Der heilige Tutilo, Gelehrter und Mönch von St. Gallen, + 27.4.912 – Fest: 27. April

 

Wo die natürlichen Geistesanlagen von der erleuchtenden und wärmenden Sonne der göttlichen Gnade geweckt und genährt worden, pflegt sich ein Gebilde zu entwickeln, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht, und das im Schatzkästlein der Erinnerung aufbewahrt zu werden verdient. In Tutilo finden wir körperliche Anmut mit dem Adel der Gesinnung, Demut und Frömmigkeit mit hervorragendem Wissen und seltener Kunstfertigkeit vereinigt. Aus fürstlichem Geschlecht in Deutschland um 840 geboren, verschmähte er die hohe, glänzende Stellung in der Welt und trat in das Kloster St. Gallen. Unter der Leitung des heiligen Ordensmannes Marcellus bildete sich Tutilo in Frömmigkeit und allem Wissenswerten so glänzend aus, dass er unter seinen Zeitgenossen als ein Stern erster Größe verehrt wurde.

 

Um den Lehrstuhl Tutilos versammelten sich die Söhne des hohen Adels aus den deutschen und fränkischen Ländern und lauschten begeistert auf seine gelehrten und beredten Vorträge. Aber nicht allein in den Wissenschaften ragte der fromme und bescheidene Mönch hervor, sondern auch in allen Künsten. Mit seinem Freund und Zeitgenossen Notker vertiefte er sich in die Kenntnis des gregorianischen Kirchengesangs, war ein Meister in Handhabung der Blas- und Saiteninstrumente, war ein Maler, Bildhauer, Baumeister, Erzgießer und Dichter. In allen wichtigen Angelegenheiten zogen ihn die Fürsten zu Rat. Dennoch blieb der berühmte Mönch stets kindlich fromm, bescheiden und anspruchslos. Eine besondere Verehrung hegte er zur allerseligsten Jungfrau Maria, deren Fürbitte er so viele Gnaden verdankte.

 

Einst wurde Tutilo nach Metz berufen, um dort in einer Kirche das Bildnis der allerseligsten Jungfrau mit dem Kindlein Jesus auf den Armen zu malen. Während der Arbeit kamen zwei Fremde in die Kirche, bewunderten die Schönheit des fast vollendeten Gemäldes und sahen erstaunend eine wunderbar schöne Jungfrau neben Tutilo stehen, die ihm die Pinsel darreichte und nach Bedürfnis der Farben wechselte. Neugierig fragten sie den anwesenden Domherrn, ob diese Jungfrau etwa eine Schwester des Künstlers sei. Jetzt erblickte auch der Domherr die allerseligste Jungfrau in himmlischer Schönheit und rief entzückt aus: „O dreimal glücklicher Tutilo, der du eine so erhabene Gebieterin bei dir hast, um in der Arbeit dir behilflich zu sein!“ Der demütige Diener Gottes meinte, dass dies nur Einbildung sei, aber der Domherr machte dieses Wunder in der Stadt bekannt. Um jedem Menschenlob auszuweichen, verließ Tutilo noch an demselben Abend die Stadt. Am folgenden Morgen strömte das Volk zur Kirche und sah ein neues Wunder. Denn obwohl der Künstler sein Bild noch nicht ganz vollendet hatte, fehlte doch kein Pinselstrich mehr und alle glaubten, dass die Mutter Gottes selbst das Bild fertig gemalt habe. Tutilo kehrte in sein Kloster zurück und verschwieg das so merkwürdige Ereignis vor seinen Ordensbrüdern, die erst später vom Bischof von Metz den Tatbestand erfuhren.

 

Bis in sein hohes Greisenalter widmete Tutilo seine Wissenschaft und Kunst dem Dienst Gottes und der Wohlfahrt seiner Mitmenschen. Unter Anrufung des heiligen Gallus wirkte er viele Wunder an Kranken und Besessenen und starb reich an Verdiensten im Ruf der Heiligkeit am 27. April 912. An seinem Grab in der Katharinenkapelle geschahen viele wunderbare Gebetserhörungen. Einige Gedichte und Werke seiner kunstgeübten Hand sind noch im Kloster St. Gallen erhalten.