Katholische Predigten 2

1. Für den Ostersonntag

2. Für den ersten Sonntag nach Ostern (Weißer Sonntag)

3. Für den zweiten Sonntag nach Ostern

4. Für den dritten Sonntag nach Ostern

5. Für den vierten Sonntag nach Ostern

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1. Für den Ostersonntag

 

Nun ist es endlich Frühling geworden. Der Winter und sein Todesreich sind überwunden. Der strenge, starre Bann, in den die Erde geschlagen war, ist gebrochen. Allüberall in der Natur ist das Leben aus langem Schlaf erwacht und ringt sich aus dunklem Schoß empor und quillt und wächst und grünt und blüht der Sonne entgegen. Der Lenz, auf den wir alle mit Sehnsucht gewartet haben, ist angebrochen. Die ganze Natur feiert ein seliges Auferstehen. Und wir Menschen nehmen freudigen Herzens an dieser Auferstehungsfeier teil.

 

Wir feiern auch eine Auferstehung, wir feiern ein Ereignis, für das die Frühlingsauferstehung in der Natur ein leibliches, aber doch nur ein schwaches Sinnbild ist.

 

Wir sind ja Christen, und wir gehören als Christen nicht mehr bloß dem Reich der Natur an, sondern wir sind durch die Taufe emporgehoben in das Reich der Übernatur, wir sind als Christen Bürger eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist, eines Reiches, das hoch über allem Irdischen liegt: das ist das Reich der Gnade, das ist das Gottesreich, zu dem wir gehören, das ist das Reich, in dem Christus der Sohn Gottes als König mit dem Zepter ewiger Liebe herrscht. Und dieser unser König, Christus, der Sohn Gottes, ist von den Toten auferstanden. Das ist die Auferstehung, die wir heute feiern; das ist unser Ostern.

 

Surrexit Christus vere. Christus ist wahrhaftig auferstanden. Welch ein Sieg ist diese Auferstehung, welch ein Triumph! Wahrlich, das Erlösungswerk, um dessentwillen der Sohn Gottes als armer Pilger den Erdenweg gegangen war, hat einen göttlichen Abschluss gefunden. Durch welche Abgründe von Leiden und Schmach hatte dieser Weg ihn geführt! Als ein König war er der Welt verheißen; aber da er erschien, erkannte sein Volk ihn nicht, die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Wohl kamen vornehme Weise von fernher, um ihm zu huldigen, - ein Stern hatte sie wunderbar an den Ort seiner Geburt geführt - und fragten nach dem neugeborenen König der Juden; aber ganz Jerusalem erschrak bei dieser Frage, und der Erlöser der Welt musste vor seinem eigenen Volk fliehen und seine Kindheit und Jugend in der Verbannung zubringen, weil man ihn sonst getötet hätte. Und als er dann endlich unter die Menschen ging, um ihnen in ihrem Elend zu helfen, um sie aus aller Not zu retten, als er die Traurigen tröstete, die Kranken heilte, als er Tote zum Leben erweckte, als er den reuigen Sündern all ihre Schuld vergab, - da war Verkennung, Verleumdung, Neid und Hass der Dank, mit dem die welt ihm lohnte. Wohl lauschte eine Zeitlang das schlichte Volk den Worten des Lebens, die sein Mund sprach; aber bald lieh es sein Ohr der Stimme des Gotteshasses, mit dem seine Demagogen es betörten; und der Ruf: Hosanna dem Sohne Davids! verwandelte sich bald in die grausame Forderung: Ans Kreuz mit ihm! Ans Kreuz mit ihm!

 

Und der Sohn Gottes, den die Liebe zu den Menschen in diese Welt geführt hatte, wurde ein Opfer des Gotteshasses. Und welch ein Opfer! Bis in den Staub erniedrigt, wie einen Wurm zertreten haben ihn seine Feinde. Ich brauche euch seine Leidensgeschichte nicht zu erzählen; ihr selber habt sie in diesen stillen, ernsten Tagen der heiligen Karwoche mit durchlebt. Ihr habt euren Erlöser gesehen in der tiefsten Erniedrigung des Leidens und der Schmach; ihr habt ihn gesehen am Ölberg niedergebrochen unter der ungeheuren Last seiner Trauer und Todesangst; ihr habt ihn gesehen, wie er von seinem eigenen Jünger verraten, von roher Rotte gefangen genommen, von Richterstuhl zu Richterstuhl geschleppt, durch falsche Zeugen beschuldigt und schließlich durch einen Urteilsspruch, der aller Gerechtigkeit Hohn sprach, dem grausamsten Tod überliefert wurde. Ihr habt ihn gesehen mit Dornen gekrönt, mit einem Purpurfetzen bekleidet, ein Rohr statt des Zepters in der Hand, wie er als ein Bild des Jammers und der Schmach dem Volk gezeigt wurde: Ecce homo! Seht da, einen Menschen! Ihr habt ihn auf seinem Todesweg begleitet, wie er, obschon zu Tode entkräftet, sein eigenes Kreuz zur Richtstätte tragen musste. Ihr habt ihn endlich sterben gesehen, wie ein Verbrecher inmitten von Verbrechern, von Gott und den Menschen verlassen. Das war sein Leben, und das war sein Tod.

 

Aber so durfte sein Erlösungswerk nicht enden. Alles, was er gelitten hatte, all seine Schmach hatte er freiwillig auf sich genommen; nicht weil er musste. "Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen." (Johannes 10,17-18) Nun sollte sich seine göttliche Kraft offenbaren, in der er Tod und Hölle und alle Bosheit überwand. So war es von Ewigkeit her bestimmt, und so hatte er es selber vorausgesagt. Und herrlich hat er seine Vorhersagung erfüllt. Drei Tage ruhte sein Leichnam im Schoß der Erde, und am dritten Tag erstand er aus eigener göttlicher Macht glorreich von den Toten. Und diejenigen, die seine Schmach besiegelt zu haben glaubten, indem sie sein Grab sorgfältig verschlossen und Wachen davor aufstellten, mussten wider Willen von seinem Triumph Zeugnis ablegen.

 

Das ist das große Ereignis, dessen Gedächtnis wir heute begehen. Aber wir feiern es nicht, wie wir andere geschichtliche Ereignisse feiern, die früher einmal geschehen sind, und dann für immer der Vergangenheit angehören und nur noch schwach in der Erinnerung der Gegenwart sich widerspiegeln. Wir feiern nicht eine menschliche Tat, wir feiern eine Gottestat. Und die Taten Gottes, die Ereignisse der Erlösungsgeschichte haben etwas von der Ewigkeit Gottes an sich, dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleich nahe sind. Sie veralten nicht, sie bleiben immer lebendig; und sie wirken beständig fort in ungeschwächter Kraft. 

 

Und diese Kraft ergreift auch unsere Seele, sie heilt und heiligt auch uns, und erweckt auch uns vom Tod zum Leben. Das ist die besondere Bedeutung des Osterfestes; das ist der besondere Anteil, den wir selber an der Auferstehung Christi nehmen. Christi Auferstehung ist die Bürgschaft unserer dereinstigen seligen Auferstehung. Christi Auferstehung wirkt aber schon jetzt unsere Auferstehung vom Tod der Sünde zum Leben der Gnade. "Um unserer Rechtfertigung willen ist er auferstanden", sagt der Völkerapostel.

 

Bleiben wir in dem Leben seiner Gnade, wie auch er das Leben, das er in der Auferstehung erworben hat, nicht mehr verliert. "Wir wissen", sagt derselbe Apostel, "dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn." (Römer 6,9)

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2. Für den ersten Sonntag nach Ostern (Weißer Sonntag)

 

Heute, am "Weißen Sonntag", treten in vielen Kirchen die Kinder zum ersten Mal zum Tisch des Herrn. Wohl manchem schlägt da das Vaterherz, das Mutterherz höher in freudiger Rührung, wenn er den Sohn, die Tochter unter der glückstrahlenden Schar erblickt. O, wie schön, wie ergreifend ist die Feier der ersten heiligen Kommunion! - Nicht nur für die Eltern, nicht nur für die Angehörigen, nicht nur für den Seelsorger, sondern für jedes gläubige Christenherz - ja selbst für diejenigen, die mit der Jugend längst auch den frommen Glauben der ersten Kindheit verloren haben! O, wer denkt nicht beim Anblick dieser glücklichen Kleinen vergangener Tage! Wen mahnen nicht diese unschuldsvollen Angesichter an die eigene unschuldvolle Jugend, an den glücklichen Tag der eigenen ersten heiligen Kommunion, an die selige Zeit glaubensvoller Unschuld? Es gibt eine Zeit in unserem Leben, an die wir meistens nur mit stiller Wehmut zurückdenken können: es ist die Zeit unserer unschuldsvollen Jugend. Fürwahr, eine selige Zeit, die Zeit der ersten Kindheit! Da ist das Herz noch lauter und frei vom Gift der bösen Leidenschaften, noch empfänglich für alles Gute und Schöne, da ist der Wille noch unverdorben, da ist das Gewissen noch ruhig und rein, da kann das helle Auge, in dem sich der Frieden der Seele spiegelt, noch froh und frei zum Himmel und furchtlos jedermann ins Antlitz blicken. "O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!" O ihr lieben Kinder, die ihr eure Seele noch rein bewahrt habt von dem Schmutz der Sünde, ihr ahnt es nicht, welch kostbaren Schatz ihr in eurem Herzen tragt! Möge Gott und seine heiligen Engel euch allezeit behüten, dass ihr diesen Schatz, den Schatz eurer Unschuld, nie verliert! Möge nie die bittere Stunde über euch kommen, da ihr den Verlust eurer Unschuld zu beweinen habt! Wie leicht ist sie dahin, wie bald ist sie dem verloren, der sein Herz nicht bewacht, der nicht unablässig besorgt ist, dass niemand in seinem Herzen wohne als Jesus allein! Ihr Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, wie viele sind wohl unter euch, die den kostbaren Schatz ihrer Taufunschuld stets unversehrt bewahrt haben? Ich fürchte, dass es nicht viele sind, ich fürchte, dass für manchen von euch die schönste Zeit des Lebens gar schnell vorübergegangen ist, ich fürchte, dass der Garten der Unschuld, die Lilie der Herzensreinheit in eurer Seele nicht lange geblüht hat, dass der Sturm sündiger Leidenschaften gar bald hereingebrochen ist in euer Herz durch die Tore der Sinne, die ihr nicht sorgfältig genug bewacht habt, und dass dieser Sturm die Lilie geknickt und den Garten verwüstet hat. Wie bedauernswert bist du, christliche Seele, der das geschehen ist. Wie ist es nur gekommen? Warum hast du dich nicht vorgesehen? Warst du denn nicht zufrieden im Stand deiner Unschuld? Bist du denn glücklich geworden, indem du Gottes Gebot übertreten hast? Ja, der Teufel flüsterte dir zu, dass du glücklicher werden wirst durch den Genuss der verbotenen Frucht. Aber ach, wie bitter fandest du dich getäuscht! Wohl kam die Freude, das Glück, das du im Sinnenrausch suchtest, aber augenblicklich, flüchtig, wie es gekommen war, war es auch wieder zerronnen, und statt der verführerischen Rosen, die du pflücken wolltest, blieb dir nichts, als die scharfen Dornen quälender Scham, bitterer Reue und folternder Gewissensangst.

 

Wohl hast du dich später wieder mit deinem Gott versöhnt, wohl hast du die Ruhe des Herzens durch eine aufrichtige, reumütige Beichte wiedergefunden. Wohl hast du in der Buße einen ähnlichen Frieden wiedergewonnen, wie der deiner ersten Unschuld war; und du wärst glücklich zu preisen, hättest du wenigstens diesen wiedererlangten Frieden der Buße nur bewahrt. Aber wie bald ging auch der wieder verloren durch den Rückfall in die Sünde; und so oft du dich auch in der Beichte wieder reingewaschen hast, so oft bist du nachher aber und abermals wieder in die alten Sünden zurückgefallen. Und je öfter sich dein Rückfall wiederholt, desto schwächer, desto unvollkommener wurden deine Bekehrungen; und der Herzensfriede, den dir die Beichte wiedergab, glich zuletzt nicht entfernt mehr demjenigen, dessen du dich in deiner ersten Unschuld erfreutest, noch auch dem, den du nach deiner ersten aufrichtigen Bekehrung wiedergefunden hast. Denn deine Abkehr von der Sünde, die sich in deinem Herzen festsetzte, wuchs von Fall zu Fall. Und bist du denn wenigstens seit deiner letzten Beichte standhaft geblieben? Oder bist du auch seitdem schon wieder gefallen, vielleicht mehr als einmal, vielleicht tiefer denn je? Was ist aus dir geworden, wenn du dich vergleichst mit dem, was du warst in den Tagen deiner Jugend? Wie ist dein Wille so schwach geworden, wie ist dein Verstand so abgestumpft gegen alle höhere Erkenntnis, wie ist deine Art zu Denken so niedrig, so weltlich geworden! Wie ist dein Herz so fried- und freudelos, so vom Sturm der bösen Leidenschaften verwüstet worden! Du weißt, wie dich die Sünde körperlich und geistig zugrunde richtet, und doch kannst du nicht von ihr lassen: du bist ein Sklave und ein Opfer deiner bösen Begierde geworden. Bist du glücklich? Verzeih mir diese Frage arme Seele, sie möchte dir wie Hohn klingen. Nein, ich weiß, du bist vielmehr tief, tief unglücklich, du fühlst dich elend und der Verzweiflung nahe in deiner Gottverlassenheit. Du hast oft Stunden, wo es dir ist wie einem, der in einer wilden, unwegsamen Wüste, fern von aller Hilfe, vor Hunger und Durst erschöpft, bald ohnmächtig zusammenbricht. Verzweifele aber nicht, das ist die Stunde des guten Hirten. Darauf hat der gute Hirt gewartet, dass du deine Hilflosigkeit einsehen solltest; dass du ablassen solltest, dort Hilfe und Trost zu suchen, wo keine Hilfe, kein Trost zu finden ist; dass du erkennen solltest, es ist kein Heil, keine Rettung mehr, außer sie werden dir vom Himmel gesandt. Rufe den guten Hirten, sobald du nach ihm verlangst, ist er dir nahe. Ja, er ist dir immer nachgegangen auf deinen Irrwegen, ohne dass du ihn bemerkt hast. Er ist ja der gute Hirt, der das verlorene Schaf sucht, bis er es findet.

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3. Für den zweiten Sonntag nach Ostern

 

Es ist ein liebliches Bild, unter dem der göttliche Heiland im Evangelium vor unsere Seele tritt. "Ich bin der gute Hirt", spricht er. Der gute Hirt! - - wie tönt das so mild, so trostreich, so verheißungsvoll! Er der gute Hirt, wir seine Schäflein, die er liebt, die er beschützt, die er weidet, die er alle einzeln kennt und beim Namen nennt. "Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich . . . Und ich gebe mein Leben für meine Schafe." Der göttliche Heiland nennt sich hier nicht zu ersten Mal so.  Schon früher einmal hatte er sich mit einem guten Hirten verglichen, der in die Wüste dieser Erde hinabgestiegen ist, seine geliebten, irregegangenen Schäflein in seine treue Hut zu nehmen und dem himmlischen Schafstall sicher entgegen zu führen. Das war damals, als er zu seinen Jüngern sprach: "Der Menschensohn ist gekommen, um zu retten, was irregegangen war. Oder was scheint euch, wenn jemand hundert Schafe hat und es ist eins von ihnen verloren gegangen, lässt er dann nicht die 99 in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, so nimmt er es voll Freude auf seine Schultern und ruft, wenn er heimkommt, seine Freunde und spricht: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. So wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen."

 

Es ist ein Zeichen feinsinniger Aufmerksamkeit unserer heiligen Mutter, der Kirche, ein Ausfluss ihrer liebevollen mütterlichen Sorge, dass sie in der Ordnung des Kirchenjahres den Sonntag vom Guten Hirten angesetzt hat. Die österliche Zeit, die Zeit, in der jeder katholische Christ die heiligen Sakramente der Beichte und des Altars empfangen muss, will er anders der kirchlichen Gemeinschaft der Gläubigen einverleibt bleiben, geht ihrem Ende entgegen. Viele haben ihrer Osterpflicht bereits genügt. Sie sind durch den Ernst der heiligen Fastenzeit, durch die Betrachtung ihres leidenden Erlösers, dank der Gnade Gottes zur Einkehr in sich selbst, zur herzlichen Reue über ihre Sünden und zum festen Vorsatz gelangt, den lieben Gott nie wieder zu beleidigen: sie sind im heiligen Bußsakrament von ihren Sünden gereinigt und in der heiligen Kommunion mit dem Brot des Lebens gespeist worden. Aber andere, vielleicht gar viele, haben ihre Osterbeichte noch nicht gehalten. Darunter ohne Zweifel manche aus purem Leichtsinn, aus unentschuldbarer Nachlässigkeit, weil sie sich entweder um die Vorschriften der Kirche überhaupt nicht kümmern wollen, oder weil sie denken: Ich komme ja immer noch früh genug, wenn ich auch erst am letzten oder vorletzten Sonntag meine Ostern halte. Ob diese leichtsinnigen Menschen wirklich immer noch früh genug zur Osterbeichte kommen, ob sie überhaupt dazu kommen, und ob sie, wenn sie kommen, einen wirklichen Nutzen davon haben, darüber wollen wir weiter nicht reden. Aber neben diesen gibt es gewiss auch andere, die nicht eigentlich aus Leichtsinn von der Osterbeichte ferngeblieben sind. Sie nehmen die Sache ernster, ja, ihr Fehler ist gerade, dass sie die Sache zu ernst nehmen. Oder vielmehr, es ist ein falscher Ernst, mit dem sie die Sache betrachten. Vielleicht ist an manchen von ihnen die heilige Fastenzeit mit ihrem ergreifenden Ernst nicht ohne Eindruck vorübergegangen. Sie sind sich der Schuld ihres Abfalles von Gott gar wohl bewusst. Aber sie fürchten die Rückkehr zu Gott, ihnen graut vor dem Weg der Buße, der allein zu Gott zurückführt. Wenn sie an Gott denken, so denken sie allein an den gerechten Richter, dessen Rache sie verdient haben, und sie denken nicht an den barmherzigen Erlöser, der dem reumütigen Sünder auch die größte Schuld unendlich viel lieber verzeiht als der Sünder selbst nach der Verzeihung Verlangen tragen kann. Ihnen fehlt das Vertrauen, ihnen fehlt der entschlossene Mut, der aus dem Vertrauen entspringt, der Mut, der im verlorenen Sohn sich regte, als er zu sich sprach: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater zurückkehren und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir." Ja, ihnen fehlt der Mut des Bekenntnisses, der Selbstanklage: sie fürchten sich vor der Beichte.

 

"Was wird der Beichtvater von mir denken, wenn er die Sünden erfährt, die auf meiner Seele lasten. Meine Schuld ist größer, als dass ich Verzeihung verdiente" - - sprechen sie mit Kain. Das ist der alte Kunstgriff des Teufels, eine Seele, der er vor der Sünde die böse Tat als gering vorgespiegelt hat, nach der Tat zur Verzweiflung zu treiben, zur Verzweiflung an sich selbst und an der eigenen Besserung. "Was würde es di auch nützen, dich jetzt zu bekehren, deine Sünden zu beichten? Du wirst ja doch schon bald wieder in dieselben Sünden zurückfallen. Hast du es nicht schon oft genug versucht, bist du nicht jedes Mal nach kurzer Zeit schon wieder rückfällig geworden? Deine Leidenschaft ist stärker als du selbst - für dich gibt es keine Besserung mehr!" Wehe denen, die solchen Einflüsterungen Glauben schenken! Wehe denen, die ganz und gar auf Gottes Barmherzigkeit, auf die Macht und Hilfe seiner Gnade vergessen! Wehe denen, die sich jemals auf ihre eigene Kraft verlassen haben, die jemals geglaubt haben, das Werk der Bekehrung, die Standhaftigkeit im Guten werde allein aus eigener Kraft gewirkt, und wo diese nicht ausreiche, sei alle Mühe verloren. O wüssten sie doch, dass der Mensch aus sich selber nichts vermag, dass er aber alles vermag durch die Gnade Gottes, die ihm niemals fehlen wird, sobald er nur demütig und vertrauensvoll darum bittet. Dächten sie doch daran, dass ihr Erlöser unendlich bereit ist, nicht nur zu verzeihen, sondern auch bereit ist, ihnen mit seiner allmächtigen Gnade beizustehen, damit sie vor dem Unglück des Rückfalls in die Sünde bewahrt bleiben. O stellten sie sich doch den göttlichen Heiland als den guten Hirten vor, der dem verirrten Schäflein nachgeht, selbst wenn es in törichter Furcht vor ihm flieht, der nicht ruht und nicht rastet, sondern es sucht, bis er es findet, und der es dann auf seinen eigenen Schultern wieder heimträgt zur Herde. O ihr alle, ihr kleinmütigen, ihr verzagten, ihr verzweifelnden, ihr armen verirrten Sünder! Schaut an das Bild, das euch heute die Kirche zeigt, blickt auf zum "Guten Hirten"! Wollt ihr nicht auf seine sanfte Stimme hören? Wollt ihr vor ihm fliehen? Wollt ihr euch nicht von ihm heimtragen lassen aus der wilden Wüste, in die euch die Sünde führte, heim zu seiner Herde?

 

Es ist ja der gute Hirt, der die 99 Schafe in der Steppe zurücklässt, um das einzige verirrte zu suchen, bis er es findet.

 

Mein lieber Christ! Ja, der gute Hirt ist auch dir nachgegangen, auch dich hat er mit Schmerzen gesucht - und heute, heute hat er dich gefunden! So folge ihm denn zur Herde. Siehe, er züchtigt dich nicht, er schimpft nicht mit dir. Er will dich heimtragen. So lass dich denn von ihm tragen. Folge dem Zug seiner Gnade; folge ihm zum Richterstuhl der Buße. Da erst wird er dich von den Wunden, von der Schwäche, die du dir auf den Irrwegen der Sünde zugezogen hast, vollkommen heilen, indem er durch den Mund des Priesters über dich das Wort der Barmherzigkeit sprechen wird: "Absolvo te! Ich spreche dich los von deinen Sünden!"

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4. Für den dritten Sonntag nach Ostern

 

Dass in der Welt nicht alles so ist, wie es sein sollte, wird niemand bestreiten. Wie viel Unglück aber die Menschen bedrängt, weiß Gott allein. Nur wem von Gott die besondere Gabe verliehen ist, der in den Seelen zu lesen versteht, und noch mehr wer berufen ist, als Arzt der Seelen sein forschendes Ohr an die kranke Brust der Menschheit zu legen, um ihren Atem und Herzschlag zu belauschen, nur der ahnt, wie tief das Weh ist, an dem die Menschheit krankt, ahnt, dass dieses Weh unermesslich ist wie das Meer, wie eine Sündflut, die ihre bitteren Wogen über die ganze Erde dahinrollt. O die Tränen, die ein Priester im Beichtstuhl weint, sind sehr bitter! Und nicht selten ist er versucht, mit Gott zu rechten und klagend auszurufen: Warum muss es denn sein? Ist denn Gottes Gnade nicht stark genug, der Sünde zu wehren, die die Menschen so unglücklich macht?

 

O nein, es muss nicht sein, und Gottes Gnade ist wahrhaft nicht schuld daran, dass es so ist. Aber das ist das größte Unglück, dass die Menschen ihr Unglück nicht als solches empfinden, wenigstens nicht in seinen wahren Ursachen erkennen, weder ihr eigenes, noch das ihrer Mitmenschen.

 

Ihr eigenes nicht. Wohl fühlen sie sich nicht glücklich, die Menschen unserer Zeit. Zufriedenheit, ruhiges, glückliches Genießen dessen, was nur trotz der Erbsünde und ihren auch für die Natur so verderblichen Folgen an Gutem und Schönem noch geblieben, ist schon lange nicht mehr heimisch in der Welt. Dafür hat eine stachelnde Unzufriedenheit, ein gewalttätiges Drängen und Jagen nach unbeschränktem Genuss der weit überschätzten Güter dieser Erde Platz gegriffen. Die grundstürzenden Tendenzen verblendeter Volksmassen, Blasiertheit oder Pessimismus in den Kreisen der oberen Zehntausend sagen uns zur Genüge, dass die Gesellschaft von heute sich nicht glücklich fühlt, nicht glücklich fühlen kann. Dass sie aber in unzähligen ihrer Glieder unsagbar unglücklich, dass sie sozusagen hoffnungslos krank ist, das kann nur der verstehen, der weiß, was vor allem anderen ihr fehlt, und wie verkehrt die Wege sind, die sie eingeschlagen hat, um das verlorene Glück wiederzufinden. Sie selbst versteht es nicht, denn sie ist blind, seit sie das übernatürliche Augenlicht, den Glauben, verloren hat. Und solange sie sich freut über diesen Verlust, statt ihn zu beklagen, gibt es für sie keine Rettung. - Sinite eos: caeci sunt et duces caecorum! Einmal freilich werden den Kindern des Unglaubens die Augen aufgehen. Aber dann ist es zu spät. Das "Ergo erravimus! Wir haben geirrt!" das an den Pforten der Ewigkeit sich ihren Lippen entringen wird, enthält das Geständnis eines Irrtums, der nie wieder gut gemacht werden kann, ist der Verzweiflungsschrei, von dem in Ewigkeit die Hölle widerhallen wird.

 

O wohl sieht es traurig aus in der Welt. Zu denken, dass auch nur eine unsterbliche Seele ewig verloren geht, ist schon entsetzlich. Und nun so viele! Und dennoch - haben wir überhaupt das volle Verständnis für ein solches Unglück unserer Mitmenschen? Tun wir, was an uns ist, um sie vor dem furchtbaren Schicksal zu bewahren? Hüten wir uns vor der falschen, heidnischen Auffassung, als ob wir uns um andere nicht zu kümmern hätten! Nachdem wir einmal Christen sind, ist auch der uns am fernsten Stehende unser "Nächster" - proximus! dem wir Liebe, werktätige Liebe schulden. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 

 

So manchem begegnen wir auf unserem Lebensweg, der kraftlos am Wege liegt. Wir brauchen ihm nur unsere Hand zu reichen und er wäre gerettet. Ein herzliches Wort der Teilnahme, eine ernste Mahnung zur rechten Zeit, ein kleines Opfer an Liebe zu ihm gebracht, könnte ihn aufrichten, könnte ihn retten. Allein - wir "sehen und gehen vorüber" - nicht etwa aus Hartherzigkeit oder Grausamkeit, sondern weil uns in unserer grenzenlosen Kurzsichtigkeit und Oberflächlichkeit das Verständnis für sein Unglück abgeht - mit einem Wort, weil wir blind sind gegenüber dem Wert einer unsterblichen Seele und dem Unglück der Sünde.

 

So haben es uns die Heiligen nicht vorgelebt. Nicht Paulus, nicht Katharina von Siena, die "von der Liebe Christi gedrängt, wünschten verstoßen zu sein, um die Brüder und Schwestern zu retten"; nicht Dominikus, der sich jede Nacht für die Sünder blutig geißelte; nicht der Pfarrer von Ars, der Tag und Nacht mit glühendem Eifer für ihre Bekehrung betete und arbeitete. Wie weit sind wir von ihnen entfernt. Bitten wir sie, dass sie uns den Geist erbitten mögen, der sie beseelte, damit wir von unserer Blindheit geheilt werden.

 

O wie viel könnten auch wir für die Rettung unserer Mitmenschen tun, wenn wir nur die rechte Einsicht und den rechten Willen hätten, wie viel Segen könnten wir stiften, wie viel Unheil abwenden, angefangen bei denjenigen, die uns persönlich nahestehen, für die wir zu sorgen haben, derentwegen der ewige Richter gerade uns einst zur Verantwortung ziehen wird. Keiner von ihnen ist außer Gefahr, für viele ist die Gefahr die denkbar ernsteste. Wir aber tun, als wenn wir von ihrem Bestehen keine Ahnung hätten oder wir machen doch nur schwache Versuche, ihr entgegenzuwirken. Es ist wirklich erstaunlich, wie selbst Eltern geradezu blind sein können gegenüber den Gefahren, die ihre eigenen Kinder bedrohen. Das Werk der Erziehung ist immer ein ebenso schwieriges wie vielseitiges gewesen, zu keiner Zeit aber wie in unseren Tagen. Und doch sind wohl niemals verwerflichere Erziehungsgrundsätze aufgestellt und befolgt worden als gerade heute. Aber auch jene, die einer gottlosen modernen Pädagogik in der Theorie meilenfern zu stehen vermeinen, arbeiten ihr praktisch doch genug in die Hände. Sei es indem sie das religiöse Moment überhaupt viel zu sehr vernachlässigen oder indem sie vergessen, dass alle religiöse Erziehung wertlos ist, wenn sie nicht das eine erreicht: die Kinder fähig zu machen zu den drei großen Aufgaben des Lebens, die da heißen: Überwinden, entsagen, ertragen. Unsere ganze Erziehungsmethode ist zu weichlich geworden. Und das kommt zumeist daher, dass wir nicht streng genug gegen uns selber sind, dass wir uns selber keinen lockenden Genuss mehr versagen können. Wie können wir da von unseren Kindern Entsagung fordern, oder wenn wir sie von ihnen fordern, wie können wir erwarten, dass sie sie innerlich, mit Überzeugung üben, solange wir ihnen nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Und dann wundern wir uns, wenn unsere Haare bleich werden unter dem Herzeleid banger Sorgen und bitterer Enttäuschungen. O ja, wir sind schon recht blind.

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5. Für den vierten Sonntag nach Ostern

 

Vor einigen Jahren trug sich in der Nähe von Düsseldorf ein beklagenswertes Unglück zu. Einige Düsseldorfer Familien waren bei Gelegenheit eines gemeinsamen Ausfluges in einem ländlichen Restaurant eingekehrt. Während nun die Eltern und die erwachsenen Geschwister sich drinnen gütlich taten, vergnügten sich die jüngeren Kinder draußen im Freien. Sie bestiegen dort ein kleines Boot, das am Ufer eines nahegelegenen Teiches angekettet war, und fuhren bald lachend und scherzend auf dem Wasser umher. Das lebhafte Ungestüm der Jugend trug die Schuld daran, dass das leichte Fahrzeug plötzlich umschlug und sämtliche Insassen elendiglich ertranken. Als sich die Eltern nach einiger Zeit zum Aufbrechen rüsteten, riefen sie vergebens nach den Kindern; erst der mit aufwärts gerichtetem Kiel auf dem Wasser treibende Nachen sagte ihnen, was geschehen war. Stellt euch die Verzweiflung der Eltern vor, als sie sich des entsetzlichen Unglücks klar bewusst wurden, das sie durch ihre Fahrlässigkeit verschuldet hatten. Während sie drinnen saßen in lärmender Fröhlichkeit, rangen ihre Kinder draußen in nächster Nähe mit dem Tod; während sie beim Genuss geistiger Getränke leichtfertige Reden austauschten, erstickten die kalten, unerbittlichen Fluten des stillen Wassers das Hilfegeschrei und das Todesröcheln der unglücklichen Kleinen; während die Erwachsenen in selbstsüchtiger Unterhaltungslust ihre Kinder vergaßen, war der letzte Gedanke der Kinder vielleicht ein Fluch gegen die Grausame Gleichgültigkeit der Eltern, deren überlaute Fröhlichkeit wie Hohn an das Ohr der Sterbenden klang.

 

An diesen erschütternden Vorfall muss ich mich immer erinnern, wenn ich über die ahnungslose Gleichgültigkeit nachdenke, mit der die Menschen so vielfach an den Gefahren und der geistlichen Todesnot ihrer Mitmenschen und oft der Nächststehenden vorübergehen. Jeder Mensch ist in Gefahr, unterzugehen in den Stürmen dieses Lebens. Nicht sowohl sein irdisches Heil steht auf dem Spiel als vielmehr das Leben seiner Seele, die an Wert alles Irdische unermesslich überragt. Das menschliche Leben ist ein Kampf gegen ungeheure Gefahren, - Gefahren, angesichts deren einst die Jünger des Herrn wohl mit Grund schaudernd ausrufen konnten: "Herr, das sind aber wenige, die gerettet werden!" Der Heiland, der durch seine Schilderungen diesen Eindruck bei ihnen hervorgerufen hatte, suchte ihn keineswegs dadurch zu mildern, dass er seine vorigen Worte durch Einschränkung des Sinnes abzuschwächen suchte - das, was er über die sittlichen Gefahren der Welt und über die Schwäche der Menschen gesagt hat, bleibt im vollen Umfang bestehen - der einzige Trost, die einzige Beruhigung, die er seinen Jüngern bieten kann, liegt vielmehr allein in dem Hinweis auf die Allmacht der Gnade Gottes, durch die immerhin noch gerettet werden kann, was bereits dem sicheren Tod geweiht schien. Die Gefahren selbst aber sind und bleiben, in sich betrachtet, riesengroß. 

 

Freilich, wir sehen diese Gefahren nicht; denn sie sind geistiger Art und können daher durch unsere sinnliche Erfahrung nicht wahrgenommen werden. Allein deswegen sind sie nicht weniger wirklich vorhanden; wie denn überhaupt das Geistige sogar weit mehr Wirklichkeit besitzt als das Sinnfällige. Und es gibt ein Erkenntnislicht, das Licht des Glaubens, das uns über das Dasein und Wesen dieser unsichtbaren Gefahren, die unserer Seele drohen, viel zuverlässigeren Aufschluss gibt, als auch das schärfste natürliche Erkenntnisvermögen. Der hl. Glaube sagt uns, dass von drei Seiten der menschlichen Seele Gefahr droht, von Seiten des Teufels, der Welt und des eigenen Fleisches. Der Glaube lehrt uns mit den Worten des hl. Petrus: Dass von Anbeginn der Welt der Teufel wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlinge. Der Glaube sagt uns, dass der Teufel mit seinem unablässigen Bemühen, die Seelen ins Verderben der Sünde zu stürzen, nicht soviel Aussicht auf Erfolg haben würde, wenn nicht durch die Erbsünde das Verderben in unser eigenes Innere eingedrungen wäre. - Und was der Glaube lehrt, das bestätigt die tägliche Erfahrung. Wer nur einigermaßen die Welt, das Leben und - sich selber kennt, der weiß, welche Wachsamkeit der Mensch braucht, welche Charakterstärke, welch ernste Religiosität, welch lebendigen Glauben, um sich der verderblichen Einflüsse, die rings auf ihn eindringen, zu erwehren; um gefährliche Triebe, die in seinem Innern oft plötzlich und mit elementarer Gewalt erwachen, rechtzeitig zu unterdrücken und niederzuhalten, ehe sie ihn zu verbrecherischen Werken hingerissen haben.

 

Aber weil so viele sind,