Die heilige Verena, Jungfrau und Einsiedlerin in Zurzach, Schweiz, + 1.9.300 – Fest: 1. September

 

Verena, eine Jungfrau von adeliger Abkunft, kam mit der thebaischen Legion, die vom Kaiser Maximinian zum Kriegsdienst ausgehoben wurde, und deren Oberst Mauritius ihr Verwandter war, nach Mailand. Ihr Vormund, der ehrwürdige Greis Viktor, hatte die verlassene Waise bei einer angesehenen christlichen Familie untergebracht. Dort besuchte die fromme Jungfrau während der grausamen Christenverfolgungen voll des innigsten Mitleids die Gefangenen in ihren schauerlichen Gefängnissen, tröstete, ermutigte sie im Glauben an Christus und erquickte sie mit Speise und Trank. Bald aber erlaubte man dem Engel des Trostes nicht mehr, die Gefangenen zu besuchen, der christliche Familienvater Maximus, bei dem Verena mehrere Jahre gewohnt hatte, wurde gefangen genommen, sie selbst als eine Fremde aus der Stadt vertrieben.

 

Um sich eine stille Zufluchtsstätte zu suchen, überstieg sie die Alpen, kam in das Rhonetal, in die Gegend von Martinach und vernahm, dass hier die thebaische Legion, mit ihr auch ihr geliebter Vormund Viktor, wegen ihres christlichen Glaubens von den heidnischen Soldaten des römischen Kaisers ermordet worden sei. Verena benetzte den blutgetränkten Boden mit ihren Tränen und pries die starkmütigen Märtyrer glücklich.

 

Von den Heiden vertrieben, setzte Verena ihre Schritte weiter über Wadt und Bern und kam an die Aar bei Solothurn. Hier verbarg sie sich in einer Felsenhöhle. Niemand wusste ihren Aufenthalt, außer einer christlichen Witwe, die sie von Zeit zu Zeit mit Speisen versah und dafür Handarbeiten entgegennahm, in denen Verena sehr geschickt war.

 

Nicht lange blieb Verena in ihrer Felsenhöhle verborgen. Christliche Frauen und Jungfrauen suchten bei der Heiligen Rat und Trost, Kranke und Gebrechliche flehten sie um Hilfe an, denn Gott hatte sie mit der Wundergabe begnadet. Verena belehrte die Heiden im Glauben an Christus und viele nahmen die Wahrheit und das Glück des Christentums an. Allen leuchtete die Klausnerin durch unablässigen Gebetseifer, durch rastlose Arbeitsamkeit und Wohltätigkeit vor. Viele gingen von ihr zurück geheilt an Leib und Seele.

 

Der Ruf von der wundertätigen Christin kam auch zu den Ohren des römischen Landpflegers Hyrtacus. Sogleich ließ er Verena vor seinen Richterstuhl führen und suchte sie mit Spott ihrem Glauben abtrünnig zu machen, sie aber wusste ihren Glauben so überzeugend zu verteidigen, dass der Heide kein Wort entgegensetzen konnte. Er ließ sie in ein schauerliches Gefängnis werfen und kündigte ihr Folter und Hinrichtung an, wenn sie dem Christentum nicht abschwöre. Die heldenmütige Jungfrau freute sich, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden und flehte inbrünstig zu Gott nicht um Befreiung aus dem Kerker, sondern um Starkmut im Martertod. Im Traum erschien ihr der heilige Mauritius im weißen Kleid und Purpurmantel, umgeben von einer großen Schar verklärter Jünglinge mit Palmzweigen in den Händen, und sprach zu ihr: „Verena, vertraue auf den Herrn, er wird mit dir sein! Halte dich an sein Wort und du wirst erfahren, dass sein Arm nicht verkürzt ist. Er wird dich erretten.“ Verena wurde mit wunderbarem Mut erfüllt und erwartete freudig jede Stunde den Martertod. Gott fügte es aber anders.

 

Hyrtacus fiel in ein heftiges Fieber. Vergebens rief er die Kunst der Ärzte und die Hilfe seiner Götter an. In seiner höchsten Not ließ er Verena rufen und sprach zu ihr: „Verena, ich habe von dir gehört, du hast durch dein Gebet viele Kranke gesund gemacht. Wohl habe ich es nicht verdient, dass du dich meiner annehmest, aber verzeih mir und bete zu deinem Gott, dass er mir helfe!“ Sie erhob Augen und Herz zum Himmel und betete mit großer Inbrunst. Der Kranke genas von Stund an, ließ die Gefangene frei und gestattete ihr, nach ihrem Glauben zu leben, wo und wie sie wolle.

 

Verena sammelte nun die christlichen Jungfrauen um sich und die Mütter sandten ihr täglich ihre Töchter, damit sie im christlichen Glauben und in weiblichen Handarbeiten unterrichtet würden. So entstand eine Art Frauenkloster, deren Vorsteherin in die jugendlichen Herzen den Keim der Tugend und Gottesfurcht pflanzte und für die Mit- und Nachwelt außerordentlich segensreich wirkte.

 

Einst brach eine große Hungersnot über das Land herein, und Verenens Mitschwestern jammerten laut, weil ihre Handarbeiten nicht ausreichten, um Brot zu kaufen. Verena verwies ihnen ihren Kleinglauben und tröstete sie mit den Worten des Psalmisten: „Ich war jung und bin alt geworden und habe vieles erlebt, aber niemals habe ich den Gerechten verlassen, noch seine Kinder um Brot betteln gesehen. Vertraut auf Gott, er wird tun, was ihm zur Ehre und uns zum Heil gereicht.“ Verena betete inbrünstig zu Gott, und siehe da! Am Morgen standen mehrere Säcke voll Mehl vor ihrer Klause. Alle dankten Gott, und das Mehl reichte aus, bis die Teuerung vorüber war.

 

Als der Zudrang der Menschen zu Verenens Höhle immer mehr zunahm, so dass sie in ihren frommen Übungen gestört wurde, und wegen der vielen Ehrenbezeugungen Eitelkeit befürchtete, wanderte sie längs des Aarflusses hin bis zu seinem Einfluss in den Rhein. Dort soll sie auf einer einsamen Insel bei dem Dorf Koblenz lange Zeit unbekannt in einer Hütte gelebt haben. Als sie vernahm, dass in dem benachbarten Dorf Zurzach eine Christengemeinde sei, ging sie dorthin und betete in der dortigen Kirche unter heißen Tränen zu Gott, er möge sie den Ort finden lassen, wo sie den Rest ihrer Pilgerschaft in Ruhe vollenden könne. Zugleich setzte sie ein kleines Gefäß mit Wein zum heiligen Opfer auf den Altar.

 

Während Verena inbrünstig betete, trat der Pfarrer herein und fragte sie, woher sie komme und warum sie so traurig sei. Sie erzählte ihm ihre Schicksale, und ihre Demut und Sittsamkeit rührte ihn so sehr, dass er ihr sein Hauswesen anvertraute. Verena erfüllte gewissenhaft ihre Pflichten und fand ihre größte Freude, wenn sie die Kranken des Spitals besuchen und pflegen konnte. Ein gewissenloser Knecht des Pfarrers verklagte sie, dass sie das Gut ihres Herrn an Bettler und schlechte Menschen verschwende. Der Priester sah nach, fand alles in bester Ordnung und einen solchen Segen des Himmels, wie er ihn nie gekannt hatte. Der boshafte Knecht bekam die Fallsucht und schätzte sich glücklich, unter die Kranken im Spital aufgenommen zu werden, denen er die Wohltaten Verenas missgönnt hatte.

 

Der neue Knecht des Pfarrers war noch boshafter als sein Vorgänger, und sann auf das Verderben Verenas. Er stahl dem Herrn einen kostbaren Ring, warf ihn in den Rhein und verklagte die unschuldige Haushälterin als die Diebin. Der Priester verlangte von ihr den Ring, den er ihr zum Aufbewahren anvertraut hatte. Sie weinte bitterlich und flehte den ganzen Tag und die ganze Nacht, Gott wolle ihre Unschuld und den Ring an den Tag kommen lassen. Am nächsten Morgen ging der Pfarrer an den Rhein, wo eben Fischer einen großen Salm gefangen hatten. Sie schenkten ihm den Fisch. Als der Fisch aufgeschnitten wurde, fand man in seinen Eingeweiden den vermissten Ring. Der boshafte Knecht bekannte nun reuig sein Vergehen.

 

Im vorgerückten Alter wünschte Verena in ungestörter Einsamkeit Gott dienen zu können. Der Pfarrer ließ ihr nahe bei der Kirche eine Zelle bauen, wo sie den Rest ihres Lebens frommen Übungen und Werken der christlichen Barmherzigkeit widmete. Eines Tages sah sie in einer Verzückung die allerseligste Jungfrau, umgeben von vielen heiligen Jungfrauen und Engeln. Maria blickte ihre treue Verehrerin unbeschreiblich wohlwollend an und sagte zu ihr: „Du treue Magd des Herrn und reine Braut Christi, komm nun mit uns und empfange die Krone, die er dir bereitet hat!“ Darauf verschied sie sanft im Herrn. Ihr Leichnam wurde in Zurzach unter großem Zulauf des Volkes begraben.

 

Erzherzog Rudolf IV. von Österreich erbat sich im Jahr 1308 die Reliquien der heiligen Verena und ließ sie feierlich im St. Stephansdom zu Wien beisetzen, wo sie Gott durch viele Wunder verherrlicht hat. An ihren Namen knüpfen sich viele anmutige Sagen, die sie als Mutter der Armen und Trösterin der Unglücklichen preisen. Über dem Grab der heiligen Verena wurde bald nach ihrem Tod eine Kapelle gebaut, an deren Stelle Kaiser Karl der Dicke ein prachtvolles Münster aufführte nebst einem Kloster. Kamm und Krüglein auf den Bildnissen der Heiligen deuten ihre Wohltätigkeit an. Für das Krüglein der heiligen Verena überließ ein Abt von St. Blasien die Einkünfte von zehn Pfarreien dem Chorherrnstift in Zurzach. Ihre heilkräftige rechte Hand, in einer Silberkapsel verwahrt, wird am Osterdienstag in Prozession umhergetragen.