Katholische Predigten

1. Für das Neujahrsfest

2. Für das Dreikönigsfest

3. Für das Fest der Heiligen Familie

4. Über die Gotteskraft der christlichen Hoffnung

5. Die christliche Hoffnung erprobt sich im felsenfesten Gottvertrauen

6. Über die Liebe zu Gott

7. Was wirkt die Liebe in der Seele?

8. Dankbarkeit für Gottes Güte

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1. Für das Neujahrsfest

 

Im Namen Jesu beginnen wir wieder ein neues Jahr. Der Glaube Jesu lehrt uns, den Jahresanfang in der rechten Weise betrachten und begehen.

 

Ein ganzes Jahr ist wieder im Strom der Zeit, unserer Lebenszeit, dahingegangen. Beim Rückblick auf dieses verflossene Jahr müssen wir mit dem Psalmisten ausrufen: "Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen." (Psalm 89,2) An der Schwelle des vergangenen Jahres hat mancher von uns mit banger Sorge in die Zukunft geblickt. Die Tage sind gekommen und vergangen, und die Hand des Herrn hat uns glücklich hindurchgeführt durch alle Gefahren.

 

Und wie reich hat sich die väterliche Vorsehung des Herrn im Laufe der Zeit für uns wiederum erwiesen. Zähle doch die Beweise seiner Liebe nur an einem einzigen Tag. Während die sichtbare Sonne den Kreislauf ihres Segens für uns beschrieb, spendete die geistige Sonne in den Festen und Heilsmitteln des Glaubens eine noch größere Fülle des Segens für unser höheres Leben. Wie oft hat der Herr an die Tür unserer Seele geklopft, und sooft wir ihm auftaten, Ströme von Segnungen über uns ergossen.

 

Wohl erzählen die verflossenen Tage auch von Prüfungen, Leiden, Enttäuschungen. Auch sie waren Beweise von der Vaterliebe Gottes. Die Stunden der Leiden im Glauben durchlebt, waren wichtiger und segensreicher für unser Leben als alle Freuden, die wir genossen haben. Sie mussten vor allem dazu dienen, uns edler, bußfertiger, reicher an Verdiensten zu machen. Kein Tropfen von Bitterkeit soll die Erinnerung an sie trüben; mit Dank gegen Gott sollen wir auch auf sie zurückblicken.

 

Was wir allein zu bedauern haben, das sind unsere Fehltritte, unsere Versäumnisse, die Schulden, die wir vor Gott aufgehäuft, die Zeit und Gelegenheiten, die wir nicht benutzt haben zum Wirken für das wahre und unvergängliche Leben. Mit dem innigen Dank soll sich verbinden eine aufrichtige Reue, indem wir mit dem Psalmisten sprechen: "Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer! Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. (Psalm 95,6-7)

 

Blicken wir vorwärts auf das, was das neue Jahr uns bringen mag, so muss wohl bange Sorge uns beschleichen.

 

Ungewiss ist das Leben, das vor uns liegt, ungewiss ist alles, was es bringt oder nimmt; der Todesengel hat schon sein Zeichen gemacht an alle Opfer, die ihm über kurz oder lang verfallen sollen. Manche von uns werden ohne Zweifel das Ende dieses Jahres nicht sehen. Welche werden es sein? Wer könnte das sagen? Keine Jugend, keine Gesundheit und Lebensfrische ist ein Freibrief gegen den bitteren Tod. Betrachten wir die Gräberreihe des letzten Jahres auf unserem Gottesacker, so finden wir da Menschen aus allen Lebensaltern gebettet, und so manche unter ihnen, von denen es niemand gedacht hätte, sie selbst am allerwenigsten.

 

Unsicher wie das Leben ist alles, was es bringt; ob es Gesundheit bringt oder Krankheit, Wohlstand oder Armut, Gewinn oder Verlust. Alles ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Wer sollte darauf nicht mit banger Sorge schauen?

 

Soviel lehrt uns jedenfalls die Erfahrung früherer Jahre, dass viel Bitteres unserer wartet. Gern wiegt sich der Mensch in Hoffnungen und Träumen einer rosigen Zukunft. Und doch lehrt immer wieder die bittere Erfahrung, dass selbst bei den Günstlingen des Glückes die Schattenseiten des Lebens die Lichtseiten weit überwiegen. Für jeden, auch den Lustigsten, ist und bleibt die Erde ein Tal der Tränen, eine Stätte beständiger Prüfungen und Leiden. Alle guten Wünsche zum neuen Jahr können nichts daran ändern. Ein glückseliges Leben gibt es einmal hienieden nicht, erst das Jenseits soll es uns bringen. 

 

Mag aber die Zukunft noch so ungewiss und schwer sein, jedenfalls ist sie von entscheidender Bedeutung. Die Tage des Lebens sind uns zugemessen als Zeit der Aussaat für die Ewigkeit. Kurz sind sie und flüchtig wie die Saatzeit des Landwirts. Aber was wir darin aussäen, das werden wir im anderen Leben ernten. Worauf warten wir denn? Warum setzen wir nicht endlich das ins Werk, was wir uns längst vorgenommen haben? Zeit ist Geld, sagt der Geschäftsmann. Das ist ein schlechter Geschäftsmann, der Zeit und Gelegenheit sorglos vorübergehen lässt; der wird es sicher zu nichts bringen. Die Zeit ist der Preis der Ewigkeit, sagt der Glaube. Darum ruft uns der Beginn eines neuen Jahres ernster und eindringlicher als irgend eine andere Zeit zu: Wirkt, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, wo niemand mehr wirken kann!

 

Lässt Vernunft und Erfahrung uns mit banger Sorge in die dunkle Zukunft blicken, so will der Glaube unseren Blick nach oben richten, hinauf zu dem, der alle unsere Geschicke lenkt. Mit dem Psalmisten sollen wir sprechen: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin, so schauen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig ist." (Psalm 121,1-2; 123,2) Vertrauensvoll kannst du dein Schicksal in die Hände dessen legen, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupt fällt. Jedoch nur unter der einen Bedingung, dass du als treuer Knecht, als treue Magd in seinem Dienst stehst, in all deinem Tun und Lassen dich um seinen Willen kümmerst. Welch furchtbare Prüfung sehen wir bald über die heilige Familie kommen und insbesondere über ihr Haupt, den heiligen Josef. Mitten in der Nacht musste er aufbrechen und in ein unbekanntes Land flüchten. Nach der Offenbarung der Engel, Hirten, Könige und Propheten traf ihn diese Weisung wie ein Donnerschlag. Und doch setzte sie ihn nicht in Verwirrung, denn als stets getreuer Knecht des Herrn war er gewohnt, jeden Augenblick einfach zu fragen: Herr, was willst du, das ich tun soll? Mochte er Gottes Anordnung auch nicht verstehen, er zagte und klagte nicht, da er sich unter dem Schutz des Herrn wusste, der denen alles zum Besten lenkt, die ihn lieben.

 

Das sollte auch unsere Gesinnung, unser Benehmen sein den Rätseln der Zukunft gegenüber und im Angesicht der Ewigkeit. Hier und dort will der Herr unsere Leuchte und unser Stab sein, wenn wir ihm getreulich dienen.

 

Mag der Leichtsinn sich immerhin darüber hinwegsetzen, das Menschenleben trägt einen furchtbaren Ernst in sich, ein tiefes Geheimnis; mögen wir nun vorwärts, rückwärts oder aufwärts schauen, die Ewigkeit in ihrer ganzen Größe umgibt uns von allen Seiten, mit unaufhaltsamer Gewalt werden wir ihr entgegengetrieben, ob wir nun wollen oder nicht, daran denken oder nicht. Mit jedem Jahr fließt rascher die kurze Spanne Zeit dahin, die Gottes Ratschluss uns zugemessen hat, gleich wie ein Stein, der herabrollt von einem Berg, desto größere Sprünge macht, je näher er dem Abgrund kommt. Der Jugend wird die Zeit stets zu lang, und sie sucht nach Unterhaltung und Zeitvertreib. Je höher aber die Jahre steigen, desto eiliger ist ihr Lauf, und ehe man sich versieht, steht man an der Pforte der Ewigkeit. Im Licht der Ewigkeit erscheinen die Dinge dieser Welt, die uns soviel beschäftigen und bekümmern, als Spielereien und Kindereien. Mögen wir deshalb im neuen Jahr den Trugbildern des Lebens, den Wahnbildern des Lügengeistes, den Versuchungen des Bösen entgegenhalten die ernste Frage, mit der die Heiligen alles zu messen pflegen: Was nutzt es für die Ewigkeit?

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2. Für das Dreikönigsfest

 

Der Stern aus dem Morgenland ist das Sinnbild des Glaubens, der die drei Könige zu Jesus führte; und ihre Gaben sinnbilden die Pflichten, die der Glaube an Jesus uns auferlegt. Das Gold bedeutet die Liebe, der Weihrauch die Anbetung, die Myrrhen die Selbstverleugnung.

 

Was die drei Könige trieb, den Heiland zu suchen und sie nicht ruhen und rasten ließ, bis sie ihn fanden, war die Liebe, die ihren Glauben beseelte. Glauben wir an Jesus, so müssen wir ihn auch lieben. Diese Pflicht ist so dringend, dass der Apostel ausruft: "Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!" Und als besonderen Grund fügt er zu: "Unser Herr kommt!" (1. Korinther 16,22) Er will sagen: so einer wird im Gericht hören müssen: Weicht von mir, ihr Verfluchten! Wer nicht glaubt, wird verdammt; aber nur der Glaube kann erretten, der in Liebe tätig ist. 

 

So unerlässlich ist also die Pflicht, Jesus zu lieben. "Ach, Herr," ruft der hl. Augustinus aus, "ist es denn nicht schon Elend genug, wenn man dich nicht liebt; ist es nicht der äußerste Abgrund des Elends, wenn man dich nicht liebt, sowie es der höchste Gipfel des Glückes ist, wenn man dich von Herzen liebt?"

 

Der Glaube stellt uns Jesus dar als das ewige Wort des Vaters, gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater, als das höchste liebenswürdigste Gut, von dem alles Gute kommt. Der Glaube sagt, dass durch ihn alles gemacht ist, also sind auch wir durch ihn, aus ihm, in ihm; Leib und Seele und Leben haben wir von ihm, der das Leben ist. Von ihm kommt alles, was unser Leben erhält. Er erhält und regiert uns, lenkt und leitet unser Schicksal, führt uns durch das Leben zu dem Ziel, das er uns bestimmt hat. Und wir sollten ihn nicht lieben? Kann eine Liebe groß genug sein, die wir ihm widmen? Er verlangt unsere ganze Liebe und muss sie verlangen, weil er unser höchstes Gut, unser Ziel und Ende ist. Nicht weil er unser bedarf, verlangt er unsere Liebe, sondern weil er unser Glück will; und wir weder hier noch im Jenseits glücklich werden können, wenn wir ihn nicht lieben, und zwar über alles in der Welt. Deshalb ruft er uns zu: "Sohn, gib mir dein Herz. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert."

 

Der Glaube sagt uns ferner: Das Wort Gottes ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Er nahm Menschennatur an, um die Schuld der Menschheit auf sich zu nehmen. Er opferte sich für uns von der Krippe bis zum Kreuz und opfert sich noch täglich auf unseren Altären als das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Er ist unser Licht, unser Arzt, unsere Speise geworden. Wir müssten kein Herz haben, wenn wir ihn nicht lieben wollten. Der Apostel, der diese Pflicht so kräftig betont, kann sich selbst als Muster ihrer Erfüllung darstellen. "Christus", so sagt er, "ist mein Leben. - Ich achte alles in der Welt für Gassenkot, wenn ich nur Christus gewinne. - Ich will mich in nichts anderem rühmen als in Christus, dem Gekreuzigten. - Ich wünsche aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein."

 

Wo findet sich heutzutage in der Christenheit noch eine solch begeisterte Hingabe an Jesus! Wohl hört man so oft wiederholen: Jesus, dir lebe ich, Jesus, dir sterbe ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod! Aber straft das Betragen so vieler nicht diese Worte Lügen? Schon zeigt sich das Merkmal der letzten Zeiten, von dem die Schrift redet: Die Bosheit hat überhand genommen, weil die Liebe erkaltet ist. - Möchte diese Festzeit wieder die Liebe zu Jesus anfachen in unsern Herzen, indem wir uns wieder besinnen, was er uns ist und was wir ihm schulden.

 

"Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir sind gekommen ihn anzubeten." So sprachen die drei Könige, als sie nach Jerusalem kamen. Was ging sie der König der Juden an? Nein, es war nach ihrem festen Glauben kein gewöhnliches Königskind, weswegen sie kamen; es war jener König der Juden, von dem die Propheten geweissagt, die Erwartung nicht nur der Juden, sondern aller Völker. Sie suchen den König aller Könige, den König Himmels und der Erde. Deshalb wollen sie ihm nicht nur huldigen, sondern ihn anbeten. Sie sehen es als ihre Pflicht an, ihn aufzusuchen, sobald er seinen Fuß auf die Erde gesetzt hat; und sie lassen sich nicht irremachen durch den Unglauben und die Gleichgültigkeit der jüdischen Welt. "Sie gingen in das Haus hinein und fanden das Kind mit der Mutter und fielen nieder vor ihm und beteten es an." Mit welcher Andacht lagen sie da in Betrachtung des großen Geheimnisses auf den Knien. Wie demütigten sie sich vor der Größe dieses Kindes, wie vertrauensvoll schauten sie auf zu seiner Macht und Weisheit, wie freudig zu seiner Güte. Wir preisen sie selig ob dieses Glaubens. Aber ist ihr Glaube nicht ein Vorwurf für unseren Unglauben?

 

Jesus Christus ist heute wie gestern immer derselbe, derselbe auf unseren Altären wie in der Krippe, derselbe in seiner Himmelsherrlichkeit wie vordem in seiner Erdenniedrigkeit. Die Weisen sahen nur einen Stern und beteten an; sie sahen nur ein schwaches Kind in einer Krippe und beteten an; sie hörten noch nichts von seiner himmlischen Lehre, sahen nichts von seinen Wundern, wussten nichts von seiner künftigen Verherrlichung. Wir aber wissen dieses alles, wir haben die Vorbilder der Apostel, die Zeugnisse unzähliger Bekenner und Märtyrer, die Jesus angebetet haben, wir haben das Beispiel der besten und einsichtsvollsten Menschen aller christlichen Nationen. Und wir sollten säumig sein in der Pflicht der Anbetung? Wir sollten nicht willig Haupt und Knie beugen vor dem Namen Jesus und in seiner Gegenwart? Geben wir ihm die Ehre, wenn auch andere seinen Namen lästern, seinen Dienst verachten, seine Religion bekämpfen. Folgen wir den Weisen aus dem Morgenland, die sich nicht irremachen ließen durch so viel Unglauben und Gleichgültigkeit; mochte man sie auch allein ziehen lassen, sie gingen hin und beteten an.

 

Mit dem Gold der Liebe und dem Weihrauch der Anbetung sollen wir unserem Heiland auch Myrrhen opfern, indem wir um seinetwillen leiden. Das können wir in zweifacher Weise: durch geduldiges Ertragen von Verfolgungen um seinetwillen und durch Übung der Selbstverleugnung.

 

"Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen: selig seid ihr, wenn euch die Menschen verfolgen und alles Böse fälschlich gegen euch aussagen um meinetwillen; freut euch und frohlockt, euer Lohn wird groß sein im Himmel." So sprach der Herr zu seinen ersten Jüngern: so spricht er auch zu uns. Die Apostel haben wirklich frohlockt, wenn sie um des Namens Jesu willen leiden mussten. Auch und bleibt so etwas nicht erspart, wenn wir ernst machen mit unserem Christentum. "Die da fromm leben wollen in der Welt, werden Verfolgung leiden", sagt der Apostel. Zumal in unserer Zeit, wo das Antichristentum so frech sein Haupt erhebt. Schimpf und Spott, Verdächtigung und Benachteiligung ist das Los des bekenntnistreuen Katholiken. Wohl uns, wenn solche Erfahrungen uns nicht niederdrücken, sondern vielmehr erheben im gläubigen Aufblick nach oben, wo unser Herr und Vergelter unseren Kämpfen zuschaut.

 

Und dann heißt es weiter: "Alle, die zu Jesus Christus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt." (Galater 5,24) Als Christen sind wir verpflichtet, einen beständigen Krieg zu führen gegen unsere verdorbene Natur, indem wir Gott zuliebe uns beständig selbst verleugnen. Das ist es, was so viele abschreckt von der Religion Jesu, ja sie dagegen erbittert, weil sie ihre verkehrten Gelüste nicht abtöten wollen, weil ihnen das Gebot des Herrn nicht behagt: "Wer zu mir kommen will, der muss sich selbst verleugnen, sein Kreuz alle Tage auf sich nehmen und so mir nachfolgen." Wenn uns das schwer ankommen will, dann wollen wir auf ihn schauen, der mit dem Kreuz uns vorangeht, den Glauben wieder erwecken, das Vertrauen und die Liebe, und wir werden die Wahrheit seiner Verheißung erfahren: "Mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht."

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3. Für das Fest der Heiligen Familie

 

Bei dem dreitägigen Suchen und dem Wiederfinden Jesu im Tempel bewährte sich Maria wieder als Heldin des Glaubens. "Selig bist du, die du geglaubt hast." - Diesen Lobpreis verdiente sie auch in dieser schweren Prüfung. Selig sind auch wir, wenn der Glaube unser Licht ist in den Finsternissen und Gefahren des Lebens. Es hat wenige Zeiten gegeben, in denen der Glaube mehr angefochten wurde wie in unserer Zeit. Was sollen wir denn tun, um ihn vor Schaden zu bewahren?

 

Das erste und notwendigste ist ein lebendiges Verlangen nach der Gnade des Glaubens und beständiges Beten um diese Gnade. Gott gibt die Glaubensgnade denen, die sie schätzen und nach ihr verlangen. So tat der Kämmerer aus Äthiopien, von dem die Apostelgeschichte berichtet. Wie groß war seine Sehnsucht nach religiöser Erkenntnis, da er eine so weite Reise zum Tempel machte und selbst unterwegs in der Hl. Schrift las. Er verstand sie nicht, aber wegen seines großen Verlangens nach der Wahrheit sandte Gott ihm wunderbarerweise den Diakon Philippus, damit der ihm die Schrift auslege. Ebenso tat er mit dem heidnischen Hauptmann Cornelius, den Petrus unterrichten musste, damit er mit seinem Haus zum Glauben komme. 

 

Wenn wir heutzutage so viele sehen, die sich Christen nennen, aber um religiöse Erkenntnis und Fortbildung sich nicht im geringsten kümmern, die für alles andere mehr Interesse zeigen als für den Glauben, so können wir uns nicht wundern, dass ihnen die Glaubensgnade verloren geht.

 

Wer sich darum nicht kümmert, betet auch nicht um sie. Diese große Gnade will erbeten sein. Als einst ein Vater für seinen besessenen Sohn bei Jesus Hilfe suchte, sagte er: "Wenn du glauben kannst." - "Herr," antwortete der Mensch, "ich glaube ja, aber hilf meinem geringen Glauben!" Er verlangte nach dem rechten, vollen Glauben, flehte inbrünstig darum und wurde erhört. So beteten auch die Apostel: "Herr, vermehre uns den Glauben." Der uns den Glauben vermehren wolle, so beten wir deshalb beim Rosenkranz. Und jedesmal, wenn wir das Glaubensbekenntnis beten, soll es geschehen mit dem innigen Wunsch, der Herr möge uns die Glaubensgnade bewahren und vermehren. Deshalb sollen wir auch füreinander beten und uns in das Gebet anderer empfehlen. Das hat uns Jesus gelehrt durch sein Wort an Petrus, als die schwerste Glaubensprüfung ihm bevorstand: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, euch zu sieben wie Weizen, ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht abnehme." Wie dringend müssten also die Eltern für ihre Kinder beten, die etwa in der Fremde Schaden leiden könnten an ihrem Glauben und die solche Fürbitte um so nötiger haben, wenn sie selbst nachlässig werden im Beten.

 

Der Glaube kommt durch Anhörung des Wortes Gottes, sagt der Apostel. Das Wort Gottes hören ist also ein wichtiges Mittel zur Erhaltung des Glaubens. Die Verkündigung des göttlichen Wortes hat eine besondere Gnade zur Bewahrung und Belebung des Glaubens. Wer in kindlicher Demut und frommer Heilsbegierde Predigt und christlichen Unterricht anhört, wird daraus jedesmal großen Seelennutzen schöpfen, mag auch die Verkündigung des Wortes Gottes noch so einfach und kunstlos geschehen. Die ersten Glaubensboten sollten nicht durch Schriften, sondern durch das lebendige Wort das Evangelium ausbreiten; und so soll noch heute dieses die gewöhnliche Weise sein, wie der Glaube befestigt und belebt wird.

 

Halten wir den Glauben für unser kostbarstes Gut, so werden wir uns hüten vor allem, was ihm Gefahr bringen kann. Das ist vor allem der vertraute Umgang mit Irrgläubigen und Ungläubigen. Sage mir,  mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist. Man nimmt unwillkürlich in etwa die Gesinnung derer an, mit denen man vertrauten Verkehr hat. Gewiss sollen wir tolerant, duldsam sein gegenüber den Irrenden. Wir mögen sie von Herzen bedauern, ihnen auch in Nöten stets nach Kräften beistehen, während wir es zugleich als ein Gebot der Selbstliebe erachten, jeden unnötigen Umgang mit ihnen zu meiden. Deshalb befiehlt der hl. Paulus: "Wenn du einen Sektierer einmal und ein zweites Mal ermahnt hast, so meide ihn. Du weißt, ein solcher Mensch ist auf dem verkehrten weg; er sündigt und spricht sich selbst das Urteil." (Titus 3,10-11) Und der Lieblingsjünger Johannes spricht sich ebenso scharf gegen eine falsche Duldsamkeit aus: "Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß." (2. Johannes 10) Er ging darin mit gutem Beispiel voraus. Als er einst in ein öffentliches Bad gehen wollte und erfuhr, dass der Sektenstifter Cerinth darin sei, sprach er zu seinen Begleitern: "Lasset uns fliehen, auf dass das Haus, worin der Feind der Wahrheit sich befindet, über uns nicht zusammenstürze." - Was würde der Lieblingsjünger zu solchen sagen, die leichtfertig gemischte Ehen eingehen?

 

Eine große Glaubensgefahr bringt das Lesen glaubensfeindlicher Blätter, Schriften und Bücher. Sage mir, was du liest, und ich will dir sagen, wer du bist. O, sagt mancher, mir schadet so etwas nicht. Das ist eine Vermessenheit, die sich bitter rächt. Wenn religiöse Gleichgültigkeit und Abfall vom Glauben in manchen Orten, Gegenden, Ländern erschreckend um sich greifen, so kann man sicher sein, dort liberale Blätter verbreitet zu finden. Die traurige Glaubensspaltung wurde hauptsächlich durch Schriften befördert, und die schreckliche französische Revolution, die das Christentum so blutig verfolgte, war erst möglich geworden durch die Schriften der Freigeister.

 

Dagegen stärkt es die gläubige Gesinnung, wenn man Anschluss sucht bei glaubenseifrigen Christen und gute Lektüre pflegt. Man wirft uns Katholiken wohl vor, dass wir uns absondern und in vielerlei Vereinen zusammenschließen. Freimaurer, Juden und Andersgläubige tun zwar genau dasselbe und suchen überall Anschluss bei ihresgleichen. Nur uns wird das verübelt. Und doch ist es für uns heutzutage mehr als je eine Notwendigkeit wegen der zahllosen Angriffe, denen unsere Religion ausgesetzt ist.

 

Wenn so manche gleichgültig oder wankend sich zeigen im Glauben, so kommt das ferner daher, dass sie zu wenig davon wissen. Was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Wir müssen uns immer besser zu unterrichten suchen in den Wahrheiten der Religion und über die Gründe ihrer Glaubwürdigkeit; dass können wir uns und anderen darüber Rechenschaft geben. Es ist nicht jedermanns Sache, tiefe religiöse Studien zu machen. Aber über die notwendigsten Glaubenssätze muss sich jeder klar sein. Und er muss auch darüber klar sein: diese Wahrheiten, die die Kirche uns als Offenbarungen Gottes vorstellt, übersteigen zwar größtenteils den menschlichen Verstand, aber sie sind nicht wider die Vernunft. Es sind Wahrheiten, die gut und heilig sind und zur Heiligkeit anleiten, es sind Wahrheiten, die mir zur Beruhigung, zur Freude, zum Trost gereichen. Sie geben mir Aufschluss über alles, was ich über das Woher, Wozu, Wohin des Menschen wissen muss. Ohne sie wäre ich in der Finsternis, in Ungewissheit, in Unwissenheit über meine wichtigsten Angelegenheiten für Zeit und Ewigkeit. "Durchgehen wir (so sagt der hl. Chrysostomus) alle Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses, und wir finden darin nichts als trostreiche Wahrheiten, so angenehme, so liebenswürdige Wahrheiten, dass wir uns ihre Offenbarung wünschen müssten, wenn wir sie nicht schon hätten. - Ich glaube sie nicht, weil sie Menschenweisheit sind, sondern von Gott uns gelehrt durch seine Abgesandten, insbesondere durch Jesus Christus, der diese Lehre seiner Kirche übergeben hat, die der Apostel die Säule und Grundfeste der Wahrheit nennt. Und die katholische Kirche ist mir eine so sichere Bürgin der Wahrheit, dass ich mit dem hl. Augustin bekennen muss: Ich würde dem Evangelium nicht glauben, wenn ich nicht durch das Ansehen der Kirche bewogen würde." 

 

Wenn wir der Kirche Gottes glauben, so sind wir zudem in guter Gesellschaft. Die besten, unterrichtetsten und edelsten Menschen finden wir zu allen Zeiten unter ihren treuen Kindern. Dagegen können wir mit dem hl. Hieronymus sagen: "Nein, die Gesellschaft solcher Menschen, die keinen Glauben oder einen Irrglauben haben, ist mir der Zahl nach zu klein, dem Wert nach zu verächtlich, ich halte mich zu den großen Menschen der rechtgläubigen Kirche. Wenn ihr meint, dass ich irre, so wisset, dass ich mir eine Ehre daraus mache, mit so großen Menschen zu irren - mit zahllosen Heiligen, Kirchenlehrern, Märtyrern und Bekennern."

 

Das beste Mittel gegen alle Anfechtungen des Glaubens ist endlich die Probe, die jeder bei sich selbst machen kann: ein Leben nach dem Glauben. "Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun (sagt der Urheber unseres Glaubens), wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt." (Johannes 7,17)

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4. Über die Gotteskraft der christlichen Hoffnung

 

Weil der Hauptmann von Kapharnaum so großen Glauben hatte, nahte er sich dem Heiland auch mit fester Hoffnung auf seine Hilfe. Der Apostel nennt den Glauben einen festen Grund der zu erhoffenden Dinge, eine sichere Überzeugung von dem, was man nicht sieht. (Hebräer 11,1) Der Gerechte lebt aus dem Glauben: deshalb ist das christliche Leben ein Leben der Hoffnung.

 

Was haben wir von Gott zu hoffen? Vor allem den Besitz Gottes, d.h. die ewige Seligkeit. Zu dem Vater des Glaubens, Abraham, sprach der Herr deshalb: Wandle vor mir und sei vollkommen; ich selbst werde dein überaus großer Lohn sein! Gott ist unser letztes Ziel; er will der Hauptgegenstand unserer Hoffnung sein. Unsere Bestimmung ist, dass wir zur völligen Vereinigung mit zu gelangen suchen. Was dazu notwendig und dienlich ist, sollen wir ebenfalls von Gott hoffen; also die Verzeihung der Sünden, Gnadenbeistand zum Guten und auch irdische Güter, soweit sie uns dazu dienlich sind, das alles sollen wir von Gott erwarten, weil er es uns verheißen hat.

 

Wie wichtig, ja notwendig ist die Hoffnung für das Menschenherz. Sie ist der Stern, der seinen Lebensweg erleuchtet, ihm Freude, Mut und Tatkraft einflößt, tröstet in Beschwerden, anspornt zu Geduld und Ausdauer. Hoffnung ist die Triebfeder alles menschlichen Strebens. Sie ist uns ins Herz gepflanzt mit dem unausrottbaren Bedürfnis nach Glück. So ist es in der natürlichen Ordnung der Dinge, so ist es auch in der übernatürlichen Ordnung.

 

Indem Gott uns ein Ziel gab, das unendlich über der natürlichen Welt hinausliegt, gab er uns auch das Verlangen und Streben nach diesem Ziel, der Vereinigung mit ihm, dem höchsten, liebenswürdigsten Gut. Deshalb sagt der hl. Augustin so schön: "Für dich, o Gott, hast du mich erschaffen, und unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir."

 

Ein wunderbarer Stern ist die christliche Hoffnung, der den ganzen Lebensweg des Christen erhellt und verklärt. Dieser Stern leuchtet dem Kind beim Eintritt in die Welt, oder vielmehr in die Kirche, wenn ihm die Taufkerze gereicht wird mit den Worten: "Empfange das brennende Licht, bewahre untadelhaft fest deine Taufe; halte die Gebote Gottes, damit du, wenn der Herr kommt zum Hochzeitsmahl, ihm entgegengehen kannst mit allen Engeln und Heiligen, das ewige Licht hast und lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit." Dieser Stern wirft seine verklärenden Strahlen noch auf das Grab und gemahnt die Trauernden an das Wiedersehen in einer besseren Welt. Mögen die Stürme des Lebens auch Finsternis und Schrecken verbreiten, ein Aufblick nach oben zeigt dem Christen immer wieder diesen tröstlichen Stern, der ihn sicher dahin führt, wo er voll Jubel ausrufen darf: endlich am Ziel, am Ziel!

 

"Mein Glück ist es (so sagen wir mit dem Psalmisten), Gott anzuhangen, meine Hoffnung zu setzen auf Gott, den Herrn." (Psalm 73,28) Wozu der hl. Augustin sagt: "Du kannst Gott noch nicht anhangen in gegenwärtigem Schauen, hange ihm an durch die Hoffnung. Und was sollst du hier tun, indem du auf Gott deine Hoffnung setzt? Was soll dein Geschäft sein? Was anderes, als dass du den verherrlichst, den du liebst."

 

So wird die christliche Hoffnung nicht nur ein Licht sein, sondern auch eine Kraft, die Triebfeder unseres Lebens. Sie verhilft zur wahren Weisheit und Tugend. Alles menschliche Streben ordnet sie dem ewigen Ziel zu und unter, indem sie uns in allem sagen lehrt: Was nützt mir dies für die Ewigkeit? Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?

 

Unsere Hoffnung soll sich also stützen auf die göttliche Allmacht, der nichts unmöglich ist. "In Ansehung der Verheißungen Gottes wankte Abraham nicht . . . Gott die Ehre gebend, vollkommen überzeugt, dass, was immer er verheißen hat, er auch mächtig ist zu tun." (Römer 4) Und so schreibt auch der Apostel: "Ich weiß, auf wen ich mein Vertrauen gesetzt habe, und bin überzeugt, dass er Macht hat, meine Mitgabe zu bewahren auf jenen Tag. - Dem aber, der Macht hat, zu tun über die Maßen, mehr als wir bitten oder verstehen, vermöge der Gnadenkraft, die in uns wirkt, ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit." Vertrauen dürfen wir Gott trotz aller Macht der Bosheit und trotz unserer eigenen Schwachheit; er weiß das Böse zum Guten zu lenken und erweist sich stark in der Schwachheit.

 

Vertrauen wir wahrhaft auf Gottes Macht, so macht uns dies demütig. Was wir Gutes an uns haben oder Vortreffliches leisten mögen, wir sagen uns: Was hast du, o Mensch, was du nicht empfangen hast; hast du es aber empfangen, wie magst du dich rühmen, als hättest du es nicht empfangen! Wir wissen, nur den Demütigen gibt Gott seine Gnade, den Hochmütigen widersteht er. Wir sprechen mit dem Apostel: "Gern will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohne." (2. Korinther 12)

 

Die christliche Hoffnung stützt sich ferner auf Gottes Güte. Sie spricht voll freudigen Vertrauens mit dem Propheten: "Gut ist der Herr denen, die auf ihn hoffen, der Seele, die ihn sucht." (Jeremia 3) Sie stärkt ihre Zuversicht an seine Verheißung: "Könnte auch eine Mutter ihres einzigen Kindes vergessen, so würde ich doch deiner nicht vergessen, denn siehe, in meine Hände habe ich dich geschrieben!" 

 

Haben wir uns der göttlichen Vaterliebe unwert gemacht durch Sünde, so wandelt sich die göttliche Güte um in Barmherzigkeit, die jeden Augenblick bereit ist, zu verzeihen, sobald wir uns in aufrichtiger Buße wieder zu ihm wenden: "Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte. Er wird nicht immer zürnen, nicht ewig im Groll verharren. Er handelt an uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Schuld. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch ist seine Huld über denen, die ihn fürchten. So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er die Schuld von uns. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten. Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub." (Psalm 103,8-14) 

 

"In Jesus Christus ist diese unendliche Güte und Barmherzigkeit sichtbar erschienen, damit wir gerechtfertigt durch seine Gnade, der Hoffnung nach Erben sind des ewigen Lebens." (Titus 3) Am Kreuz streckt er die Arme seiner Barmherzigkeit aus auch für die elendsten Sünder. Wie sollten wir da nicht getrost und frohen Mutes ihm vertrauen? Was kann es Schweres geben, was er uns nicht tragen hilft, der da spricht: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!"

 

Und dann wissen wir, Gott ist getreu, er hält unter allen Umständen, was er verspricht. Wir können ihm keine größere Unbill antun, als wenn wir seine Verheißungen in Zweifel ziehen. Die felsenfeste Zuversicht wird nie zuschanden. In allen Stürmen, Versuchungen, Prüfungen, Bedrängnissen bleibt sie festgeankert in Gott. Wenn wir ihn nur lieben, so wendet er alles zu unserem Besten. Er hat uns seinen eingeborenen Sohn gegeben, sagt der Apostel, wie sollte er uns in ihm nicht alles gegeben haben? Auch unsere eigenen Erfahrung, die Schickungen und Fügungen unseres Lebens müssten uns das Wort froher Zuversicht bestätigen: Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden!

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5. Die christliche Hoffnung erprobt sich im felsenfesten Gottvertrauen

 

Der Sturm auf dem Meer ist ein Sinnbild des Menschenlebens. Niemals fehlt es an Anfechtungen, Beschwerden, Leiden. Wollen wir darin nicht Schaden leiden an unserer Seele, so bedürfen wir der göttlichen Hilfe. Die Hoffnung auf diese Gnadenhilfe darf nicht wanken, wenn es auch scheint, als ob Gott schliefe und uns den feindlichen Gewalten preisgäbe. Auf Gott hoffen heißt, im Vertrauen auf Gottes Hilfe kämpfen und darin nicht nachlassen. 

 

Hoffen heißt ja, überhaupt nach etwas trachten, was schwer zu gewinnen ist. Eine Sache, die einem von selbst zufällt, braucht man nicht zu hoffen. Nun ist aber der Himmel, der Hauptgegenstand der christlichen Hoffnung, schwer zu erringen. Deshalb heißt er eine Stadt auf dem Berg, der nur mit Mühe zu erklimmen ist; er heißt eine Krone, um die man kämpfen, ein Lohn, um den man arbeiten muss.

 

Die größte Beschwerde macht uns der innere Feind, die eigene verdorbene Natur. Und vermögen wir auch alles in dem, der uns stärkt, so heißt es doch nicht nur beten um die Gnade, sondern auch standhaft mit ihr mitwirken. Weswegen der Apostel schreibt: "Brüder, beeifert euch, dass ihr eure Auserwählung gewiss macht durch gute Werke. Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn Jesus Christus." (2. Petrus 1,10)

 

Einen Kriegsdienst auf Erden nennt Hiob das Menschenleben. Und der Apostel entwirft von dem Streben und Kämpfen der christlichen Hoffnung folgende herrliche Schilderung: "Wisst ihr denn nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer aber lebt völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde." (1. Korinther 9,24-27) 

 

Eine Rennbahn ist also das Leben, ein Kampfplatz. Wer als Wettläufer und Wettkämpfer den Preis erringen will, hat ein Zweifaches zu tun: vorerst muss er die Hindernisse wegräumen, dann muss er entschieden und rechtmäßig kämpfen. Das gleiche gilt vom Kampf der christlichen Hoffnung.

 

Die an den Wettspielen der damaligen Zeit teilnehmen wollten, mussten sich von manchem enthalten, was ihre Kraft und Sicherheit schwächen konnte. So ist es ja auch heute noch. Die es zu großen Kraftleistungen bringen wollen, üben sich oft lange Zeit in der strengsten Enthaltsamkeit, genießen keine geistigen Getränke, fasten und kasteien sich so eifrig, wie der eifrigste Büßer nur tun kann. Niemand findet etwas Besonderes darin, und doch ist die Aussicht auf Erfolg so gering. Bei Wettspielen kann nur einer den Preis gewinnen, alle anderen haben sich umsonst geplagt. Den Siegespreis der christlichen Hoffnung hingegen können so viele erlangen, als nur ernsthaft wollen. Sie müssen sich aber von allem enthalten, was das Seelenheil in Gefahr bringt, und mit voller Entschlossenheit beharrlich den guten Kampf kämpfen. Mit Luftschlägen werden die Feinde des Heils nicht besiegt, ein Scheinkampf nutzt nichts. Vermessen wäre die Hoffnung zu siegen, ohne ernsthaft zu kämpfen. Die ewige Seligkeit hoffen und dabei die Sünde nicht aufgeben wollen, die vom Himmel ausschließt, hieße vermessentlich hoffen. Bewahrung vor Sünde erwarten und sich leichtfertig den Sündengelegenheiten aussetzen, hieße vermessentlich hoffen. Vergebung der Sünden erbitten und dabei Groll gegen Widersacher im Herzen nähren, wäre vermessene Hoffnung. Herzensreinheit bewahren und der Üppigkeit und Neugierde frönen wollen; um Demut beten und sich über jede Demütigung empören, dagegen in eitlen, selbstgefälligen Gedanken gern verweilen, hieße sich selbst betrügen. Ausweichen können wir dem Kampf nicht; nur wenn wir ernsthaft und beharrlich kämpfen, dürfen wir den Sieg hoffen.

 

Der standhafte Streiter wird dann auch die Hilfsmittel eifrig gebrauchen, die ihm den Sieg erringen helfen. Er wird seine Stärke suchen in den Gnadenmitteln, im Gebet, im öfteren würdigen Empfang der Sakramente; er wird gewissenhaft sein in Erfüllung seiner Berufspflichten, geduldig im täglichen Kreuz. Er wird mit dem Apostel sagen können: "Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit; meine Arbeiten, Mühsale und Leiden helfen mir, die sinnliche Natur dem Geist zu unterwerfen."

 

Zu dieser Kampfbereitschaft der christlichen Hoffnung gesellt sich dann die frohe Siegeszuversicht.

 

Wohl mahnt der Apostel, wir möchten in Furcht und Zittern unser Heil wirken. Aber diese Furcht soll uns nur vorsichtig machen, nicht kleinmütig. Sie gründet sich auf die Erkenntnis unserer Gebrechlichkeit, und diese Erkenntnis nötigt uns, innigen Anschluss an Gott zu suchen, in dem wir alles vermögen. Er verlässt uns nicht, wofern wir nur ihn nicht verlassen. Christlich hoffen heißt, sicher und fest den Sieg erwarten mit Gottes Hilfe.

 

Die christliche Hoffnung wird sich also erproben im felsenfesten Gottvertrauen.

 

Unser Gottvertrauen wird angefochten vom Bösen durch vielfache Versuchungen zum Misstrauen, Kleinmut, zur Mutlosigkeit, Verzagtheit, Verzweiflung. Der Feind unserer Seele hat selbst keine Hoffnung; er glaubt, aber zittert. Deshalb tut er nichts lieber, als uns wankend machen im Vertrauen auf Gottes Fürsorge, Liebe und Erbarmen. Wie triumphiert er, wenn er uns das Beten verleiden oder das Streben nach Tugend verkrüppeln kann durch lähmende Skrupel. 

 

Auch Gott selbst stellt unser Vertrauen auf die Probe; er will es dadurch üben und verdienstlicher machen. Wie herrlich leuchtete das felsenfeste Gottvertrauen des geduldigen Ijob in seiner äußersten Verlassenheit. Im hoffnungslosen Elend schmachtend, verlassen selbst von denen, die ihm am nächsten standen, wankte er nicht in seiner Zuversicht auf den, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupt fällt. Und, so sprach er, wenn er mich auch tötet, so will ich doch auf ihn hoffen! Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und in diesem meinen gemarterten Fleisch werde ich ihn schauen. - Ebenso tröstete sich der fromme Tobias, als er durch Ungerechtigkeit und Missgeschick in die äußerste Armut geriet und dazu noch blind wurde. Wir erwarten ein anderes Leben, sprach er, das Gott denen geben wird, die ihm treu bleiben. 

 

So wird auch unser Gottvertrauen vielfältig geprüft. Wohl uns, wenn es die Probe besteht. Ein Schiff, das gut verankert ist, hat den Sturm nicht zu fürchten. Damit aber unsere Hoffnung in der Zeit der Gefahr die Probe bestehe, müssen wir sie beständig üben. Vor allem beten um diese Tugend, und dass Gottes Gnade sie uns stärke. Dann überhaupt das Gebetsleben pflegen. Das Gebet bewahrt uns vor dem irdischen Sinn, der sein Verlangen und Vertrauen auf das Vergängliche richtet; es übt in uns den himmlischen Sinn, der zuerst das Reich Gottes sucht und seine Gerechtigkeit, und alles übrige als Zugabe betrachtet. Beten müssen wir besonders, wenn Misstrauen und Kleinmut uns befallen will. Wenn wir nicht nachlassen im Gebet, lassen wir nicht ab von Gott, und wir werden nimmer von ihm verlassen. Wer aber ablässt vom Beten, wird gottvergessen und gottverlassen.

 

Die Tugend der christlichen Hoffnung von Herzen erwecken sollen wir insbesondere am Ende unseres Lebens, in der Todesstunde. Dann, wenn alles uns verlässt und wir alles verlassen müssen, worin wir Trost und Hilfe in der Welt suchten; wenn Not und Angst uns zum äußersten bringen; wenn uns schon die Schauer des göttlichen Gerichtes überfallen und der Geist der Finsternis alles aufbieten wird, um unsere arme Seele in Verwirrung zu stürzen: da heißt es sich mit kindlichem Vertrauen in die Arme der göttlichen Barmherzigkeit werfen, das Kreuz unseres Erlösers umklammern und bis zum letzten Atemzug wiederholen: "

Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden werden!"

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6. Über die Liebe zu Gott

 

Der Glaube lehrt uns Gott erkennen als das höchste, vollkommenste Gut, als unsern himmlischen Vater, aus dessen freigebiger Hand wir alles empfangen, was wir an Gutem Leibes und der Seele besitzen. Diese Erkenntnis treibt uns an, uns Gott von ganzem Herzen hinzugeben; so entspringt aus dem Glauben die Hoffnung und Liebe. Wie der Apostel sagt: "Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben." (1. Timotheus 1,5) Die Liebe ist die vorzüglichste der drei göttlichen Tugenden, wie weiter der Apostel sagt: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe." (1. Korinther 13,13)

 

Das erste und größte Gebot ist dieses: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Gemüt und aus allen deinen Kräften."

 

Wie kann man wissen, ob man dieses erste Gebot erfüllt, diese notwendigste Tugend besitzt?

 

Hat man Liebe zu Gott, so hat man Freude an Gott und allem Guten. Es ist nicht anders, als wenn Kinder ihre Eltern lieben und Eltern ihre Kinder; dann freuen sie sich aufrichtig ihrer Vorzüge, ihres Wohlergehens, denken oft an sie, reden gern von ihnen, tun ihnen gern etwas zu Gefallen. - Welches sind also unsere Gefühle und Gesinnungen gegenüber Gott? Denken wir oft an ihn, betrachten wir gern seine Eigenschaften und erfüllt uns das mit Freude? Oder lässt es uns kalt und gleichgültig, haben wir gar Widerwillen gegen die Religion und machen uns nichts daraus, ob Gott geehrt und gepriesen oder verachtet und beleidigt wird? Ist nicht nur bei Geschäften und Zerstreuungen, sondern selbst bei Gebet und Gottesdienst unser Herz fern von ihm? Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz. Beobachte also, woran du am liebsten denkst, dann weißt du, was du am meisten liebst.

 

Die Gottesliebe zeigt sich ferner im Verlangen nach Gott. Wenn wir jemand aufrichtig zugetan sind, so wünschen wir, immer bei ihm zu sein, möchten ihn immer hören, sehen, uns mit ihm unterhalten; und sind wir getrennt von ihm, so erfüllt uns das mit Trauer, mit Sehnsucht, und nur die Hoffnung auf Wiedersehen tröstet uns. Ein gutes Kind in weiter Fremde, fern von den Eltern und Angehörigen, kennt am besten diese Äußerung der Liebe. - Danach mögen wir wieder prüfen, wie es mit unserer Gottesliebe steht. In dieser Welt ist Gott uns zwar auch nahe durch seine Allgegenwart und im allerheiligsten Sakrament, und können wir mit ihm verkehren durch Gebet und Kommunion, doch nur auf verborgene, unvollkommene Weise; von Angesicht zu Angesicht ihn schauen und vollkommen besitzen sollen wir ihn erst im anderen Leben. Haben wir also Verlangen nach Gott, so beten wir gern, hören gern von ihm in Predigt, christlichem Unterricht, frommer Lesung und haben auch einiges Verlangen nach dem Himmel. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen", spricht der Herr. Führe ein Kind in ein fremdes Haus, reiche ihm die schönsten Leckerbissen und Spielsachen - sie werden es nur eine Zeitlang vergnügen und unterhalten können, dann wird es seine Arme nach der Mutter ausstrecken und nach Hause verlangen. Ist nun diese Erde nicht ein fremdes Haus? Leben wir hier nicht fern von Gott, der uns mehr ist als Vater und Mutter? Sind die Genüsse dieses Lebens nicht wie Leckerbissen, seine Güter wie Spielsachen, die uns einige Augenblicke ergötzen? Wehe uns, wenn wir törichter handelten als so ein Kind, indem wir über den Tand der Welt den himmlischen Vater und das ewige Vaterhaus vergessen würden! "Liebt die Welt nicht, noch das, was in der Welt ist", ruft deshalb der heilige Johannes aus. Und der Heiland selbst sagt: "Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft."

 

Nun sind aber die Gefühle des Wohlgefallens, der Freude, des Verlangens nicht immer ein sicherer Maßstab für unser Verhältnis zu Gott; sie sind oft wechselnd und zweifelhaft. Was uns gar nicht trügen und täuschen kann, das ist unser Betragen gegenüber Gott. "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt", sagt deshalb der Heiland. Wenn wir jemand aufrichtig lieben, so tun wir gern alles, was ihm Freude macht, und meiden alles, was ihm missfällt. Mag es manchmal auch schwer ankommen, die Liebe macht alles leicht. Gott missfällt nichts als die Sünde. Er gibt uns seinen Willen zu erkennen durch Vernunft und Gewissen, durch die Gebote der Kirche. Scheuen wir uns nicht, selbst in wichtigen Stücken ihm entgegen zu handeln, so haben wir gar keine Liebe zu ihm; scheuen wir zwar schwere Sünden, machen uns aber aus geringen Verfehlungen nichts, so haben wir eine geringe Liebe.

 

Da nun die Liebe Gottes das Wichtigste und Notwendigste ist, da wir ohne sie nicht Glück und Frieden finden können in dieser und der anderen Welt, was ist denn zu tun, um sie zu erlangen und zu vermehren?

 

Das erste Mittel ist das Gebet; denn diese Tugend ist vor allem eine Gabe Gottes. Man soll öfters einen Akt oder eine Übung der Liebe machen, indem man um Glaube, Hoffnung, Liebe betet mit dem herzlichen Verlangen nach diesen wichtigsten Tugenden.

 

Das zweite Mittel ist eine immer bessere Kenntnis Gottes. Was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Darum sind so viele gleichgültig gegenüber Gott, weil sie so wenig von ihm wissen. Gott ist so gut und Herrlich, dass wir ihn notwendig liebgewinnen müssen, wenn wir ihn kennen. Es ist vorzüglich der Glaube, der ihn uns kennen lehrt. Darum sagt der Heiland: "Das ist das ewige Leben, dass sie dich (den Vater) erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus. - Solche, die sich nicht kümmern um Predigt und christlichen Unterricht, müssen notwendig immer gleichgültiger gegenüber Gott werden. Als der heilige Augustinus sich von einem ganz weltlichen, sündhaften Leben bekehrt hatte, rief er manchmal aus: "O Gott, warum habe ich dich so spät erkannt, warum habe ich dich so spät geliebt!" - Liegt uns also daran, die Gottesliebe zu erlangen, zu bewahren und zu vermehren, so müssen wir uns in der Religion zu unterrichten und eifrig fortzubilden suchen.

 

Das dritte Mittel ist die öftere Betrachtung der Wohltaten Gottes. Seine Güte und Barmherzigkeit ist vor allem jene Eigenschaft, die ihm unser Herz gewinnt. Der größte Beweis seiner Güte, das größte Geschenk seiner Liebe, ist sein Sohn Jesus Christus. Was er für uns getan, gelitten, geopfert hat, ist so wunderbar, so groß, dass das Andenken daran uns gleichsam zur Liebe nötigt. "Lasst uns Gott lieben", so ruft der Apostel aus, "denn er hat uns zuvor geliebt! Darin hat sich Gottes Liebe geoffenbart, dass er seinen Sohn für uns dahingegeben hat." Deshalb erblicken wir überall das Kreuz - in den Häusern, Kirchen, an den Wegen, damit es uns zurufe: "So sehr hat Gott die Welt geliebt!" Und täglich dreimal hören wir die Betglocke uns erinnern: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Möchten wir uns dadurch auch mahnen und erinnern lassen und jedesmal dankbare Gegenliebe erwecken. Möchten wir auch sonst uns eifrig üben in der dankbaren Gesinnung gegenüber Gott, den Geber alles Guten, insbesondere bei den täglichen Dankgebeten und wenn wir uns außerordentlicher Gnaden erfreuen.

 

Das vierte Mittel ist Abtötung und Selbstverleugnung. Beständig wirbt die Welt um unser Herz und will es einnehmen mit ihrer Augenlust, Fleischeslust und Hoffart. Da heißt es beständig beten, wachen und kämpfen, damit man sein Herz Gott bewahre, dem es gehört. Darum stellte der Herr dieses als Kennzeichen der Liebe zu ihm auf: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und so folge er mir nach." - Hienieden kann die Liebe nicht ohne Kampf und Leiden sein. Gott offenbarte seine größte Liebe zu uns im bitteren Leiden Christi, und das Sakrament der Liebe erneuert es beständig auf geheimnisvolle Weise. So muss sich auch unsere Gottesliebe offenbaren und bewähren in vielen Anfechtungen und Trübsalen. Erst im himmlischen Vaterland soll sie zur Ruhe und Sicherheit gelangen in der vollkommenen Vereinigung mit Gott.

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7. Was wirkt die Liebe in der Seele?

 

Der Weinberg des Herrn, in den jeder zur Arbeit berufen wird, ist unsere eigene Seele. Und was sollen wir in ihr anbauen? Nichts anderes als Tugend. Gedeiht die Tugend in diesem Gottesacker, so ist er wohlbestellt; andernfalls wuchert das Unkraut in ihm, verwildert er und erweist uns als faule und unnütze Arbeiter. 

 

Die wichtigsten und notwendigsten Tugenden sind die göttlichen, Glaube, Hoffnung, Liebe. Die größte aber von ihnen ist die Liebe. Das erhellt auch aus ihren Wirkungen. Was wirkt sie in der Seele?

 

Die Liebe erzeugt vor allem alle übrigen Tugenden. Wer Gott wahrhaft in Liebe zugetan ist, sucht ihm zu gefallen. Dem Allerheiligsten aber können wir nur dadurch gefallen, dass wir seiner Heiligkeit nachstreben. "Seid heilig," so sagt er uns, "wie auch ich heilig bin." Somit wird die wahre Gottesliebe in jeglicher Tugend zu wachsen trachten. Der Apostel nennt die Liebe das Band der Vollkommenheit. (Kolosser 3,14) Gut ist, was Gott will, und üben sollen wir das Gute, weil Gott es will. Der Apostel nennt daher wieder die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Römer 13,10) "Liebe nur", sagt der heilige Augustin, "und dann tue, was du willst." Ja, für die wahre Gottesliebe gibt es keinen Zwang; sie treibt uns an, freiwillig und gern zu tun, was wir tun sollen.

 

Dass alle echte Tugend aus der Gottesliebe stammt, lehrt schon die tägliche Erfahrung. Wo sie abnimmt oder schwindet, da sehen wir alles Gute Schaden leiden. Wie auffallend ist das oft an jungen Leuten zu beobachten. Solange sie gerne beten, Freude am Gottesdienst und Empfang der Sakramente haben, sind sie gute Kinder und sonst pflichttreu. Kaum aber wenden sie sich von den Übungen der Religion ab, da kommen sie auf schlechte Wege, werden störrisch und widerspenstig, machen ihren Angehörigen Kummer und Schande. Bleibt das äußere Betragen anständig und werden die Berufspflichten erfüllt, so fehlt doch Seele und Leben, wenn es nicht aus Liebe zu Gott hervorgeht. Weshalb der Apostel schreibt: "Wenn ich in den Sprachen der Engel und Menschen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. (1. Korinther 13,1-2) Darum spricht der Heiland: "Das erste Gebot ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft... Gott lieben von ganzem Herzen, gilt mehr als alle Opfer." (Markus 12)

 

Die Liebe verhilft ferner zur Vereinigung mit Gott. Das ist ja der Zweck der ganzen Religion. Diese Vereinigung wiederherzustellen, war der Zweck der Erlösung. Glaube und Hoffnung führen zu Gott, die Liebe vereinigt mit ihm. Weshalb der Heiland sagt: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen." (Johannes 14,23) Und schreibt der hl. Johannes: "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." (1. Johannes 4,16b) Die Liebe macht uns des Heils teilhaft, das der Erlöser gebracht hat. "Dem Glauben wird das Heil gezeigt", sagt der hl. Franz von Sales, "der Hoffnung wird es bereitet, aber der Liebe allein wird es gegeben." 

 

Sie erwirkt uns deshalb auch Verzeihung unserer Sünden, das erklärte der Heiland ausdrücklich, als er die Sünderin und Büßerin Maria Magdalena so gütig aufnahm. Die Pharisäer murrten, weil er sie gewähren ließ, als sie seine Füße mit ihren Tränen benetzte. Er aber sprach zu ihr: "Deine Sünden sind dir vergeben!" Und er fügte als Grund bei: "Ihr ist viel vergeben worden, weil sie viel geliebt hat." Die Gottesliebe verschafft uns also Verzeihung der Sünden, auch jener, die von Gott trennen, der schweren Sünden. Nach den Aussprüchen des Herrn und der Lehre der Kirche ist daran nicht zu zweifeln.

 

Ihr ist viel vergeben, weil sie viel geliebt hat. In diesen Worten des Herrn liegt schon angedeutet, dass nicht jede Liebe sündenvergebend wirkt. Man hat zu unterscheiden zwischen vollkommener und unvollkommener Liebe. Der Unterschied liegt nicht im Grad oder der Stärke, sondern im Beweggrund. Unvollkommen nennen wir die Liebe, die Gott dient um des Lohnes willen, den er seinen treuen Dienern verheißt. Sie ist also im Grunde Eigennutz, Selbstsucht. Vollkommen dagegen ist jene Liebe, die Gott anhängt, weil er das höchste, liebenswürdigste Gut ist; also hauptsächlich aus reinem, uneigennützigem Wohlgefallen an den Vollkommenheiten Gottes. Sie übt das Gute einzig um Gott zu gefallen, gleichwie ein gutes Kind seinen Eltern folgt, um ihnen keinen Verdruss zu bereiten. Sie würde die Gebote halten und die Sünde (wenigstens die schwere) meiden, auch wenn es keinen Himmel und keine Hölle gäbe. Die unvollkommene Liebe wäre für sich nicht stark genug, um jede schwere Sünde zu meiden; es muss ihr zu Hilfe kommen die Hoffnung und Furcht, insbesondere die Furcht vor der Hölle.

 

Welche von diesen beiden Arten der Gottesliebe bewirkt nun Vergebung der Sünden? Beide vermögen es, aber auf verschiedene Weise. Zu jeder Sündenvergebung ist unerlässlich eine übernatürliche Reue. Diese kann wieder zweifach sein, vollkommen und unvollkommen. Unvollkommen ist sie, wenn sie hervorgeht aus vollkommener Liebe; d.h. wenn unsere Sünden uns leid tun hauptsächlich aus Furcht vor der göttlichen Strafgerechtigkeit. Vollkommen ist die Reue, die aus der vollkommenen Liebe entsteht; wenn wir also unsere Sünden verabscheuen, weil sie eine Beleidigung und Verachtung unseres besten Vaters, unseres höchsten, liebenswürdigsten Gutes sind. Die unvollkommene Reue erwirkt für sich noch keine Sündenvergebung; es muss hinzukommen die Gnade des Bußsakramentes. Die vollkommene Reue hingegen söhnt uns sofort mit Gott aus, tilgt auch schwere Sünden. Von ihr gilt das Wort des Herrn: "Wer mich liebt, den wird mein Vater lieben, und auch ich werde ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen." Freilich bleibt auch hier die Beichtpflicht bestehen. Die Sünden, die durch vollkommene Reue getilgt sind, müssen trotzdem gebeichtet werden, weil dies ein Gebot Christi ist.

 

Wie tröstlich ist doch die Lehre von der vollkommenen Liebe und Reue. Durch diese können wir zu jeder Zeit und in einem Augenblick die heiligmachende Gnade wiedererlangen, wofern wir sie durch schwere Sünde verloren haben; durch sie können wir unsere Seele retten, wenn wir uns in schweren Sünden an der Pforte der Ewigkeit sehen und die Sterbesakramente nicht mehr empfangen können. Es darf also niemand verzweifeln; ein Akt vollkommener Liebesreue kann ihn retten. Und ein solcher ist ja nicht so schwer zu erwecken, wenigstens für den nicht, der als gottesfürchtiger Christ lebt. Ein Aufschrei des geängstigten Herzens zum gekreuzigten Heiland genügt, um die Gesinnungen der Liebesreue zu erwecken: in dem Kuss des Kruzifixes, im andächtigen Anrufen des süßen Namens Jesu kann sie sich kundgeben und wirken.

 

Wie wichtig ist es also, dass wir diese Liebesreue eifrig üben. Wer sie nie oder selten übt, der wird sie ohne besondere Gnade schwerlich erwecken können, wenn vielleicht alles davon abhängt. am leichtesten verhilft uns dazu die fleißige Betrachtung und Verehrung des bitteren Leidens Christi. "So sehr hat Gott die Welt geliebt", ruft uns jedes Kreuz zu; und es mahnt uns: Liebe den Gütigen und Barmherzigen um seiner selbst willen, und bereue aus Liebe zu ihm deine Sünden. 

 

"Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen", sagte einst der Herr, "und was will ich anders, als dass es brenne?" Im göttlichen Herzen Jesu brennt ein so starkes Liebesfeuer, dass es imstande ist, alle Herzen in Gottesliebe zu entflammen. Wohl uns, wenn wir unsere Herzen davon entzünden lassen und mit wahrem Verlangen nach der notwendigsten göttlichen Tugend immer wieder bitten: "Göttliches Herz Jesu, gib, dass ich dich immer mehr liebe!" Dann werden wir auch das Unsrige tun, um die Gottesliebe zu üben, und keine größere Sorge kennen, als die, diese heilige Flamme vor dem Erlöschen zu bewahren, uns zu bewahren vor schwerer Sünde.

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hl. Maria Magdalena

 

8. Dankbarkeit für Gottes Güte

 

Der Glaube lässt uns Gott erkennen als Urheber und Spender alles Guten, als den gütigen Spender alles Guten insbesondere, das wir je empfangen haben oder erwarten dürfen. Aus dieser Erkenntnis soll die dankbare Liebe entspringen, die unsere völlige Abhängigkeit von Gottes Güte freudig anerkennt und sich angetrieben fühlt, diese Anerkennung in Wort und Tat kundzugeben. Damit üben wir dann die Tugend der Dankbarkeit gegenüber Gott. Sie ist eine Pflicht, die nur zu oft vernachlässigt wird.

 

Die Dankbarkeit gegenüber seinen Wohltaten verlangt Gott von uns und muss er verlangen. Er würde ja abdanken, wenn er darauf verzichtete, dass seine Geschöpfe ihre Abhängigkeit ihm gegenüber anerkennen. Die Religion des Alten wie des Neuen Bundes, die er stiftete, hatte und hat daher heilige Tage, Feste und Opfer. Der Sabbat sollte ein wöchentliches Dankfest sein für die Gnade der Erschaffung und Erhaltung. Jedes Fest der Juden erinnerte an eine Heilstatsache: Ostern an die Befreiung aus Ägypten, Pfingsten an die Gesetzgebung auf Sinai, das Laubhüttenfest an die wunderbare Führung in der Wüste. Pfingsten war zugleich das Erntedankfest, weshalb die Erstlinge der Ernte im Tempel dargebracht werden mussten. Zahlreich waren die Dankopfer im Tempel, und es war Pflicht und zugleich hohe Freude für den frommen Israeliten, ihnen beizuwohnen. An die Dankespflicht mussten die Propheten das Volk immer wieder Erinnern, wenn es anfing, seines Gottes zu vergessen. So klagte der Herr durch den Mund des Jesaja: "Der Ochse kennt seinen Eigentümer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber erkennt mich nicht." 

 

Da Jesus dann den Neuen Bund gründete, ging er in der Tugend der Dankbarkeit mit seinem eigenen Beispiel voran. Bei jeder Gelegenheit dankte er dem himmlischen Vater, so insbesondere bei der Brotvermehrung, bei der Auferweckung des Lazarus und bei Einsetzung des allerheiligsten Sakramentes. - Die Dankespflicht schärft der Weltapostel nachdrücklich ein, indem er schreibt: "Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Chisti, unseres Herrn." (Epheser 5,20) "Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört." (1. Thessalonicher 5,18) Bei jeder Heiligen Messe erinnert uns die Präfation daran, dass sie ein Dankgebet ist, "sursum corda", heißt es da, "erhebet die Herzen". Und dann: "Gratias agamus domino deo nostro", "lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott". Ja, so antwortet das Volk, "dignum et justum est", "würdig und recht ist es, billig und heilsam, dass wir dir immer und überall Dank sagen, Herr, heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, durch Jesus Christus unseren Herrn". 

 

Dazu fordern uns die zahllosen Wohltaten auf, mit denen Gottes Güte und väterliche Fürsorge uns immerfort überhäuft. "Was hast du, o Mensch", so fragt der Apostel, "was du nicht empfangen hast?" Und der Psalmist sagt: "Seh` ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt (so sage ich): Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt: All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht." (Psalm 8,4-9) Ja sogar die Himmelsfürsten hat er zu dienenden Geistern gemacht, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen. (Hebräer 1,14)

 

Und betrachten wir die Gaben der göttlichen Güte, die sie uns persönlich zuwendet - wie könnten wir je genug dafür danken? Sie rief uns ins Dasein, stattete uns aus mit Kräften des Leibes und der Seele, sorgte für uns jeden Augenblick, damit das Notwendigste uns nicht fehlte, und gab uns so viel, was zur Annehmlichkeit und Verschönerung des Lebens dient. War er dir die Gesundheit, die gesunden Glieder und Sinne schuldig? Hätte er dir Unrecht getan, wenn er dich körperlich schwer behindert geschaffen oder auf ein qualvolles Krankenlager gelegt hätte wie so viele andere, die du bedauerst? Wenn er dich Hunger und Elend hätte kosten lassen oder unter den Eingeborenen im Urwald hätte geboren werden lassen, die ein ganz anderes Dasein kennen? Er ist der Herr, und niemand hat ein Recht, sich gegen ihn zu beklagen, oder mit ihm zu rechten. Sooft wir aus erquickendem Schlaf neugestärkt erwachen, wieder das Licht der Sonne schauen, mit Speise und Trank uns erfreuen dürfen, ist uns das eine Aufforderung zur Dankbarkeit.

 

Viel größer und schätzenswerter noch sind dann die Gnaden der Erlösung und Heiligung. Gott verlieh uns eine unsterbliche Seele, stattete sie mit den herrlichsten natürlichen und übernatürlichen Gaben aus und machte sie fähig, ihn dereinst von Angesicht zu Angesicht zu schauen und in dieser Anschauung ewig selig zu sein. Und da die Menschen durch eigene Schuld den Himmel verloren hatten, sandte er seinen Sohn als Erlöser und gab in ihm uns alles, was wir zu unserem Heil nötig haben, Wahrheit und Gnade, Licht und Kraft zur Versöhnung mit Gott, zum gottgefälligen Leben und seligen Sterben. "Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles Schenken?" (Römer 8,32) Christus lebt und wirkt fort durch den Heiligen Geist in seiner Kirche, die uns lehren, führen und heiligen soll, bis wir an unser Ziel gelangen. welch ein Glück ist es, dass wir Kinder der wahren Kirche sind, und nie können wir Gott genug dafür danken, dass er uns dazu erwählt hat ohne unser Verdienst im Vorzug vor so vielen Millionen anderer Menschen, denen diese Gnade nicht zuteil wurde, und die dafür vielleicht erkenntlicher sein würden.

 

Ja unverdient sind alle Gnadengaben Gottes, und um so höher sind sie anzuschlagen, als der ewige, unendliche Gott, der unser nicht bedarf, von Ewigkeit her beschlossen hat, sie uns zuzuwenden, obwohl er voraussah, einen wie schlechten Gebrauch wir so vielfach von seiner Güte machen würden. Er hat uns in Wahrheit zuvor geliebt; deshalb schulden wir ihm dankbare Gegenliebe. 

 

Weshalb fordert Gott von uns Dankbarkeit? Nicht seinetwegen, sagt der hl. Chrysostomus, weil er unseres Lobes bedarf, sondern unsertwegen. Wie der Sämann im Evangelium streut der Herr den Samen seiner Wohltaten in überreicher Fülle beständig aus. Der meiste verkommt, weil er auf kein fruchtbares Erdreich fällt. Die Herzen der Menschen sind hart wie der Weg und Felsengrund; da kann keine Dankbarkeit keimen und gedeihen; oder die Dornen des Weltsinns ersticken die gute Saat. Frucht bringen die Wohltaten Gottes nur in einem dankbaren Herzen. 

 

Die erste Frucht ist ein beständiges Wachstum der Liebe und Treue gegenüber Gott. Wir müssten ja kein Herz haben, wenn uns die väterliche Liebe und Fürsorge Gottes, die uns beständig mit Wohltaten überhäuft, nicht rühren würde. Wenn sie wenig Eindruck auf uns macht und wir kalt und gleichgültig sind Gott gegenüber, so ist schuld daran die Gottvergessenheit, die die Gaben der göttlichen Liebe hinnimmt, ohne des Gebers zu gedenken. Deshalb werden dann diese Gaben auch so wenig geschätzt und so schlecht benutzt. Was wir von der Hand einer hochstehenden oder besonders teuren Person empfangen, schätzen wir hoch und halten es hoch in Ehren, mag es an sich auch wenig Wert haben. Um wieviel mehr sollte uns jede Guttat Gottes teuer sein, und sollten wir das zeigen durch dankbare Gesinnung und gute Anwendung. 

 

Das macht uns dann weiter größerer Gnaden würdig. Ist es ja auch bei uns selbst so: wenn jemand, dem wir Guttaten erwiesen, sich erkenntlich zeigt und sie gut anwendet, so fühlen wir uns gedrungen, ihm noch weiter wohlzutun. "Die Undankbarkeit dagegen", so sagt der hl. Bernhard, "ist die Feindin der Seele, indem sie die Verdienste vernichtet, die Tugenden zerstört und die Gnade hemmt. Sie ist ein versengender Wind, der den Quell der Güte und Barmherzigkeit Gottes austrocknet."

 

Eine weitere Frucht der Dankbarkeit ist Freude und Zufriedenheit des Herzens. Der kindliche hl. Franziskus konnte Tränen der Freude vergießen, wenn er nach mühsamem Marsch unter einem schattigen Baum ausruhte und aus einer kühlen Quelle seinen Durst löschte. Er erinnerte sich voll Rührung der Güte Gottes, die von Ewigkeit her beschlossen habe, ihm diese Erquickung zuzuwenden. Ja, ein dankbares Herz, ein gutes und glückliches Herz. Das Glück des Lebens besteht nicht in den Dingen, die als Weltglück gelten. Es besteht vielmehr darin, dass wir lernen, der kleinen Gaben Gottes uns zu freuen, weil sie aus seiner Hand kommen, Erweise seiner väterlichen Liebe und Fürsorge sind. Wieviel Kummer und Leid blieben uns erspart oder würde uns versüßt, wenn wir für das Gute, das wir empfangen, dankbar wären. Was uns auch fehlen mag, wir haben trotzdem so viel, wessen wir uns erfreuen können und wofür wir nicht genug danken können.

 

Mögen wir also mit dem Psalmisten sprechen: "Ich will den Herrn preisen Tag für Tag und seinen Namen loben immer und ewig." (Psalm 145,2) "Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Barmherzigkeit währt ewig." (Psalm 107,1)

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