleisch essen? Wie soll das gehen? Aber die Menschen sollen das leise Murren sein lassen, sondern ihre Kritik soll so hörbar für alle werden, dass der Heiland sie auch hört und Gelegenheit bekommt, zu antworten. Genau so soll auch bis zum Ende der Welt die Kritik an der Kirche laut ausgesprochen werden, damit die Kirche die Möglichkeit bekommt, sich dazu zu erklären. Die Kritik von außen wird von der Kirche nur gehört und beantwortet, wenn sie laut und deutlich gesagt wird. Der Herr lehnt hier nicht generell die Kritik ab, sondern er lehnt das böse Getuschel ab, das Schwatzen und Tratschen und Murren im Geheimen, das sich nicht dem Gespräch stellt. Denn solange die Kritik ein leises Geschwätz ist, hat sie auch die Möglichkeit, sich unter vielen anderen Menschen auszubreiten, wie sich eine ansteckende Krankheit im Leib des Menschen ausbreitet. Die Kritik am Herrn, an seiner Kirche und an den heiligen Sakramenten kann so raffiniert und verderblich werden, dass man die ursprünglichen Zusammenhänge gar nicht mehr erkennen kann. Kritik gehört zum Leben dazu, aber sie soll anständig bleiben. 

 

Beim Empfang der heiligen Wegzehrung erhob sich der heilige Johannes Berchmans, auf die Arme seiner Mitbrüder gestützt, von dem ärmlichen Lager, auf dem er nach seinem Wunsch am Boden ausgestreckt den Tod erwartete. Er kniete nieder und brach nach dem Beten des Confiteor plötzlich in tiefer Ergriffenheit in das Bekenntnis aus: "Ich bekenne, dass hier der wahre Sohn Gottes des allmächtigen Vaters und der seligsten, allzeit jungfräulichen Mutter Maria zugegen ist. Ich beteure, dass ich als wahres Kind der seligsten Jungfrau Maria leben und sterben will..."

  

Auch wir erleben, wie wir uns selbst den Blick auf das Wesentliche verbauen. Sehen wir Jesus nur als immer hilfsbereiten aber besitzlosen Wanderprediger oder als Gottes Sohn? Erkennen wir in den Gaben von Brot und Wein nur Symbole der göttlichen Liebe oder die Realpräsenz Christi mit Fleisch und Blut? Ist die Kirche für uns nur eine sozial tätige Institution neben vielen anderen oder ist sie das vom Herrn selbst gegründete Heilswerk für die Menschen. Nur durch den glaubenden und anbetenden Blick sehen wir klar und deutlich, dass uns Gott nicht betrogen und belogen hat und die Kirche nicht irren kann. Wir erleben die übernatürliche Wirklichkeit als gläubige und "mit dem Herzen sehende" Kinder unserer heiligen Mutter, der katholischen Kirche. 

 

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20. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Spr 9,1-6

Eph 5,15-20

Joh 6,51-58

 

Da stritten die Menschen miteinander und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Die Menschen verstehen nichts, weil sie alles fleischlich deuten - die Juden damals, die Menschen heute. Mit jedem Wort des Herrn verbinden Menschen eine Vorstellung, die sich in den Grenzen ihres gewohnten bisherigen Denkens befindet. Sie halten ihr eigenes Denken für das Maß aller Dinge. Ihre eigene Erfahrung ist ihnen immer die gesetzte Grenze und die Norm des Begreiflichen wie des Unbegreiflichen. Und alles, was sie Neues lernen, wird in den Lehrplan eingefügt, den sie selber entworfen haben. Dass es einen Plan geben könnte, in dem sich nicht mehr alles um die eigenen Gedanken und Vorstellungen dreht, das ist ihnen nicht nur unbekannt, sondern auch unerwünscht. Aus dieser Perspektive heraus streiten sie miteinander. Sein Fleisch essen? Sie haben vom Leben und vom Essen keine andere Vorstellung als eine animalische, und daher auch keine andere vom eigenen Fleisch und vom Fleisch des Herrn.

 

Die kleine Theresia, später die heilige Theresia vom Jesuskind, war dreieinhalb Jahre alt und ihre Schwester Celine sieben Jahre, als ihre Mutter eines Tages folgendes Zwiegespräch der beiden Kleinen belauschte. Celine fragte ihre jüngste Schwester: "Wie ist es möglich, dass der liebe Gott in einer so kleinen Hostie ist?" Theresia antwortete: "Da ist doch nichts dabei, der liebe Gott ist doch allmächtig!" "Und was heißt das, er ist allmächtig?" fragte die Schwester als kleiner Katechet weiter. "Das heißt, er tut und kann alles was er will." 

 

Der Herr wiederholt, was er schon gesagt hat: wer ihn als das lebendige Brot anerkennt und empfängt, für den wird das Leben des Herrn zu seinem eigenen Leben. Alles, was der Mensch bisher als Leben angesehen hat, war nur eine animalische Funktion. Dieses alte Leben hatte zum Gesetz den Trieb der Selbsterhaltung und der Fortpflanzung, mit Genuss, Geselligkeit und Arbeit verbunden. Das Leben dagegen, das der Herr geben will, ist Leben innerhalb von Glaube, Liebe und Hoffnung. Und der Zugang zu diesem neuen Leben ist er selber. Er spendet sich uns in den heiligen Sakramenten. 

 

Am 7. Juli 1860 zeigten sich die Türken in Damaskus ungewöhnlich unruhig und ließen ihrem

Hass, der mühsam niedergehaltenen Verachtung gegen Christus und die Christen, offen die Zügel schießen. Kurz darauf brach der Sturm los. Die christlichen Häuser wurden geplündert und in Brand gelegt. Hellauf loderten die Flammen durch den dämmernden Abend, durch die Nacht und lockten die draußen lagernden Drusen und Beduinen in die Stadt. Ein furchtbares Gemetzel begann. Die Straße der Christen war eine einzige Feuerzeile und Blutlache. Die Klöster der Lazaristen, der Schwestern der Ewigen Liebe, das Haus des Patriarchen standen in Flammen. Schon rückte die wütende Rotte gegen das Franziskanerkloster an. Der Superior, P. Emmanuel el Ruiz, hatte das Allerheiligste aussetzen lassen, um bei dem einzigen Helfer und Schützer Rat und Stärke und, wenn es Gottes Wille war, Rettung zu suchen wie einst St. Klara vor den anstürmenden Sarazenen. Doch in Gottes unerforschlichem Ratschluss war es anders beschlossen. Pater Emmanuel hatte gerade noch Zeit, das heilige Geheimnis des Tabernakels durch Konsumieren vor Verunehrung zu retten, als die fanatische Meute in die Kirche drang. Er führte sie ruhig, in priesterlicher Hoheit und Würde, an den Hochaltar. Dann legte er sein Haupt auf das weiße Linnen und sprach: "Nun haut es ab!" Im gleichen Augenblick sauste ein Krummsäbel nieder und trennte das Haupt vom Rumpf. Ihm folgten unmittelbar in den glorreichen Bekennertod alle 6 anwesenden Franziskaner-Patres. 

 

Im letzten Vers des Evangeliums zeigt der Herr noch einmal den Zusammenhang zwischen seinem himmlischen Leben, dem Leben dessen, der ihn isst, und dem künftigen ewigen Leben. Das Leben der Menschen ist endlich und sterblich. Es gab darin die kleine Überraschung des Manna, das kleine Wunder, die kleine Öffnung zu Gott, die sich aber sogleich wieder schloss durch den Tod. Das neue Leben, das kein Manna mehr braucht, weil das körperliche Leben sein Gewicht verloren hat, weil das Gewicht nun allein auf dem Leben des Herrn liegt, ist ein Leben in Gott und aus Gott. Zwischen dem Empfang des Brotes und dem ewigen Leben ist alles nur noch eine einzige, ununterbrochene Bewegung. In ihr hat der Tod keinen Raum mehr. Dieses ewige Leben wird zwar nicht beschrieben, man weiß nur, dass es Leben ist und Ewigkeit. Aber noch eins weiß man doch: dass es schon jetzt ewiges Leben ist für den, der den Herrn und mit ihm den Vater empfängt. Danken wir dem Herrn für diesen Zugang zum ewigen Leben, für die heilige Kommunion. Und nach seinen Worten wird keine andere Bedingung aufgestellt als die eine, immer wiederholte: sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken.

 

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21. Sonntag im Jahreskreis - B

 

 

Jos 24,1-2a.15-17.18b

Eph 5,21-32

Joh 6,60-69

 

In den Texten dieses Sonntags geht es immer wieder um die wahre Gemeinschaft in der Kirche. Im Tagesgebet heißt es: "Gott, unser Herr, du verbindest alle, die an dich glauben, zum gemeinsamen Streben." Die Gemeinschaft in der Kirche findet sich nicht, weil die Menschen sie wirken und wollen, sondern sie kommt allein durch Gott als ein Geschenk. Er verbindet die, die er berufen hat, mit ihm und untereinander und fügt sie zur Gemeinschaft in seiner Kirche zusammen. In der alttestamentlichen Lesung wird gezeigt, wie die Gemeinschaft gefährdet werden kann und wie solch eine Gefährdung überwunden wird. Die Lesung aus dem Neuen Testament lässt uns dann hineinschauen in die Gemeinschaft der Kirche. Wir hören vom Wetteifer in der dienstbereiten Liebe, vom Gehorsam Gott und Menschen gegenüber und von der Unterordnung in Freude. Schließlich lässt uns das Evangelium verstehen, dass es wahre Gemeinschaft in der Kirche nur für den geben kann, der den ganzen Jesus Christus und sein unverkürztes Evangelium annimmt. Der, der Jesu Worte unerträglich findet und sich lieber selbst auswählt, was er davon behalten will und was nicht, wer sich seinen eigenen Jesus zurechtbiegt, der verliert den Herrn und der verliert die Gemeinschaft der Kirche, er geht nicht mehr mit Jesus durch das Leben und verliert dabei auch die aus dem Blick, mit denen er Gemeinschaft haben sollte. Jesus selbst ist es, der die Gläubigen in der Gemeinschaft der Kirche zusammenbindet. Je enger wir beim Herrn sind, desto näher sind wir uns auch im Miteinander. Im Gabengebet lenkt die Kirche unsere Blicke dann auf den Höhepunkt, auf das Opfer Christi, durch das Gott sich die Gemeinschaft seines Volkes in der Kirche erworben hat. Wir verstehen wie kostbar diese Gemeinschaft der Berufenen ist. Wie sehr muss diese Gemeinschaft der Kirche Gott am Herzen liegen. Er schenkt ihr Einheit und Frieden und hat für sie seinen eigenen Sohn, unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, hingegeben in das Opfer am Kreuz. 

 

Die berühmte englische Schriftstellerin Adeline Sergeant, die am 23. Oktober 1899 in den Schoß der römisch-katholischen Mutterkirche zurückkehrte, schreibt über diesen Schritt: "Geist, Herz und Gewissen haben Ruhe gefunden; nicht länger mehr wurde ich herumgeworfen auf dem Meer der Meinungen, ich bin fest verankert im Hafen der göttlichen Wahrheit. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich ganz auf einmal volle Klarheit erlangte über den großen Gewinn, den ich gemacht hatte. Nur allmählich und Stück um Stück begann mir die Ordnung, Schönheit und der Gnadenreichtum der Kirche zu dämmern. Ich hatte ihren göttlichen Ursprung und ihre Autorität angenommen, noch ehe ich sie liebte; deshalb wurde mein Leben nach meiner Aufnahme in die Kirche sozusagen eine Reihe von Entdeckungen. Ich kann mich fast noch des Augenblicks erinnern, wo ich zum ersten Mal sagte: Das ist mehr als ich mir träumen ließ. Dieses ist in der Tat die Kirche, die Mutter von uns allen, das neue Jerusalem, die Braut Gottes!" 

 

Sehr deutlich wird in der Frage des Herrn: "Wollt auch ihr davongehen?", wie es um die Freiheit des Menschen im Herrn steht: dem Menschen wird die Möglichkeit gegeben, nach Gutdünken Ja oder Nein zum Angebot Gottes zu sagen. Aber Simon Petrus fühlt deutlich, dass in sein Leben das eingetreten ist, was vorher nicht da war: dass er im Herrn eine Heimat besitzt, dass er dem Herrn gehört, dass er für ihn lebt, und dass er auf der Erde nicht mehr über sein eigenes Leben verfügen kann. Er gehört dem Herrn, der in seinen Augen der Einzige ist, der zu Gott führen kann. Simon Petrus will von den Sicherungen des alten Lebens nichts mehr wissen. Er weiß, was in ihm begonnen hat, ist so beschaffen, dass es mit seinem früheren Leben nichts mehr zu tun hat. "Du hast Worte des ewigen Lebens." Das ist das einzige, was ihn jetzt noch fesselt: das ewige Leben. Und zwar genau das Leben, das der Herr verheißen hat: Glaube, Liebe und Hoffnung. In den Worten des Herrn spürt er das ewige Leben, er spürt, wie der Herr ihn hält und ihm hilft. Und gerade auch damit, dass er fragt: willst du gehen?, zeigt ihm, dass er, der Herr, ihn liebt und zu seiner Verfügung steht. "Du bist der Heilige Gottes", sagt Petrus. Vor deiner Heiligkeit liegen wir alle offen da. Du weißt ja, was du von uns zu halten hast: wenig bis nichts. Wir aber wissen, dass du der Sohn des Vaters bist und darum alle unsere Vorstellungen von Heiligkeit und von Liebe übersteigst. Simon Petrus kann vielleicht noch nicht sagen, dass Christus Gott ist. Aber er sieht den offenen Weg vom Herrn zu Gott. Er sieht, dass der Herr alles übertrifft.

 

"Was haben Sie in der Kirche gefunden?" Auf diese Frage gab ein angesehener amerikanischer Schriftsteller nach seinem Übertritt zur katholischen Kirche folgende Antwort: "Den Frieden! Erstens den Frieden der religiösen Gewissheit, weil die katholische Kirche sich auf die göttliche Autorität stützt. Zweitens den Frieden, der aus der immerwährenden Wiederholung des Opfers von Golgatha in der Heiligen Messe und aus der immerwährenden Gegenwart Christi strömt. Drittens den Frieden des Menschen, der fühlen darf, seine Sünden sind ihm vergeben. Viertens den Frieden, der aus dem Gebet kommt. Die katholische Kirche hat mein von jeher ungeheuer großes Bedürfnis befriedigt, in Christi Gegenwart zu beten. Ich kann nun jeden Sonntagmorgen die Heilige Messe in inbrünstiger Anbetung Christi verbringen, ohne als religiöser Fanatiker zu gelten. Fünftens: Das gesteigerte Gebetsleben in der katholischen Kirche hat mir noch einen weiteren Frieden gebracht: es befreite mich von allen persönlichen Sorgen, nachdem ich jetzt mein Leben, meine Zukunft und mein Sterben vertrauensvoll in die Hände Gottes gelegt habe. Diesen Frieden kann man anderen nicht beweisen, man weiß nur aus innerster Überzeugung, dass er da ist. Der Katholizismus ist nicht eine bloße theologische Anschauung von Christus und seiner Lehre, er verkörpert Christus selbst und seinen Frieden. Das ist die wahre Macht des Katholizismus."

 

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22. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Dt 4,1-2.6-8

Jak 1,17-18.21b-22.27

Mk 7,1-8.14-15.21-23

 

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte kommen zu Jesus mit der Absicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sie kennen sich in ihren Gesetzen ganz genau aus und gehen davon aus, dass sie sich in ihrem Glauben ebenfalls gut auskennen. Aber diese Zeit ist mit Jesus vorbei. Jetzt hat der Neue Bund begonnen, der eine Erfüllung bringt, die so gar nicht mit dem in Einklang steht, was sie erwarten. Wir kennen das auch: Bei jedem Versprechen, das uns gegeben wird, machen wir uns ein Bild davon, wie das Versprechen gehalten werden sollte. Und oft sind wir von der Erfüllung enttäuscht. Wir sollten uns also in allem was wir tun, von den Pharisäern unterscheiden. Es gibt kein Stehenbleiben beim äußerlichen Verständnis der Regeln. Alles hat seine Wichtigkeit, auch der kleinste Vollzug, aber er muss im Geist der Regeln vollzogen werden. Das Gegenteil ist richtig: Wir verstoßen gegen die Regeln, wenn wir etwas nur oberflächlich tun und ohne Sorgfalt. "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz jedoch ist fern von mir", sagt der Herr. Zwischen dem Wort ihrer Lippen und dem Glauben ihrer Herzen haben sie die Einheit nicht vollzogen. 

 

In dem Buch "Mein Himmelreich" von Peter Rosegger findet sich eine einfache, eindrucksvolle Geschichte, die dem wirklichen Leben entnommen ist. Im steierischen Oberland lebte ein Bauer, dem man den Spitznamen "der Zweispannige" gegeben hatte. Auf der Straße sah man ihn immer allein gehen, aber so, dass zu seiner rechten Seite der beste Teil des Weges frei blieb, als ob dort jemand ging, den er ehren wollte. Im Wirtshaus ließ er zwei Glas Wein bringen, eins für sich und eins für einen vornehmen Gast. Dies letztere ließ er stehen und sagte zum Wirt, ein Durstiger möchte es austrinken. Zu Hause ließ er bei der Mahlzeit rechts von seinem Platz ein besonderes Gedeck auftragen. Es durfte aber niemand dort sitzen. Die Speisen, die dort aufgelegt wurden, bekam nachher ein Armer. Fragte man ihn, was das bedeute, so antwortete er: "Er ist ja da!" Er meinte Christus, den Herrn. Ihn ehrte er als seinen Weggenossen auf der Straße, als seinen Gast im Wirtshaus und daheim. Als er im Sterben lag, ließ er einen Sessel neben sein Bett stellen und führte leise Gespräche in dieser Richtung. Er wusste, dass die Gegenwart seines Heilandes ihn tröstete in seiner letzten Not. "Und ich selbst", so schreibt Rosegger, "war ergriffener Zeuge, wie Christus dem "Zweispannigen" in seiner letzten Not tröstend und verklärend zur Seite stand."

 

Nach der Zurechtweisung der Pharisäer und Schriftgelehrten ruft er das Volk herbei. Die, die es wissen müssten, wie Gottes Gebot zu verstehen ist, sind verhärtet, das Volk dagegen ist zwar nicht so gebildet, aber es ist aufnahmebereit, es vertraut und kommt herbei. Diese Menschen werden für seine Lehre ein besserer Ackerboden sein als die Spezialisten des göttlichen Gesetzes. Wir merken: Der Herr ist immerfort am Wirken. Mag er die Pharisäer aufklären, Wunder wirken oder dem Volk Gleichnisse erzählen. Immer ist er mitten im Zentrum seines Auftrages. Selbst wenn er betet oder ruht geschieht das in Einheit mit seinem Wirken, seinem Belehren und Predigen. "Hört mir alle zu und begreift, was ich euch sage!" Das ist ein Befehl. Wo fängt Gott eigentlich an zu befehlen? Wenn wir im Gehorsam des Glaubens stehen. Wenn wir nicht glauben, hören wir seine Stimme gar nicht. Wenn der Herr sagt: "Hört mir alle zu!", so setzt er voraus, dass wir seine Stimme hören können als die Stimme des Herrn. Heute befindet sich der Herr ja nicht mehr unter uns, aber er kann seine Stimme mit sehr bestimmten Forderungen an uns ertönen lassen. Um sie zu hören, müssen wir lebendig glauben und beten, sonst überhören wir sie oder verstehen sie nicht. Es kann trotzdem vorkommen, dass wir eine Forderung des Herrn hören, ihr aber nicht nachkommen. Das wäre dann sicher eine Sünde. Ungläubige Menschen haben es in diesem Punkt leichter: sie können überhören, sie können behaupten, dass es eine Täuschung ist, oder sie können ihre Gedanken so rasch abwenden von der Forderung des Herrn, dass sie nichts wahrnehmen. Aber weil sie nicht glauben und so den Zusammenhang zwischen der Forderung Gottes und deren Ausführungen nicht begreifen, sind sie nicht in dem Maß schuldig wie die Glaubenden. Nun aber will der Herr, dass alle Menschen verstehen. Alle sollen glauben, hören und gehorchen. Alle ohne Unterschied sollen Gott Antwort geben, sollen ihm vertrauen. Danach sehnt sich der Herr. 

 

Der heilige Thomas Morus bewahrte auch in der schweren Stunde seiner Kerkerhaft bis zuletzt ein starkes, ungebrochenes Vertrauen auf Christus, seinen Erlöser. Als seine Tochter Margareta einmal kleinmütige Gedanken äußerte, entgegnete er: "Ich bin ein schwacher Mensch, gewiss, aber der Güte Gottes will ich nicht misstrauen. Selbst wenn ich mir bewusst wäre, Christus verleugnet zu haben wie einst Petrus, so würde ich dennoch grenzenlos vertrauen, dass mir der Herr einen Blick des Erbarmens zuwerfen und mich wieder aufrichten würde, um von neuem die Wahrheit zu bekennen."

 

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23. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jes 35,4-7a

Jak 2,1-5

Mk 7,31-37

 

Der Herr hätte mit einem einzigen Wort den Taubstummen heilen können. Aber er tat es nicht. Er legte ihm zuerst die Finger in die Ohren und berührt dann seine Zunge mit Speichel. Es geht dem Herrn hier augenscheinlich um Nähe, um die Berührung des Leibes. Viele Wunder Jesu werden mit betonter Distanz gewirkt, hier jedoch wirkt Jesus das Wunder mit aller spürbaren Leibhaftigkeit. Die Heilkraft seiner menschlichen Natur an der kranken und wunden Natur des Menschen soll ganz deutlich werden. Er wird auch seiner Kirche sichtbare Heilszeichen geben, in denen seine Gnade enthalten ist und dann dem bedürftigen Menschen mitgegeben wird. Die Sakramente werden mit äußeren Zeichen gespendet. Das Leibliche wird in sie miteinbezogen. Es zeigt uns, wie wichtig das Materielle neben dem Geistigen ist. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und wertvoll. Und bei der Wiedergeburt der Welt wird all das Erschaffene in ein Unvergängliches verwandelt. So sind die äußeren Zeichen auch bereits die Vorahnung des Kommenden. 

 

Eine Dominikanerin schrieb 1945 aus einem Aussätzigenheim in Cocorita auf der Insel Trinidad über die Wirkungen der heiligen Taufe: Die Wirksamkeit der Gnade zeigt sich gerade bei Taufen in der Sterbestunde am deutlichsten. Die armen, sonst so unwissenden und wenig gebildeten Menschen werden dadurch wie umgewandelt, und die geheimnisvolle Wirkung, die die Taufe in ihrer Seele hervorbringt, tritt in ihrem ganzen äußeren Wesen zutage. Unsere getauften Aussätzigen empfinden eine Herzensfreude, über die sie sich nicht genug auszusprechen wissen. "Jetzt ist alles gut", wiederholte einer ohne Unterlass; "alle Sünden sind vergeben, sind abgewaschen. Jetzt sterben und zu Gott gehen, oh das ist gut, ja das ist gut..."

 

Jesus tut ein Wunder an dem Taubstummen. Er tut mit menschlichen Bewegungen und mit Hilfe seiner menschlichen Fähigkeiten das Göttliche. Das Wunder ist königlich, ist göttlich vollkommen, alles Herkömmliche erscheint von ihm wie gesprengt, und doch sieht man dem Menschen, der es wirkt, dem Herrn, eigentlich nichts Besonderes an. Wir sehen ihn durch die Landschaft ziehen, wir sehen sogar seine Bewegungen, die er macht, um das Wunder zu vollbringen. Wir sehen den Taubstummen, der sich in nichts von anderen Taubstummen unterscheidet. Wir sehen die Finger des Herrn, den Speichel, den er braucht. Wir hören das Wort: "Öffne dich!" Und aus dieser Abfolge ganz alltäglicher Begebenheiten springt sozusagen das Wunder heraus und zeigt, dass der Herr, der uns wie ein gewöhnlicher Mensch erscheint, Gott und König ist. Der Herr zeigt mit seiner Berührung, dass auch das unmittelbare Verhältnis von Mensch zu Mensch für ihn ganz wichtig ist. Manche Wunder wirkt er aus der Ferne. Hier aber zeigt er uns ein Wunder der menschlichen Nähe, des freundschaftlichen Miteinanders. Der Herr zeigt sich als Arzt, der sich nicht scheut, die Leute anzufassen, ihren kranken Leib zu berühren. 

 

Als der heilige Johannes von Gott sich eines eines Abends, nachdem er den Tag hindurch ohne Pause den Kranken gedient hatte, übermüdet in seine Zelle zurückziehen wollte, um wenigstens ein Weilchen zu ruhen, brachte man ihm zu später Stunde noch einen unbekannten Bettler ins Haus, dessen Füße nur noch eiternde, übelriechende Beinstümpfe waren. Mutig überwand Johannes die bleierne Müdigkeit und den aufsteigenden Ekel, und mit einer Liebe, wie sie nur Heilige aufbringen können, machte er sich daran, die Wunden des Fremden mit warmem Wasser zu waschen. Und während er es tat, leuchteten plötzlich auf dem Fußrücken des Bettlers die heiligen Wundmale Christi auf. Da fiel Johannes, hingerissen von diesem Glück, vor dem unbekannten Bekannten auf die Knie und stammelte mit vor Freude zitternden Lippen die Worte: „Das bist du ja, Herr!“ Doch da war der Fremde bereits verschwunden.

 

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24. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jes 50,5-9a

Jak 2,14-18

Mk 8,27-35

 

Der Herr fragt nicht zuerst, für wen seine Jünger ihn halten, sondern er will erst einmal die Meinung der Leute hören. Dann erst fragt er sie: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Und Petrus antwortet für die ganze Jüngerschar, er vereint die ganze Antwort in sich, er übernimmt sozusagen sein Amt. Er antwortet nicht als einer der zwölf Jünger, dem gerade die richtige Antwort eingefallen ist, sondern er antwortet als der, in dessen Amt es liegt, die Antwort zu geben. Er ist zum Vertreter der Kirche geworden, die im Namen der Christen für sie eine Antwort kennt und erteilt, eine amtliche Antwort, der sich auch die anderen zu fügen haben. Er gibt die für alle gültige, einzig richtige Antwort, zu der er auch selbst steht. Aber seine Antwort ist viel mehr die Antwort der Kirche als die seiner eigenen Person: "Du bist der Messias." Du bist der Messias, der auch mir, dem Petrus, die richtige, eindeutige Antwort gibt. Vielleicht hätten die anderen Jünger auch eine mehr oder weniger zutreffende Antwort gewusst, aber diese gehen unter in der einen gültigen Antwort: "Du bist der Messias." 

 

In einer Ansprache an deutsche Pilger während des Jubeljahres 1925 sagte Papst Pius XI.: "Nun sind auch Sie nach Rom gekommen, und was haben Sie in Rom gefunden? Den letzten Nachfolger Petri, also das letzte Glied jener goldenen Kette, die die Römische Kirche und mit ihr das Papsttum so herrlich darstellt, wie es aus dem Herzen Jesu und der Hand des göttlichen Meisters hervorgegangen ist. Es ist herrlich und wahrhaft tröstlich für unser Herz, wenn wir sehen, wie das Herz Jesu und wie die Hand Jesu die Kirche gebaut hat . . . Diese Kirche ist nichts anderes als die lebendige Entwicklung jener ersten apostolischen Kirche, der Kirche des hl. Petrus und der Kirche Jesu Christi selbst."

 

Schließlich macht Petrus dem Herrn Vorhaltungen, weil er die Worte des Herrn über sein Leiden nicht ertragen kann. Die Kirche hat aber Gottesgedanken zu haben, die Menschengedanken sind in ihr teuflische Gedanken. Es soll durch die Worte des Herrn deutlich werden, dass das Allzumenschliche mitten in seiner Kirche lebt. Diesen Unterschied muss Petrus gleich lernen: Er muss zwischen den Gottesgedanken, die die Kirche haben darf und muss, und den Menschengedanken, die für Petrus Teufelsgedanken sind, unterscheiden lernen. Hier wird ganz klar der Weg der Kirche gezeigt: Solange es eine katholische und apostolische Kirche gibt, wird der Herr ihr helfen, die Menschengedanken zurückzudrängen und Gott an deren Stelle zu setzen, um dadurch in der Lage zu sein, den Auftrag des Herrn, bis ans Ende der Welt die gleiche zu sein, zu erfüllen. 

 

Der berühmte witzige Irländer Vater Thomas Burke hielt einmal eine Vorlesung über die "Lebenskraft der katholischen Kirche" und erzählte dabei folgende Anekdote: Als Papst Pius VII. eingekerkert war und Napoleon I. auf seinem Feldzug gegen Russland auf Moskau losmarschierte, lebte in Irland ein armer Gärtner, der für einen reichen Protestanten arbeitete. Eines Morgens kam sein Arbeitgeber im Garten auf ihn zu und sagte: "Nun, Pat, jetzt musst du den Papst endlich doch aufgeben. Er ist fort und wird nie wieder nach Rom zurückkehren!" "Behaupten Sie das nur oder ist es Tatsache?" fragte Pat. "Es ist Tatsache. Du wirst nie wieder einen Papst in Rom sehen." "Gut", erwiderte der arme Mann, "ich aber kann es nicht glauben!" "Ich wette mit dir", sagte der Reiche, "dass es wahr ist." Pat entgegnete: "Ich habe kein Geld, aber ein kleines Ferkel, und wenn Sie eine Fünfpfundnote dagegen wetten, so behaupte ich, dass der Papst wieder in Rom sein wird, ehe das Schwein groß und fett genug ist, um geschlachtet zu werden." Es dauerte nicht lange, da war Napoleons Schicksal besiegelt und Pius VII. kehrte nach Rom zurück. Da ging der arme Mann zu seinem Brotherrn, erinnerte ihn an die Wette und erhielt tatsächlich die fünf Pfund. Als er aber seiner Frau das Geld brachte, rief sie aus: "O, das war nicht recht von dir, dass du das Geld angenommen hast. Das war ja gar keine ehrliche Wette. Du wusstest doch schon im voraus, wie es ausgehen würde." Da ging der Mann wieder zu seinem Herrn, gab die fünf Pfund zurück und sagte: "Es war keine ehrliche Wette. Ich wusste immer, dass - mein Schwein niemals ernstlich in Gefahr schwebte!"

 

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25. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Wh 2,1a.12.17-20

Jak 3,16-4,3

Mk 9,30-37

 

"Jesus fragt seine Jünger: Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat." 
Der Herr spricht vom Kind. Im Matthäus-Evangelium wird er noch viel deutlicher: "Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen." Seine Jünger sollen sich an den Kindern orientieren. Was machen aber Kinder? Sie schauen auf, sie müssen zu den Erwachsenen aufschauen. Und so schaut das Kind auch zu Gott auf, genau wie Jesus es getan hat. Auch er hatte den Blick nach oben auf seinen Vater hin gerichtet. Gottlob ist die Zeit vorbei, in der gelehrt wurde, dass die Bilder unseres Glaubens in unseren Kirchen und Wohnungen in Augenhöhe aufgehängt werden sollten, anstatt vor ihnen zu knien und aufzublicken, damit wir uns mit Gott und seinen Heiligen in "Augenhöhe auseinandersetzen" können. Ähnlich sollten wir uns auch den Mitmenschen gegenüber verhalten: Wir sollen aufschauen zu ihnen, anstatt auf sie herabzusehen. Im Aufsehen zu Gott, zu seiner heiligen Mutter, zu den lieben Heiligen und zu unseren Mitmenschen liegt ein sehr tiefes und heilendes Vertrauen. 
Anton Bruckner war nicht nur ein Musiker von Gottes Gnaden, er war auch ein überzeugter Katholik. Einer seiner Lebensbeschreiber erzählt, er habe ihn oft neben der Orgel kniend angetroffen, den Rosenkranz in der Hand, in andächtiges Gebet versunken. Als Professor am Konservatorium in Wien kniete er während seiner Vorlesungen jedesmal beim Aveläuten unerschrocken nieder und betete den Engel des Herrn. Von Gott sprach er aus Ehrfurcht nur im Flüsterton, über seine Meisterwerke setzte er die Buchstaben: O.A.M.D.G., jedes Wort, das sich auf Gott bezog, schrieb er mit großen Buchstaben. Seine herrliche 9. Symphonie widmete er kindlich treu "dem lieben Gott". Sein ganzes Dasein war ein Leben in der Gegenwart Gottes. ( O.A.M.D.G.: "Omnia Ad Majorem Dei Gloriam" - "Alles zur größeren Ehre Gottes" )
Der Herr nimmt ein Kind, und dieses Kind ist nicht zufällig da, sondern es dient ihm, ohne sich dessen bewusst zu sein. Deswegen kann er es in die Mitte nehmen und es als Beispiel brauchen. Wir wissen: Was der Herr verwendet, wird dadurch geheiligt, dass es für ihn verwendet werden kann. Hier ist es das Kind, das er mitten unter die Jünger stellt. Vielleicht ist es ängstlich oder unsicher, weil es nicht gleich versteht, was mit ihm passiert. Es wird aber nicht nach seiner Bereitschaft gefragt. Wir erfahren nur, dass es da ist, nicht, wie es empfindet oder sich fühlt. Und dann sehen wir etwas ganz Schönes: Der Herr schließt das Kind in seine Arme. Er nimmt es so auf, dass es fühlt, wie gut er es mit ihm meint. So fühlt es keine Angst mehr, kein Fremdsein, es fühlt nur eins: dass der Herr es fest mit seinen Armen umschließt, dass er es wirklich angenommen hat. Der Herr braucht es nicht, um es nachher, wenn es ihm gedient hat, wieder von sich zu weisen, sondern er verbürgt ihm seine ganze Liebe. In der Umarmung des Herrn wird es ganz sicher nicht schwer sein, sich ganz seinem Willen hinzugeben und sich von ihm an den Platz stellen zu lassen, den er für einen Menschen vorbereitet hat. 
Gerard Majella, der heilige Laienbruder, lachte einmal, als er eben am Tabernakel des Klosterkirchleins vorübergegangen war, fröhlich auf. Der Obere des Hauses fragte ihn, warum er das getan habe. Da sprach der Heilige: "Ach, mein Heiland hat mir gesagt, ich sei vor Liebe nicht ganz gescheit, und da sagte ich ihm, das sei bei ihm wohl noch viel mehr der Fall, da er sich in ein so armseliges Menschenkind wie mich verguckt hat."
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26. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Num 11,25-29

Jak 5,1-6

Mk 9,38-43.45.47-48

 

Jesus stellt uns als Ziel unseres Lebens den Himmel und die Hölle vor Augen. In den Himmel können wir auch ohne ein ausgefallenes Körperteil gelangen, ohne Hand, ohne Fuß, ohne Auge. Aber der Verlust der ewigen Herrlichkeit des Himmels ist viel schlimmer als ein fehlendes Körperteil. Jesus warnt diejenigen, die einen einfachen Gläubigen, der auf dem Weg zum ewigen Heil ist, um seinen Glauben bringen. Der Herr ist mitten im Kampf gegen das Böse, Teuflische, Dämonische, das den Menschen von ihm wegreißen will. Jeder hat sich zu fragen: Wie und wann habe ich schon einmal versucht einen Menschen vom Glauben abzubringen? Wenn dies der Fall ist, dann sollten bei uns alle Alarmglocken klingeln. Der Herr meint mit seinen Worten immer erst einmal mich. "Wer mit der Möglichkeit auch nur eines auf ewig Verlorenen außer seiner selbst rechnet", der ist sowieso schon auf dem Holzweg. "Schon der leiseste Hintergedanke an eine endgültige Hölle für andere verführt" dazu, die Mitmenschen sich selbst zu überlassen und mich selbst in eine pharisäische Selbstsicherheit zu begeben. "Hölle ist immer das mir persönlich Zustehende, dem ich, ohne Seitenblick auf andere, mit letztem Ernst standzuhalten habe." (Zitate: Hans Urs von Balthasar, "Kleiner Diskurs über die Hölle") 

 

Ein junger reicher Herr besuchte einmal ein Kohlenbergwerk. Ein Bergmann wurde ihm als Führer beigegeben. Je tiefer sie in den Schacht hinabfuhren, desto größer wurde die Wärme, und endlich brach der Schweiß aus allen Poren aus. „O!“, rief der junge Herr mit einem Fluch aus, „hier ist`s aber heiß! Ich möchte nur wissen, wie weit es von hier noch bis zur Hölle ist.“ „Genau weiß ich die Entfernung nicht“, entgegnete der Bergmann trocken, „aber wenn das Seil von unserem Förderkorb reißt, sind Sie unter Umständen in dreißig Sekunden dort.“ Das Wort saß. Es wurde dem jungen Mann der Anlass zu ernster Besinnung und damit zu einer aufrichtigen Umkehr.

 

Wer ist eigentlich ein einfacher Glaubender? Es ist erst einmal der, der in seinem Leben auf ein falsches Erwachsensein verzichtet. Falsch erwachsen ist, wer sich im Besitz einer Erkenntnis sieht, die ihm erlaubt, sein Leben nach seiner eigenen Fasson zu leben. Der einfache Glaubende hingegen weiß, dass er nur den Weg gehen kann, den der Herr ihm weist, und das er kein Besserwisser sein darf. Sobald unser Glaube, unsere Liebe, unsere Hoffnung restlos dem Herrn gehören, sind wir einfache Gläubige, die den Abstand, der zwischen uns und dem Herrn liegt, nicht ausmessen, die aber um ihn Bescheid wissen. Und dieser Abstand zeigt uns Jesus, den Herrn, als den immer Größeren, und je mehr wir ihn so begreifen, desto mehr gehören wir zu den einfachen Gläubigen des Evangeliums, die nicht um ihren Glauben gebracht werden dürfen, schon gar nicht von denen, die er als Verkünder des Evangeliums in der Kirche berufen hat. Der Herr warnt davor. Er spricht diese Worte vor den Jüngern, vor den Bischöfen und Priestern. Seine Jünger und deren Nachfolger warnt er. Denn er weiß wohl, wieviel Raum in dieser Gefolgschaft bleibt für Ungehorsam, für ungezählte Verweigerungen, ja sogar für Irrlehren.

 

Julie Postel, die spätere heilige Ordensstifterin, hielt als junge Lehrerin zu Barfleur während der Wirren der Französischen Revolution die heiligen Gefäße ihrer Pfarrkirche in ihrem Haus verborgen. Eines Tages erschienen plötzlich Häscher und durchsuchten alles, fanden aber nichts. Aus Ärger darüber spottete einer der Häscher über ein Bild an der Wand, das die Ewigkeit der Seligen und der Verworfenen darstellte. „Bürgerin“, rief er, „was bedeutet das Bild?“ „Schauen sie doch hin“, erwiderte Julie mit der größten Ruhe, „und lesen Sie die Unterschrift!“ „Zum Teufel mit der Ewigkeit!“ fluchte der Wüterich und hieb das Bild in Stücke. Die Heilige sammelte die Trümmer auf und sprach leise: „Der Unglückliche, in 24 Stunden ist er vielleicht schon in seiner Ewigkeit!“ Noch am gleichen Abend wurde der Frevler von einem seiner Kameraden im Streit erschlagen.

 

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27. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Gen 2,18-24

Hebr 2,9-11

Mk 10,2-16

 

Am Ende unseres heutigen Evangeliums brachten irgendwelche Leute - sie bleiben ungenannt - Kinder zu Jesus damit er sie berühre. Offenbar sind diese Menschen davon überzeugt, dass die Kinder etwas Segensreiches erfahren würden. Sonderbar ist nur, dass sie das nicht auch für sich selbst verlangen, berührt zu werden. Ein Grund könnte sein, dass sie ja bereits durch sein Wort berührt wurden, aber die Kinder, die noch nicht das Verständnis haben diese Worte zu verstehen, sie bedürfen daher dringend dieser leiblichen Berührung, dieser Liebkosung durch den Herrn. Wir aber wissen, dass jedes Sakrament eine Berührung mit dem Herrn ist. Und die Menschen wünschen bis heute diese Berührung. Sie wünschen auch heute noch - obwohl in unserem Land immer weniger - für sich selbst und ihre Kinder die sakramentale Gnade. Und es liegt etwas ganz Großes darin, dass die Menschen die Berührung des Herrn für ihre Kinder wünschen, obwohl sie offensichtlich keine Behinderung oder Krankheit haben. Sie spüren,dass durch den Kontakt mit Jesus Christus etwas Segensvolles und Schönes für die Zukunft besonders ihrer Kinder vermittelt werden kann. 

 

Der bekannte Prediger und Missionar Pater Roh SJ kehrte auf einer Reise einmal im Gasthaus eines Tiroler Dorfes spät abends ein. Er bestellte ein einfaches Abendessen. Der Wirt aber ließ es sich nicht nehmen, ihm alles aufs Beste und Reichlichste herzurichten. Schließlich fragte der Pater, was er ihm schuldig sei. Die Antwort war: "Nichts." "Aber", sagte der Pater, "Ihr habt doch ein ganzes Haus voller Kinder, da müsst ihr schon etwas nehmen." "Das ist es gerade", war die Antwort des biederen Wirtes, "ich habe elf Kinder im Haus, da brauche ich den Segen Gottes für meine Familie und den will ich durch ein bisschen Gutestun auf mein Haus herabrufen."

 

"Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie." Der Herr zeigt, dass er den Kindern wie ein Freund und ein Vater sein will. Er spricht mit ihnen die Sprache, die jedes Kind versteht, die Sprache der Zärtlichkeit. Und wenn auch wir Sehnsucht nach dieser Zärtlichkeit des Herrn haben, so dürfen wir uns selbst in den Armen des Herrn vorstellen, die sich um die Kinder schließen, dürfen uns immer an seine Bereitschaft zur Zärtlichkeit, an seine dauernde Liebe und an dieses Amt erinnern, das er den Kindern gegenüber einnimmt, Vaterstelle bei jedem zu vertreten. Von den Kindern wie von jedem von uns verlangt der Herr nichts Unmögliches. Er verlangt nur die Annahme seiner Zärtlichkeit, seiner Liebe und all dessen, was er mit ihnen und uns vorhat. Und wenn die Kinder sich berührt fühlen, wenn sie die Hand des Herrn auf ihrem Kopf spüren, so wissen sie, dass etwas Großes geschieht, was sie noch nicht verstehen, aber was doch so viel Liebe enthält, dass sie damit etwas ganz für sich persönlich erhalten. Allerdings wird der Herr dieses Erleben übersteigen, indem er sich durch den erteilten Segen dauernd vergegenwärtigt. Der Segen des Herrn ist nie nur eine Kraft, die für einen Augenblick, eine Stunde oder einen Tag bestimmt ist. Der Segen des Herrn prägt unser ganzes Leben. Der fühlbare Segen, den der Herr den Kindern erteilt hat, schenkt ihnen eine lebenslange Begleitung. 

 

Clemens Brentano ging einmal im Westfälischen eines Morgens in aller Frühe durch ein Dorf. Da hörte er über einen Zaun herüber Kinderworte klingen. Er stand still und lauschte. Es war ein rührend schlichtes Morgengebet, das ein zerlumptes Hirtenmädchen von etwa sieben Jahren, das hinter einigen Gänsen auf einer Wiese mit einer Weidenrute ging, mit unnachahmlicher Andacht betete: "Guten Morgen, lieber Gott! Gelobt sei Jesus Christus! Lieber Vater im Himmel! Gegrüßet seist du Maria! Ich will gut sein, ich will fromm sein! Alle lieben Heiligen! Alle heiligen Engel! Ich will gut und brav sein! Ich habe ein Stück Brot, das esse ich; für das liebe Brot danke ich. Ach helft mir auch, dass mir die Gänse nicht ins Getreide laufen, und dass kein böser Junge eine totwirft. Helft mir doch, ich will ein gutes Kind sein. Lieber Vater im Himmel! Amen."

 

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28. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Wh 7,7-11

Hebr 4,12-13

Mk 10,17-30

 

"Eins fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben." Eins fehlt dem jungen Mann. Und dieses Einzige ist: Alles verkaufen. Alles übrige ist in Ordnung: Er hat die Gebote erfüllt, niemanden getötet, nicht die Ehe gebrochen, nicht gestohlen, nicht falsch ausgesagt, keinen Raub begangen und seinen Eltern die Ehre gegeben. Alles ist gut soweit, aber eins fehlt ihm. Den Weg, den er sucht, führt gewiss zum ewigen Leben. Um aber diesen Weg mit dem Herrn zu gehen, fehlt ihm das eine: Verkaufen und den Armen geben. Er soll nicht seinen Besitz verkaufen und dann den Erlös behalten, sondern er soll ganz fertig werden mit seinem Besitz. Die Armen werden nichts zurückgeben. Sein Besitz verschwindet ähnlich, wie der Leib des Herrn, die heilige Kommunion sich verzehrt und verteilt, um dann neues Leben hervorzurufen. Diese Armut, die der Herr hier verlangt, ist nur eins der drei Gelübde des monastischen Lebens. Keuschheit und Gehorsam werden hier nicht genannt. Aber irgendwie sind die beiden in der Armut enthalten. Wer unkeusch ist oder ungehorsam, der besitzt, der ist nicht arm im Sinne des Herrn. Aber der Herr fordert nicht nur, er verheißt auch: "Du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben." Der Herr verheißt dem jungen Mann, wenn er auf seine Forderung eingeht, nicht nur das ewige Leben, sondern ein überreich wunderbares und schönes ewiges Leben. Wer alles hergibt, wird auch alles erhalten. Er erhält Schätze, die der Herr nicht ausführlich beschreibt, die aber Schätze des dreifaltigen Gottes sind, Schätze, die sich jeder erwerben kann, der sich von seinem Reichtum trennt. 

 

In Kanada starb im Juli 1936 ein reicher Mann. In seinem Testament vermachte er eine Summe von über 200.000 Dollar dem Orden der "Kleinen Schwestern der Armen" zu Montreal, damit sie ungehindert von Existenzsorgen ihr Werk der Barmherzigkeit ausüben könnten. Aber was geschah? Die junge, 1867 gegründete Ordensgenossenschaft verweigerte die Annahme der Summe. Der Grund? In den Satzungen der Genossenschaft stand, die Schwestern hätten "den älteren Armen in Montreal zu dienen mit Hilfe der täglich eingehenden Gaben, aus welcher Quelle immer diese eingehen mögen". Diese "täglichen Gaben" aber wären unnötig geworden, wenn die Schwestern das ihnen zugedachte Vermögen angenommen hätten. Also verzichteten sie darauf, um ihrer Ordensregel und dem Prinzip der Armut treu zu bleiben. Dafür wandten sie sich mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, ihr Lebenswerk an den armen, alten Leuten der Stadt durch freiwillige Spenden zu unterstützen.

 

"Dann komm und folge mir nach." Diese Tat des Zum-Herrn-kommen wird erst möglich, wenn sie auf ein Bleiben hinzielt und wenn sich der Mensch von seinem Reichtum getrennt hat und arm geworden ist. Denn man kann nur eine Fülle haben, nicht beide, nicht die Fülle des Eigenen und die Fülle des Herrn. Der Reichtum des Herrn erfordert unbedingt eine Leere in uns, denn er ist so umfangreich, dass er sonst nicht genug Platz in uns finden würde. Aber er wird dem Menschen, der den Mut aufgebracht hat, auf sein Wort hin arm zu werden, seine ganze Fülle und Nachfolge schenken in ungeahnter Dimension. Jeder von uns sollte sich angesichts dieser Worte Christi fragen, wie denn der Ursprung seiner Nachfolge war. Denn wir als gläubige Christen werden nicht mehr als Ahnungslose behandelt, als welche, die nicht wissen was Nachfolge Christi bedeutet. Sondern wir tragen große Verantwortung, denn wir haben bereits Zutritt, wir sind Geladene beim Opfer Christi, denen alle Geheimnisse offenbart sind. Über diese Wahrheit können wir ruhig erschrecken: Auch die Jünger waren bestürzt über seine Worte. Aber in unserem Erschrecken über die Worte des Herrn liegt auch eine gewisse Müdigkeit. Dieser Jesus lässt uns keine Ruhe. Jeder Tag mit dem Herrn - ob für die Jünger oder für uns - ist eine neue Anstrengung. An jedem Tag sollten wir neu umkehren. Umkehren? Wir sind schließlich mündige Christen! Wir sind gestandene Leute im Beruf, in der Familie, in der Freizeit und auch in der Kirche! Der Herr aber achtet nicht auf unsere mündigen Ansichten! Er sagt uns Dinge, die man kleinen Kindern sagt. Und diese Dinge sind außerdem oft so unlogisch und paradox. Das erschreckt die Jünger und das erschreckt uns. Und trotzdem wollen weder die Jünger noch wir auf dieses Leben in der Nachfolge des Herrn verzichten. Auch in uns hat er einmal eine große Leere mit seiner helfenden Gnade ausgefüllt.

 

Am Weihnachtstag des Jahres 1886 stand ein junger Franzose in Paris vor der herrlichen Notre-Dame-Kirche. Ein feingebildeter junger Mann, am Beginn einer vielversprechenden schriftstellerischen Laufbahn, aber vollkommen ungläubig. Es war Paul Claudel, später einer der größten katholischen Schriftsteller Frankreichs. Was an jenem Weihnachtstag in seiner Seele vorging, hat Claudel in seinen zu Paris erschienenen Selbstbekenntnissen "Les Temoins du Renouveau Catholique" berichtet. "Nur die Neugierde", schreibt er, "führte mich in die Kirche. Ich suchte einen literarischen Nervenkitzel und ein Thema für irgendeine meiner dekadenten Schriften. Während der Messe stieß mich die Menge hin und her. Nachmittags, da ich nichts zu tun hatte, ging ich wieder hin, zur Vesper. Weißgekleidete Kinder sangen, junge Kleriker assistierten und wollten gerade mit dem "Magnificat" beginnen. Da geschah etwas in mir gänzlich unerwartet; etwas, das über mein ganzes weiteres Leben entschied. Es war, wie wenn jemand mein Herz plötzlich angerührt hätte, und von diesem Augenblick an war ich bekehrt, ein gläubiger Christ. Meinem Glauben wohnte nun eine solche Kraft, eine solche Sicherheit und Hingebung inne, dass ihn fortan kein Ereignis meines bewegten Lebens zu erschüttern vermochte. Später suchte ich das Erlebnis dieser paar Minuten zusammenzufassen. Ungefähr folgende Gedanken blitzten durch mein Gehirn: Wie glücklich die, die da glauben! Und wenn all das doch auf Wahrheit beruht? Und es ist Wahrheit! Es gibt einen Gott! Er liebt mich und er ruft mich. Und ich begann krampfhaft schluchzend zu weinen."

 

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29. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jes 53,10-11

Hebr 4,14-16

Mk 10,35-45

 

Johannes und Jakobus begehen einen Fehler mit ihrer Bitte an den Herrn, die Plätze im Himmelreich rechts und links neben ihm für sie zu reservieren,  und die anderen zehn Jünger ärgern sich deshalb über sie. Aber wir sollten den beiden für diesen Fehler auch etwas dankbar sein, denn sie geben dem Herrn dadurch einen Anlass für seine Lehren, die für alle späteren Christen und für uns wichtig werden. Im Tadel des Herrn an Jakobus und Johannes wird unser Verlangen nach den ersten Plätzen getadelt. Und wie groß ist dieses Verlangen, die ersten Plätze einzunehmen, auch in der Kirche. Den anderen zehn Jüngern will er ihre Entrüstung nehmen. Er will helfen und ihnen zeigen, dass auch sie Fehler haben. Sie üben Kritik und nörgeln herum. Sie lassen es an der Liebe fehlen. Um jede Kleinigkeit ihrer Fragen und Stimmungen kümmert sich Jesus, nichts geht sie nur allein etwas an, denn es gibt in einer christlichen Gemeinschaft nichts, was nicht vor allem den Herrn etwas angeht. Und die Entrüstung der zehn Jünger über die beiden anderen ist dem Herrn wichtig genug, um alle Jünger zusammenzurufen und ihnen eine Belehrung zu erteilen. 

 

Im heiligen Jahr 1900 - ein Jahr nach der Weihe der Welt an das Herz des Erlösers, die Papst Leo XIII. auf der Schwelle des Jahrhunderts vorgenommen hatte - wurden auf den 12 höchsten Berggipfeln Italiens zwölf mächtige Christusdenkmäler aufgerichtet. Sie zeigen den Herrn, wie er in der einen Hand das Kreuz an sein Heilandsherz drückt, während er die andere zum Segen über Volk und Land erhoben hält. So waren diese 12 Standbilder gleichsam eine Antwort auf das Wort, das Christus einst an seine Apostel gerichtet hatte: "Geht hinaus in alle Welt, bringt den Völkern Kunde von meinem Namen, meiner Lehre, meinem Leiden und Sterben" - und zugleich ein Zeugnis dafür, das die Zwölf den ihnen gewordenen Auftrag erfüllt hatten. 

 

Der Herr holt mit seiner Belehrung weit aus. Er verweist auf die weltliche Macht, die nur nach ihrem irdischen Gesetz denkt und handelt. Die Mächtigen der Welt tun was sie können, um Macht zu erlangen, und sobald sie sie haben, sie auch ausüben und möglichst viel davon zu profitieren. Aber zu diesen Menschen sollen die Jünger nicht gehören. Ihre Herkunft, ihr Beruf, ihr Ansehen - nichts von dem spielt noch eine Rolle. Sie stehen jetzt unter dem Gesetz des Herrn. Und das ist keinesfalls das Gesetz der Großen und Mächtigen in dieser Welt. Es ist das neue christliche Gesetz: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Das gibt es eben auch bei Christen: sich Geltung verschaffen, sich einen Platz sichern, innerhalb einer Hierarchie oben stehen, oder, wo es keine Hierarchie gibt, sich durch irgend etwas auszeichnen, hervorheben. Der Herr nimmt diesen Punkt sehr ernst und betont eindringlich, dass der nach oben Strebende sich nach unten begeben soll. Er nimmt den Fehler der Machtgier, des sich Hervortuenwollens so ernst, dass er ihm die empfindlichste Strafe auferlegt: der Betreffende soll wirklich der Letzte, wirklich der Sklave aller sein. Aber was für den Machtgierigen eine Strafe ist, ist für den Dienstwilligen, vom Geist des Herrn beseelten ein Lohn und eine Freude. Allerdings: Ist auch der Ehrgeiz beim Herrn verpönt, so heißt das nicht, dass nicht jeder versuchen soll, sein Bestes zu geben. Aber in diesem Besten liegt von vornherein der Verzicht auf Anerkennung.

 

Der heilige Gerhard Majella wollte nicht, dass man von "Verdemütigung" rede. Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist ein Wurm, eine reine Null, wenn Gott ihn nicht durch seine Allmacht und Vorsehung erhält und schützt. Er soll deshalb nicht sagen: Ich verdemütige mich; wer so spricht, hält sich ja schon für etwas. Nur Jesus Christus konnte sagen, dass er verdemütigt sei. Er, der unendliche Gott, wurde Mensch, und obwohl er Herr war, machte er sich zum Knecht." 

 

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30. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Jer 31,7-9

Hebr 5,1-6

Mk 10,46-52

 

Bartimäus ist ein blinder Bettler, der mit seinem ganzen Elend und Schicksal am Rand des Weges sitzt. Er kann kein Licht sehen, keine Sonne, keinen Mond, keine Sterne, nicht seine Mitmenschen, keine Tiere und Pflanzen. Auch kann er in kein liebevolles Gesicht sehen, in das eines Menschen, der es gut mit ihm meint. Aber dann kommt Jesus. Bartimäus hört von ihm, er hört, dass er kommt. Jetzt oder nie. Er ruft laut: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" Er wird aufgefordert zu Jesus zu gehen, der ihn gerufen hat. Die Begegnung mit Jesus heilt - auf der Straße, in der heiligen Kommunion, in der Taufe, wo auch immer. Er wirft seinen Mantel beiseite, springt auf und läuft auf den Herrn zu und glaubt, dass er ihn heilen kann. "Geh! Dein Glaube hat dir geholfen." Bartimäus kann wieder sehen, er sieht den Herrn, lässt alles zurück und folgt ihm nach.

 

Erinnern wir uns an das traurige Schicksal der heiligen Odilia. Ihr Vater, der Herzog Attich, ist zornig über die Geburt des Kindes. Er wollte einen Sohn, einen Nachfolger und Erben, und kein Mädchen. Und als er erfährt, dass das Kind obendrein blind ist, befiehlt er hartherzig, das Kind zu töten. Die Mutter aber, Beresinde, in ihrer großen Angst um das geliebte Kind, lässt Odilia durch ihre Magd Kunigunde zu befreundeten Nonnen bringen in ein Kloster weit weg von Attichs Burg. Das Kloster wird von nun an Odilias Zuhause. Sie lernt von den Nonnen alles, was sie wichtig ist, und soll an ihrem 15. Geburtstag getauft werden. Sie, das gläubige Mädchen, freut sich über alles auf dieses Ereignis, denn dann würde sie Christus begegnen und ihm ganz nahe sein. Als Bischof Erhard mit einem Gebet das Taufwasser über Odilias Kopf ergießt, geschieht das große Wunder: Odilia wird geheilt und kann sehen. Ihre Freude und die der umstehenden Nonnen ist mächtig groß. Die Begegnung mit dem Herrn im Sakrament der Taufe hat aus Odilia innerlich wie äußerlich einen neuen Menschen gemacht. 

 

Der blinde Bartimäus will sehen. Er will seine bisherige Welt vertauschen gegen etwas, das er nicht kennt, das ihm der Herr aber geben kann. Man kann es sich kaum vorstellen, wie groß der Glaube des Mannes sein muss: "Ich möchte wieder sehen können", sagt er voller Sehnsucht. Vielleicht weiß er gar nicht, was er wagt. Aber er will ein anderes Leben. Und wenn er sich dies vom Herrn wünscht, sehen zu dürfen, so kann er es nicht nur als Verbesserung seiner Lebensqualität erbitten. Er muss die Bedingungen, die der Herr daran knüpfen wird, annehmen. Er wird in die Gemeinschaft der Sehenden aufgenommen, die aber ihre Gesetze hat, Verpflichtungen, Verantwortungen und Beauftragungen. All das muss er mit übernehmen. Er gleicht dem, der freiwillig den kleinen Finger hinstreckt, und dem Gott den ganzen Arm nehmen wird. Aber dazu ist er auch bereit. "Geh, dein Glaube hat dir geholfen." Wo soll er eigentlich hingehen? Wohin? Wohl ganz einfach seines Weges. Aber es ist sicher ein Weg des Glaubens, denn sein Glaube hat ihm ja geholfen. Der Glaube ist es, der den Blinden zum Herrn geführt hat, ihm geholfen hat, der ihm durch den Herrn das Sehen gegeben hat. Ab jetzt beschreitet er den Weg dessen, den er sieht, den Weg der Nachfolge. Sein Geschenk, sein Sehen ist etwas viel Größeres, als was er als Blinder erwartet hat. Es ist jetzt zu einem Sehen im richtigen Glauben, zu einem Schauen der Gegenwart des Herrn geworden. 

 

Aus Buga, einer Stadt in Kolumbien, teilte P. Bruchez CSSR einer in Rom erscheinenden Zeitschrift folgende Erinnerung aus seinem Missionsleben mit: Es war im Jahr 1894, da wurde zu Loja, einer Stadt in Ekuador, eine Sakramentsprozession gehalten mit all der Pracht, in der die Spanier ihre Andacht so gerne äußern. Als gerade das Allerheiligste vorbeizog, betete ein Blinder mit einem Glauben, wie ihn der Blinde im Evangelium besaß: "Mein Heiland, du bist in diesem Augenblick nicht weniger gütig und mächtig als während deines Erdenlebens. Du hast schon so vielen Blinden das Augenlicht geschenkt, ich bitte dich, heile auch mich." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da hatte er das Licht seiner Augen wieder. Die ganze Stadt war Zeuge dieses Wunders, und das "Labarum", das katholische Bistumsblatt, veröffentlichte das Ereignis.

Der französische Dichter Francois Copée schreibt: "Es gab eine Zeit, wo ich über "Wunder" und "Glauben" verächtlich die Achsel zuckte. Jetzt aber sage ich: Gibt es ein allmächtiges Wesen, so muss es auch über alle Dinge erhaben sein, die es selbst gemacht hat. Darum kann für dieses Wesen auch kein Wunder unmöglich sein. Als ich die Evangelien mit aufrichtigem Herzen zu lesen begann, sah ich auf jeder Zeile den Glanz der Wahrheit. Seitdem kann mir nichts mehr den Glauben an die Wunder nehmen. Derselbe Jesus, der damals den Blinden das Gesicht und den Toten das Leben gab, hat dies auch an mir heute noch gewirkt."

 

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31. Sonntag im Jahreskreis - B

 

Dt 6,2-6

Hebr 7,23-28

Mk 12,28b-34

 

"Du sollst Gott lieben! Du sollst deinen Nächsten lieben!" Hier setzen gleich die Fragen des so selbstbewussten modernen Menschen ein: "Du sollst lieben." Ist Liebe nicht immer spontan? Kann Liebe befohlen werden? Dem Liebesgebot des Herrn geht aber seine Botschaft voraus, dass Gott, der Vater, die Liebe ist. Johannes, der Lieblingsjünger, wiederholt in seinem ersten Brief den Kern des Evangeliums Jesu: "Gott ist die Liebe". "Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat." Der Herr macht uns im Liebesgebot klar, dass unsere Liebe im Grunde Gegenliebe ist, Antwort auf die Liebe Gottes ist, der uns immer zuerst liebt. Und aus der Liebe Gottes zu uns und unserer Liebe zu ihm folgt dann als Konsequenz die Nächstenliebe: "Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben", heißt es im 1. Johannesbrief. In der modernen Welt wird Nächstenliebe oft mit Humanität, Mitmenschlichkeit gleichgesetzt. Obwohl sich beide im äußeren Handeln gleichen können, hat aber die Liebe zum Nächsten eine andere Tiefendimension. Aus dem Leben der heiligen Mutter Teresa von Kalkutta wird erzählt, dass ein Journalist, der ihren Alltag beobachtete, sagte, das möchte ich um Millionen Dollar nicht tun. Mutter Teresa darauf: "Ich auch nicht!" Sie tat, was sie tat, um der Liebe Christi willen. Das erschreckend große Gebot der Gottes- und Nächstenliebe wird immer in unserem Leben unser Beichtspiegel und unsere Gewissenserforschung sein müssen. 

 

In der Anstalt Sarepta bei Bielefeld lebte - wie man zu der Zeit sagte - ein "Krüppel", der nicht liegen, nicht sitzen, nicht stehen, nicht gehen konnte. Er musste festgeschnallt werden, um sich aufrecht halten zu können. Eines Tages sagte er zum Anstaltspfarrer: "Der Heiland hat so viel für mich getan, ich möchte auch etwas für ihn tun. Ich kann nichts geben - ich bin ja arm. Ich kann nichts arbeiten - ich bin ja gelähmt. Ich kann nicht reden - ich bin zu unbegabt. Aber ich möchte meinen Wärter, der so gut zu mir ist, einem Kranken in der Anstalt abgeben, der keinen Pfleger hat. Für ihn schicken Sie mir einen der armen Trinker, die in Wilhelmsdorf untergebracht sind. Wenn der mein Elend sieht, wird er vielleicht zur Besinnung kommen." Man musste ihm seinen Willen tun. Es kam eine böse Zeit für den Krüppel. Oft kam der neue Wärter betrunken heim; man hörte schon von weitem Schlagen und Wimmern in der Zelle.Einmal hat er ihn im Rausch fast totgeschlagen. Aber immer, wenn er von seinem Rausch wieder erwacht war, war er überwältigt von der strahlenden Liebe des Krüppels. Allmählich schmolz sein Herz. Der kleine Krüppel ging bald zur ewigen Freude ein. An seinem Grab stand der frühere Trinker und bekannte mit Tränen: "Ich verdanke diesem Mann alles. Er hat mich gerettet. Und zwar bloß dadurch, dass er mir nach der schlimmsten Misshandlung immer dieselbe Freude und Liebe zeigte."

 

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Man kann sich fragen: Haben wir denn überhaupt ein Recht darauf, uns selbst zu lieben? Die "Selbstliebe" hat beim Nachdenken über diesen Begriff immer einen gewissen Beigeschmack. Wie ist das christlich zu verstehen? Gott hat uns, wie gesagt, zuerst geliebt. Wenn wir nun Gott aus ganzer Seele lieben, dann werden wir seine Liebe immer besitzen. Wenn er uns aber liebt, dann dürfen wir uns nicht selbst hassen. Wir wollen mit ihm in der einen Wahrheit seiner Liebe stehen. Von daher ergibt sich auch die Nächstenliebe. Denn wenn wir sie üben, so lieben wir Menschen, für die der Sohn Gottes auf die Welt gekommen und gestorben ist. Und das Gebot ergeht ja auch an sie. Wir lieben sie, weil sie von der Liebe Gottes umfangen sind, auch wenn sie noch nicht Glaubende sind. Wir lieben sie, weil alle in gleicher Weise unter dem Gebot der Liebe stehen. Und wir lieben sie wie uns selbst, weil wir uns gleichsam als Spiegelbilder unseres Nächsten lieben: innerhalb der uns eröffneten dreieinigen Liebesgemeinschaft Gottes. So ist die Liebe, mit der wir uns lieben, keine Eigenliebe, sondern die Liebe, die einem von Gott geliebten Geschöpf zukommt. Und dieses Geschöpf sind zufällig wir selber. Von der Gottes- und Nächstenliebe her wird uns also die Selbstliebe begreiflich, fern von allem Egoismus und aller Egozentrik, eingehüllt in die Liebe Gottes zu den Menschen, die er ja zu seiner Verherrlichung erschaffen hat. 

 

Kurz vor dem Ende der furchtbaren Französischen Revolution wurden 40 Priester gefangen genommen, verurteilt und erschossen, weil sie den neu vorgeschriebenen Eid nicht leisten wollten, der allen gebot, die Feinde der Republik zu hassen. Unter diesen Priestern befand sich auch der Pfarrer von Bois (Drôme) namens Lunel. Er schrieb eigenhändig am Morgen seines Todestages ein Testament mit den Worten: "Liebt einander, liebt eure Feinde, eure Verfolger: das ist das Gebot des Herrn." Unter dem Datum (7. September 1798) folgten die Worte: "Der letzte und schönste Tag meines Lebens." Noch heute wird dieses Testament in der Pfarrei aufbewahrt als ein herrliches Zeugnis urchristlichen Geistes der Liebe.

 

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32. Sonntag im Jahreskreis - B

 

1 Kön 17,10-16

Hebr 9, 24-28

Mk 12,38-44

 

Der Herr will die Scheinheiligkeit der Schriftgelehrten entlarven. Ein Grund für das Misstrauen ihnen gegenüber ist ihre Verstocktheit, ihre Weigerung sich zu bekehren. Im Alten Bund waren sie ganz wichtig, es musste ihr Amt geben. Jetzt aber, da der Sohn Gottes gekommen ist, den Neuen Bund zu stiften, wird ihr Amt überflüssig, und zwar deshalb, weil das frühere Amt in das neue apostolische kirchliche Amt überführt werden soll. Und da die Schriftgelehrten diesen Schritt nicht wagen und sich nicht vom Herrn bekehren lassen, warnt er vor ihnen. Sie sind die Träger nicht nur eines überholten Standpunktes, sondern auch Vertreter des Nicht-Glaubens, der Nicht-Liebe, des Nicht-Wollens und der Nicht-Bereitschaft. Diese Warnung des Herrn widerspricht auch nicht dem Liebesgebot. Er sagt ja nicht Liebt sie nicht. Er sagt nicht: Hasst sie. Sondern er warnt: Hütet euch vor ihnen. 

 

Der heilige Thomas von Villanova wurde, wie er selbst berichtet, eines Tages dringend an das Bett eines Sterbenden gerufen, der ihm noch etwas Wichtiges mitteilen wollte. Der Sterbende erzählte ihm, er sei in seiner Jugend Jude gewesen und habe mit einem Freund sehr oft über den Messias gesprochen. Einmal nun seien sie auf freiem Feld niedergekniet und hätten flehentlich gebetet, wenn der Messias schon erschienen sei, so möge doch Gott sie gnadenvoll an ihn weisen. Da trat plötzlich aus düsterem Gewölk heraus, umstrahlt von Licht, ein Kelch und darauf eine Hostie. Sie folgten der leuchtenden Erscheinung und kamen in eine Kirche. Es war die Gnadenstunde, die ihn zum Christen machte. So erzählte, die Wahrheit beteuernd, der Sterbende im Angesicht der Ewigkeit.

 

Es ist natürlich nicht schlimm, besondere Kleider zu tragen oder dass man gegrüßt werden soll. Es ist sicher auch nicht schlimm, dass die Schriftgelehrten die obersten Plätze bei den Gastmählern einnehmen. Sie hatten durch ihr Amt das Recht, sich durch ihre Kleidung zu unterscheiden, auch das Recht, besondere Plätze einzunehmen. Diese Rechte waren Teil ihres Amtes. Die ganze Warnung des Herrn zielt darauf, dass Schale und Kern eins sein müssen, dass also keiner das Recht hat, eine Amtswürde zu beanspruchen, wenn er die Gesinnung des Amtes, den Glauben und die Liebe nicht hat. Und wenn die Schriftgelehrten die Güter der Witwen verprassen, dann darum, weil ihnen "La dolce vita" wichtiger als alles andere ist. Sie lassen sich nicht nur sehr gut bezahlen, sondern sie beuten ihre Geldgeber obendrein noch aus. Sie bereichern sich durch die hilflose Lage der Witwen und sagen zum Schein lange Gebete daher, die nur leere, inhaltslose Worte sind und deshalb von Gott nicht erhört werden. Das Urteil, das sie erwartet, wird hart sein, sagt der Herr. Sie heucheln. Sie tun so, als würden sie glauben, als würden sie beten. Aber Gott lässt sich nicht betrügen. Und der Herr, der hier im Namen Gottes spricht, offenbart Gottes Urteil. Jesus warnt mit diesen Worten auch die Glaubenden vor jeder Verlogenheit. Er mahnt uns, dass zwischen unserem Amt, was immer es sein mag, und unserer Haltung Einklang bestehen muss. Dieser Einklang wird dann Gott und den Menschen wahrnehmbar sein, wenn wir bescheiden und demütig auftreten, in Armut leben und aufrichtig beten. Wir wollen Gott bitten, er möge nie zulassen, dass wir in ein Leben der Scheinheiligkeit abrutschen. Er möge uns lieber noch auf der Erde zurechtweisen, als uns sein strengeres Gericht nach dem Tod fühlen lassen. 

 

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts wurden in Frankreich auf Befehl der freimaurerischen Regierung alle Kreuzbilder aus den Gerichtssälen entfernt. Eines Tages nun erschien zu Bordeaux eine gute alte Gemüsehändlerin vor Gericht, die durch ihre Ehrlichkeit, aber auch durch ihre Derbheit stadtbekannt war. Sie sollte in einem Zivilprozess als Zeugin aussagen. Als der Vorsitzende sie aufforderte, die Hand zu erheben zum Beweis, dass sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit sage, schaute sie sich zuerst im ganzen Saal nach dem Kruzifix um, das bereits entfernt worden war. Dann rief sie resolut in den Saal: "Ich soll schwören? Die Hand erheben, Herr Richter? Vor Ihnen? Aber da muss ich schon bitten - in dieser Hinsicht sind Sie nicht mehr als ich!" Damit zog die brave Frau einen Rosenkranz aus ihrer Tasche, hob dessen Kreuz in die Höhe und sagte: "Herr Richter, hier ist der, vor dem allein man schwören kann, und vor ihm hebe ich die Hand und schwöre, dass ich die Wahrheit, nichts als die Wahrheit und die ganze Wahrheit sage." Bei diesem aufrechten Bekenntnis zum allein wahrhaftigen Gott brach der ganze Saal in Beifallklatschen aus. 

 

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33. Sonntag im Jahreskreis - B

Dan 12,1-3

Hebr 10,11-14.18

Mk 13,24-32

 

Im Evangelium hören wir, dass am Ende der Zeiten von überallher der Untergang über die Menschen hereinbrechen wird. Und vieles weist uns daraufhin, dass in unserer Zeit diese Prophezeiung des Herrn sich erfüllt. Allerdings sind diese Heimsuchungen nicht das Fürchterlichste, was dem Menschen geschehen kann. Viel schlimmer ist die Not für einen Menschen, der eigentlich sein Leben dem Herrn schenken will, dem aber die Ausdauer, der Mut und die Kraft des Gebetes verlorengingen. Viel schlimmer sind die Drangsale für den Menschen, der dem Herrn nicht treu geblieben ist, weil er den Versuchungen der Welt nicht standhielt. Aber zurück zu seinem Kommen in Herrlichkeit: Die Jünger und die Christgläubigen, die diese Erscheinung bei der Wiederkunft des Herrn zu sehen bekommen, die werden etwas ganz Unerhörtes erblicken. Seine Engel und seine Auserwählten werden gesendet und die Erwählten werden kommen vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Uns erscheint ja in der Regel die Erde schon als etwas sehr Großes, so erst recht die Zahl der Auserwählten, zumal wenn wir hören, dass sie auch vom Himmel kommen werden. Ihre Zahl muss also unerhört groß sein. Und wenn wir bereit sind, unser Leben dem Herrn im Glauben zu schenken, dann gehören auch wir zu dieser Schar der Auserwählten. 

 

Der Altvater Agatho lag vor seinem Tod drei Tage lang bewegungslos auf seinem Sterbebett, die Augen weit geöffnet und ernst in weite Fernen blickend. Endlich rührten ihn die Brüder an und fragten: "Wo bist du jetzt, Vater?" Er antwortete: "Ich erwarte Gottes Gericht." "Wie?" fragten sie, "fürchtest auch du dich?" Und er: "Wohl gab ich mir immer Mühe, Gottes Gebote zu erfüllen. Aber ich bin ein Mensch. Und woher weiß ich, dass meine Werke Gott gefielen?" "So vertraust du also nicht, dass deine Werke nach Gottes Willen getan sind?" Darauf er: "Vor Gottes Antlitz vertraue ich nicht darauf, denn anders ist das Urteil Gottes, anders das der Menschen." 

 

Wenn wir diese große Verheißung des Herrn betrachten, sollten wir mit den Engeln zusammen ganz neu aus der Sendung des Herrn leben. Die Sicherheit darf uns beherrschen, dass der Herr bei uns ist, dass seine Erwählung Gnade ist. Und wir sollen immer mehr versuchen, bei all unserm Tun, bei jedem Gespräch, das wir führen, jedem Buch, das wir lesen, jeder noch so weltlichen Arbeit, die wir ausüben müssen, von dem Gedanken zu leben: Er ist mit uns, wir haben teil an seiner Sendung, und wir müssen sie mit seinen Engeln zusammen ausführen. Wir sind damit nicht so wie Schüler, die irgendwann mit ihren Aufgaben fertig sind, sondern wir sind lebenslang Gesendete des Herrn. Unsere Aufgabe liegt nie hinter uns, nichts in unserem Leben darf sich ihr entziehen, alles liegt immerfort direkt in ihr. Der Gedanke an unsere Erwählung durch den Herrn, soll uns durch unser Tagewerk begleiten und uns immer öfter bewusst werden. Das wird uns auch nicht dazu verleiten, uns über andere erhaben zu fühlen, uns selbst als bessere Christen zu beurteilen, es wird uns vielmehr die Demut und die Liebe lehren, die wir brauchen, um in der Nachfolge des Herrn zu bleiben. Der Auftrag durch den Herrn an uns einerseits und die Liebe und die Demut andererseits sollen sich dauernd gegenseitig befruchten. Bitten wir den Herrn um Liebe und Demut in unseren Herzen, damit wir ihm bis an unser Ende in Treue dienen können.

 

Am 13. September 1923 empfing Papst Pius XI. 400 armenische Waisenkinder, die in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo vorübergehende Unterkunft gefunden hatten. Viele von ihnen hatten während der blutigen Verfolgung durch die Türken schwere Leiden erdulden müssen, von denen ihm Msgr. Pietro Kojunian , Erzbischof von Chalcedonia, aus eigenem Erleben berichtet hatte. Als dieser in den ersten Nachkriegsjahren als Apostolischer Visitator nach Armenien kam, begegnete er öfters Kindern, von denen einige keine Nase, keine Ohren oder Hände mehr besaßen und die, auf ihn zueilend, bekannten: "Hochwürdigster Herr, sehen Sie, wir haben keine Nase, keine Ohren, keine Hände mehr - aber wir haben Jesus Christus nicht verleugnet." Pater Beri, der Superior der Dominikaner von Mossul, erzählte, dass er in Mardin ein elfjähriges Mädchen gesehen habe, dem die Fingernägel ausgerissen worden waren, weil es sich geweigert hatte, mohammedanisch zu werden. Ein anderes 13jähriges Mädchen lag besinnungslos im Hof des erzbischöflichen Palastes. Nachdem es wieder zu sich gekommen war, gestand es dem Pater, es sei von einigen Türken von der Terrasse eines Nachbarhauses in den Hof hinab geworfen worden , weil es nicht eingewilligt habe, den Glauben zu verleugnen und Mohammedanerin zu werden. 

 

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Christkönigsfest - B

 

Dan 7,2a.13b-14

Apk 1,5b-8

Joh 18,33b-37

 

Jesus erwidert dem Pontius Pilatus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt, mein Reich ist nicht von hier." Der Herr besitzt also ein Reich. Es ist das Reich seines Vaters, das Reich der Liebe. Daher ist denen, die nicht glauben, die nicht lieben, dieses Reich völlig verschlossen. Allein durch die Liebe, die den Glauben in sich birgt, öffnet sich das Tor zu diesem Reich. Aber Christus, der König, kennt es, er überblickt sein Reich, das allen anderen unübersehbar bleibt. Allerdings kann jeder, der die Liebe besitzt, den Weg da hinein finden. Er wird vom Reich Gottes so aufgenommen, dass er selbst zu einem Teil des Reiches wird. "Es ist nicht von dieser Welt" und kein Sünder kann es je betreten, nur Geliebte, die selbst auch Liebende sind, die leben im Reich des Herrn, auch wenn sie jetzt noch in dieser Welt leben, die abgefallen ist in die Sünde. Für den Menschen der Welt mag das alles unverständlich sein, wie Christen auf der Erde leben können, so als gehorchen sie nicht den Gesetzen dieser Welt. Ihr Glaube, ihr Beten und Büßen ist ihnen unverständlich, ist Dummheit für sie, eine Schrulle, mindestens aber verschwendete Zeit. Sie ahnen nicht das Geringste von diesem Reich, in dem Christus als König herrscht. Aber auch uns Christen bleibt das meiste dieses Reiches Christi verborgen. Wenn wir in der Kirche vor dem Tabernakel beten, so wissen wir im Glauben, dass der Herr gegenwärtig ist. Wir treten mit Anliegen an ihn heran, wir beten ihn an oder betrachten seine Geheimnisse. Wir glauben zu wissen, was wir dabei tun. Aber das, was wir tun, ist doch nicht von dieser Welt, wir können nicht überblicken, was geschieht. Wir sind dabei so wie Blinde, die in der Sonne spazieren gehen. Wir gehen davon aus, dass die Landschaft um uns herum schön ist. So wurde es uns erzählt. Wir fühlen sogar die wärmenden Sonnenstrahlen. Aber wir sehen nichts. Wir glauben nur. Aber so steht der Glaube mitten im Reich Gottes. 

 

Es war in einer Diasporastadt bei einer Mission, da sah Pater Elpidius OFM eines Abends nach der Sakramentsfeier einen alten Herrn allein in einer Bank knien. Sein Gesicht hielt er mit beiden Händen bedeckt. Als der Missionar ihn fragte, ob er noch beichten wolle, gab er zur Antwort: "Nein, beichten kann ich nicht. ich bin der hiesige protestantische Superintendent." Und mit Tränen in den Augen auf den Tabernakel weisend, rief er: "Ach, dass man uns den genommen hat!" 

 

Pilatus fragt: "So bist du also ein König?" Und Jesus antwortet: "Du sagst es, ich bin ein König." Die Worte des Pilatus enthalten die Wahrheit, aber er kann sie nicht sehen. Seine Worte sind größer als sein Verstand. Die Worte des Herrn sind lebendig, die Worte des Pilatus dagegen tot. Der Herr spricht als Mensch lebendige Worte, der Unglaube kann nichts anderes sprechen als tote Worte. "Ich bin König!" sagt der Herr. Worüber er König ist, sagt er nicht, denn sein Reich ist gar nicht mit menschlichen Worten zu beschreiben, da es keine Grenzen hat wie ein irdisches Reich. Das Gebet, die Macht und die Zahlen seiner Herrschaft haben keine Grenzen. Er herrscht überall dort, wo Gott Vater ist, der seinem Sohn alle Macht übergeben hat. Er herrscht als König über jeglichen Ort und jegliche Zeit, und die Untertanen dieses Königs sind alle vom Vater Geschaffenen, die Menschen in der Ewigkeit Gottes. "Dazu bin ich geboren", nämlich um König zu sein. Seit der Geburt aus Maria, der Mutter Jesu, seit ihrem Ja zu den Plänen Gottes, herrscht er als König auf eine göttliche, nicht auf eine weltliche Weise. Er wird geboren als der Sohn einer Mutter, die arm in einem Stall gebiert, weil das königliche Leben sich im Himmel abspielt. Die Mutter, die durch ihr Jawort Königin ist, hinterlegt auch ihre ganze königliche Würde beim Vater bis zu dem Augenblick, da sie mit Leib und Seele in den Himmel eingeht, weil sie sich dem Königreich des Sohnes im Himmel anschließt. 

 

Ein russischer Flüchtling erzählt aus der Zeit der Bolschewistenherrschaft: Am Heiligen Abend wurden rote Patrouillen in unsere Dörfer geschickt, um alle Funken der Weihnachtsfreude zu ersticken. So kamen sie auch zu uns. Nachdem sie die Häuser verwüstet hatten, entdeckten sie das ganze Dorf in einer Scheune versammelt. Der Kommandant erhebt wütend seine Pistole. Da tritt ein altes Mütterchen vor, beugt sich tief vor ihm und sagt, nachdem es die Dorfgassen mit dem Zeichen des Kreuzes gesegnet hat: "Geliebte, uns ist heute der Heiland geboren, der König des Himmels und der Erde." Alle wiederholten den Gruß: "Uns ist heute der Heiland geboren, der König des Himmels und der Erde." Der Kommandant umfasst krampfhaft seine Pistole, aber das Mütterchen sieht ihm beherzt ins Auge und spricht: "Geht zu eurer Mutter, geht heim! Denn auch euch, ihr Lieben, auch euch ist heute der Heiland geboren." Es war, als hielten alle den Atem an. Der Kommandant flüsterte, nur der Alten vernehmlich: "Mutter!2 Dann riss er sich zusammen und brüllte seine Soldaten an: "Hinaus!" und noch einmal: "Hinaus!" Im Augenblick war die Scheune geräumt.

 

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