Katholische Predigten 1

1. Für das Neujahrsfest

2. Für das Dreikönigsfest

3. Für das Fest der Heiligen Familie

4. Über die Gotteskraft der christlichen Hoffnung

5. Die christliche Hoffnung erprobt sich im felsenfesten Gottvertrauen

6. Über die Liebe zu Gott

7. Was wirkt die Liebe in der Seele?

8. Dankbarkeit für Gottes Güte

9. Für den Sonntag Quinquagesima (7. Sonntag vor Ostern / Sonntag vor Aschermittwoch)

10. Für den ersten Fastensonntag

11. Für den zweiten Fastensonntag

12. Für den dritten Fastensonntag (St. Joseph)

13. Für den vierten Fastensonntag

14. Für den fünften Fastensonntag

15. Für den sechsten Fastensonntag (hl. Taufe)

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1. Für das Neujahrsfest

 

Im Namen Jesu beginnen wir wieder ein neues Jahr. Der Glaube Jesu lehrt uns, den Jahresanfang in der rechten Weise betrachten und begehen.

 

Ein ganzes Jahr ist wieder im Strom der Zeit, unserer Lebenszeit, dahingegangen. Beim Rückblick auf dieses verflossene Jahr müssen wir mit dem Psalmisten ausrufen: "Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen." (Psalm 89,2) An der Schwelle des vergangenen Jahres hat mancher von uns mit banger Sorge in die Zukunft geblickt. Die Tage sind gekommen und vergangen, und die Hand des Herrn hat uns glücklich hindurchgeführt durch alle Gefahren.

 

Und wie reich hat sich die väterliche Vorsehung des Herrn im Laufe der Zeit für uns wiederum erwiesen. Zähle doch die Beweise seiner Liebe nur an einem einzigen Tag. Während die sichtbare Sonne den Kreislauf ihres Segens für uns beschrieb, spendete die geistige Sonne in den Festen und Heilsmitteln des Glaubens eine noch größere Fülle des Segens für unser höheres Leben. Wie oft hat der Herr an die Tür unserer Seele geklopft, und sooft wir ihm auftaten, Ströme von Segnungen über uns ergossen.

 

Wohl erzählen die verflossenen Tage auch von Prüfungen, Leiden, Enttäuschungen. Auch sie waren Beweise von der Vaterliebe Gottes. Die Stunden der Leiden im Glauben durchlebt, waren wichtiger und segensreicher für unser Leben als alle Freuden, die wir genossen haben. Sie mussten vor allem dazu dienen, uns edler, bußfertiger, reicher an Verdiensten zu machen. Kein Tropfen von Bitterkeit soll die Erinnerung an sie trüben; mit Dank gegen Gott sollen wir auch auf sie zurückblicken.

 

Was wir allein zu bedauern haben, das sind unsere Fehltritte, unsere Versäumnisse, die Schulden, die wir vor Gott aufgehäuft, die Zeit und Gelegenheiten, die wir nicht benutzt haben zum Wirken für das wahre und unvergängliche Leben. Mit dem innigen Dank soll sich verbinden eine aufrichtige Reue, indem wir mit dem Psalmisten sprechen: "Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer! Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. (Psalm 95,6-7)

 

Blicken wir vorwärts auf das, was das neue Jahr uns bringen mag, so muss wohl bange Sorge uns beschleichen.

 

Ungewiss ist das Leben, das vor uns liegt, ungewiss ist alles, was es bringt oder nimmt; der Todesengel hat schon sein Zeichen gemacht an alle Opfer, die ihm über kurz oder lang verfallen sollen. Manche von uns werden ohne Zweifel das Ende dieses Jahres nicht sehen. Welche werden es sein? Wer könnte das sagen? Keine Jugend, keine Gesundheit und Lebensfrische ist ein Freibrief gegen den bitteren Tod. Betrachten wir die Gräberreihe des letzten Jahres auf unserem Gottesacker, so finden wir da Menschen aus allen Lebensaltern gebettet, und so manche unter ihnen, von denen es niemand gedacht hätte, sie selbst am allerwenigsten.

 

Unsicher wie das Leben ist alles, was es bringt; ob es Gesundheit bringt oder Krankheit, Wohlstand oder Armut, Gewinn oder Verlust. Alles ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Wer sollte darauf nicht mit banger Sorge schauen?

 

Soviel lehrt uns jedenfalls die Erfahrung früherer Jahre, dass viel Bitteres unserer wartet. Gern wiegt sich der Mensch in Hoffnungen und Träumen einer rosigen Zukunft. Und doch lehrt immer wieder die bittere Erfahrung, dass selbst bei den Günstlingen des Glückes die Schattenseiten des Lebens die Lichtseiten weit überwiegen. Für jeden, auch den Lustigsten, ist und bleibt die Erde ein Tal der Tränen, eine Stätte beständiger Prüfungen und Leiden. Alle guten Wünsche zum neuen Jahr können nichts daran ändern. Ein glückseliges Leben gibt es einmal hienieden nicht, erst das Jenseits soll es uns bringen. 

 

Mag aber die Zukunft noch so ungewiss und schwer sein, jedenfalls ist sie von entscheidender Bedeutung. Die Tage des Lebens sind uns zugemessen als Zeit der Aussaat für die Ewigkeit. Kurz sind sie und flüchtig wie die Saatzeit des Landwirts. Aber was wir darin aussäen, das werden wir im anderen Leben ernten. Worauf warten wir denn? Warum setzen wir nicht endlich das ins Werk, was wir uns längst vorgenommen haben? Zeit ist Geld, sagt der Geschäftsmann. Das ist ein schlechter Geschäftsmann, der Zeit und Gelegenheit sorglos vorübergehen lässt; der wird es sicher zu nichts bringen. Die Zeit ist der Preis der Ewigkeit, sagt der Glaube. Darum ruft uns der Beginn eines neuen Jahres ernster und eindringlicher als irgend eine andere Zeit zu: Wirkt, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, wo niemand mehr wirken kann!

 

Lässt Vernunft und Erfahrung uns mit banger Sorge in die dunkle Zukunft blicken, so will der Glaube unseren Blick nach oben richten, hinauf zu dem, der alle unsere Geschicke lenkt. Mit dem Psalmisten sollen wir sprechen: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin, so schauen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig ist." (Psalm 121,1-2; 123,2) Vertrauensvoll kannst du dein Schicksal in die Hände dessen legen, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupt fällt. Jedoch nur unter der einen Bedingung, dass du als treuer Knecht, als treue Magd in seinem Dienst stehst, in all deinem Tun und Lassen dich um seinen Willen kümmerst. Welch furchtbare Prüfung sehen wir bald über die heilige Familie kommen und insbesondere über ihr Haupt, den heiligen Josef. Mitten in der Nacht musste er aufbrechen und in ein unbekanntes Land flüchten. Nach der Offenbarung der Engel, Hirten, Könige und Propheten traf ihn diese Weisung wie ein Donnerschlag. Und doch setzte sie ihn nicht in Verwirrung, denn als stets getreuer Knecht des Herrn war er gewohnt, jeden Augenblick einfach zu fragen: Herr, was willst du, das ich tun soll? Mochte er Gottes Anordnung auch nicht verstehen, er zagte und klagte nicht, da er sich unter dem Schutz des Herrn wusste, der denen alles zum Besten lenkt, die ihn lieben.

 

Das sollte auch unsere Gesinnung, unser Benehmen sein den Rätseln der Zukunft gegenüber und im Angesicht der Ewigkeit. Hier und dort will der Herr unsere Leuchte und unser Stab sein, wenn wir ihm getreulich dienen.

 

Mag der Leichtsinn sich immerhin darüber hinwegsetzen, das Menschenleben trägt einen furchtbaren Ernst in sich, ein tiefes Geheimnis; mögen wir nun vorwärts, rückwärts oder aufwärts schauen, die Ewigkeit in ihrer ganzen Größe umgibt uns von allen Seiten, mit unaufhaltsamer Gewalt werden wir ihr entgegengetrieben, ob wir nun wollen oder nicht, daran denken oder nicht. Mit jedem Jahr fließt rascher die kurze Spanne Zeit dahin, die Gottes Ratschluss uns zugemessen hat, gleich wie ein Stein, der herabrollt von einem Berg, desto größere Sprünge macht, je näher er dem Abgrund kommt. Der Jugend wird die Zeit stets zu lang, und sie sucht nach Unterhaltung und Zeitvertreib. Je höher aber die Jahre steigen, desto eiliger ist ihr Lauf, und ehe man sich versieht, steht man an der Pforte der Ewigkeit. Im Licht der Ewigkeit erscheinen die Dinge dieser Welt, die uns soviel beschäftigen und bekümmern, als Spielereien und Kindereien. Mögen wir deshalb im neuen Jahr den Trugbildern des Lebens, den Wahnbildern des Lügengeistes, den Versuchungen des Bösen entgegenhalten die ernste Frage, mit der die Heiligen alles zu messen pflegen: Was nutzt es für die Ewigkeit?

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2. Für das Dreikönigsfest

 

Der Stern aus dem Morgenland ist das Sinnbild des Glaubens, der die drei Könige zu Jesus führte; und ihre Gaben sinnbilden die Pflichten, die der Glaube an Jesus uns auferlegt. Das Gold bedeutet die Liebe, der Weihrauch die Anbetung, die Myrrhen die Selbstverleugnung.

 

Was die drei Könige trieb, den Heiland zu suchen und sie nicht ruhen und rasten ließ, bis sie ihn fanden, war die Liebe, die ihren Glauben beseelte. Glauben wir an Jesus, so müssen wir ihn auch lieben. Diese Pflicht ist so dringend, dass der Apostel ausruft: "Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!" Und als besonderen Grund fügt er zu: "Unser Herr kommt!" (1. Korinther 16,22) Er will sagen: so einer wird im Gericht hören müssen: Weicht von mir, ihr Verfluchten! Wer nicht glaubt, wird verdammt; aber nur der Glaube kann erretten, der in Liebe tätig ist. 

 

So unerlässlich ist also die Pflicht, Jesus zu lieben. "Ach, Herr," ruft der hl. Augustinus aus, "ist es denn nicht schon Elend genug, wenn man dich nicht liebt; ist es nicht der äußerste Abgrund des Elends, wenn man dich nicht liebt, sowie es der höchste Gipfel des Glückes ist, wenn man dich von Herzen liebt?"

 

Der Glaube stellt uns Jesus dar als das ewige Wort des Vaters, gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater, als das höchste liebenswürdigste Gut, von dem alles Gute kommt. Der Glaube sagt, dass durch ihn alles gemacht ist, also sind auch wir durch ihn, aus ihm, in ihm; Leib und Seele und Leben haben wir von ihm, der das Leben ist. Von ihm kommt alles, was unser Leben erhält. Er erhält und regiert uns, lenkt und leitet unser Schicksal, führt uns durch das Leben zu dem Ziel, das er uns bestimmt hat. Und wir sollten ihn nicht lieben? Kann eine Liebe groß genug sein, die wir ihm widmen? Er verlangt unsere ganze Liebe und muss sie verlangen, weil er unser höchstes Gut, unser Ziel und Ende ist. Nicht weil er unser bedarf, verlangt er unsere Liebe, sondern weil er unser Glück will; und wir weder hier noch im Jenseits glücklich werden können, wenn wir ihn nicht lieben, und zwar über alles in der Welt. Deshalb ruft er uns zu: "Sohn, gib mir dein Herz. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert."

 

Der Glaube sagt uns ferner: Das Wort Gottes ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Er nahm Menschennatur an, um die Schuld der Menschheit auf sich zu nehmen. Er opferte sich für uns von der Krippe bis zum Kreuz und opfert sich noch täglich auf unseren Altären als das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Er ist unser Licht, unser Arzt, unsere Speise geworden. Wir müssten kein Herz haben, wenn wir ihn nicht lieben wollten. Der Apostel, der diese Pflicht so kräftig betont, kann sich selbst als Muster ihrer Erfüllung darstellen. "Christus", so sagt er, "ist mein Leben. - Ich achte alles in der Welt für Gassenkot, wenn ich nur Christus gewinne. - Ich will mich in nichts anderem rühmen als in Christus, dem Gekreuzigten. - Ich wünsche aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein."

 

Wo findet sich heutzutage in der Christenheit noch eine solch begeisterte Hingabe an Jesus! Wohl hört man so oft wiederholen: Jesus, dir lebe ich, Jesus, dir sterbe ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod! Aber straft das Betragen so vieler nicht diese Worte Lügen? Schon zeigt sich das Merkmal der letzten Zeiten, von dem die Schrift redet: Die Bosheit hat überhand genommen, weil die Liebe erkaltet ist. - Möchte diese Festzeit wieder die Liebe zu Jesus anfachen in unsern Herzen, indem wir uns wieder besinnen, was er uns ist und was wir ihm schulden.

 

"Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir sind gekommen ihn anzubeten." So sprachen die drei Könige, als sie nach Jerusalem kamen. Was ging sie der König der Juden an? Nein, es war nach ihrem festen Glauben kein gewöhnliches Königskind, weswegen sie kamen; es war jener König der Juden, von dem die Propheten geweissagt, die Erwartung nicht nur der Juden, sondern aller Völker. Sie suchen den König aller Könige, den König Himmels und der Erde. Deshalb wollen sie ihm nicht nur huldigen, sondern ihn anbeten. Sie sehen es als ihre Pflicht an, ihn aufzusuchen, sobald er seinen Fuß auf die Erde gesetzt hat; und sie lassen sich nicht irremachen durch den Unglauben und die Gleichgültigkeit der jüdischen Welt. "Sie gingen in das Haus hinein und fanden das Kind mit der Mutter und fielen nieder vor ihm und beteten es an." Mit welcher Andacht lagen sie da in Betrachtung des großen Geheimnisses auf den Knien. Wie demütigten sie sich vor der Größe dieses Kindes, wie vertrauensvoll schauten sie auf zu seiner Macht und Weisheit, wie freudig zu seiner Güte. Wir preisen sie selig ob dieses Glaubens. Aber ist ihr Glaube nicht ein Vorwurf für unseren Unglauben?

 

Jesus Christus ist heute wie gestern immer derselbe, derselbe auf unseren Altären wie in der Krippe, derselbe in seiner Himmelsherrlichkeit wie vordem in seiner Erdenniedrigkeit. Die Weisen sahen nur einen Stern und beteten an; sie sahen nur ein schwaches Kind in einer Krippe und beteten an; sie hörten noch nichts von seiner himmlischen Lehre, sahen nichts von seinen Wundern, wussten nichts von seiner künftigen Verherrlichung. Wir aber wissen dieses alles, wir haben die Vorbilder der Apostel, die Zeugnisse unzähliger Bekenner und Märtyrer, die Jesus angebetet haben, wir haben das Beispiel der besten und einsichtsvollsten Menschen aller christlichen Nationen. Und wir sollten säumig sein in der Pflicht der Anbetung? Wir sollten nicht willig Haupt und Knie beugen vor dem Namen Jesus und in seiner Gegenwart? Geben wir ihm die Ehre, wenn auch andere seinen Namen lästern, seinen Dienst verachten, seine Religion bekämpfen. Folgen wir den Weisen aus dem Morgenland, die sich nicht irremachen ließen durch so viel Unglauben und Gleichgültigkeit; mochte man sie auch allein ziehen lassen, sie gingen hin und beteten an.

 

Mit dem Gold der Liebe und dem Weihrauch der Anbetung sollen wir unserem Heiland auch Myrrhen opfern, indem wir um seinetwillen leiden. Das können wir in zweifacher Weise: durch geduldiges Ertragen von Verfolgungen um seinetwillen und durch Übung der Selbstverleugnung.

 

"Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen: selig seid ihr, wenn euch die Menschen verfolgen und alles Böse fälschlich gegen euch aussagen um meinetwillen; freut euch und frohlockt, euer Lohn wird groß sein im Himmel." So sprach der Herr zu seinen ersten Jüngern: so spricht er auch zu uns. Die Apostel haben wirklich frohlockt, wenn sie um des Namens Jesu willen leiden mussten. Auch und bleibt so etwas nicht erspart, wenn wir ernst machen mit unserem Christentum. "Die da fromm leben wollen in der Welt, werden Verfolgung leiden", sagt der Apostel. Zumal in unserer Zeit, wo das Antichristentum so frech sein Haupt erhebt. Schimpf und Spott, Verdächtigung und Benachteiligung ist das Los des bekenntnistreuen Katholiken. Wohl uns, wenn solche Erfahrungen uns nicht niederdrücken, sondern vielmehr erheben im gläubigen Aufblick nach oben, wo unser Herr und Vergelter unseren Kämpfen zuschaut.

 

Und dann heißt es weiter: "Alle, die zu Jesus Christus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt." (Galater 5,24) Als Christen sind wir verpflichtet, einen beständigen Krieg zu führen gegen unsere verdorbene Natur, indem wir Gott zuliebe uns beständig selbst verleugnen. Das ist es, was so viele abschreckt von der Religion Jesu, ja sie dagegen erbittert, weil sie ihre verkehrten Gelüste nicht abtöten wollen, weil ihnen das Gebot des Herrn nicht behagt: "Wer zu mir kommen will, der muss sich selbst verleugnen, sein Kreuz alle Tage auf sich nehmen und so mir nachfolgen." Wenn uns das schwer ankommen will, dann wollen wir auf ihn schauen, der mit dem Kreuz uns vorangeht, den Glauben wieder erwecken, das Vertrauen und die Liebe, und wir werden die Wahrheit seiner Verheißung erfahren: "Mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht."

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3. Für das Fest der Heiligen Familie

 

Bei dem dreitägigen Suchen und dem Wiederfinden Jesu im Tempel bewährte sich Maria wieder als Heldin des Glaubens. "Selig bist du, die du geglaubt hast." - Diesen Lobpreis verdiente sie auch in dieser schweren Prüfung. Selig sind auch wir, wenn der Glaube unser Licht ist in den Finsternissen und Gefahren des Lebens. Es hat wenige Zeiten gegeben, in denen der Glaube mehr angefochten wurde wie in unserer Zeit. Was sollen wir denn tun, um ihn vor Schaden zu bewahren?

 

Das erste und notwendigste ist ein lebendiges Verlangen nach der Gnade des Glaubens und beständiges Beten um diese Gnade. Gott gibt die Glaubensgnade denen, die sie schätzen und nach ihr verlangen. So tat der Kämmerer aus Äthiopien, von dem die Apostelgeschichte berichtet. Wie groß war seine Sehnsucht nach religiöser Erkenntnis, da er eine so weite Reise zum Tempel machte und selbst unterwegs in der Hl. Schrift las. Er verstand sie nicht, aber wegen seines großen Verlangens nach der Wahrheit sandte Gott ihm wunderbarerweise den Diakon Philippus, damit der ihm die Schrift auslege. Ebenso tat er mit dem heidnischen Hauptmann Cornelius, den Petrus unterrichten musste, damit er mit seinem Haus zum Glauben komme. 

 

Wenn wir heutzutage so viele sehen, die sich Christen nennen, aber um religiöse Erkenntnis und Fortbildung sich nicht im geringsten kümmern, die für alles andere mehr Interesse zeigen als für den Glauben, so können wir uns nicht wundern, dass ihnen die Glaubensgnade verloren geht.

 

Wer sich darum nicht kümmert, betet auch nicht um sie. Diese große Gnade will erbeten sein. Als einst ein Vater für seinen besessenen Sohn bei Jesus Hilfe suchte, sagte er: "Wenn du glauben kannst." - "Herr," antwortete der Mensch, "ich glaube ja, aber hilf meinem geringen Glauben!" Er verlangte nach dem rechten, vollen Glauben, flehte inbrünstig darum und wurde erhört. So beteten auch die Apostel: "Herr, vermehre uns den Glauben." Der uns den Glauben vermehren wolle, so beten wir deshalb beim Rosenkranz. Und jedesmal, wenn wir das Glaubensbekenntnis beten, soll es geschehen mit dem innigen Wunsch, der Herr möge uns die Glaubensgnade bewahren und vermehren. Deshalb sollen wir auch füreinander beten und uns in das Gebet anderer empfehlen. Das hat uns Jesus gelehrt durch sein Wort an Petrus, als die schwerste Glaubensprüfung ihm bevorstand: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, euch zu sieben wie Weizen, ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht abnehme." Wie dringend müssten also die Eltern für ihre Kinder beten, die etwa in der Fremde Schaden leiden könnten an ihrem Glauben und die solche Fürbitte um so nötiger haben, wenn sie selbst nachlässig werden im Beten.

 

Der Glaube kommt durch Anhörung des Wortes Gottes, sagt der Apostel. Das Wort Gottes hören ist also ein wichtiges Mittel zur Erhaltung des Glaubens. Die Verkündigung des göttlichen Wortes hat eine besondere Gnade zur Bewahrung und Belebung des Glaubens. Wer in kindlicher Demut und frommer Heilsbegierde Predigt und christlichen Unterricht anhört, wird daraus jedesmal großen Seelennutzen schöpfen, mag auch die Verkündigung des Wortes Gottes noch so einfach und kunstlos geschehen. Die ersten Glaubensboten sollten nicht durch Schriften, sondern durch das lebendige Wort das Evangelium ausbreiten; und so soll noch heute dieses die gewöhnliche Weise sein, wie der Glaube befestigt und belebt wird.

 

Halten wir den Glauben für unser kostbarstes Gut, so werden wir uns hüten vor allem, was ihm Gefahr bringen kann. Das ist vor allem der vertraute Umgang mit Irrgläubigen und Ungläubigen. Sage mir,  mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist. Man nimmt unwillkürlich in etwa die Gesinnung derer an, mit denen man vertrauten Verkehr hat. Gewiss sollen wir tolerant, duldsam sein gegenüber den Irrenden. Wir mögen sie von Herzen bedauern, ihnen auch in Nöten stets nach Kräften beistehen, während wir es zugleich als ein Gebot der Selbstliebe erachten, jeden unnötigen Umgang mit ihnen zu meiden. Deshalb befiehlt der hl. Paulus: "Wenn du einen Sektierer einmal und ein zweites Mal ermahnt hast, so meide ihn. Du weißt, ein solcher Mensch ist auf dem verkehrten weg; er sündigt und spricht sich selbst das Urteil." (Titus 3,10-11) Und der Lieblingsjünger Johannes spricht sich ebenso scharf gegen eine falsche Duldsamkeit aus: "Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß." (2. Johannes 10) Er ging darin mit gutem Beispiel voraus. Als er einst in ein öffentliches Bad gehen wollte und erfuhr, dass der Sektenstifter Cerinth darin sei, sprach er zu seinen Begleitern: "Lasset uns fliehen, auf dass das Haus, worin der Feind der Wahrheit sich befindet, über uns nicht zusammenstürze." - Was würde der Lieblingsjünger zu solchen sagen, die leichtfertig gemischte Ehen eingehen?

 

Eine große Glaubensgefahr bringt das Lesen glaubensfeindlicher Blätter, Schriften und Bücher. Sage mir, was du liest, und ich will dir sagen, wer du bist. O, sagt mancher, mir schadet so etwas nicht. Das ist eine Vermessenheit, die sich bitter rächt. Wenn religiöse Gleichgültigkeit und Abfall vom Glauben in manchen Orten, Gegenden, Ländern erschreckend um sich greifen, so kann man sicher sein, dort liberale Blätter verbreitet zu finden. Die traurige Glaubensspaltung wurde hauptsächlich durch Schriften befördert, und die schreckliche französische Revolution, die das Christentum so blutig verfolgte, war erst möglich geworden durch die Schriften der Freigeister.

 

Dagegen stärkt es die gläubige Gesinnung, wenn man Anschluss sucht bei glaubenseifrigen Christen und gute Lektüre pflegt. Man wirft uns Katholiken wohl vor, dass wir uns absondern und in vielerlei Vereinen zusammenschließen. Freimaurer, Juden und Andersgläubige tun zwar genau dasselbe und suchen überall Anschluss bei ihresgleichen. Nur uns wird das verübelt. Und doch ist es für uns heutzutage mehr als je eine Notwendigkeit wegen der zahllosen Angriffe, denen unsere Religion ausgesetzt ist.

 

Wenn so manche gleichgültig oder wankend sich zeigen im Glauben, so kommt das ferner daher, dass sie zu wenig davon wissen. Was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Wir müssen uns immer besser zu unterrichten suchen in den Wahrheiten der Religion und über die Gründe ihrer Glaubwürdigkeit; dass können wir uns und anderen darüber Rechenschaft geben. Es ist nicht jedermanns Sache, tiefe religiöse Studien zu machen. Aber über die notwendigsten Glaubenssätze muss sich jeder klar sein. Und er muss auch darüber klar sein: diese Wahrheiten, die die Kirche uns als Offenbarungen Gottes vorstellt, übersteigen zwar größtenteils den menschlichen Verstand, aber sie sind nicht wider die Vernunft. Es sind Wahrheiten, die gut und heilig sind und zur Heiligkeit anleiten, es sind Wahrheiten, die mir zur Beruhigung, zur Freude, zum Trost gereichen. Sie geben mir Aufschluss über alles, was ich über das Woher, Wozu, Wohin des Menschen wissen muss. Ohne sie wäre ich in der Finsternis, in Ungewissheit, in Unwissenheit über meine wichtigsten Angelegenheiten für Zeit und Ewigkeit. "Durchgehen wir (so sagt der hl. Chrysostomus) alle Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses, und wir finden darin nichts als trostreiche Wahrheiten, so angenehme, so liebenswürdige Wahrheiten, dass wir uns ihre Offenbarung wünschen müssten, wenn wir sie nicht schon hätten. - Ich glaube sie nicht, weil sie Menschenweisheit sind, sondern von Gott uns gelehrt durch seine Abgesandten, insbesondere durch Jesus Christus, der diese Lehre seiner Kirche übergeben hat, die der Apostel die Säule und Grundfeste der Wahrheit nennt. Und die katholische Kirche ist mir eine so sichere Bürgin der Wahrheit, dass ich mit dem hl. Augustin bekennen muss: Ich würde dem Evangelium nicht glauben, wenn ich nicht durch das Ansehen der Kirche bewogen würde." 

 

Wenn wir der Kirche Gottes glauben, so sind wir zudem in guter Gesellschaft. Die besten, unterrichtetsten und edelsten Menschen finden wir zu allen Zeiten unter ihren treuen Kindern. Dagegen können wir mit dem hl. Hieronymus sagen: "Nein, die Gesellschaft solcher Menschen, die keinen Glauben oder einen Irrglauben haben, ist mir der Zahl nach zu klein, dem Wert nach zu verächtlich, ich halte mich zu den großen Menschen der rechtgläubigen Kirche. Wenn ihr meint, dass ich irre, so wisset, dass ich mir eine Ehre daraus mache, mit so großen Menschen zu irren - mit zahllosen Heiligen, Kirchenlehrern, Märtyrern und Bekennern."

 

Das beste Mittel gegen alle Anfechtungen des Glaubens ist endlich die Probe, die jeder bei sich selbst machen kann: ein Leben nach dem Glauben. "Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun (sagt der Urheber unseres Glaubens), wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt." (Johannes 7,17)

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4. Über die Gotteskraft der christlichen Hoffnung

 

Weil der Hauptmann von Kapharnaum so großen Glauben hatte, nahte er sich dem Heiland auch mit fester Hoffnung auf seine Hilfe. Der Apostel nennt den Glauben einen festen Grund der zu erhoffenden Dinge, eine sichere Überzeugung von dem, was man nicht sieht. (Hebräer 11,1) Der Gerechte lebt aus dem Glauben: deshalb ist das christliche Leben ein Leben der Hoffnung.

 

Was haben wir von Gott zu hoffen? Vor allem den Besitz Gottes, d.h. die ewige Seligkeit. Zu dem Vater des Glaubens, Abraham, sprach der Herr deshalb: Wandle vor mir und sei vollkommen; ich selbst werde dein überaus großer Lohn sein! Gott ist unser letztes Ziel; er will der Hauptgegenstand unserer Hoffnung sein. Unsere Bestimmung ist, dass wir zur völligen Vereinigung mit zu gelangen suchen. Was dazu notwendig und dienlich ist, sollen wir ebenfalls von Gott hoffen; also die Verzeihung der Sünden, Gnadenbeistand zum Guten und auch irdische Güter, soweit sie uns dazu dienlich sind, das alles sollen wir von Gott erwarten, weil er es uns verheißen hat.

 

Wie wichtig, ja notwendig ist die Hoffnung für das Menschenherz. Sie ist der Stern, der seinen Lebensweg erleuchtet, ihm Freude, Mut und Tatkraft einflößt, tröstet in Beschwerden, anspornt zu Geduld und Ausdauer. Hoffnung ist die Triebfeder alles menschlichen Strebens. Sie ist uns ins Herz gepflanzt mit dem unausrottbaren Bedürfnis nach Glück. So ist es in der natürlichen Ordnung der Dinge, so ist es auch in der übernatürlichen Ordnung.

 

Indem Gott uns ein Ziel gab, das unendlich über der natürlichen Welt hinausliegt, gab er uns auch das Verlangen und Streben nach diesem Ziel, der Vereinigung mit ihm, dem höchsten, liebenswürdigsten Gut. Deshalb sagt der hl. Augustin so schön: "Für dich, o Gott, hast du mich erschaffen, und unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir."

 

Ein wunderbarer Stern ist die christliche Hoffnung, der den ganzen Lebensweg des Christen erhellt und verklärt. Dieser Stern leuchtet dem Kind beim Eintritt in die Welt, oder vielmehr in die Kirche, wenn ihm die Taufkerze gereicht wird mit den Worten: "Empfange das brennende Licht, bewahre untadelhaft fest deine Taufe; halte die Gebote Gottes, damit du, wenn der Herr kommt zum Hochzeitsmahl, ihm entgegengehen kannst mit allen Engeln und Heiligen, das ewige Licht hast und lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit." Dieser Stern wirft seine verklärenden Strahlen noch auf das Grab und gemahnt die Trauernden an das Wiedersehen in einer besseren Welt. Mögen die Stürme des Lebens auch Finsternis und Schrecken verbreiten, ein Aufblick nach oben zeigt dem Christen immer wieder diesen tröstlichen Stern, der ihn sicher dahin führt, wo er voll Jubel ausrufen darf: endlich am Ziel, am Ziel!

 

"Mein Glück ist es (so sagen wir mit dem Psalmisten), Gott anzuhangen, meine Hoffnung zu setzen auf Gott, den Herrn." (Psalm 73,28) Wozu der hl. Augustin sagt: "Du kannst Gott noch nicht anhangen in gegenwärtigem Schauen, hange ihm an durch die Hoffnung. Und was sollst du hier tun, indem du auf Gott deine Hoffnung setzt? Was soll dein Geschäft sein? Was anderes, als dass du den verherrlichst, den du liebst."

 

So wird die christliche Hoffnung nicht nur ein Licht sein, sondern auch eine Kraft, die Triebfeder unseres Lebens. Sie verhilft zur wahren Weisheit und Tugend. Alles menschliche Streben ordnet sie dem ewigen Ziel zu und unter, indem sie uns in allem sagen lehrt: Was nützt mir dies für die Ewigkeit? Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?

 

Unsere Hoffnung soll sich also stützen auf die göttliche Allmacht, der nichts unmöglich ist. "In Ansehung der Verheißungen Gottes wankte Abraham nicht . . . Gott die Ehre gebend, vollkommen überzeugt, dass, was immer er verheißen hat, er auch mächtig ist zu tun." (Römer 4) Und so schreibt auch der Apostel: "Ich weiß, auf wen ich mein Vertrauen gesetzt habe, und bin überzeugt, dass er Macht hat, meine Mitgabe zu bewahren auf jenen Tag. - Dem aber, der Macht hat, zu tun über die Maßen, mehr als wir bitten oder verstehen, vermöge der Gnadenkraft, die in uns wirkt, ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit." Vertrauen dürfen wir Gott trotz aller Macht der Bosheit und trotz unserer eigenen Schwachheit; er weiß das Böse zum Guten zu lenken und erweist sich stark in der Schwachheit.

 

Vertrauen wir wahrhaft auf Gottes Macht, so macht uns dies demütig. Was wir Gutes an uns haben oder Vortreffliches leisten mögen, wir sagen uns: Was hast du, o Mensch, was du nicht empfangen hast; hast du es aber empfangen, wie magst du dich rühmen, als hättest du es nicht empfangen! Wir wissen, nur den Demütigen gibt Gott seine Gnade, den Hochmütigen widersteht er. Wir sprechen mit dem Apostel: "Gern will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohne." (2. Korinther 12)

 

Die christliche Hoffnung stützt sich ferner auf Gottes Güte. Sie spricht voll freudigen Vertrauens mit dem Propheten: "Gut ist der Herr denen, die auf ihn hoffen, der Seele, die ihn sucht." (Jeremia 3) Sie stärkt ihre Zuversicht an seine Verheißung: "Könnte auch eine Mutter ihres einzigen Kindes vergessen, so würde ich doch deiner nicht vergessen, denn siehe, in meine Hände habe ich dich geschrieben!" 

 

Haben wir uns der göttlichen Vaterliebe unwert gemacht durch Sünde, so wandelt sich die göttliche Güte um in Barmherzigkeit, die jeden Augenblick bereit ist, zu verzeihen, sobald wir uns in aufrichtiger Buße wieder zu ihm wenden: "Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte. Er wird nicht immer zürnen, nicht ewig im Groll verharren. Er handelt an uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Schuld. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch ist seine Huld über denen, die ihn fürchten. So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er die Schuld von uns. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten. Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub." (Psalm 103,8-14) 

 

"In Jesus Christus ist diese unendliche Güte und Barmherzigkeit sichtbar erschienen, damit wir gerechtfertigt durch seine Gnade, der Hoffnung nach Erben sind des ewigen Lebens." (Titus 3) Am Kreuz streckt er die Arme seiner Barmherzigkeit aus auch für die elendsten Sünder. Wie sollten wir da nicht getrost und frohen Mutes ihm vertrauen? Was kann es Schweres geben, was er uns nicht tragen hilft, der da spricht: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!"

 

Und dann wissen wir, Gott ist getreu, er hält unter allen Umständen, was er verspricht. Wir können ihm keine größere Unbill antun, als wenn wir seine Verheißungen in Zweifel ziehen. Die felsenfeste Zuversicht wird nie zuschanden. In allen Stürmen, Versuchungen, Prüfungen, Bedrängnissen bleibt sie festgeankert in Gott. Wenn wir ihn nur lieben, so wendet er alles zu unserem Besten. Er hat uns seinen eingeborenen Sohn gegeben, sagt der Apostel, wie sollte er uns in ihm nicht alles gegeben haben? Auch unsere eigenen Erfahrung, die Schickungen und Fügungen unseres Lebens müssten uns das Wort froher Zuversicht bestätigen: Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden!

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5. Die christliche Hoffnung erprobt sich im felsenfesten Gottvertrauen

 

Der Sturm auf dem Meer ist ein Sinnbild des Menschenlebens. Niemals fehlt es an Anfechtungen, Beschwerden, Leiden. Wollen wir darin nicht Schaden leiden an unserer Seele, so bedürfen wir der göttlichen Hilfe. Die Hoffnung auf diese Gnadenhilfe darf nicht wanken, wenn es auch scheint, als ob Gott schliefe und uns den feindlichen Gewalten preisgäbe. Auf Gott hoffen heißt, im Vertrauen auf Gottes Hilfe kämpfen und darin nicht nachlassen. 

 

Hoffen heißt ja, überhaupt nach etwas trachten, was schwer zu gewinnen ist. Eine Sache, die einem von selbst zufällt, braucht man nicht zu hoffen. Nun ist aber der Himmel, der Hauptgegenstand der christlichen Hoffnung, schwer zu erringen. Deshalb heißt er eine Stadt auf dem Berg, der nur mit Mühe zu erklimmen ist; er heißt eine Krone, um die man kämpfen, ein Lohn, um den man arbeiten muss.

 

Die größte Beschwerde macht uns der innere Feind, die eigene verdorbene Natur. Und vermögen wir auch alles in dem, der uns stärkt, so heißt es doch nicht nur beten um die Gnade, sondern auch standhaft mit ihr mitwirken. Weswegen der Apostel schreibt: "Brüder, beeifert euch, dass ihr eure Auserwählung gewiss macht durch gute Werke. Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn Jesus Christus." (2. Petrus 1,10)

 

Einen Kriegsdienst auf Erden nennt Hiob das Menschenleben. Und der Apostel entwirft von dem Streben und Kämpfen der christlichen Hoffnung folgende herrliche Schilderung: "Wisst ihr denn nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer aber lebt völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde." (1. Korinther 9,24-27) 

 

Eine Rennbahn ist also das Leben, ein Kampfplatz. Wer als Wettläufer und Wettkämpfer den Preis erringen will, hat ein Zweifaches zu tun: vorerst muss er die Hindernisse wegräumen, dann muss er entschieden und rechtmäßig kämpfen. Das gleiche gilt vom Kampf der christlichen Hoffnung.

 

Die an den Wettspielen der damaligen Zeit teilnehmen wollten, mussten sich von manchem enthalten, was ihre Kraft und Sicherheit schwächen konnte. So ist es ja auch heute noch. Die es zu großen Kraftleistungen bringen wollen, üben sich oft lange Zeit in der strengsten Enthaltsamkeit, genießen keine geistigen Getränke, fasten und kasteien sich so eifrig, wie der eifrigste Büßer nur tun kann. Niemand findet etwas Besonderes darin, und doch ist die Aussicht auf Erfolg so gering. Bei Wettspielen kann nur einer den Preis gewinnen, alle anderen haben sich umsonst geplagt. Den Siegespreis der christlichen Hoffnung hingegen können so viele erlangen, als nur ernsthaft wollen. Sie müssen sich aber von allem enthalten, was das Seelenheil in Gefahr bringt, und mit voller Entschlossenheit beharrlich den guten Kampf kämpfen. Mit Luftschlägen werden die Feinde des Heils nicht besiegt, ein Scheinkampf nutzt nichts. Vermessen wäre die Hoffnung zu siegen, ohne ernsthaft zu kämpfen. Die ewige Seligkeit hoffen und dabei die Sünde nicht aufgeben wollen, die vom Himmel ausschließt, hieße vermessentlich hoffen. Bewahrung vor Sünde erwarten und sich leichtfertig den Sündengelegenheiten aussetzen, hieße vermessentlich hoffen. Vergebung der Sünden erbitten und dabei Groll gegen Widersacher im Herzen nähren, wäre vermessene Hoffnung. Herzensreinheit bewahren und der Üppigkeit und Neugierde frönen wollen; um Demut beten und sich über jede Demütigung empören, dagegen in eitlen, selbstgefälligen Gedanken gern verweilen, hieße sich selbst betrügen. Ausweichen können wir dem Kampf nicht; nur wenn wir ernsthaft und beharrlich kämpfen, dürfen wir den Sieg hoffen.

 

Der standhafte Streiter wird dann auch die Hilfsmittel eifrig gebrauchen, die ihm den Sieg erringen helfen. Er wird seine Stärke suchen in den Gnadenmitteln, im Gebet, im öfteren würdigen Empfang der Sakramente; er wird gewissenhaft sein in Erfüllung seiner Berufspflichten, geduldig im täglichen Kreuz. Er wird mit dem Apostel sagen können: "Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Dienstbarkeit; meine Arbeiten, Mühsale und Leiden helfen mir, die sinnliche Natur dem Geist zu unterwerfen."

 

Zu dieser Kampfbereitschaft der christlichen Hoffnung gesellt sich dann die frohe Siegeszuversicht.

 

Wohl mahnt der Apostel, wir möchten in Furcht und Zittern unser Heil wirken. Aber diese Furcht soll uns nur vorsichtig machen, nicht kleinmütig. Sie gründet sich auf die Erkenntnis unserer Gebrechlichkeit, und diese Erkenntnis nötigt uns, innigen Anschluss an Gott zu suchen, in dem wir alles vermögen. Er verlässt uns nicht, wofern wir nur ihn nicht verlassen. Christlich hoffen heißt, sicher und fest den Sieg erwarten mit Gottes Hilfe.

 

Die christliche Hoffnung wird sich also erproben im felsenfesten Gottvertrauen.

 

Unser Gottvertrauen wird angefochten vom Bösen durch vielfache Versuchungen zum Misstrauen, Kleinmut, zur Mutlosigkeit, Verzagtheit, Verzweiflung. Der Feind unserer Seele hat selbst keine Hoffnung; er glaubt, aber zittert. Deshalb tut er nichts lieber, als uns wankend machen im Vertrauen auf Gottes Fürsorge, Liebe und Erbarmen. Wie triumphiert er, wenn er uns das Beten verleiden oder das Streben nach Tugend verkrüppeln kann durch lähmende Skrupel. 

 

Auch Gott selbst stellt unser Vertrauen auf die Probe; er will es dadurch üben und verdienstlicher machen. Wie herrlich leuchtete das felsenfeste Gottvertrauen des geduldigen Ijob in seiner äußersten Verlassenheit. Im hoffnungslosen Elend schmachtend, verlassen selbst von denen, die ihm am nächsten standen, wankte er nicht in seiner Zuversicht auf den, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupt fällt. Und, so sprach er, wenn er mich auch tötet, so will ich doch auf ihn hoffen! Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und in diesem meinen gemarterten Fleisch werde ich ihn schauen. - Ebenso tröstete sich der fromme Tobias, als er durch Ungerechtigkeit und Missgeschick in die äußerste Armut geriet und dazu noch blind wurde. Wir erwarten ein anderes Leben, sprach er, das Gott denen geben wird, die ihm treu bleiben. 

 

So wird auch unser Gottvertrauen vielfältig geprüft. Wohl uns, wenn es die Probe besteht. Ein Schiff, das gut verankert ist, hat den Sturm nicht zu fürchten. Damit aber unsere Hoffnung in der Zeit der Gefahr die Probe bestehe, müssen wir sie beständig üben. Vor allem beten um diese Tugend, und dass Gottes Gnade sie uns stärke. Dann überhaupt das Gebetsleben pflegen. Das Gebet bewahrt uns vor dem irdischen Sinn, der sein Verlangen und Vertrauen auf das Vergängliche richtet; es übt in uns den himmlischen Sinn, der zuerst das Reich Gottes sucht und seine Gerechtigkeit, und alles übrige als Zugabe betrachtet. Beten müssen wir besonders, wenn Misstrauen und Kleinmut uns befallen will. Wenn wir nicht nachlassen im Gebet, lassen wir nicht ab von Gott, und wir werden nimmer von ihm verlassen. Wer aber ablässt vom Beten, wird gottvergessen und gottverlassen.

 

Die Tugend der christlichen Hoffnung von Herzen erwecken sollen wir insbesondere am Ende unseres Lebens, in der Todesstunde. Dann, wenn alles uns verlässt und wir alles verlassen müssen, worin wir Trost und Hilfe in der Welt suchten; wenn Not und Angst uns zum äußersten bringen; wenn uns schon die Schauer des göttlichen Gerichtes überfallen und der Geist der Finsternis alles aufbieten wird, um unsere arme Seele in Verwirrung zu stürzen: da heißt es sich mit kindlichem Vertrauen in die Arme der göttlichen Barmherzigkeit werfen, das Kreuz unseres Erlösers umklammern und bis zum letzten Atemzug wiederholen: "

Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden werden!"

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6. Über die Liebe zu Gott

 

Der Glaube lehrt uns Gott erkennen als das höchste, vollkommenste Gut, als unsern himmlischen Vater, aus dessen freigebiger Hand wir alles empfangen, was wir an Gutem Leibes und der Seele besitzen. Diese Erkenntnis treibt uns an, uns Gott von ganzem Herzen hinzugeben; so entspringt aus dem Glauben die Hoffnung und Liebe. Wie der Apostel sagt: "Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben." (1. Timotheus 1,5) Die Liebe ist die vorzüglichste der drei göttlichen Tugenden, wie weiter der Apostel sagt: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe." (1. Korinther 13,13)

 

Das erste und größte Gebot ist dieses: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Gemüt und aus allen deinen Kräften."

 

Wie kann man wissen, ob man dieses erste Gebot erfüllt, diese notwendigste Tugend besitzt?

 

Hat man Liebe zu Gott, so hat man Freude an Gott und allem Guten. Es ist nicht anders, als wenn Kinder ihre Eltern lieben und Eltern ihre Kinder; dann freuen sie sich aufrichtig ihrer Vorzüge, ihres Wohlergehens, denken oft an sie, reden gern von ihnen, tun ihnen gern etwas zu Gefallen. - Welches sind also unsere Gefühle und Gesinnungen gegenüber Gott? Denken wir oft an ihn, betrachten wir gern seine Eigenschaften und erfüllt uns das mit Freude? Oder lässt es uns kalt und gleichgültig, haben wir gar Widerwillen gegen die Religion und machen uns nichts daraus, ob Gott geehrt und gepriesen oder verachtet und beleidigt wird? Ist nicht nur bei Geschäften und Zerstreuungen, sondern selbst bei Gebet und Gottesdienst unser Herz fern von ihm? Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz. Beobachte also, woran du am liebsten denkst, dann weißt du, was du am meisten liebst.

 

Die Gottesliebe zeigt sich ferner im Verlangen nach Gott. Wenn wir jemand aufrichtig zugetan sind, so wünschen wir, immer bei ihm zu sein, möchten ihn immer hören, sehen, uns mit ihm unterhalten; und sind wir getrennt von ihm, so erfüllt uns das mit Trauer, mit Sehnsucht, und nur die Hoffnung auf Wiedersehen tröstet uns. Ein gutes Kind in weiter Fremde, fern von den Eltern und Angehörigen, kennt am besten diese Äußerung der Liebe. - Danach mögen wir wieder prüfen, wie es mit unserer Gottesliebe steht. In dieser Welt ist Gott uns zwar auch nahe durch seine Allgegenwart und im allerheiligsten Sakrament, und können wir mit ihm verkehren durch Gebet und Kommunion, doch nur auf verborgene, unvollkommene Weise; von Angesicht zu Angesicht ihn schauen und vollkommen besitzen sollen wir ihn erst im anderen Leben. Haben wir also Verlangen nach Gott, so beten wir gern, hören gern von ihm in Predigt, christlichem Unterricht, frommer Lesung und haben auch einiges Verlangen nach dem Himmel. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen", spricht der Herr. Führe ein Kind in ein fremdes Haus, reiche ihm die schönsten Leckerbissen und Spielsachen - sie werden es nur eine Zeitlang vergnügen und unterhalten können, dann wird es seine Arme nach der Mutter ausstrecken und nach Hause verlangen. Ist nun diese Erde nicht ein fremdes Haus? Leben wir hier nicht fern von Gott, der uns mehr ist als Vater und Mutter? Sind die Genüsse dieses Lebens nicht wie Leckerbissen, seine Güter wie Spielsachen, die uns einige Augenblicke ergötzen? Wehe uns, wenn wir törichter handelten als so ein Kind, indem wir über den Tand der Welt den himmlischen Vater und das ewige Vaterhaus vergessen würden! "Liebt die Welt nicht, noch das, was in der Welt ist", ruft deshalb der heilige Johannes aus. Und der Heiland selbst sagt: "Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft."

 

Nun sind aber die Gefühle des Wohlgefallens, der Freude, des Verlangens nicht immer ein sicherer Maßstab für unser Verhältnis zu Gott; sie sind oft wechselnd und zweifelhaft. Was uns gar nicht trügen und täuschen kann, das ist unser Betragen gegenüber Gott. "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt", sagt deshalb der Heiland. Wenn wir jemand aufrichtig lieben, so tun wir gern alles, was ihm Freude macht, und meiden alles, was ihm missfällt. Mag es manchmal auch schwer ankommen, die Liebe macht alles leicht. Gott missfällt nichts als die Sünde. Er gibt uns seinen Willen zu erkennen durch Vernunft und Gewissen, durch die Gebote der Kirche. Scheuen wir uns nicht, selbst in wichtigen Stücken ihm entgegen zu handeln, so haben wir gar keine Liebe zu ihm; scheuen wir zwar schwere Sünden, machen uns aber aus geringen Verfehlungen nichts, so haben wir eine geringe Liebe.

 

Da nun die Liebe Gottes das Wichtigste und Notwendigste ist, da wir ohne sie nicht Glück und Frieden finden können in dieser und der anderen Welt, was ist denn zu tun, um sie zu erlangen und zu vermehren?

 

Das erste Mittel ist das Gebet; denn diese Tugend ist vor allem eine Gabe Gottes. Man soll öfters einen Akt oder eine Übung der Liebe machen, indem man um Glaube, Hoffnung, Liebe betet mit dem herzlichen Verlangen nach diesen wichtigsten Tugenden.

 

Das zweite Mittel ist eine immer bessere Kenntnis Gottes. Was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Darum sind so viele gleichgültig gegenüber Gott, weil sie so wenig von ihm wissen. Gott ist so gut und Herrlich, dass wir ihn notwendig liebgewinnen müssen, wenn wir ihn kennen. Es ist vorzüglich der Glaube, der ihn uns kennen lehrt. Darum sagt der Heiland: "Das ist das ewige Leben, dass sie dich (den Vater) erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus. - Solche, die sich nicht kümmern um Predigt und christlichen Unterricht, müssen notwendig immer gleichgültiger gegenüber Gott werden. Als der heilige Augustinus sich von einem ganz weltlichen, sündhaften Leben bekehrt hatte, rief er manchmal aus: "O Gott, warum habe ich dich so spät erkannt, warum habe ich dich so spät geliebt!" - Liegt uns also daran, die Gottesliebe zu erlangen, zu bewahren und zu vermehren, so müssen wir uns in der Religion zu unterrichten und eifrig fortzubilden suchen.

 

Das dritte Mittel ist die öftere Betrachtung der Wohltaten Gottes. Seine Güte und Barmherzigkeit ist vor allem jene Eigenschaft, die ihm unser Herz gewinnt. Der größte Beweis seiner Güte, das größte Geschenk seiner Liebe, ist sein Sohn Jesus Christus. Was er für uns getan, gelitten, geopfert hat, ist so wunderbar, so groß, dass das Andenken daran uns gleichsam zur Liebe nötigt. "Lasst uns Gott lieben", so ruft der Apostel aus, "denn er hat uns zuvor geliebt! Darin hat sich Gottes Liebe geoffenbart, dass er seinen Sohn für uns dahingegeben hat." Deshalb erblicken wir überall das Kreuz - in den Häusern, Kirchen, an den Wegen, damit es uns zurufe: "So sehr hat Gott die Welt geliebt!" Und täglich dreimal hören wir die Betglocke uns erinnern: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Möchten wir uns dadurch auch mahnen und erinnern lassen und jedesmal dankbare Gegenliebe erwecken. Möchten wir auch sonst uns eifrig üben in der dankbaren Gesinnung gegenüber Gott, den Geber alles Guten, insbesondere bei den täglichen Dankgebeten und wenn wir uns außerordentlicher Gnaden erfreuen.

 

Das vierte Mittel ist Abtötung und Selbstverleugnung. Beständig wirbt die Welt um unser Herz und will es einnehmen mit ihrer Augenlust, Fleischeslust und Hoffart. Da heißt es beständig beten, wachen und kämpfen, damit man sein Herz Gott bewahre, dem es gehört. Darum stellte der Herr dieses als Kennzeichen der Liebe zu ihm auf: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und so folge er mir nach." - Hienieden kann die Liebe nicht ohne Kampf und Leiden sein. Gott offenbarte seine größte Liebe zu uns im bitteren Leiden Christi, und das Sakrament der Liebe erneuert es beständig auf geheimnisvolle Weise. So muss sich auch unsere Gottesliebe offenbaren und bewähren in vielen Anfechtungen und Trübsalen. Erst im himmlischen Vaterland soll sie zur Ruhe und Sicherheit gelangen in der vollkommenen Vereinigung mit Gott.

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7. Was wirkt die Liebe in der Seele?

 

Der Weinberg des Herrn, in den jeder zur Arbeit berufen wird, ist unsere eigene Seele. Und was sollen wir in ihr anbauen? Nichts anderes als Tugend. Gedeiht die Tugend in diesem Gottesacker, so ist er wohlbestellt; andernfalls wuchert das Unkraut in ihm, verwildert er und erweist uns als faule und unnütze Arbeiter. 

 

Die wichtigsten und notwendigsten Tugenden sind die göttlichen, Glaube, Hoffnung, Liebe. Die größte aber von ihnen ist die Liebe. Das erhellt auch aus ihren Wirkungen. Was wirkt sie in der Seele?

 

Die Liebe erzeugt vor allem alle übrigen Tugenden. Wer Gott wahrhaft in Liebe zugetan ist, sucht ihm zu gefallen. Dem Allerheiligsten aber können wir nur dadurch gefallen, dass wir seiner Heiligkeit nachstreben. "Seid heilig," so sagt er uns, "wie auch ich heilig bin." Somit wird die wahre Gottesliebe in jeglicher Tugend zu wachsen trachten. Der Apostel nennt die Liebe das Band der Vollkommenheit. (Kolosser 3,14) Gut ist, was Gott will, und üben sollen wir das Gute, weil Gott es will. Der Apostel nennt daher wieder die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Römer 13,10) "Liebe nur", sagt der heilige Augustin, "und dann tue, was du willst." Ja, für die wahre Gottesliebe gibt es keinen Zwang; sie treibt uns an, freiwillig und gern zu tun, was wir tun sollen.

 

Dass alle echte Tugend aus der Gottesliebe stammt, lehrt schon die tägliche Erfahrung. Wo sie abnimmt oder schwindet, da sehen wir alles Gute Schaden leiden. Wie auffallend ist das oft an jungen Leuten zu beobachten. Solange sie gerne beten, Freude am Gottesdienst und Empfang der Sakramente haben, sind sie gute Kinder und sonst pflichttreu. Kaum aber wenden sie sich von den Übungen der Religion ab, da kommen sie auf schlechte Wege, werden störrisch und widerspenstig, machen ihren Angehörigen Kummer und Schande. Bleibt das äußere Betragen anständig und werden die Berufspflichten erfüllt, so fehlt doch Seele und Leben, wenn es nicht aus Liebe zu Gott hervorgeht. Weshalb der Apostel schreibt: "Wenn ich in den Sprachen der Engel und Menschen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. (1. Korinther 13,1-2) Darum spricht der Heiland: "Das erste Gebot ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft... Gott lieben von ganzem Herzen, gilt mehr als alle Opfer." (Markus 12)

 

Die Liebe verhilft ferner zur Vereinigung mit Gott. Das ist ja der Zweck der ganzen Religion. Diese Vereinigung wiederherzustellen, war der Zweck der Erlösung. Glaube und Hoffnung führen zu Gott, die Liebe vereinigt mit ihm. Weshalb der Heiland sagt: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen." (Johannes 14,23) Und schreibt der hl. Johannes: "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." (1. Johannes 4,16b) Die Liebe macht uns des Heils teilhaft, das der Erlöser gebracht hat. "Dem Glauben wird das Heil gezeigt", sagt der hl. Franz von Sales, "der Hoffnung wird es bereitet, aber der Liebe allein wird es gegeben." 

 

Sie erwirkt uns deshalb auch Verzeihung unserer Sünden, das erklärte der Heiland ausdrücklich, als er die Sünderin und Büßerin Maria Magdalena so gütig aufnahm. Die Pharisäer murrten, weil er sie gewähren ließ, als sie seine Füße mit ihren Tränen benetzte. Er aber sprach zu ihr: "Deine Sünden sind dir vergeben!" Und er fügte als Grund bei: "Ihr ist viel vergeben worden, weil sie viel geliebt hat." Die Gottesliebe verschafft uns also Verzeihung der Sünden, auch jener, die von Gott trennen, der schweren Sünden. Nach den Aussprüchen des Herrn und der Lehre der Kirche ist daran nicht zu zweifeln.

 

Ihr ist viel vergeben, weil sie viel geliebt hat. In diesen Worten des Herrn liegt schon angedeutet, dass nicht jede Liebe sündenvergebend wirkt. Man hat zu unterscheiden zwischen vollkommener und unvollkommener Liebe. Der Unterschied liegt nicht im Grad oder der Stärke, sondern im Beweggrund. Unvollkommen nennen wir die Liebe, die Gott dient um des Lohnes willen, den er seinen treuen Dienern verheißt. Sie ist also im Grunde Eigennutz, Selbstsucht. Vollkommen dagegen ist jene Liebe, die Gott anhängt, weil er das höchste, liebenswürdigste Gut ist; also hauptsächlich aus reinem, uneigennützigem Wohlgefallen an den Vollkommenheiten Gottes. Sie übt das Gute einzig um Gott zu gefallen, gleichwie ein gutes Kind seinen Eltern folgt, um ihnen keinen Verdruss zu bereiten. Sie würde die Gebote halten und die Sünde (wenigstens die schwere) meiden, auch wenn es keinen Himmel und keine Hölle gäbe. Die unvollkommene Liebe wäre für sich nicht stark genug, um jede schwere Sünde zu meiden; es muss ihr zu Hilfe kommen die Hoffnung und Furcht, insbesondere die Furcht vor der Hölle.

 

Welche von diesen beiden Arten der Gottesliebe bewirkt nun Vergebung der Sünden? Beide vermögen es, aber auf verschiedene Weise. Zu jeder Sündenvergebung ist unerlässlich eine übernatürliche Reue. Diese kann wieder zweifach sein, vollkommen und unvollkommen. Unvollkommen ist sie, wenn sie hervorgeht aus vollkommener Liebe; d.h. wenn unsere Sünden uns leid tun hauptsächlich aus Furcht vor der göttlichen Strafgerechtigkeit. Vollkommen ist die Reue, die aus der vollkommenen Liebe entsteht; wenn wir also unsere Sünden verabscheuen, weil sie eine Beleidigung und Verachtung unseres besten Vaters, unseres höchsten, liebenswürdigsten Gutes sind. Die unvollkommene Reue erwirkt für sich noch keine Sündenvergebung; es muss hinzukommen die Gnade des Bußsakramentes. Die vollkommene Reue hingegen söhnt uns sofort mit Gott aus, tilgt auch schwere Sünden. Von ihr gilt das Wort des Herrn: "Wer mich liebt, den wird mein Vater lieben, und auch ich werde ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen." Freilich bleibt auch hier die Beichtpflicht bestehen. Die Sünden, die durch vollkommene Reue getilgt sind, müssen trotzdem gebeichtet werden, weil dies ein Gebot Christi ist.

 

Wie tröstlich ist doch die Lehre von der vollkommenen Liebe und Reue. Durch diese können wir zu jeder Zeit und in einem Augenblick die heiligmachende Gnade wiedererlangen, wofern wir sie durch schwere Sünde verloren haben; durch sie können wir unsere Seele retten, wenn wir uns in schweren Sünden an der Pforte der Ewigkeit sehen und die Sterbesakramente nicht mehr empfangen können. Es darf also niemand verzweifeln; ein Akt vollkommener Liebesreue kann ihn retten. Und ein solcher ist ja nicht so schwer zu erwecken, wenigstens für den nicht, der als gottesfürchtiger Christ lebt. Ein Aufschrei des geängstigten Herzens zum gekreuzigten Heiland genügt, um die Gesinnungen der Liebesreue zu erwecken: in dem Kuss des Kruzifixes, im andächtigen Anrufen des süßen Namens Jesu kann sie sich kundgeben und wirken.

 

Wie wichtig ist es also, dass wir diese Liebesreue eifrig üben. Wer sie nie oder selten übt, der wird sie ohne besondere Gnade schwerlich erwecken können, wenn vielleicht alles davon abhängt. am leichtesten verhilft uns dazu die fleißige Betrachtung und Verehrung des bitteren Leidens Christi. "So sehr hat Gott die Welt geliebt", ruft uns jedes Kreuz zu; und es mahnt uns: Liebe den Gütigen und Barmherzigen um seiner selbst willen, und bereue aus Liebe zu ihm deine Sünden. 

 

"Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen", sagte einst der Herr, "und was will ich anders, als dass es brenne?" Im göttlichen Herzen Jesu brennt ein so starkes Liebesfeuer, dass es imstande ist, alle Herzen in Gottesliebe zu entflammen. Wohl uns, wenn wir unsere Herzen davon entzünden lassen und mit wahrem Verlangen nach der notwendigsten göttlichen Tugend immer wieder bitten: "Göttliches Herz Jesu, gib, dass ich dich immer mehr liebe!" Dann werden wir auch das Unsrige tun, um die Gottesliebe zu üben, und keine größere Sorge kennen, als die, diese heilige Flamme vor dem Erlöschen zu bewahren, uns zu bewahren vor schwerer Sünde.

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hl. Maria Magdalena

 

8. Dankbarkeit für Gottes Güte

 

Der Glaube lässt uns Gott erkennen als Urheber und Spender alles Guten, als den gütigen Spender alles Guten insbesondere, das wir je empfangen haben oder erwarten dürfen. Aus dieser Erkenntnis soll die dankbare Liebe entspringen, die unsere völlige Abhängigkeit von Gottes Güte freudig anerkennt und sich angetrieben fühlt, diese Anerkennung in Wort und Tat kundzugeben. Damit üben wir dann die Tugend der Dankbarkeit gegenüber Gott. Sie ist eine Pflicht, die nur zu oft vernachlässigt wird.

 

Die Dankbarkeit gegenüber seinen Wohltaten verlangt Gott von uns und muss er verlangen. Er würde ja abdanken, wenn er darauf verzichtete, dass seine Geschöpfe ihre Abhängigkeit ihm gegenüber anerkennen. Die Religion des Alten wie des Neuen Bundes, die er stiftete, hatte und hat daher heilige Tage, Feste und Opfer. Der Sabbat sollte ein wöchentliches Dankfest sein für die Gnade der Erschaffung und Erhaltung. Jedes Fest der Juden erinnerte an eine Heilstatsache: Ostern an die Befreiung aus Ägypten, Pfingsten an die Gesetzgebung auf Sinai, das Laubhüttenfest an die wunderbare Führung in der Wüste. Pfingsten war zugleich das Erntedankfest, weshalb die Erstlinge der Ernte im Tempel dargebracht werden mussten. Zahlreich waren die Dankopfer im Tempel, und es war Pflicht und zugleich hohe Freude für den frommen Israeliten, ihnen beizuwohnen. An die Dankespflicht mussten die Propheten das Volk immer wieder Erinnern, wenn es anfing, seines Gottes zu vergessen. So klagte der Herr durch den Mund des Jesaja: "Der Ochse kennt seinen Eigentümer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber erkennt mich nicht." 

 

Da Jesus dann den Neuen Bund gründete, ging er in der Tugend der Dankbarkeit mit seinem eigenen Beispiel voran. Bei jeder Gelegenheit dankte er dem himmlischen Vater, so insbesondere bei der Brotvermehrung, bei der Auferweckung des Lazarus und bei Einsetzung des allerheiligsten Sakramentes. - Die Dankespflicht schärft der Weltapostel nachdrücklich ein, indem er schreibt: "Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Chisti, unseres Herrn." (Epheser 5,20) "Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört." (1. Thessalonicher 5,18) Bei jeder Heiligen Messe erinnert uns die Präfation daran, dass sie ein Dankgebet ist, "sursum corda", heißt es da, "erhebet die Herzen". Und dann: "Gratias agamus domino deo nostro", "lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott". Ja, so antwortet das Volk, "dignum et justum est", "würdig und recht ist es, billig und heilsam, dass wir dir immer und überall Dank sagen, Herr, heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, durch Jesus Christus unseren Herrn". 

 

Dazu fordern uns die zahllosen Wohltaten auf, mit denen Gottes Güte und väterliche Fürsorge uns immerfort überhäuft. "Was hast du, o Mensch", so fragt der Apostel, "was du nicht empfangen hast?" Und der Psalmist sagt: "Seh` ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt (so sage ich): Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt: All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht." (Psalm 8,4-9) Ja sogar die Himmelsfürsten hat er zu dienenden Geistern gemacht, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen. (Hebräer 1,14)

 

Und betrachten wir die Gaben der göttlichen Güte, die sie uns persönlich zuwendet - wie könnten wir je genug dafür danken? Sie rief uns ins Dasein, stattete uns aus mit Kräften des Leibes und der Seele, sorgte für uns jeden Augenblick, damit das Notwendigste uns nicht fehlte, und gab uns so viel, was zur Annehmlichkeit und Verschönerung des Lebens dient. War er dir die Gesundheit, die gesunden Glieder und Sinne schuldig? Hätte er dir Unrecht getan, wenn er dich körperlich schwer behindert geschaffen oder auf ein qualvolles Krankenlager gelegt hätte wie so viele andere, die du bedauerst? Wenn er dich Hunger und Elend hätte kosten lassen oder unter den Eingeborenen im Urwald hätte geboren werden lassen, die ein ganz anderes Dasein kennen? Er ist der Herr, und niemand hat ein Recht, sich gegen ihn zu beklagen, oder mit ihm zu rechten. Sooft wir aus erquickendem Schlaf neugestärkt erwachen, wieder das Licht der Sonne schauen, mit Speise und Trank uns erfreuen dürfen, ist uns das eine Aufforderung zur Dankbarkeit.

 

Viel größer und schätzenswerter noch sind dann die Gnaden der Erlösung und Heiligung. Gott verlieh uns eine unsterbliche Seele, stattete sie mit den herrlichsten natürlichen und übernatürlichen Gaben aus und machte sie fähig, ihn dereinst von Angesicht zu Angesicht zu schauen und in dieser Anschauung ewig selig zu sein. Und da die Menschen durch eigene Schuld den Himmel verloren hatten, sandte er seinen Sohn als Erlöser und gab in ihm uns alles, was wir zu unserem Heil nötig haben, Wahrheit und Gnade, Licht und Kraft zur Versöhnung mit Gott, zum gottgefälligen Leben und seligen Sterben. "Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles Schenken?" (Römer 8,32) Christus lebt und wirkt fort durch den Heiligen Geist in seiner Kirche, die uns lehren, führen und heiligen soll, bis wir an unser Ziel gelangen. welch ein Glück ist es, dass wir Kinder der wahren Kirche sind, und nie können wir Gott genug dafür danken, dass er uns dazu erwählt hat ohne unser Verdienst im Vorzug vor so vielen Millionen anderer Menschen, denen diese Gnade nicht zuteil wurde, und die dafür vielleicht erkenntlicher sein würden.

 

Ja unverdient sind alle Gnadengaben Gottes, und um so höher sind sie anzuschlagen, als der ewige, unendliche Gott, der unser nicht bedarf, von Ewigkeit her beschlossen hat, sie uns zuzuwenden, obwohl er voraussah, einen wie schlechten Gebrauch wir so vielfach von seiner Güte machen würden. Er hat uns in Wahrheit zuvor geliebt; deshalb schulden wir ihm dankbare Gegenliebe. 

 

Weshalb fordert Gott von uns Dankbarkeit? Nicht seinetwegen, sagt der hl. Chrysostomus, weil er unseres Lobes bedarf, sondern unsertwegen. Wie der Sämann im Evangelium streut der Herr den Samen seiner Wohltaten in überreicher Fülle beständig aus. Der meiste verkommt, weil er auf kein fruchtbares Erdreich fällt. Die Herzen der Menschen sind hart wie der Weg und Felsengrund; da kann keine Dankbarkeit keimen und gedeihen; oder die Dornen des Weltsinns ersticken die gute Saat. Frucht bringen die Wohltaten Gottes nur in einem dankbaren Herzen. 

 

Die erste Frucht ist ein beständiges Wachstum der Liebe und Treue gegenüber Gott. Wir müssten ja kein Herz haben, wenn uns die väterliche Liebe und Fürsorge Gottes, die uns beständig mit Wohltaten überhäuft, nicht rühren würde. Wenn sie wenig Eindruck auf uns macht und wir kalt und gleichgültig sind Gott gegenüber, so ist schuld daran die Gottvergessenheit, die die Gaben der göttlichen Liebe hinnimmt, ohne des Gebers zu gedenken. Deshalb werden dann diese Gaben auch so wenig geschätzt und so schlecht benutzt. Was wir von der Hand einer hochstehenden oder besonders teuren Person empfangen, schätzen wir hoch und halten es hoch in Ehren, mag es an sich auch wenig Wert haben. Um wieviel mehr sollte uns jede Guttat Gottes teuer sein, und sollten wir das zeigen durch dankbare Gesinnung und gute Anwendung. 

 

Das macht uns dann weiter größerer Gnaden würdig. Ist es ja auch bei uns selbst so: wenn jemand, dem wir Guttaten erwiesen, sich erkenntlich zeigt und sie gut anwendet, so fühlen wir uns gedrungen, ihm noch weiter wohlzutun. "Die Undankbarkeit dagegen", so sagt der hl. Bernhard, "ist die Feindin der Seele, indem sie die Verdienste vernichtet, die Tugenden zerstört und die Gnade hemmt. Sie ist ein versengender Wind, der den Quell der Güte und Barmherzigkeit Gottes austrocknet."

 

Eine weitere Frucht der Dankbarkeit ist Freude und Zufriedenheit des Herzens. Der kindliche hl. Franziskus konnte Tränen der Freude vergießen, wenn er nach mühsamem Marsch unter einem schattigen Baum ausruhte und aus einer kühlen Quelle seinen Durst löschte. Er erinnerte sich voll Rührung der Güte Gottes, die von Ewigkeit her beschlossen habe, ihm diese Erquickung zuzuwenden. Ja, ein dankbares Herz, ein gutes und glückliches Herz. Das Glück des Lebens besteht nicht in den Dingen, die als Weltglück gelten. Es besteht vielmehr darin, dass wir lernen, der kleinen Gaben Gottes uns zu freuen, weil sie aus seiner Hand kommen, Erweise seiner väterlichen Liebe und Fürsorge sind. Wieviel Kummer und Leid blieben uns erspart oder würde uns versüßt, wenn wir für das Gute, das wir empfangen, dankbar wären. Was uns auch fehlen mag, wir haben trotzdem so viel, wessen wir uns erfreuen können und wofür wir nicht genug danken können.

 

Mögen wir also mit dem Psalmisten sprechen: "Ich will den Herrn preisen Tag für Tag und seinen Namen loben immer und ewig." (Psalm 145,2) "Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Barmherzigkeit währt ewig." (Psalm 107,1)

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9. Für den Sonntag Quinquagesima (7. So. vor Ostern / So. vor Aschermittwoch)

 

 

Jesus sagt sein Leiden voraus. Er geht ihm entgegen mit voller Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters. Den bitteren Kelch nimmt er mit Bereitwilligkeit an, weil die Hand des Vaters es ist, der ihn ihm darreicht, mag auch die Bosheit der Menschen ihn bereiten. Darin will er unser Vorbild sein. Leben die göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und Liebe in uns, so sind wir fest überzeugt, dass alles, was uns widerfährt, von Gott kommt, dass er alles zu unserem Besten lenkt, und wünschen, dass in allem Gottes Wille geschehe. Deshalb sind wir stets ergeben in den Willen Gottes, insbesondere im Leiden.

 

Die Tugend der Gottergebenheit besteht darin, dass wir willig, ja freudig dem Willen Gottes uns unterwerfen. Es ist der Wille Gottes, was uns irgendwie widerfährt. Mag es uns gefallen oder nicht, mögen wir den Grund und Nutzen einsehen oder nicht - es kommt von Gottes Hand, und das muss uns genug sein. Wie die Magnetnadel sich immer wieder zum Nordpol wendet, mag sie auch noch so viel bewegt und abgelenkt werden, so sucht sich der Wille des gottergebenen Christen stets mit dem göttlichen Willen in Übereinstimmung zu bringen. Hat er an körperlichen Gebrechen zu leiden, so spricht er mit dem Psalmisten: "Gott hat uns geschaffen" und nicht wir. (Psalm 100,3) Bei den täglichen Beschwerden und Widerwärtigkeiten in seinem Beruf, im Umgang mit anderen, in den Unbilden der Witterung und Naturvorgänge erinnert er sich an die göttliche Strafsentenz: "Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen." Wird er von Leiden und Trübsalen heimgesucht, so spricht er mit Hiob: "Haben wir das Gute angenommen aus Gottes Hand, warum sollen wir nicht auch das Schlimme annehmen?" und denkt an die Mahnung des Weisen: "Alles was dir widerfährt, nimm an; halte aus im Schmerz und sei geduldig in der Demut; denn Gold und Silber werden durch Feuer geprüft, Gottes Lieblinge aber im Ofen der Demütigung." (Sirach) In Krankheit tut er nach dem Beispiel des frommen Tobias, von dem es heißt: "Weil er von Jugend auf Gott fürchtete, so beklagte er sich nicht wider Gott, als die Plage der Blindheit über ihn kam, sondern blieb unentwegt in der Furcht Gottes und dankte Gott alle Tage seines Lebens." Er sucht zwar das kostbare Gut der Gesundheit wiederzuerlangen, wenn das aber nicht gelingen will, hält er geduldig am Kreuz aus, solange es Gott gefällt. Er schickt sich auch in Gottes Willen, wenn ihm oder seinen Angehörigen der Tod naht. Er murrt nicht, wenn er vorzeitig abberufen wird oder wenn der Tod zögert, obwohl Alter und Gebrechlichkeit das Leben zur Qual machen. Was auch geschehen mag, der Wille Gottes ist ihm heilig. Treffen ihn zeitliche Verluste, so spricht er mit Hiob: "Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gebenedeit!" Was ihm von seinen Mitmenschen widerfährt, ist ihm ebenfalls eine Fügung oder Zulassung Gottes, der er sich geduldig fügt. Die ärgste Bosheit kann ihn wohl schmerzen, aber nicht erbittern; er weiß, Gott lenkt sie zu seinem Besten und entschädigt ihn hundertfach für jede gottgefällig erduldete Verfolgung und Bedrückung. Gottergeben zeigt er sich endlich in seinen Gebeten. Werden sie nicht gleich erhört oder scheinen sie gar nichts zu nützen, so verliert er das Vertrauen nicht, sondern legt alles in Gottes Hand, der ihm helfen wird nach seiner Weise und zu seiner Zeit. Er sagt wie sein Heiland in jeder Not: "Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber, sonst geschehe nicht mein Wille, sondern der deine!"

 

Fällt uns diese christliche Ergebung in Gottes Willen schwer, so soll unser Glaube uns erinnern, dass wir dazu verpflichtet sind wegen Gottes Macht, Weisheit und Liebe.

 

Wir müssen vor allem uns Gottes Willen unterwerfen, weil er unser Herr und Gebieter ist. Er hat uns das Dasein gegeben, ihm zu dienen ist unsere Bestimmung. Sein Wille ist unser höchstes Gesetz. Auflehnung dagegen ist Beleidigung der göttlichen Majestät, Empörung gegen seine Oberherrschaft. Deshalb sagt der Apostel: "Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht?" (Römer 9,20) Als dem Hohenpriester Heli Gottes Strafgericht angekündigt wurde, sprach er deshalb: "Er ist der Herr, er tue was gut ist in seinen Augen!" Und Maria sprach, als ihr Gottes Ratschluss verkündet wurde, den sie nicht verstand: "Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort."

 

Gottes Anordnung und Zulassung haben wir uns zu unterwerfen, wenn wir den Grund auch nicht einsehen. Der heilige Augustin erklärt das an dem verbotenen Baum im Paradies: "Ist der Baum gut", sagte einst Adam, "warum soll ich ihn denn nicht anrühren? Ist er schlecht, was soll er dann im Paradies? Gott aber sprach: Er steht hier, weil er gut ist: aber du sollst ihn nicht anrühren, weil ich einen gehorsamen, und nicht einen widerspenstigen Knecht will. Warum das? Weil ich der Herr bin und du der Knecht bist." - Und was nützt denn alles Klagen und Sträuben gegen die Anordnungen Gottes? Es geschieht schließlich doch, was Gott will. Deshalb sprach ein gedemütigter Stolzer: "Alle Bewohner der Erde gelten vor ihm wie nichts. Er macht mit dem Heer des Himmels und mit den Bewohnern der Erde, was er will. Es gibt niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen dürfte: Was tust du da?" (Daniel 4,32) Und so spricht Gott: "Ich sage: Mein Plan steht fest, und alles, was ich will, führe ich aus." (Jesaja 46,10b)

 

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Und das ist gut so. Wir wissen selbst nicht, was uns nütze ist. Oft genug wäre es die größte Strafe, wenn Gott uns unseren Willen ließe. Was uns dagegen ein Unglück scheint, ist oft genug unser Glück. Wie schlecht ging es dem ägyptischen Joseph. Von seinen eigenen Brüdern wurde er verkauft und als Sklave in ein fremdes Land geschleppt, dann wegen seiner Keuschheit in den Kerker geworfen. Dieses Missgeschick musste aber durch Gottes weise Fügung gerade dazu dienen, ihn zu erhöhen und seine Familie zu retten. Mögen wir die Wege Gottes, die er uns führt, auch nicht verstehen, sie führen sicher zu unserem Glück, wenn wir seinen Absichten nicht widerstreben. "Befiehl dem Herrn deinen Weg", sagt der Psalmist, "und vertrau ihm; er wird es fügen." (Psalm 37,5)

 

Ebenso wie der Weisheit Gottes müssen wir seiner Vaterliebe vertrauen. Die zahllosen Erweise seiner Fürsorge sollten uns überzeugen, dass er es gut mit uns meint, auch wenn er uns prüft und züchtigt. "Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er . . . Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet." so mahnt der Apostel. (Hebräer 12,6-7) Es ist die Hand eines Vaters, die uns schlägt, daher müssen wir uns unter ihr beugen. Diese Hand will uns zum Heil führen, also müssen wir sie festhalten, auch wenn sie uns raue Wege führt.

 

Welch ein Segen liegt in der Gottergebenheit. Sie verschafft uns vor allem wahren Herzensfrieden. Zufrieden sind wir dann, wenn es uns nach Wunsch geht. Wer den Willen Gottes seinem eigenen vorzieht, dem geht es aber immer nach Wunsch; denn er erkennt und verehrt in allem den Willen Gottes. Ihn beunruhigt daher weder die Gegenwart noch der Gedanke an die Zukunft. Er tut das Seinige und überlässt alles andere Gott. Getrost wandelt er durchs Leben an der Hand seines himmlischen Vaters mit kindlicher Zuversicht auf dessen Führung und Beistand. Das Weltkind hingegen kann noch so sehr vom Glück begünstigt sein, es fehlt ihm immer etwas, weil es doch nie in allem nach seinem Wunsch und Willen geht.

 

Lehnen wir uns auf gegen Gottes Schickungen, so machen wir uns das Schwere doppelt schwer; nehmen wir dagegen unser Kreuz im Hinblick auf unser göttliches Vorbild entschlossen auf unsere Schultern, so erfahren wir die Verheißung des Herrn: "Mein Joch ist süß und meine Bürde leicht." Die Liebe macht alles leicht, Verdrossenheit macht alles schwer.

 

Und dann, wie sollte uns die Hoffnung auf den Lohn ermuntern, der dem Gottergebenen verheißen ist. Wenn es sich um ein großes Gut handelt, so ertragen die Menschen die größten Beschwerden mit Geduld, ja freudig. Wie viele unterziehen sich einer schmerzhaften Operation, ja lassen sich Arm oder Bein absägen, um ihr Leben einige Zeit zu verlängern. Nun bedeutet die Unterwerfung unter Gottes Willen manchmal auch eine recht schmerzhafte Operation. Wir müssen das Liebste opfern, was jeder hat, den eigenen Verstand und den eigenen Willen. Dieses Opfer ist das schwerste, aber darum auch das verdienstlichste. Deshalb schreibt der heilige Chrysostomus: "Da Hiob in Armut und Krankheit treu an Gott hielt, war er Gott angenehmer als durch alle guten Werke, die er in gesunden Tagen verrichtet hatte." - Wie töricht ist es also, wenn ein Kranker meint, er könne nicht Gutes tun, weil er nicht in die Kirche gehen und sonstige äußere gute Werke verrichten kann. Sollen unsere guten Werke Gott gefallen und uns Verdienste erwerben, so muss ihnen die Absicht zugrunde liegen, den Willen Gottes zu erfüllen. Will nun Gott, dass wir krank sind, so können wir nichts Besseres tun, als uns seinem Willen unterwerfen.

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10. Für den ersten Fastensonntag

 

Jesus, der sich vierzig Tage lang mit Fasten und Beten auf den Kampf mit dem Versucher und auf seinen öffentlichen Beruf vorbereitet, ist uns ein Vorbild der Frömmigkeit.

 

Die Frömmigkeit, eine Frucht der Gottesliebe, besteht in der eifrigen und freudigen Übung der religiösen Pflichten. Der fromme Christ ist durchdrungen von kindlicher Ehrfurcht und dankbarer Liebe Gott gegenüber; deshalb ist ihm alles heilig, was die Gottesverehrung erfordert. Mit Freuden übt er das Gebet und pflegt den vertrauten Umgang mit Gott, wie es die christliche Sitte, das Gebot der Kirche und der Drang seines Herzens verlangt. Das Beten ist seiner Seele Bedürfnis gleichwie dem Leib das Atmen. Wohl mag seine sinnliche Natur sich sträuben, wenn er sein Herz vom Irdischen losmachen und zum Göttlichen erheben will; allein er gibt diesem Widerwillen, dieser Unlust nicht nach, sondern überwindet sie. Auch wenn er in den Übungen der Frömmigkeit keinen fühlbaren Trost empfindet, lässt er nicht davon ab; er weiß, dass sie notwendig sind für die Übung der göttlichen Tugenden und ihm desto mehr verdienst bringen, je größer die Mühe ist, die sie ihn kosten. Gern eilt er zum Haus Gottes, nicht nur, wenn er dazu verpflichtet ist, sondern soviel seine Umstände es erlauben; und die ihn deshalb tadeln wollen, weist er zurecht mit den Worten des Heilands: "Wisst ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?" Nicht nur Gewohnheit, sondern wahres Herzensbedürfnis drängt ihn, öfters am Tisch des Herrn zu erscheinen. Gern beteiligt er sich an religiösen Feierlichkeiten und frommen Vereinen; an allem, was die Kirche Gottes und die Interessen der Religion betrifft, nimmt er den innigsten Anteil. In den Übungen der Religion findet er seine Freude. Im Umgang mit Gott verkostet er öfters einen Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit; deshalb nennt mal die Frömmigkeit mit Recht Gottseligkeit.

 

Der Apostel preist diese Tugend mit den Worten: "Die Frömmigkeit ist nützlich zu allem: Ihr ist das gegenwärtige und das zukünftige Leben verheißen." (1. Timotheus 4, 8) Die Frömmigkeit verhilft uns vor allem zu jenem Frieden, den die Welt nicht geben kann. Sünder haben keinen Frieden. Sooft der Mensch sein Glück im Vergänglichen sucht, ohne Gott und gegen seinen Willen, findet er sich betrogen. Das Irdische kann unser Herz nicht ausfüllen, weil es für das Ewige geschaffen ist; die verbotene Frucht sättigt unser Glücksbedürfnis nicht. Ruhe finden wir nur in Gott, der unser Herz für sich erschuf. Vollkommene und ewige Ruhe soll uns dereinst zuteil werden im Besitz des höchsten Gutes; einen Anfang und Vorgeschmack davon gewähren die Übungen der Frömmigkeit.

 

Die fleischlich gesinnten Menschen, die nur sinnliche Freuden kennen, spotten derer, die ein frommes Leben führen; sie halten solch ein Leben für traurig und trübselig. "Der irdisch gesinnte Mensch", sagt der Apostel, "aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann." (1. Korinther 2,14) Er versteht davon ebensowenig, wie ein Blinder von den Farben, die der Natur Reiz verleihen. - Auch die halben Christen wissen wenig davon. Da sie ihr Herz teilen möchten zwischen Gott und der Welt, versagen sie sich wohl die verbotene Lust, aber nur Widerwillig; sie üben die Werke der Frömmigkeit, aber ohne Eifer und also mit Überdruss. So finden sie nirgends rechte Befriedigung. Erst wenn sie sich entschließen, sich rückhaltlos Gott hinzugeben und den verkehrten Neigungen zu entsagen, lernen sie das Wort des Psalmisten verstehen: "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist; wohl dem, der zu ihm sich flüchtet." (Psalm 34,9)

 

Welch einen unerschöpflichen Schatz des Trostes birgt deshalb auch die wahre Frömmigkeit in sich. In den trüben Stunden des Leidens, wenn aller Erdentrost versagt, leuchtet dem frommen Christen der Stern des Trostes um so heller, je tiefer die Finsternis ist, die ihn umgibt. "Den Frommen", sagt der Psalmist, "geht ein Licht auf in der Finsternis, und Freude denen, die rechten Herzens sind." (Psalm 112) In seinen schwersten Mühsalen und Leiden konnte deshalb der Apostel sagen: "Trotz all unserer Not bin ich von Trost erfüllt und ströme über von Freude." (2. Korinther 7,4b)

 

Die Frömmigkeit hat die Verheißung des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens. Der Herr, dem der Fromme so eifrig dient, ist ein reicher Vergelter. Seine treuen Diener segnet er gewöhnlich schon in diesem Leben. Und sendet er ihnen Prüfungen, so erkennen sie auch darin Erweise seiner Liebe. Die Welt hält die Zeit, die auf Gebet und Kirchengehen verwendet wird, für verloren, sie nennt die Übungen der Frömmigkeit Müßiggang, weil sie keinen greifbaren Nutzen davon sieht. Am Tag des Gerichtes aber wird es sich zeigen, welche Bedeutung sie hatten für die Frommen selbst und für die Gesamtheit; wieviel Segen manch eine betende Seele, die in der Welt nichts galt, herabflehte, welche Schätze sie sammelte und welche Strafgerichte sie abhielt von der gottvergessenen Welt.

 

Manche möchten nun wohl fromm sein, verstehen aber nicht, worin diese Tugend eigentlich besteht. Der heilige Franz von Sales sagt: "Ich erkenne keine Frömmigkeit an, als Gott von ganzen Herzen und den Nächsten wie sich selbst zu lieben: alle andere ist falsch. Nicht die Menge übernommener Andachtsübungen ist Frömmigkeit, sondern der Eifer und die Reinheit der Absicht, in der sie verrichtet werden."

 

Abschreckende Beispiele einer falschen Frömmigkeit waren die Pharisäer, die der Heiland tadelte mit den Worten: "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir." (Matthäus 15,8) "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele." (Matthäus 23,23-24) Die Pharisäer galten als besonders fromm, weil sie fleißig beteten, streng fasteten und sonst großen Eifer in den Religionsvorschriften zeigten. Sie hielten sich selbst für Muster der Gesetzestreue. Allein es fehlt ihnen der rechte Geist, sie taten alles mit hochmütiger Selbstgefälligkeit, und ihr Herz war dabei voll Hass, Neid und Verfolgungssucht, wie der Heiland selbst so bitter hat erfahren müssen.

 

Solche Pharisäer gibt es auch unter Christen. Sie tragen nur den äußeren Schein der Frömmigkeit zur Befriedigung ihrer Eigenliebe. Für die Ehre Gottes eifern sie um ihrer eigenen Ehre willen. Viel sieht man sie in der Kirche in gar andächtiger Haltung; und dabei lassen sie ihre Augen überall herumschweifen, um Stoff zu finden für ihre lieblosen Urteile. Sie kontrollieren scharf die Beichtstühle und Kommunionbank, und können es nicht vertragen, wenn andere dort öfter zu sehen sind wie sie, die Sakramente empfangen sie häufig, aber nicht um ihrer Besserung willen, sondern um sich ein Ansehen zu geben. Sie drängen sich an die Geistlichen heran; wehe aber, wenn sie dabei nicht ihre Rechnung finden. Dann sind sie fähig, die schmählichsten Urteile und offenbare Verleumdungen in Umlauf zu setzen. Voll Eigensinn hängen sie an ihren oft sonderbaren Andachtsübungen, laufen allen Neuerungen nach und würden keine Andachtsübung versäumen, wenn sie dafür jemand in einer Not helfen könnten. Den kleinsten Splitter im Auge ihres Nächsten entdecken sie und machen daraus einen Balken; aus dem unschuldigsten Vergnügen, das sich jemand erlaubt, der ihnen zuwider ist, machen sie ein Verbrechen. Sie wissen selbst nicht, wie voll sie sind von Neid, Eifersucht und Gehässigkeit, und täuschen ihr Gewissen durch äußere Werke.

 

Dieses eben macht die falsche Frömmigkeit gefährlich: sie verblendet den Menschen, dass er sich für gerecht hält, während sein Herz voll ist vom Moder schlimmer Leidenschaften. So kommen sie zu keiner aufrichtigen Bekehrung und sind schuld, wenn die Frömmigkeit in üblen Geruch kommt. Die Welt zeigt gern mit Fingern auf sie und sagt: Seht, so sind die Frommen; das viele Beten und Kirchengehen macht nur Heuchler.

 

Freilich ist nicht eine falschverstandene Frömmigkeit heutzutage am meisten zu beklagen, sondern der Mangel an Frömmigkeit. Erschreckend groß ist unter den Christen die Zahl derer, die überhaupt von Frömmigkeit nichts wissen oder nichts wissen wollen. Die Gier nach Gewinn und Genuss überwuchert den religiösen Sinn, so dass viele nichts Höheres mehr kennen als Geld und Gut und den rohesten, wildesten Sinnengenuss.

 

Wohl uns, wenn wir das Apostelwort zu Herzen nehmen: "Übe die Frömmigkeit, denn sie ist zu allem nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.

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11. Für den zweiten Fastensonntag

 

Keine Zunge, und selbst nicht eine Engelszunge, ist imstande, die grausamen Leiden und Qualen gebührend zu schildern, die der göttliche Heiland aus Liebe zu uns Menschen ausgestanden hat. Auf ihn passt so recht eigentlich das Wort des Propheten Jeremia: "Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz." (Klagelieder 1,12a) Von ihm sagt der Prophet Jesaja: "Er hatte keine schöne und edle Gestalt... Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht." (Jesaja 53,2-3)

 

Wir wollen hier nun etwas näher auf die Leiden Jesu im Allgemeinen eingehen, und diese drei Punkte einer genaueren Betrachtung unterziehen.

 

Die Leiden Jesu waren 1) allgemein, 2) ungemein grausam, 3) ohne alle Hilfe und Erquickung.

 

1) Die Leiden Jesu waren allgemein. Er hat gelitten:

 

a) in allen äußerlichen Dingen. Er war nämlich alles Zeitlichen so sehr entblößt, dass ihm sogar auch seine Kleider nicht gelassen, sondern unter die Soldaten verteilt wurden. Er litt an seiner Freiheit, die man ihm auf die ungerechteste und schmählichste Weise raubte. An seiner Ehre wurde er vielfach angegriffen, die ungerechtfertigtsten Beschuldigungen wurden gegen ihn erhoben, der größte Schimpf, die schmählichste Behandlung ihm angetan.

 

Wie über einen gemeinen Missetäter fällt die Rotte der Soldaten im Garten Gethsemani mit grimmiger Wut, gleich reißenden Wölfen über ihn her, packen ihn mit fester Hand auf die unsanfteste Weise, binden ihm die zarten Hände fest zusammen und schleppen ihn unter tollem Geschrei und zahllosen Misshandlungen vor den Richterstuhl des Hohenpriesters. Im Haus des Kaiphas versetzt ihm ein Diener wegen vermeintlicher Unehrerbietigkeit gegen seinen Herrn mit seiner starken Faust einen derben Backenstreich mit den Worten: "Redest du so mit dem Hohenpriester?" Auf welch empörende Weise wurde der göttliche Heiland nicht im Kerker von den rohen Kriegsknechten verspottet! Sie verunstalten sein heiliges Angesicht mit dem ekelhaften Unflat ihres lasterhaften Mundes, banden ihm die Augen zu, gaben ihm dann Faustschläge und Backenstreiche und sprachen: "Christus, weissage uns, wer hat dich geschlagen?" Und noch viele andere Lästerungen redeten sie gegen ihn. - Der König Herodes, tief gekränkt, dass der Heiland ihm auf seine Fragen keine Antwort gab, legte ihm ein weißes Kleid an und verspottete ihn samt seiner Leibwache als einen Narren. Welch eine Schmach war es ferner für ihn, dass das jüdische Volk ihn einem gemeinen Mörder Barabbas nachsetzte! Welche schimpfliche und empörende Entehrung fügten ihm die Soldaten zu. Nachdem sie ihm um seinen wunden Körper einen groben, rohen Soldatenmantel gleichsam als Königsgewand umgehangen, ihm eine Dornenkrone als Diadem aufs Haupt gedrückt, ein Rohr als Zepter in die Hand gegeben und ihn auf einen alten Säulenstumpf, gleichsam wie auf einem königlichen Thron, gesetzt, fielen sie mit höhnisch verzerrten Gesichtern vor ihm auf die Knie nieder und sprachen: "Sei gegrüßt, König der Juden!" Und dabei spien sie ihm, wie man auch in der vergangenen Nacht getan, um das Maß des Spottes voll zu machen, in der ekelhaftesten Weise in sein heiliges Angesicht, nahmen das Rohr und schlugen damit auf sein heiliges Haupt.

 

Welch eine tiefe Erniedrigung war es endlich, im Angesicht der großen, zum Fest in Jerusalem versammelten Volksmassen zum schimpflichsten Tod hinausgeführt und zwischen zwei Mördern, als der Verworfenste, ans Kreuz geschlagen und an ihm öffentlich verspottet zu werden.

 

Wie tief ist also die Ehre des göttlichen Heilandes in den Kot getreten!

 

Weiterhin hat der göttliche Heiland erfahren müssen, wie wenig man sich auf menschliche Gunst und Freundschaft verlassen kann. Diejenigen, die noch bei seinem feierlichen Einzug in Jerusalem in voller Begeisterung gerufen hatten: "Hosanna, dem Sohne Davids!" stimmen am Karfreitag mit ein in den Ruf: "Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder."

 

Einer von seinen Jüngern verriet ihn für 30 Silberlinge an seine grimmigsten Feinde, ein anderer verleugnete ihn dreimal unter Fluchen und Verwünschungen und erklärt, dass er den Menschen nicht kenne. Alle seine Apostel ergreifen bei seiner Gefangennahme die Flucht und lassen ihn im Stich. Diejenigen aber, die ihm treu bleiben, vergrößern noch seinen Schmerz, indem er ihre Leiden mitempfindet.

 

Der Heiland hat ferner gelitten:

 

b) an allen seinen Sinnen. Seine Augen sahen die zornigen, wutschnaubenden, verächtlichen, frechen Mienen seiner Feinde, die Gebärden ihres Hohnes, die Menge des gaffenden Volkes, die Traurigkeit und den Kleinmut seiner Jünger, die Tränen seiner Mutter und der frommen Frauen. Ein ganz besonders empfindlicher Anblick für ihn war seine eigene Entblößung vor den Augen des gesamten Volkes. Seine Ohren mussten die entsetzlichsten Gotteslästerungen, Beleidigungen, falschen Zeugnisse, das undankbare, mörderische Gebrüll hören: "Hinweg mit ihm! Kreuzige ihn!" und die Beschimpfungen am Kreuz. Sein Geruchssinn litt durch den unangenehmen Dunst in der Kerkerhöhle, durch den Unflat des Speichels und durch den Pesthauch der Leichname auf der Schädelstätte. Sein Geschmack wurde gequält durch brennenden Durst und den bitteren Trank von Galle und Essig. Endlich wurde der Gefühlssinn durch die Stricke, Geißelung, durch die Dornen und Nägel gemartert.

 

Der Heiland hat ferner gelitten:

 

c) an allen seinen Gliedern. Sein Haupt wird mit Dornen umflochten und mit dem Rohr geschlagen, die Haare ausgerissen, das Antlitz bespuckt und unter Verspottungen verhüllt, die Wangen durch Schlagen verunstaltet, die Arme und Füße ausgedehnt, mit Stricken gebunden und Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, den Rücken mit dem Kreuzesholz beladen, der ganze Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel mit Wunden bedeckt. "O ihr alle, die ihr am Wege vorübergeht, seht zu, ob ein Schmerz so groß ist wie der meine."

 

Der Heiland hat ferner gelitten:

 

d) an seiner Seele. Er erduldete viele Trübsale und innerliche Leiden als: die Verlassenheit am Ölberg und am Kreuz, Trostlosigkeit, Traurigkeit über die Beleidigungen Gottes und wegen der Verdammnis vieler Menschen, sowie Bangigkeit vor der Größe seiner Leiden.

 

2) Die Leiden Jesu waren ungemein grausam. Die Ursache hiervon ist dreifach:

 

Einerseits hatte der Heiland einen äußerst zartgebildeten Leib, andererseits wurden gerade jene Glieder aufs grausamste gepeinigt, die unter allen die empfindlichsten sind, als das Haupt, die Hände und Füße. Zudem folgten die Qualen ohne Unterbrechung, und zwar sich stets steigernd in einem Zeitraum von fünfzehn bis achtzehn Stunden aufeinander.

 

3) Die Leiden Jesu waren ohne alle Hilfe und Erquickung:

 

Von allen ist er verlassen, von den Priestern wird er verfolgt, von den Vornehmen verlacht, von der Obrigkeit ohne Beobachtung des ordentlichen Rechtsganges zum Tode verurteilt, von den Soldaten verhöhnt, von seinen Jüngern verlassen, verleugnet, verraten und verkauft. Maria, seine liebe Mutter, hätte ihm so gerne geholfen, hätte so gerne seine Dornenkrone ihm vom Haupt, sein Kreuz ihm von der Schulter genommen, hätte so gerne seine Wunden verbunden und ihm einen labenden Trunk gereicht, aber sie durfte es nicht.

 

Der himmlische Vater will ihm nicht helfen, er entzieht ihm allen himmlischen Gnadentrost, jenen Trost, der die heiligen Märtyrer selbst unter den größten Qualen derart erquickte, dass sie sie starkmütig und sogar freudig ertrugen, lässt ihn in der größten Verlassenheit am Kreuz hängen, damit seiner Gerechtigkeit Genüge geschehe.

 

O wie schrecklich hat der göttliche Heiland durch diese Gottverlassenheit leiden müssen! Wenn Hiob, den alle seine Schicksalsschläge nicht zu erschüttern vermocht hatten, als sich Gott einen Augenblick lang mit seiner übernatürlichen Stärkung von ihm abgewandt hatte, ausrief: "Warum verbirgst du dein Angesicht und siehst mich an als deinen Feind?" (Hiob 13,24) - wenn ferner David sich im Unglück nur darüber betrübte, dass ihn Gott eine Zeitlang mit seiner Liebe und stärkenden Gnade verlassen habe (Psalm 42,7 und 10), wenn der heilige Franz von Sales bei dem Druck der Gottverlassenheit die bittersten Tränen Tag und Nacht vergoss, nicht mehr essen und trinken, noch schlafen konnte und dabei am ganzen Leib abzehrte, welcher unnennbare Schmerz musste es, sagt der heilige Laurentius Justinianus, also erst für Christus, den Sohn Gottes, sein, seiner menschlichen Natur nach wegen der Sünden der ganzen Menschheit, die er mit sich ans Kreuzesholz genommen, unter den entsetzlichsten Qualen sich ganz von seinem himmlischen Vater und dessen tröstender Gnade verlassen zu sehen, mit dem er seiner Gottheit nach sogar von Ewigkeit her in unendlicher Liebe vereinigt und vollkommen eins war.

 

Siehe, mein Christ, das ist nur ein mattes, schwaches Bild von den Leiden, die der göttliche Heiland für uns ausgestanden hat. Wie laut predigen sie uns seine große, unbegreifliche Liebe zu uns sündigen Menschen! "Was wollen alle diese Peinen uns sagen: die Bande, die Faustschläge, die Geißel, die Dornen, das Spottgewand, das Binsenrohr, der Gallentrank, die Nägel, die Kreuzesschmach, die herzeröffnende Lanze?" sagt der heilige Laurentius Justinianus; "sie alle haben nur eine Stimme, die Stimme der Liebe."

 

O erwäge diese Liebe oft in deinem Herzen, um dich dadurch zur innigen Gegenliebe und Dankbarkeit gegen den göttlichen Heiland anzufeuern. Möge das Bild des frommen Dulders dich auch zum geduldigen Ertragen deiner Leiden anspornen. "Bist du beleidigt worden, o Christ", so ermahnt uns ein frommer Lehrer der Kirche, "so denke beizeiten an den Faustschlag in deines Erlösers Angesicht! Weißt du nicht aus, nicht ein, so sieh auf die Stricke, die deines Erlösers Hände umschnüren! Bist du von Kopfweh hart gequält, so sieh auf deines Erlösers dornene Krone! Behagt dir deine Speise nicht, so gedenke deines Erlösers Myrrhen- und Gallentrankes! Ist dir dein Lager zu hart, dein Leiden zu schmerzhaft, so betrachte das schauerliche Ruhebett des Kreuzes!"

 

Wer Jesu Leiden in Ehren hält,

Sie seinem Geiste oft vorstellt,

Dem wird der Herr viel geben:

Hier in der Zeit der Gnade Trost,

Die Kron` im ewigen Leben.

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12. Für den dritten Fastensonntag (St. Joseph)

 

Wie der liebliche Mai der Lieben Frau geweiht ist, so der Monat März dem heiligen Joseph. Wir können dem Monat März nicht vorüberlassen, ohne von dem Mann etwas zu sagen, der das Herz Mariens am besten gekannt, der Maria am innigsten und zartesten verehrt hat, vom heiligen Joseph. 

 

In unsern Tagen ist der schlichte Arbeitsmann von Nazareth auf Erden zu großen Ehren gekommen, er ist vom Apostolischen Stuhl zum Schutzherrn der Kirche erklärt worden. Was der berühmte Kanzler Gerson schon dem Konzil von Konstanz (1414-18) demütigst vorgetragen, ist in unseren Tagen in Erfüllung gegangen. 

 

Die heilige Theresia erwählte den heiligen Joseph zu ihrem besonderen Patron und dem besonderen Patron ihres ganzen Ordens, und sie wünscht, dass alle Gläubigen so täten. Später erwählte der Kartäuserorden und der Orden der unbeschuhten Augustiner ihn zum Patron.

 

Er wurde infolge der Zeit christlichen Eheleuten, den Eltern, Lehrern und Erziehern als Musterbild und Patron anempfohlen. Wer wüsste nicht, dass er als besonderen Patron der Handwerker und Gesellen gilt? In allen Gesellenvereinen steht der heilige Joseph in hohen Ehren.

 

Vielfach gilt er als Patron der Leidenden und Betrübten, der Kranken und Sterbenden. Er ist Patron vieler Spitäler und Patron der Andacht vom "guten Tod".

 

Der hl. Joseph auf dem Sterbebett

 

 

Dass gerade in unserer Zeit die Gläubigen zur mächtigen und liebevoll väterlichen Fürbitte des heiligen Joseph besonderes Vertrauen zeigen, das liegt in der Natur unserer trüben Zeitverhältnisse. Die Seele der "modernen Kultur" ist Hass und Feindseligkeit gegen den katholischen Glauben. Der heilige Joseph überwand einst durch seinen heroischen Glauben die Welt. Er ist ein Glaubensheld, darum ganz geeignet, das höchste und edelste Gut des Glaubens uns durch seine Fürbitte zu bewahren. Der Geist unserer Zeit ist gegen alles Übernatürliche. Was im Christentum natürlich ist, das lässt er sich noch gefallen, vom Übernatürlichen will er nichts hören. Ihm ist jede geoffenbarte Wahrheit zuwider. Er stößt sich an der Menschwerdung und Geburt Jesu, beide wunderbar, die der heilige Joseph so gläubig annahm. Was ist die Kirche? Nichts anderes als das Werk des menschgewordenen Gottes und dessen geheimnisvoller Leib, wie er durch die Jahrhunderte schreitet.

 

Die Andacht zum heiligen Joseph ist eine Belehrung unseres Glaubens an die übernatürliche Autorität der Kirche. Und hierin gehen unsere Gegner am weitesten von uns weg. Unsere Zeit will die Arbeiter und andere Beschäftigte entchristlichen und viel ist ihr schon gelungen. Die Sozialdemokraten, Grünen und Linken nehmen in erschreckender Weise zu. Da ist die besondere Andacht zum heiligen Joseph ganz am Platz, der durch sein Beispiel Zufriedenheit und Fleiß, Sittsamkeit und Züchtigkeit, Sparsamkeit und erlaubte Freude lehrt. Alle, die ihn recht verehren, werden mit ihrer Lage zufrieden sein, auch wenn sie nach dem Urteil der Welt nicht glänzend ist. Denke dir den heiligen Joseph als Arbeiter in Nazareth. Er war nicht angesehen und geehrt bei den Menschen, weil er durch gar nichts sich hervortat, er war aber angesehen bei Gott, der um ihn wusste, der seinen wahren Wert kannte, der ihn nicht vergaß. Du bist vielleicht auch in beschränkten Verhältnissen, die reiche, kalte, vornehme Welt lässt dich unbeachtet, es ehrt dich niemand: kränke dich nicht. Gott kennt dich und er hat dich nicht vergessen, er weiß, wieviel du wert bist, er wird dich erhöhen. Der heilige Joseph hatte ein Handwerk, das zu den einfachsten gehört. Keine Kunst wurde in seiner Werkstatt gepflegt, es wurden Gegenstände für den täglichen Gebrauch gemacht. Seine Arbeit trug ihm nicht viele Ehre ein. Mancher hätte sich seiner Arbeit geschämt. Er aber war zufrieden, ihm war sie nicht zu gering. Er war weise, denn er wusste, um Gott zu gefallen, kommt es nicht auf die Arbeit an, ob sie kunstvoll oder einfach, ob sie ehrenvoll oder nichtssagend sei, sondern auf den Geist, mit dem man die Arbeit verrichtet.

 

Gottes Lob und Wohlgefallen ist die Hauptsache. Der heilige Joseph fand beides, sonst hätte ihn nicht Gott Vater zum Pflegevater seines Sohnes gemacht. Du hast vielleicht eine ganz untergeordnete Arbeit, die kein Aufsehen macht, die dir kein Lob einträgt. Vielen wäre deine Arbeit zu gering, aber nur Törichten und Stolzen! Sei du zufrieden. Jede Arbeit ehrt den Arbeiter, wenn er ein edler Mensch, wenn er ein guter Christ zu sein sich bestrebt. Um bei Gott zu Ehren zu kommen, bedarf es keiner Arbeit, die von Menschen gelobt und angestaunt wird. Das ist sogar sehr gefährlich, da schleicht sich gerne Eitelkeit und Hochmut ein, und einem stolzen Herzen widersteht Gott. Gott hat gezeigt, dass er nicht auf die Arbeit, sondern auf das Herz des Arbeiters sieht. Ist das nicht ein Trost für Millionen, besonders für solche Menschen, die das ganze Leben die niedrigsten Arbeiten verrichten müssen? Schäme dich keiner Arbeit, jede Arbeit ehrt den fleißigen Menschen. Der heilige Joseph hat nicht mehr gewollt, er strebte nicht hoch hinaus, er war mit seinen einfachen Verhältnissen zufrieden, er beneidete jene nicht, die in scheinbar besseren Verhältnissen lebten. Auch unser Erlöser passte sich den ärmlichen, einfachen Verhältnissen an bis zum 30. Lebensjahr. Welche Lehre für unsere Zeit, in der fast jeder hoch hinaus will und anderen ihren Erfolg nicht gönnen mag? Ein Geist der Unzufriedenheit geht besonders durch arbeitenden Klassen. Man sieht es an den Kleidern und auch an den Namen einzelner Geschäfte, dass man sich der alten Einfachheit schämt. Wie ist das doch so dumm! Hätte sich der heilige Joseph seiner niedrigen Stellung geschämt, dann wäre er nie so hoch erhoben worden; denn nur die Demütigen erhebt Gott.

 

Der einfache Zimmermann von Nazareth war ein Muster des Fleißes. Sechs Tage arbeitete er, der siebte Tag galt der verdienten Ruhe, und dieser Fleiß bewahrte ihm den Frohsinn, diese Arbeitsamkeit war die Würze seines Lebens. Seit dem Sündenfall ist die Arbeit eine Buße, "im Schweiße des Angesichtes sollst du dein Brot essen". Die Arbeit strengt an, sie fällt uns hart und erinnert uns an die Erbsünde. Sie ist aber auch ein Mittel, Gott zu gefallen und den Himmel zu verdienen. Der Lohnarbeiter und der Angestellte kann so gut in den Himmel kommen wie der Missionar, nur muss er aus Liebe zu Gott arbeiten. Dadurch, dass Jesus selbst arbeitete und einem Arbeiter untertan war, ist die Arbeit und der Fleiß geadelt und geheiligt. "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen", sagt der Apostel, "und der Arbeiter ist seines Lohnes wert". Du willst doch nicht zu jenen gehören, die wenig Arbeit und viel Lohn wollen? Arbeitsscheue und Müßiggang sind zwei Hauptgebrechen unserer Zeit; darum tut not, den heiligen Joseph recht zu verehren.

 

Der heilige Joseph wurde nicht reich, er hatte, was er brauchte, das gab ihm die Arbeit seiner Hände. Genügsamkeit ist an ihm eine Hauptzierde. Ungenügsamkeit ist ein Zug unserer Zeit. Nur wenige sind zufrieden, die meisten wollen reich werden, nicht durch eigene Tüchtigkeit, sondern auf Kosten anderer. Das führt zu Lug und Trug, zu Ungerechtigkeit und Schwindel. Sei mit deinem Lohn zufrieden. Wer arbeiten mag, hat in den meisten Fällen soviel er braucht. Jene, die reich werden wollen, fallen in die Fallstricke des Teufels. Der heilige Joseph lebte standesgemäß. Wohnung, Nahrung und Kleidung gingen nicht über seinen Stand hinaus. Sündhafte und kostspielige Vergnügen mied er. Die Genusssucht kannte man im stillen Haus zu Nazareth so wenig als die Ehrsucht und die Habsucht. Und das hat ihn würdig gemacht, so hoch erhoben zu werden. Seine Erholung bestand im Umgang mit Jesus und Maria. Da hatte er die edelsten Freuden. Die Genusssucht und Kleiderhoffart, die krankhafte Sehnsucht nach Vergnügen ist ein fauler Fleck an vielen unserer Zeitgenossen. Sie haben hohen Lohn, sie verdienen viel, aber sie ersparen sich nichts, weil sie beinahe alle vor dem "Götzen unserer Tage" auf den Knien liegen, der ihr schwerverdientes Geld aufzehrt, und dieser Götze sind: die Genusssucht und die Kleiderpracht. Für die Tage der Not und des Alters wird oft nichts zurückgelegt.

 

Eine Hauptursache der Unzufriedenheit ist die Entheiligung des Sonntags. Am Tag des Herrn geschehen nicht nur von den Arbeitern, sondern von den meisten Menschen aller Stände die größten Sünden. O wie tut so not, dass der heilige Joseph Fürbitter sei! Für die meisten Menschen, besonders aus dem Stand der Arbeiter, wäre es viel besser, wenn kein Sonntag und kein Feiertag käme! Wie denkst du dir den Sabbat im Haus zu Nazareth, das für alle Häuser ein Vorbild geworden ist? Wie hast du in deiner Jugend den Sonntag zugebracht? Wie bringst du ihn jetzt zu? Du hast vielleicht viel zu bedauern und gutzumachen!

 

Der heilige Joseph ließ sich bezahlen, aber das war nicht der Hauptgrund seines Fleißes, er tat seine Arbeit aus Liebe zu Gott und hoffte auf den Lohn im Jenseits, wo alle Missverhältnisse ausgeglichen werden. Den Himmel suchte er nicht schon hienieden. Suchst du den Himmel schon auf dieser Welt? Da wirst du ihn nie finden! Wust du deine Arbeit, nur weil du musst? Nur des Geldes wegen? Dann bist du zu bedauern! Du wirst nie zufrieden.

 

Gewöhne dich daran, die gute Meinung zu machen, das heißt "Gold prägen für die Ewigkeit". Opfere deine Arbeit, alle Schritte und Tritte Gott auf, und harre auf den Lohn in der Ewigkeit. Die Nachahmung des heiligen Joseph wäre die beste Lösung Frage nach Gerechtigkeit, die heute alle Welt bewegt, und die schließlich allein endgültig durch das Christentum gelöst wird.

 

"Gehet zu Joseph!" So rufe ich allen Arbeitern und anderen Beschäftigten zu; "gehet zu Joseph" und lernt die Arbeit lieben, sie recht üben. Lernt zufrieden sein mit eurem Los und am Sonntag und nach vollendeter Arbeit mit Jesus und Maria unterhalten. Lest in guten Büchern und betet. Seid überzeugt, dass der ärmste Arbeiter, der unbeachtetste Angestellte in Gottes Augen so geehrt und angesehen ist wie jene, deren Namen viel genannt sind, wenn er christlich denkt und arbeitet. "Die Hand bei der Arbeit und das Herz bei Gott", das sei dein Wahlspruch. Dazu verhelfe dir der heilige Arbeitsmann Joseph. 

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13. Für den vierten Fastensonntag

 

Alle Erklärer der Heiligen Schrift stimmen in der Auffassung überein, dass in dem Ereignis der wunderbaren Brotvermehrung, von der uns das Evangelium erzählt, der Hinweis auf eine höhere Wahrheit enthalten ist. Unser Heiland hat durch die Austeilung des natürlichen Brotes die Seelen vorbereiten wollen für den Glauben an das geheimnisvolle, übernatürliche Brot der heilige Kommunion, 

 

Aber nicht nur das. Er hat durch dieses Wunder zeigen wollen, dass seine Macht und seine Sendung auf nichts Geringeres hinausliefen, als den Menschen die beruhigende Versicherung zu geben, dass sie von ihm die zweifache Nahrung erhalten würden, die ihre physische und moralische Existenz - das Leben ihres Leibes und ihrer Seele - erfordert. In der Rede, die er am folgenden Tag zu Kapharnaum an die durch ihn gesättigten Scharen hielt, und in der er auf das Wunder der Brotvermehrung zurückkommt, hat er selber den Sinn auch auf das übernatürliche Lebensgebiet ausgedehnt.

 

Der göttliche Heiland hat zeigen wollen, dass das Christentum fähig sei, in jeder Beziehung die Massen zu sättigen, die da ebenso hungern nach der Wahrheit, die die Speise des Geistes ist, wie nach dem Brot, das dem Unterhalt ihres leiblichen Lebens dient. 

 

Keiner von uns, mag er sich als Einzelwesen, mag er sich als Glied der menschlichen Gesellschaft fühlen, kann sich dem seiner Seele eingeborenen Trieb nach Wahrheit entziehen. Es gibt Fragen, die sich uns immer wieder aufdrängen, selbst wider Willen - jene Fragen, die selbst ein Weltkind von der Frivolität eines Heine nicht in Ruhe ließen:

 

O löst mir das Rätsel des Lebens,

Das qualvoll uralte Rätsel! . . .

Sagt mir, was bedeutet der Mensch?

Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?

Wer wohnt da droben auf goldenen Sternen?

 

Wenn zuzeiten diese großen Rätselfragen des Menschenlebens auf dem Grund unserer Seele zu schlummern scheinen, so bedarf es doch nur eines leisen Anstoßes, um sie zu wecken, und stürmischer den je heischen sie Antwort.

 

Doch wo eine Antwort finden?

 

Die Scharen, die dem Heiland in die Wüste folgten, auch sie mochten jene brennende Sehnsucht nach Wahrheit kennen; auch sie mochten das mächtige Bedürfnis empfinden. Gewissheit zu erlangen in diesen ernsten Fragen nach dem Urgrund aller Dinge. Eine dunkle Ahnung, ein unwiderstehlicher Instinkt sagte ihnen, dass, wenn irgend einer, so der arme Zimmermann aus Nazareth eine Wissenschaft besitze, die fähig sei, diese dunklen Lebensfragen zu erhellen. Das war es, was sie mit magnetischer Gewalt zog, seinen Spuren selbst bis in entlegene Wüsten zu folgen.

 

Auch heute ist der Wahrheitshunger, das Bedürfnis des Menschengeistes, auch außerhalb der Grenzen dieser Zeitlichkeit nach bleibenden Wahrheitswerten zu forschen, nicht ausgestorben. Selbst bei den großen Massen des Volkes nicht.

 

Es scheint vielleicht auf den ersten Blick, dass die Menschen der Gegenwart im Gegensatz zu den Zeitgenossen Jesu, die, um ihn zu hören, Haus und Herd und Speise und Trank vergaßen, umgekehrt nicht daran dächten, nach höheren, nach ewigen Wahrheiten zu verlangen, weil sie allzu sehr darauf bedacht sind, sich das tägliche Brot und, darüber hinaus, den Überfluss des Lebens zu erwerben.

 

Allein dem ist nicht so. Auch heute noch spielen die ewigen Wahrheiten im Denken und Leben auch des Volkes eine ähnliche, wenn nicht dieselbe Rolle, wie damals. Der Menschengeist und seine Bedürfnisse sind zu allen Zeiten dieselben. Selbst die Massen, die den Unglauben auf ihre Fahne geschrieben haben, können sich dem magnetischen Einfluss der religiösen Wahrheiten nicht entziehen. Sie können sie nicht ignorieren. Verwahren sie sich auch noch so sehr gegen ihre gläubige Annahme, so zeigen sie doch gerade durch die Heftigkeit, mit der sie sie bekämpfen, wie sehr sie im Mittelpunkt ihres Denkens stehen. Gerade die nervöse Hast, mit der so viele Propheten des Unglaubens auf die Religion und ihren Glaubensinhalt Sturm laufen, beweist am besten, welche Wichtigkeit sie dem, was sie angreifen, zuerkennen, und dass auch sie im Grunde ein religiöses Interesse haben. Religiöse Fragen finden wir auf der Tagesordnung antichristlicher Volksversammlungen, religiöse Fragen selbst in den Spalten einer atheistischen Presse. Das Volk will über religiöse Probleme belehrt sein - so oder so! - und die Demagogen müssen mit diesem Bedürfnis der Massen rechnen.

 

Diejenigen täuschen sich, die da glauben, die Menschheit anleiten zu können zu einem Leben ohne Beschäftigung mit dem Jenseits, ohne Aufblick zu einer Welt, die über uns liegt. Ein Bedürfnis, mächtiger als alle Theorien, gebieterischer und nachhaltiger als die stärksten sinnlichen Triebe, ist das Bedürfnis nach Religion. Und dieses Bedürfnis lebt und arbeitet unausrottbar in der Brust des einzelnen wie im Schoß der Gesellschaft. Und weil es nicht die Befriedigung findet, die ihm entspricht, und die allein im Christentum zu finden ist, darum die sozialen Gärungen, die wachsende Unzufriedenheit der Volksmassen, die verzweifelten Anstrengungen der Umsturzparteien, die Fundamente der Gesellschaft zu untergraben. 

 

Das Christentum allein ist berufen und fähig, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Das Volk nimmt nur da eine unruhige und drohende Haltung an, wo es nicht mehr christlich ist.

 

Das ist der wunderbare Vorzug der christlichen, der katholischen Religion, der sie über alle anderen Religionsformen und über alle philosophischen Theorien unendlich erhebt, dass sie für jeden, auch den ungebildetsten Menschen die einfachste Lösung der Welträtsel, die verständlichste Beantwortung jener großen Lebensfragen bereit hält. Ein Schulkind, das seinen Katechismus versteht, wird nicht die mindeste Verlegenheit zeigen, wenn es um eine Antwort gefragt wird in Bezug auf jene hohen Probleme, an denen die größten Geister der Vorzeit, ohne das Licht des Christentums, sich vergeblich versucht haben.

 

Welchen Frieden, welches Glück würden die Menschen finden, wenn sie Rat und Belehrung da suchen würden, wo sie allein zu finden sind; wenn sie Jesus wieder folgen würden, dem sichersten Führer, dem zuverlässigsten Lehrer, dem treuesten Freund, den ihnen eine allbarmherzige Vorsehung geschenkt hat! Er ist immer bereit, die Hungrigen zu sättigen mit dem Brot himmlischer Wahrheit; ja er geht in seiner Barmherzigkeit so weit, dass er auch die leibliche Nahrung denen nicht versagt, die die geistige von ihm erbeten haben.

 

Der geistreiche Montesquieu hat es einmal ausgesprochen, dass die Kirche, die auf den ersten Blick nur dem ewigen Glück der Menschen zu dienen scheine, in der Tat mit wunderbarer Sorgfalt auch über das zeitliche Wohl ihrer Kinder wache. Und Montesquieu war nicht weniger als ein gläubiger Katholik. In Wahrheit, wir brauchen nur die Geschichte zu überblicken, um zu erkennen, dass irdische Not und die daraus entspringende Unzufriedenheit immer dort am größten gewesen sind, wo die Völker sich von der Religion abgewandt hatten; und dass die Menschheit zur Religion zurückkehren muss, wenn sie nicht Gefahr laufen will, in gewaltsamen Umwälzungen ihre Kraft vollends zu erschöpfen und das Elend unheilbar zu machen.

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14. Für den fünften Fastensonntag

 

Was kann wohl einen rechtlich denkenden und redlich strebenden Menschen schmerzlicher erregen und auf die Dauer tiefer niederdrücken, als die Wahrnehmung, dass die, für die er tätig ist, seinen Anstrengungen misstrauisch und übelwollend gegenüberstehen?

 

Auch der göttliche Heiland, und er mehr als irgend ein Mensch, musste eine solche Gesinnung seiner Umgebung bitter empfinden. Gerade die Angesehensten jenes Volkes, dem er die Erstlinge seiner Erlösungstat brachte, die Pharisäer und Schriftgelehrten, verfolgten ihn nicht nur selber mit einer geradezu dämonischen Eifersucht, sondern sie suchten auch das ganze Volk mit Misstrauen zu erfüllen und gegen ihn aufzuhetzen, indem sie seinen Worten und Taten, die doch einzig das Wohl der Menschen bezweckten, die schlimmsten Motive unterschoben: Dieser lästert Gott! Er entheiligt den Sabbat, er steckt mit den Betrügern unter einer Decke, er will das Volk gegen die rechtmäßige Obrigkeit aufreizen. Er gibt sich mit den Sündern ab und isst mit ihnen! Als Jesus aber ihre Gedanken sah, sprach er: "Warum denkt ihr Böses in eurem Herzen?" Und im Evangelium sagt er: "Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?" 

 

Es ist eine tiefbeschämende Tatsache, dass die Pharisäer mit ihrer Sucht, übel zu kritisieren, zu verkleinern, zu entstellen und Misstrauen zu säen, keineswegs etwa nur eine ganz vereinzelte Gruppe entarteter Charaktere darstellen, sondern dass sie nur einer Untugend zu besonders starker Ausprägung verholfen und ihr den Namen gegeben haben, die uns allen gemeinsam ist. Der Pharisäismus steckt in uns allen! Ich glaube kaum, dass es je einen Menschen gegeben hat, der ganz davon frei geblieben ist. Und bei weitaus den meisten Menschen tritt dieser hässliche Charakterzug - zuzeiten wenigstens - sehr stark hervor.

 

Und wenn es sich nur um einen hässlichen Charakterzug handelte, aber es handelt sich zugleich auch um eine höchst schädliche, das friedliche und gedeihliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Menschen unheilvoll störende Untugend.

 

Gott weiß - und vielleicht weiß es auch der Teufel - welch entsetzliches Unheil durch liebloses Urteilen schon über die Menschen gebracht worden, wie manches Gute verhindert oder verdorben, wie manches Schlechte: Hass und Zwietracht mit ihren mannigfachen traurigen Folgen durch liebloses Urteilen schon angestiftet worden ist. 

 

Warum müssen denn die Menschen so sein, dass sie einander mit so viel Misstrauen beobachten, mit so viel Übelwollen behandeln, und mit so viel Lieblosigkeit beurteilen? Was ist denn die Quelle dieser unmenschlichen Denk-, Rede- und Handlungsweise? Der Stolz und das Kind des Stolzes, der blasse Neid! Man erträgt es nicht, dass ein anderer besser ist als man selber; man missgönnt ihm seine guten Eigenschaften und edlen Taten, und darum sucht man sie hinwegzuleugnen, zu verkleinern oder zu entstellen. Kain konnte es in seinem Hochmut nicht ertragen, dass sein Bruder Abel in den Augen Gottes höher stand, als er selber, und darum schlug er ihn tot. Wie viele machen sich dieses Verbrechens des Brudermordes schuldig! Mit der tödlichen Waffe des lieblosen Urteils, der üblen Nachrede vernichten sie Ehre und guten Namen und Lebensglück ihrer Mitmenschen. Qui odit fratrem suum, homicida est, sagt der Apostel der Liebe, der heilige Evangelist Johannes: "Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder!"

 

Und wenn die Abneigung, das Übelwollen gegenüber dem Nächsten auch nicht bis zur Verleumdung und bewussten Ehrabschneidung geht - obwohl auch diese beiden Sünden gerade von solchen, die sich für fromm und rechtschaffen halten, unendlich oft begangen werden - so beherrscht es doch die Menschen derart, dass es ihnen unsäglich schwer fällt, ja vielfach unmöglich ist, das Gute an ihren Mitmenschen sachlich und mit Freude anzuerkennen und die Fehler, von denen ja niemand ganz frei ist, zu übersehen oder wenigstens mild zu beurteilen. Und doch liegt gerade hier der Maßstab, mit dem der eigene Edelmut gemessen werden muss.

 

Deines Herzens Güte

Magst du daran erproben,

Ob du aus ganzem Gemüte

Das Gute kannst an deinem Feinde loben.

(Rückert)

 

Es ist merkwürdig, wie der Mensch viel lieber das Dunkle, Hässliche an seinem Nächsten sieht und bespricht, als das Helle, das Schöne und Gute. Prüfe er sich, ob dieser dunkle Zug in seinem Wesen vom Himmel ist, ob er ihn Gott und den Engeln ähnlich macht, oder ob er nicht vielmehr aus den Tiefen der Hölle stammt!

 

Wie selten findet man solche, die allen Menschen gegenüber ein sonnenhelles Gemüt zeigen, die das Gute überall und selbst an ihrem ärgsten Feind anzuerkennen und zu bewundern wissen!

 

Ja, die Freunde, die Verwandten, die hohen Gönner versteht man zu loben, man kann sich nicht genugtun im Preis ihrer herrlichen Eigenschaften und Taten. Kein Wunder: denn von dem Glanz, mit dem man ihre Person umgibt, fällt immer auch ein Widerschein auf uns selbst zurück, und von dem Weihrauch, den wir ihnen so freigebig spenden, bleibt immer auch ein süßer Duft an unseren eigenen Kleidern hängen! Wie ganz anders gehen wir mit denjenigen um, gegenüber denen wir uns in irgendeinem Gegensatz befinden. Da ist nichts Gutes, nichts Edles - alles gibt uns Anlass zum Tadel und zur Schmährede. Und wenn man das, was weiß ist, nicht schwarz nennen kann, wenn man das Gute nun einmal nicht ganz hinwegleugnen kann, so sucht man ihm wenigstens eine schlechte Absicht zu unterschieben. Genau wie die Pharisäer.

 

Und erst die wirklichen Fehler unserer Mitmenschen! Welch genaue Beobachter, welch unbarmherzige Richter finden sie in uns! Wie scharf beobachten wir die Menschen, wie bald haben wir ihre Schwächen erspäht, und wie streng sitzen wir darüber zu Gericht! Dasjenige aber, was uns das Nächste ist, unser eigenes Selbst mit seinen Fehlern und Gebrechen, ist für uns meist ein ebenso sorgfältig verhülltes Rätsel, wie dem Jüngling von Sais das geheimnisvolle Götterbild - nur, dass wir uns wohl hüten, den Schleier zu lüften, aus Furcht, wir könnten eine unangenehme Entdeckung machen. Würden wir uns selber mit der gleichen Sorgfalt beobachten, würden wir unsere eigene Unzulänglichkeit und Verkehrtheit mit derselben liebevollen Hingabe studieren, wie die des lieben Nächsten, es würde uns nicht zum Schaden sein! Und wer gibt uns ein Recht, so gegen unsere Mitmenschen zu verfahren? Wer hat uns zum Richter bestellt über unsere Brüder und Schwestern? Welche Bitterkeit wird in die Herzen gesät durch solche lieblose Urteile! Gebessert wird dadurch nichts. "Aus Verbitterung keimt keine Liebe, und ohne Liebe gedeiht keine wahrhaft gute Tat."

 

O wenn mehr Liebe herrschte unter den Menschen, mehr Nachsicht, mehr Geduld, wieviel besser sähe es dann aus in der Welt! Dann könnte die Welt ein Paradies sein, und so machen die Menschen sie sich gegenseitig zur Hölle!

 

Wir haben allen Grund, reichlich Liebe und Schonung und Nachsicht zu gewähren. Es kann leicht die Stunde kommen, wo wir bitter bereuen werden, dass wir darin nicht genug getan haben.

 

O lieb, so lang du lieben kannst,

O lieb, so lang du lieben magst!

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Und wenn erst die Stunde kommt, da wir am Rand unseres eigenen Grabes stehen werden, die Stunde, die uns hindurchführen soll durch die dunkle Pforte, jenseits der der Richterstuhl unseres Gottes uns erwartet, o wohl uns dann, wenn uns das Wort des Heilandes nicht zu schrecken braucht: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" Wohl uns dann, wenn wir uns das Zeugnis geben können, dass wir es an Wohlwollen unseren Mitmenschen gegenüber nicht haben fehlen lassen, dass wir mild gewesen sind im Urteil über andere. Dann dürfen auch wir auf ein mildes Urteil hoffen. Der göttliche Heiland hat es uns zugesichert:

 

"Seid barmherzig, damit auch ihr Barmherzigkeit erlangt."

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15. Für den sechsten Fastensonntag (hl. Taufe)

 

Von jeher hat der Samstag vor Ostern in der heiligen Kirche in besonderer Beziehung zur heiligen Taufe gestanden. An diesem Tag findet alljährlich die feierliche Weihe des Taufwassers statt, an diesem Tag wurde ehemals auch den Katechumenen, d.h. den Erwachsenen, die sich auf den Eintritt in die Kirche vorbereiteten, das heilige Sakrament der Wiedergeburt in hochfeierlicher Weise erteilt.

 

In der Tat liegt diese Beziehung nahe. Ist doch die Taufe nach dem Apostel Paulus (Römer 6,4) Begräbnis und Auferstehung mit Christus. 

 

Möge an dieser Stelle eine kurze Betrachtung über die Wirkungen der heiligen Taufe nicht unangebracht erscheinen.

 

Wer hat nicht schon gesehen, mit welch strahlender Freude eine glückliche junge Mutter nach der Taufe aus den Armen des Paten den kleinen Täufling an sich nahm und ihm den Kuss zärtlichster Mutterliebe auf die vom Taufwasser eben benetzte Stirn drückte. Und wie könnte die Mutter sich anders verhalten, wenn sie die Bedeutung der heiligen Taufhandlung kennt, wenn sie weiß, welche Wirkungen das Wasser der Wiedergeburt in der Seele des Kindes hervorgebracht hat.

 

Wiedergeburt - ein seltsames Wort! Und doch, welch wahrer, tiefer Sinn liegt darin verborgen! Die Geburt des Kindes mag das Haus mit Jubel erfüllt haben; allein den eigentlichen Grund des Jubels verlieh dem Eintritt in die Welt erst der Hinblick auf den Eintritt in das Reich Gottes. Jener war eine Geburt zum Tod, dieser erst ist eine Geburt zum Leben. Kein Wandel so groß als der, den das Bad der Wiedergeburt in der Seele des Menschen schafft. Keine Wirkungen so herrlich als die Gnadenwirkungen der heiligen Taufe.

 

Bei der Geburt ist der Mensch mit der Erbschuld behaftet; als ein Erbfeind Gottes tritt er in diese Welt. "Gott hasst nichts von dem, was er geschaffen hat", heißt es in der Heiligen Schrift. Mit Wohlgefallen ruht sein Auge auf der ganzen Schöpfung, vom leuchtenden Sonnenball bis herab zum kleinsten Sandkörnchen auf dunklem Meeresgrund. Aber wo ein Mensch geboren wird, da wendet sich sein Auge zürnend ab, denn der Mensch allein ist missgestaltet. Einst war auch er schön, die Krone der Schöpfung. Aber der Sündenfall hat ihn seiner Herrlichkeit beraubt, er ist nicht mehr, wie er aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen war, seine Natur ist verdorben bis in die Tiefen der Seele hinein, hässlich kommt er zur Welt: eine Missgeburt. - Aber die Wiedergeburt nimmt den Bann der Erbschuld von ihm, er hört auf, ein Feind Gottes zu sein; was er in Adam gefrevelt hat, ja auch alle persönlichen Sünden, zu denen ihn seine verdorbene Natur verleitete, werden ihm verziehen, und vollkommener Nachlass aller Strafe, der ewigen wie der zeitlichen, wird ihm zuteil. Seine Seele zeigt nicht mehr das traurige Bild der Verworfenheit, herrlich strahlt in ihr wiederum das Ebenbild Gottes, denn der Heilige Geist selber mit all seinen Gnaden und Gaben hat in ihr seinen Einzug gehalten. Wie ein bräutliches Gewand ziert den inneren Menschen die heiligmachende Gnade und der ganze Schmuck der Tugenden ist wie ein Blumenflor und Perlenschimmer darüber ausgegossen. Nun ist er wieder schön in den Augen Gottes, der, wie der Katechismus Romans sich ausdrückt, "nichts mehr hasst in den Wiedergeborenen, weil in ihnen alles Verdammungswürdige getilgt ist. Denn sie sind ja durch die Taufe wahrhaft mit Christus zum Tod begraben worden, und leben nun auch nicht mehr nach dem Fleisch, sondern haben den alten Menschen abgelegt und einen neuen, der nach Gott geschaffen ist, angezogen, mit dem sie die frühere Unschuld, unbefleckte Reinheit, Straflosigkeit und Gottwohlgefälligkeit wiedererlangt haben."

 

Bei der Geburt trug der Mensch ein finsteres Merkmal an der Seele, das ihn als Sklaven des Satans, als Bürger des Reiches der Finsternis bezeichnete. Solange er dieses Merkmal trug - und er selber hatte nicht die Kraft, es zu entfernen - so lange geschah alles, was er tat und dachte, jeder Schritt, jeder Atemzug, im Dienst des Fürsten der Hölle, zur Ausbreitung seines Reiches. - Bei der Wiedergeburt wird der befreiten und gereinigten Seele ein unauslöschliches Kennzeichen aufgeprägt, ein geheimnisvolles Siegel, das den Menschen in alle Ewigkeit als berufenen Bürger des großen Gottesreiches, als Glied des mystischen Leibes Christi bezeichnet. Dieses Merkmal gewährt ihm nicht nur das Anrecht und die Fähigkeit für seine eigene Person aus den Lebensquellen des Gottesreiches, den Sakramenten, nach Bedürfnis zu schöpfen und so die innige Lebensgemeinschaft, die sein Verhältnis als Glied zu Christus, seinem mystischen Haupt erfordert, sondern jedes Siegel verleiht ihm auch den Charakter eines Dieners im Reich der Gnade, eines Mitarbeiters Christi, in Kraft dessen er befähigt ist, auch anderen die Lebensverbindung mit dem Gottessohn zu vermitteln.

 

So ist denn durch die Wiedergeburt des Menschen jener Fluch von ihm genommen, der seine Geburt eher als den Anfang eines ewigen Todes, denn als den Eintritt in ein lebenswürdiges Dasein erscheinen ließe; das Kainszeichen ewiger Gottverlassenheit, das den Verzweifelnden durch den uferlosen Ozean einer qualvollen Ewigkeit treiben musste, ist ausgelöscht. Der arme, hoffnungslose Verbannte darf wieder hoffen: die Heimat, der Himmel, dessen Tore dem von Geburt Entarteten auf ewig hätten verschlossen bleiben müssen, sind dem wunderbar Wiedergeborenen wieder erschlossen. Wie über dem Gottmenschen im Jordan, so öffnet sich gleichsam über jedem Täufling der Himmel, sobald das Wasser der Wiedergeburt seine Stirn netzt, und auch zu ihm, der bis jetzt ein Feind Gottes war und Gegenstand seines Hasses, spricht der himmlische Vater die Worte: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe."

 

Was Wunder, wenn eine Mutter Tränen der Rührung vergießt, wenn sie der Wirkungen gedenkt, die die Taufe in ihrem Kind hervorgebracht hat? 

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