Der heilige Wolfhelm von Brauweiler, Abt und Mystiker, + 22.4.1091 - Fest: 22. April

 

Wolfhelm entstammte einem adeligen Geschlecht der Köln-Jülicher Gegend. Das Erziehungserbe, das ihm die Eltern auf den Lebensweg mitgegeben, war das Beste, was sie ihm bieten konnten: tiefe Religiosität, innige Frömmigkeit, Wohltätigkeitssinn. Schon als kleiner Junge hing er dem beschaulichen Leben nach; hätte doch nur sein unentwickelter Geist ein tieferes Eindringen in die unergründlichen Geheimnisse Gottes gestattet. Umso eifriger strebte er in der Tugend voran. Keuschheitsglanz und strenger Bußgeist schauten aus seinem engelgleichen Antlitz. In Köln sollte er die weitere Ausbildung erhalten. Sein glänzendes Talent warf sich mit besonderem Eifer auf das Studium der Heiligen Schrift. Seine frühzeitige Reife ließ ihn bald die geistige Führung unter den Schülern gewinnen. Ja, sein Lehrer übertrug ihm einen Teil der schweren Last, die ihm die lose Jugend aufbürdete.

 

Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen. Um Gott noch mehr als bisher, ja ihm ausschließlich sich hingeben zu können, brach Wolfhelm die Fesseln der Welt und trat im Kloster St. Maximin in Trier unter die geistliche Leitung des ehrwürdigen Vaters Bernard. In der Profess vollends Gott geweiht, schwang er sich mit Seraphsflügeln auf zu den Höhen der Geheimnisse Gottes in der göttlichen Ruhe der Beschauung, innerlichst im Herzen unlöslich dem Kreuz Christi verbunden. In Köln vermisste man längst schon Wolfhelm und den Segen, den seine Heiligkeit über die ganze Stadt ausströmte. Da erfuhr man, dass er zu Trier durch Werke der Buße und des Gebetes die Vollkommenheit zu erlangen trachte. Nun war guter Rat teuer, wie man ihn wieder für Köln gewinnen könne. Diese schwierige Aufgabe übertrug der dortige Erzbischof Hermann auf das Drängen des Volkes hin Wolfhelms Onkel Heinrich, dem Abt des großen Klosters St. Pantaleon. Da Wolfhelm aber nicht zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen war, forderte ihn der Erzbischof von Bernard, seinem geistlichen Vater, der nur ungern seinen heiligmäßigen Schüler ins Kloster des heiligen Pantaleon ziehen ließ. Abt Heinrich erkannte bald Wolfhelms Liebe zur Einsamkeit, seine Friedenssehnsucht im Weltgetriebe der Stadt, das seine Wellen auch in die stillen Mauern des Klosters warf. Deshalb übertrug er ihm die Leitung und Heranbildung der jungen aufstrebenden Klostergemeinde von Gladbach, in welchem Amt er sich auch glänzend bewährte.

 

In Köln war indessen Hermann im Jahr 1056 gestorben und Anno auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben worden. Anno war ein eifriger Anhänger der Reformgedanken, die damals das Mönchtum unter dem Einfluss großer Abteien wie Cluny in Frankreich, Hirsau in Deutschland, Fruttuaria in Italien bewegten. Letzteres Kloster, dessen Gewohnheiten auf Cluny zurückgingen, machte Anno zum Stützpunkt seiner Reformen und Stiftungen in seinem Sprengel. Seine bedeutendste und zugleich seine Lieblingsgründung war Siegburg, wo er auch sein müdes Haupt zur Ruhe legte. Zur Errichtung und Leitung des Klosters aber glaubte er keinen besseren wählen zu können als Wolfhelm, den Abt von Gladbach, dessen Ruf schon weit in die Lande gedrungen war. Wolfhelm tat auch sein Vollstes an Kraft, setzte Geist und Körper in ihrer Ganzheit ein. Aber gegen das Werken und Schaffen, wie es bei der ersten Einrichtung und Instandsetzung eines Klosters nun einmal nicht zu vermeiden ist, sträubte sich sein still beschauliches Gemüt, das mit ungeteilter Kraft sich Gott hingeben wollte, um im Genießen seiner Gnade und im Schauen seines Wesens zu ruhen. Nun hatte in der Nähe Siegburgs der Markgraf Ezzo ein Klösterlein in die stille Einsamkeit gebettet, Brauweiler. Dort sollte sich der Lobpreis und die Danksagung der Schöpfung dem Gottesdienst der Mönche vereinen zum großen Gotteswerk und Gottesdienst von Mensch und Ding. Die Abgeschiedenheit und Weltferne des Klosters war wie geschaffen für das nach innen gekehrte Gemüt Wolfhelms und so ließ er sich nicht lange bitten, als ihm die Abtwürde dortselbst angetragen wurde.

 

Wolfhelm war ein eifriger Verehrer des hochheiligen Altarsakramentes. Mit größter Inbrunst brachte er täglich das heilige Opfer dar, was damals keineswegs herrschende Übung war; sogar auf einer Wallfahrt zu den Apostelgräbern, die er als Abt von Gladbach machte, ließ er nicht ab von seiner trauten Gewohnheit. Für die Ehre des allerheiligsten Sakraments kämpfte er auch mit seiner Feder. Der Priester Berengar von Tours hatte nämlich die Behauptung aufgestellt, Brot und Wein seien nur die Sinnbilder des Fleisches und Blutes Christi, würden nicht in ihrem Wesen umgewandelt. Wolfhelms Standpunkt in seiner Streitschrift gegen den Irrlehrer war ohne weiteres gegeben in dem der Kirche, die seit 1050 Berengars Ansichten auf zahlreichen Synoden als Irrtümer zurückwies. Dazu war er gefestigt durch seine eigene Erfahrung: täglich wirkte er das Wunder der Wesensverwandlung, täglich erlebte er die Gegenwart Christi fühlbar in sich selbst, Jesus im heiligsten Sakrament hob ihn mit seiner göttlichen Kraft zu den Höhen der Beschauung.

 

Man darf jedoch nicht glauben, dass der selige Abt deswegen für weltliche Geschäfte gar keinen Sinn gehabt hätte; nein, in der Verteidigung der Rechte seines Klosters stellte er ganz seinen Mann. Eine fromme adelige Dame wollte sich die Seligkeit sichern durch die Stiftung eines Gutes namens Kloten an die Kirche von Brauweiler. Nach deren Tod verlieh Erzbischof Anno diese Stiftung einer anderen Kirche. Zwar versprach er auf dem Sterbebett die Rückgabe, starb aber, ehe er das Versprechen einlösen konnte. Sein Nachfolger Hildolph verweigerte die Herausgabe. Wolfhelm wandte sich an Kaiser Heinrich IV. und an Papst Gregor VII., die beide zu seinen Gunsten entschieden. Da erboste Hildolph gegen Wolfhelm, bezichtigte ihn der Verleumdung beim Papst, drohte ihm schließlich mit Absetzung. Doch Wolfhelm wirft das Gewissen keine Schuld vor, seine unerschütterliche Ruhe verwirrt die Gegner und verdammt ihre Hetze zur Fruchtlosigkeit. Auch eine persönliche Aussprache des Erzbischofs mit dem Abt brachte keine Klarheit, erst auf ein mahnendes Traumwort hin lässt sich Hildolph zur Rückerstattung des unrechtmäßigen Gutes herbei.

 

„Wir haben hier keine bleibende Stätte, wir suchen eine zukünftige“ und „unsere Wohnung ist im Himmel“. Von dem Geist dieses Bibelwortes ganz erfüllt, wandelte Wolfhelm nur mehr dem Leibe nach auf dieser schweren Erde. Sein Sinnen und Trachten war ein himmlisches, ein einziges Gebet zu nennen. Aus ihm floss jene Glut der Andacht, die ein Vorbild und eine Zierde war für die ganze Kölner Gegend. Trotz der hohen Stufe der Beschauung, auf der er mit Gott verkehrte, blieb er ein bescheidener Mönch. Wenn auf seine Fürbitte Wunder Geschahen - u–d das war nicht selten –, so war er ängstlich bedacht, jede Andeutung eines eigenen Verdienstes abzuwehren.

 

Endlich kündigte ihm ein Gesicht seine bevorstehende Auflösung an. Sie bedeutete für Wolfhelm nur die Erfüllung dessen, was er auf Erden seit seiner Kindheit ersehnt und erstrebt: die Losschälung, die Befreiung vom Körper, die Vereinigung der Seele mit Gott, um in seinem Genuss ewig zu ruhen. Seine letzten Tage schienen ein einziger Schlaf zu sein, sie waren ein Vorgenuss des Schauens von Angesicht zu Angesicht. Im Jahr 1091, am 22. April schlummerte er friedlich hinüber, in die Arme Gottes sinkend. Das zart gehauchte Rot, das bis zur Bestattung auf seinen Wangen nicht erlöschen wollte, gab noch lebendiges Zeugnis von seiner Liebesglut der Andacht.

 

Der heilige Wolfhelm hat den großen Grundgedanken des christlichen Lebens erfasst: Gemeinschaft mit Gott. Jeder Christ muss sie auf Erden zu erlangen trachten, indem er eingeht in den Geist Christi und der ist ein Geist der Opferliebe. Die Opferliebe ist der Weg zur Einigung mit Gott: Verstehen seines Geistes, volles Hingeben des Menschen an seinen Willen, ein weites Aufschließen der Seele, dass Gottes Gnade in ihr sich auswirke. Nicht jeder kann sich so vollständig und ausschließlich Gott hingeben wie unser seliger Abt; er wird tagaus tagein, Woche für Woche und ein Jahr wie das andere, Werktagsarbeit verrichten müssen. Aber diesen Trost ruft uns der selige Abt Wolfhelm zu: „Wer es nicht in allem kann, der tue es soweit er kann!“ Dann wird Gott auch das Seinige tun und solchen wenigstens in der Ewigkeit den Genuss seiner seligen Beschauung, die Gnade der wahren Himmelsmystik gewähren.