Die heilige Wiborata, Reklusin und Martyrerin von St. Gallen, + 2.5.926 - Fest: 2. Mai

 

Wiborata stammte aus einer alten Familie in Schwaben. Sie schien von ihren ersten Jahren an auf eine besondere Weise von der Gnade des Himmels begünstigt zu sein. Ihre Eltern bewunderten ihre erhabene Tugend und ließen ihr vollkommene Freiheit, sich allen Religionsübungen hinzugeben. Im väterlichen Haus lebte sie wie in einem Kloster und besuchte jeden Morgen barfuß die wohl eine halbe Stunde entlegene Kirche. Nach ihrer Heimkehr verschloss sie sich in ihrem Zimmer, um sich da in Gottes Gegenwart dem Lesen, dem Gebet und der Arbeit zu widmen. Sie mied nicht nur die auswärtigen Gesellschaften, sondern auch die unnützen Gespräche mit den Hausgenossen. Sie war aber in allem ihren Eltern gehorsam und unterstützte sie in ihrem Alter mit einer Bereitwilligkeit und Liebe, die bewunderungswürdig war. Die Eltern gestatteten ihr auch die Freiheit, ehelos zu bleiben, denn darum hatte Wiborata sie inständig gebeten.

 

Als ihr Bruder Hitto in den geistlichen Stand trat, empfand Wiborata die herzlichste Freude. Während seines Aufenthaltes im Kloster St. Gallen, in das er gegangen war, um sich da der Gottesgelehrtheit zu widmen, war sie ihm nicht nur Schwester, sondern wahre Mutter, indem sie für alle seine Bedürfnisse sorgte und ihn mit Kleidungsstücken versah, die sie selbst hergestellt hatte. Kaum erblickte sie ihn als Priester, so zog sie sich zu ihm zurück, in der Hoffnung, sich da besser dem Dienst Gottes und des Nächsten widmen zu können. Nichts war erbaulicher, als der Eifer, mit welchem Bruder und Schwester alles ausübten, was sie zur Vollkommenheit führen konnte. Ihre Wohnung verwandelte sich gleichsam in ein Krankenhaus. Die gottselige Wiborata bot jedem hilflosen Kranken ihre Pflege an, und nicht selten sah man sie auf ihren eigenen Schultern Sterbende herbeitragen und mit milder Hand bis zum Ende ihres Lebens pflegen. Sie erledigte die niedrigsten Krankendienste und wusste dennoch alle ihre Arbeiten in ein unablässiges Gebet umzuwandeln, so dass sie in ihrer Person Maria und Martha zugleich darstellte.

 

Um diese Zeit unternahmen die zwei frommen Geschwister miteinander eine Wallfahrt nach Rom, um die Gräber der heiligen Apostel zu besuchen. Auf dieser Reise übte Wiborata alle Bußwerke, und was sie von ihrem Unterhalt ersparen konnte, verteilte sie unter die Armen. In der Hauptstadt der Christenheit flossen heiße Tränen auf die Gräber der Heiligen, deren Fürbitte sie erflehten.

 

Nach ihrer Rückkehr sprach die Heilige zu ihrem Bruder so kraftvoll über die Gefahren, denen man in der Welt ausgesetzt ist, dass er sich dazu entschloss, diese auf immer zu verlassen. Er nahm daher das Ordenskleid in der Abtei zum hl. Gallus. Wiborata blieb in der Welt, ohne jedoch ihren Regeln und ihrem Geist zu erliegen. Sie kasteite ihren Leib durch Enthaltsamkeit, Wachen und Fasten. Die Prüfungen, denen ihre Treue durch Verleumdung ausgesetzt wurde, dienten nur dazu, die Neigungen ihres Herzens immer mehr und mehr zu läutern.

 

Auf einer Reise, die sie um das Jahr 887 in die Abtei St. Gallen mit Salomon, dem Bischof von Konstanz, machte, entschloss sie sich, ihrem alten Wohnort zu entsagen. Sie ließ sich nieder auf einem Berg in der Nähe der Abtei und schloss sich in eine Zelle neben der Kirche des heiligen Georgius ein. Die Zerstreuungen, denen sie hier durch häufige Besuche ausgesetzt war, erregten in ihr das Verlangen, sich der Lebensweise der Klausnerinnen zu widmen. Der Bischof von Konstanz weihte demnach für sie eine Zelle neben der Kirche zum heiligen Magnus, in einiger Entfernung von der Abtei St. Gallen, und schloss sie auch mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten in diese ein. Ihre Wunder und Weissagungen machten ihren Namen bald berühmt.

 

Hier nahm sie auch ein Mädchen von vornehmem Stand, namens Rachilda, zu sich, das mit einer Krankheit, die man für unheilbar erklärte, behaftet war. Ihre Eltern wollten sie in der Hoffnung nach Rom führen, sie würde da durch die Fürbitte der heiligen Apostel ihre Gesundheit erhalten. Als Wiborata von diesem Vorhaben erfuhr, ließ sie Rachilda zu sich führen und nahm sie als ihre geistliche Tochter an. Sie tröstete sie und erbat ihr von Gott die vollkommene Gesundheit. Rachilda, die von ihrer geistlichen Mutter an die Übungen der Beschauung gewöhnt worden war, lebte danach auch als Klausnerin weiter.

 

Wiborata nahm noch Wendilgardis auf, die Enkelin des Kaisers Heinrich, die man für eine Witwe hielt, in der Meinung, dass ihr Gemahl, Graf Udalrich oder Vodalrich, im Krieg getötet worden sei. Es kostete sie anfangs sehr viel Mühe, sich an die strengen Übungen der Lebensweise zu gewöhnen, die sie sich gewählt hatte. Endlich gelang es ihr, sich zu besiegen; und mit Freude übte sie die härtesten Abtötungen. Der Bischof von Konstanz gab ihr den Schleier und weihte sie gänzlich dem Herrn. Plötzlich erschien der bisher für tot gehaltetene Udalrich, als man ihn am wenigsten erwartete. Er hatte endlich seine Freiheit von den Ungarn oder Slaven erlangt, die ihn zum Gefangenen gemacht hatten. Die Bischöfe hielten eine Synodalversammlung und entschieden, dass das klösterliche Gelübde nicht verhindere, ihm seine Gemahlin wiederzugeben. Wendilgardis kehrte daher wieder in die Welt zurück, versprach jedoch, ihre Gelübde zu halten, wenn sie ihren Gemahl überleben sollte. Sie starb aber, als sie einen Sohn gebar, der dem Herrn geweiht und später Abt zu St. Gallen wurde.

 

Da die Ungarn ihre Überfälle in das Land erneuerten, wollte Wiborata nicht, wie man ihr geraten hatte, die Flucht ergreifen; und das kostete sie das Leben. Die Barbaren wurden, weil sie bei ihr kein Geld fanden, erbittert, und versetzten ihr mit einem Beil drei Hiebe auf den Kopf, woran sie am 2. Mai 925 starb. Papst Klemens II. setzte ihren Namen im Jahr 1047 feierlich in das Verzeichnis der Heiligen. Rachildis lebte noch einundzwanzig Jahre nach ihr; aber ihr Leben war, weil sie unausgesetzte Krankheiten zu erdulden hatte, ein fortgesetztes Sterben. Die Reliquien dieser beiden Heiligen wurden in der Kirche zum heiligen Magnus beigesetzt. Den Namen der heiligen Wiborata findet man in den Martyrologien von Deutschland und in denen der Benediktiner.