Der heilige Thomas von Aquin, Italienischer Priester, Bekenner und Kirchenlehrer, + 7.3.1274 - Fest: 28. Januar

 

Der heilige Thomas von Aquin, ein Nachkomme aus dem edlen Geschlecht der Grafen von Aquin in Mittelitalien, gilt als einer der größten Gottesgelehrten aller Zeiten. Als er 1274 im Alter von erst fünfzig Jahren starb, hinterließ er über zwanzig dicke Bücher. Diese hatte er so gut und treffend geschrieben, dass auf ihnen zusammen mit der Heiligen Schrift heute noch die gesamte katholische Glaubenslehre wie auf einem festen und sicheren Fundament begründet ist.

 

Thomas war erst fünf Jahre alt, als ihn die Eltern zur Erziehung in das berühmte Benediktinerkloster auf dem Cassinoberg zwischen Rom und Neapel brachten, wo zu jener Zeit sein Onkel Sinnibald Abt war. Vater und Mutter, kluge Leute, hatten im Herzen den stillen Wunsch, ihr Sohn solle später des Onkels Nachfolger in der Leitung des mächtigen Klosters werden. Es kam aber anders. Nachdem Thomas seine Studien abgeschlossen hatte, trat er in den Bettelorden der Dominikaner ein. Die Eltern und Geschwister waren entsetzt über diesen Schritt, denn da stürzten mit einem Schlag alle ehrgeizigen Zukunftspläne zusammen. In ihrer Wut bemächtigten sie sich des jungen Ordensmannes, rissen ihm das Ordenskleid in Fetzen vom Leib und hielten ihn ein ganzes Jahr lang im Turm eines ihrer Schlösser gefangen. Thomas ließ sich dadurch jedoch in seinem Sinn nicht irremachen.

 

Die Freiheitsberaubung des jungen Ordensmannes durch die eigene Familie hat in der damaligen Welt viel Staub aufgewirbelt, so dass schließlich sogar Papst und Kaiser eingriffen, bis endlich wenigstens die Mutter Verstand annahm und dem Eingekerkerten zur Flucht verhalf. Thomas begab sich daraufhin nach Paris und nach Köln am Rhein. Dort wollte er unter der Leitung des heiligen Albert des Großen, des angesehensten Gelehrten seiner Zeit, die unterbrochenen Studien vollenden. Damals trug sich auch die folgende Begebenheit zu.

 

Thomas, der ein Riese von Gestalt war, etwas dickleibig und im Auftreten unbeholfen und schwerfällig, der wenig sprach und ohne Hintergedanken wie ein Kind jedem traute, galt anfangs als ein Dummkopf, der von den Mitschülern gerne geärgert wurde. Einmal rief ihm ein Mitschüler scherzend zu: „Thomas, komm, komm schnell! Schau, da fliegt ein Ochse durch die Luft!“ Thomas hastete herbei und suchte mit seinen Augen fieberhaft den Himmel ab. Da lachten ihn natürlich alle aus. Nur der Gehänselte lachte nicht, sondern sagte im heiligen Ernst: „Eher sollte man glauben, dass ein Ochse durch die Luft fliegt, als dass der Mund eines Christen lügt.“ So streng urteilte ein Heiliger über eine Lüge, die nicht einmal eine Sünde ist; denn solange man eine Lüge fühlen kann, ist sie nicht sündhaft. Schöner und geradliniger ist es allerdings, wenn man überhaupt nicht lügt, auch nicht aus Scherz.

 

Aus der Studienzeit von Köln wird vom heiligen Thomas noch eine andere Geschichte berichtet. Einmal musste er nämlich, als die Reihe an ihn kam, während des Essens bei Tisch vorlesen, wie es in den Klöstern üblich ist. Plötzlich schellte der Obere und tadelte den Vorleser, weil er ein Wort falsch ausgesprochen habe. Thomas berichtigte sofort den gerügten Fehler, obwohl er wusste, dass sich der Obere in diesem Fall irrte. Als ihm nachher die Mitschüler sagten, das hätte er nicht tun dürfen, weil er doch im Recht und der Vorgesetzte im Unrecht war, entgegnete der Heilige: „Es liegt nicht viel daran, ob ein Wort richtig oder falsch ausgesprochen wird, wohl aber liegt sehr viel daran, dass man gehorsam ist.“ Da können sich an Thomas jene ein Beispiel nehmen, die, meist zu Unrecht, klüger sein wollen als die Eltern und Lehrer.

 

Aus dem scheinbar einfältigen Studenten Thomas von Aquin ist später, wie bereits erwähnt, einer der tiefsinnigsten Gottesgelehrten aller Zeiten geworden, dessen Ruhm bis heute noch die Welt erfüllt. Als es dann mit ihm zu Ende ging, fragte ihn im Angesicht des Todes ein Mitbruder: „Thomas, nun sage uns noch das eine! Was ist dir bei all deinem Wissen das Unbegreiflichste gewesen?“ Auf diese Frage gab der Gelehrte eine ganz schlichte Antwort, die jedes Kind versteht, denn er erwiderte: „Das, was ich nie verstanden habe, ist die Tatsache, dass sich ein Mensch abends zur Ruhe legt mit einer schweren Sünde auf dem Herzen. Das habe ich wirklich nie begreifen können.“

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Der berühmteste Gelehrte und Kirchenlehrer stammte aus dem lombardischen Adelsgeschlecht der Grafen von Aquino. Er wurde 1225 in Roccasecca geboren und schon mit fünf Jahren zur Erziehung in das Benediktinerkloster Montecassino gebracht. 1236 setzte er an der Universität in Neapel seine Studien fort und entschloss sich 1243, in den Dominikanerorden einzutreten.

 

Seine Brüder, die seinen Entschluss, Mönch zu werden, nicht billigten, entführten ihn und hielten ihn auf der väterlichen Burg gefangen. Durch List und mit Hilfe einiger Dominikaner konnte Thomas aus dieser Haft entkommen. Im selben Jahr schickte sein Orden ihn zum Studium an die berühmte Pariser Hochschule.

 

Von dort zog er 1248 mit seinem Lehrer Albertus Magnus an die neugegründete Universität in Köln. Nach vier Jahren intensiver Studien begann er mit philosophisch-theologischen Vorlesungen seine eigene Lehrtätigkeit in Paris. Von Papst Urban IV. gerufen, leitete er von 1259-1269 die Ordensschulen in Orvieto, Viterbo und Rom; ab 1269 lehrte er wieder in Paris. In dieser wissenschaftlich sehr fruchtbaren Zeit entstand auch seine bedeutsamste Schrift: „Summa theologiae“, die als das Hauptwerk der Scholastik gilt.

 

1272 kehrte er nach Neapel zurück und reiste zwei Jahre später auf Wunsch Gregors X. zum Konzil nach Lyon. Unterwegs starb er am 7. März 1274 im Zisterzienserkloster Fossanova.

 

„Zwei seiner Brüder, Landulph und Raynald, welche bei der Armee des Kaiser Friedrich II. dienten, hatten von dieser Reise Kunde erhalten; sie ließen daher alle Wege so sorgfältig bewachen, dass Thomas bei Acqua-Pondente gefangen und ihnen ausgeliefert wurde. Sie versuchten ihn zur Ablegung des Kleides, das er trug, zu bewegen; allein der junge Novize erklärte standhaft, dass ihn nichts dahin bringen könne. Sie brachten ihn daher in seinem Ordenskleid auf das Schloss Monte San Giovanni, das seiner Familie gehörte. Seine Mutter war hoch erfreut, ihn bei sich zu haben, und schmeichelte sich mit dem Gedanken, dass man ihn schon allmählich zur Wahl eines anderen Standes überreden werde. Unter dem Vorwand, dass er ohne die Einwilligung seiner Eltern über seine Freiheit verfügt habe, versuchte sie ihn zu bereden, er gehe nicht den Weg, der ihm von der Vorsehung bestimmt sei. Sie folgerte sodann, dass er sich umsonst auf den Ruf des Himmels stütze, weil dieser dem Gesetz nicht widersprechen könne, welches die Kinder verpflichte, nichts ohne die Zustimmung der Eltern zu tun. Die Mutter brachte noch andere Gründe vor, denen sie durch Bitten, Tränen und Liebkosungen neue Kraft zu geben wusste. Man weiß, wie beredt die Natur in solchen Umständen ist. Thomas blieb nicht ungerührt bei dem Schmerz seiner Mutter; allein dieses Gefühl wusste er in den Schranken der Pflicht zu halten. Er antwortete ihr mit bescheidener und ehrfurchtsvoller Festigkeit, er habe alles wohl erwogen, sein Beruf komme gewiss von Gott und er sei entschlossen, demselben, was es ihn auch kosten möge, zu folgen. Die Gräfin, da sie ihre Hoffnung vereitelt sah, geriet in heftigen Zorn, machte ihrem Sohn die bittersten Vorwürfe, ließ ihn in enge Verwahrung bringen, und erlaubte nur seinen zwei Schwestern, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen.

 

Man stelle sich die Anstürme vor, welche Thomas von Seiten seiner Schwestern zu bestehen hatte. Sie griffen seine Standhaftigkeit mit allen Mitteln an, welche die Zärtlichkeit zu erfinden vermag. Sie schilderten ihm vor allem in den lebhaftesten Farben den Schmerz der trostlosen Mutter, der durch nichts als seine Rückkehr geheilt werden könne. Der Heilige, stets unerschütterlich, antwortete nur durch ergreifende Reden über die Verachtung der Welt und die Liebe zur Tugend.

 

Unterdessen kamen Landulph und Raynald vom Heer zurück und fanden bei ihrer Ankunft ihre Mutter ganz in Trostlosigkeit versunken, Thomas aber eben noch so fest entschlossen wie vorher. Diese Lage, die sie vielleicht nicht erwarteten, brachte sie auf Ideen, welche die Menschlichkeit sowohl als auch die Religion missbilligten. Die erste gewalttätige Handlung, die sie an ihm verübten, war, dass sie ihn in den Schlossturm sperrten. Sein Ordenskleid zerrissen sie in Stücke, überhäuften ihn mit Schmähungen und fügten ihm tausend andere Misshandlungen zu. Da nichts imstande war, den Heiligen zu erschüttern, benützten sie ein Mittel, das ihnen nur der Geist der Finsternis eingeben konnte. Sie führten eine der schönsten Buhlerinnen des Landes in sein Gemach und versprachen ihr eine große Belohnung, wenn sie ihn verführen würde. Diese Unglückselige bot alles auf, was eine solche Frau durch List und Unverschämtheit vermag. Thomas, obgleich bestürzt über die Gefahr, in welcher er seine Unschuld ausgesetzt sah, verlor den Mut nicht. In demütigem Misstrauen zu sich selbst, rief er den Gott der Reinheit um Beistand an. Dann ergriff er einen glühenden Brand, ging auf die schändliche Buhlerin los und jagte sie mit dieser Waffe zum Zimmer hinaus.

 

Es verflossen ein oder sogar nach einigen Schriftstellern zwei Jahre und Thomas war noch im Schloss eingekerkert. Papst Innozenz IV. und Kaiser Friedrich II., die von der grausamen Verfolgung, welche er leiden musste, Nachricht erhielten, verwendeten sich mit vieler Anteilnahme für dessen Befreiung. Sie ließen bei seiner Mutter und seinen Brüdern für ihn sprechen, so dass diese endlich auch zu menschlicheren Gesinnungen zurückkehrten. Die Gräfin schien sogar nicht abgeneigt, heimlich die Flucht ihres Sohnes zu begünstigen. Die Dominikaner von Neapel, von ihrer Denkweise benachrichtigt, schickten einige Ordensbrüder verkleidet in das Schloss Monte San Giovanni; diese fanden sich zur bestimmten Stunde am Turm ein, empfingen den Heiligen, den seine Schwester in einem Korb hinabließ, in ihre Arme, und führten ihn freudevoll in ihr Kloster. Thomas legte im folgenden Jahr die Gelübde ab. Der Tag, an dem er Gott das Opfer seiner Freiheit darbrachte, schien ihm der schönste seines Lebens; er brachte ihn zu in den Übungen der innigsten Frömmigkeit. Indessen missbilligten es seine Mutter und seine Brüder laut, dass er die Gelübde abgelegt habe; sie unterschoben ihm niedrige Beweggründe, und brachten ihre Klagen vor den Heiligen Stuhl. Der Papst berief sogleich den jungen Ordensmann nach Rom, um seine Berufung zum Klosterstand zu prüfen. Seine Antworten befriedigten ihn auf das vollkommenste, und seine Tugenden setzten ihn in Erstaunen. Er billigte dessen gewählte Lebensweise und erlaubte ihm, darin zu beharren. Seit dieser Zeit ward unser Heiliger nicht mehr durch seine Familie beunruhigt.

 

Da unterdessen der Dominikanergeneral Johannes Teutonius eine Reise nach Paris machte, nahm er unseren Heiligen mit sich. Danach schickte er ihn nach Köln, wo Albert der Große Theologie lehrte. Thomas wohnte den Vorträgen dieses trefflichen Lehrers bei und widmete alle Zeit, die ihm die Religionspflichten übrig ließen, den höheren Wissenschaften. An seiner Lernbegierde hatte aber Ruhmsucht nicht den mindesten Anteil, und die außerordentlichen Fortschritte, welche er bald machte, wusste seine Demut zu verbergen. Aus demselben Beweggrund beobachtete er auch ein strenges Stillschweigen, welches aber seine Mitschüler als Stumpfsinn ansahen. Man nannte ihn daher spottweise den stummen Ochsen, oder den großen Ochsen aus Sizilien. Es ereignete sich sogar einmal, dass sich einer seiner Mitschüler anbot, ihm den Lehrvortrag zu erklären, um ihm dessen Verständnis zu erleichtern. Thomas nahm mit innigem Dankgefühl das Angebot an, obgleich er damals schon Lehrer der andern hätte sein können. Eine solche Demut war um so verdienstvoller vor Gott, als studierende Jünglinge sonst geneigt sind, ihre Fähigkeiten glänzen zu lassen, und ihre Überlegenheit gegenüber anderen zu zeigen. Allein Gott, der seine Diener umso mehr zu verherrlichen weiß, als sie von aller Ruhmbegierde entfernt sind, fügte es, dass man bald in dem Heiligen einen großen und durchdringenden Geist, der mit vielen Kenntnissen und einer gründlichen Beurteilungskraft ausgestattet war, erkannte. Als ihn Albert über sehr dunkle Gegenstände fragte, antwortete er mit solcher Richtigkeit und Kürze, dass alle Zuhörer in Verwunderung gerieten und Albert selbst vor Freude entzückt, ausrief: „Wir nennen Thomas den stummen Ochsen, allein seine Gelehrsamkeit wird einst brüllen, dass man ihn auf der ganzen Erde hören wird.“

 

Zahlreiche Attribute werden dem Heiligen zugeordnet. Dargestellt wird er im weißen Dominikanerhabit mit Skapulier und Kapuze, ein offenes Buch haltend. Kelch und Monstranz in seinen Händen sollen an seine innige Frömmigkeit, an seine Hymnen und an das Fronleichnamsoffizium, das er verfasst hat, erinnern. Die Taube am Ohr ist das Symbol für seine übernatürliche Erleuchtung, und die Lilie in seiner Hand deutet auf sein engelgleiches reines Leben hin. Mitra und Stab zu seinen Füßen zeigen an, dass er alle kirchlichen Ämter und Würden abgewiesen hat. Sein ganz besonderes Kennzeichen ist jedoch ein Stern oder ein Edelstein oder eine Strahlensonne, die er auf der Brust trägt.

 

Thomas von Aquin ist der Patron aller katholischen Hochschulen, der studierenden Jugend, der Buchhändler und Bleistiftfabrikanten. Er schützt die Keuschheit und hilft gegen Blitz und Sturm.

 

Weil der bisherige Festtag, der 7. März, wegen der Fastenzeit oft nicht gefeiert werden konnte, wurde der Gedenktag auf den 28. Januar verlegt.

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St. Thomas von Aquin

 

Dem Orden des hl. Dominikus gebührt der Ruhm, unter die Schar seiner Mönche den größten Gottesgelehrten aller Zeiten und Nationen zu zählen, einen Mann, der viel genannt wurde, da durch eine Verfügung des Heiligen Vaters Pius X. seine Werke neuerlich allen Theologiestudierenden dringendst zum intensivsten Studium anempfohlen wurden, da sie hervorragenderweise geeignet sind, den Priestern jene tiefe philosophische Bildung zu geben, die nötig ist, um den modernen Irrtümern gewappnet entgegentreten zu können. Dieser Mann ist Thomas von Aquin, geb. 1226, gest. 1274.

 

Thomas war der Sohn des Grafen von Aquin, Herrn von Loretto und Bebastro, der aus königlichem Geblüt stammte und mit Kaiser Friedrich II. verschwägert war. Auf dem Schloss Roccasicca wuchs der Junge bis zu seinem 5. Lebensjahr heran, dann wurde er in die Klosterschule der Mönchsburg Monte Cassino gebracht, um hier die Grundbildung in allen Wissenschaften zu empfangen. Schon da erkannten seine Erzieher, dass dieses Kind von Gott mit ganz außergewöhnlichen Talenten und Gnadenvorzügen bedacht sei. Nach sechs Jahren erklärten sie, dass der Junge in Monte Cassino nichts mehr zu lernen habe, dass der Zwölfjährige für die Hochschule reif sei. Der Graf holte seinen Sohn heim, er sollte einige Zeit die Freiheit und die Freuden der Jugend genießen. Alles war alsbald über Thomas entzückt. Seine Liebenswürdigkeit und Anmut, seine Sanftmut und Frömmigkeit gewann ihm aller Herzen. Auch am väterlichen Schloss, wo es an Festen und Zerstreuungen nicht fehlte, studierte er weiter und schien überhaupt dem höfischen Treiben wenig Gefallen abzugewinnen. Zwei Jahre später bezog Thomas die Universität in Neapel. Hier ging er bereits ganz andere Wege als die übrigen Studenten, die ihn umsonst zu ihrem tollen Leben zu gewinnen versuchten. Die Zeit teilte er sich in Studium und Gebet und nichts liebte er mehr, als vor einem Tabernakel die Liebe und Weisheit des Heilandes zu betrachten. Die Erholungszeit verbrachte der junge Mann gerne in einem neugegründeten Dominikanerkloster, dessen innigfromme, hochgelehrte Priester ihn ungemein anzogen. Und doch kam es aller Welt unerwartet, als es eines Tages hieß, der Sohn des Grafen von Aquin ist Novize eines Bettelordens geworden. Ohne Wissen der Eltern, deren Einwilligung er nie erhalten hätte, aber in vollster Überzeugung eines gottgewollten Berufes, hatte Thomas den entscheidenden Schritt getan. Um ihn vor Verfolgung zu schützen, sandten die Oberen den jungen Mann über Rom nach Paris. Doch unterwegs lauerten ihm seine zwei Brüder auf, die im kaiserlichen Heer dienten, und brachten ihn gefangen nach Roccasicca. Eltern und Geschwister versuchten durch alle Mittel, durch Güte wie auch durch Misshandlung seinen Sinn zu ändern – umsonst! So flammend sprach er von der Liebe Gottes und den ewigen Gütern, dass er dadurch sogar seine älteste Schwester, die bereits verlobt war, zu dem Entschluss brachte, sich gleich ihm Gott zu weihen. Diese Schwester war es auch, die ihn nach zwei Jahren rettete, indem sie ihn in einem Korb vom Gefangenenturm in die Tiefe ließ, wo ihn Dominikaner erwarteten. Bald darauf legte Thomas die heiligen Gelübde ab. Die Eltern klagten nun ihren unbotmäßigen Sohn beim Heiligen Vater an, der Thomas kommen ließ und seinen Beruf prüfte. Er erkannte klar die Heiligkeit und Unschuld des Verfolgten, nahm sich seiner an und seit der Zeit beunruhigte ihn seine Familie nicht mehr. – So ist es immer: schenkt Gott jemand wirklich einen hohen Beruf und türmen sich Berge vor dem Ziel, der den Beruf gibt, gibt die nötige Kraft und räumt die Hindernisse beiseite, wenn es Zeit ist.

 

Nun reiste der junge Ordensmann nach Köln, um die Vorträge des weltberühmten Dominikaners Albertus Magnus zu hören. Später folgte er diesem Meister der Scholastik nach Paris. Unermüdlich studierte Thomas unter der großartigen Anleitung und der Meister sah bald in ihm den Stern, der seine eigene Wissenschaft überstrahlen würde. Nicht kleinere Fortschritte machte er in der Heiligkeit. Stieß er im Studium auf Schwierigkeiten, so eilte er zum Tabernakel oder unter das Kreuz. Im Gebet fand er alle Erleuchtung, das demütige Gebet war die Quelle seines erhabenen Wissens. So erklärte Thomas später einmal, er habe weniger aus Büchern als zu Füßen des Gekreuzigten gelernt.

 

Mit 22 Jahren wurde Thomas zum Lehrer in Köln ernannt und empfing bald darauf die heilige Priesterweihe. Das heiligste Sakrament des Altares ist fortan der Mittelpunkt in des Heiligen innerem und äußerem Leben. Thomas ist ein Heiliger der Eucharistie. Bei der heiligen Messe flossen immer reichlich seine Tränen. Stundenlang, auch des Nachts, kniete er, in Liebe und Anbetung versunken, vor einem Tabernakel. Was er da dachte und fühlte, das legte er in seinen Schriften über die heilige Eucharistie nieder, das quoll wohl auch als Hymne von seinen Lippen, und wer diese heiligen Gesänge heute hört, meint, sie seien den Engeln im Himmel abgelauscht worden. So der Hymnus aus der Messe am Gründonnerstag: „Pange lingua gloriosi . . . Preiset, Lippen, das Geheimnis“, dessen letzte zwei Strophen „Tantum ergo . . .“ und „Genitori, Genitoque . . .“ bei jedem feierlichen Segen angestimmt werden. Dann die herrliche Sequenz von der Fronleichnamsmesse, die das Geheimnis der heiligen Eucharistie in ganzer Vollständigkeit und schlichter Erhabenheit besingt: „Lauda Sion, Salvatorem . . . Deinem Heiland, deinem Lehrer . . .“, dann die zwei Lobgesänge von der Fronleichnamsprozession: „Sacris Solemniis juncta sint gaudia . . . Lasset am heiligen Fest heut uns fröhlich sein . . .“, „Verbum supernum prodiens . . . Das ew`ge Wort im Himmel hoch . . .“ und endlich der „Hymnus zum heiligsten Sakrament“, dem ein Teilablass verliehen ist, so er nach der heiligen Kommunion gebetet wird. Dieses weniger bekannte, innigfromme Lied lautet:

 

„In Demut bet` ich dich, verborgne Gottheit, an,

Die du den Schleier hier des Brotes umgetan.

 

Mein Herz, das ganz in dich anschauend sich versenkt,

Sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt.

 

Gesicht, Gefühl, Geschmack betrügen sich in dir,

Doch das Gehör verleiht den sicheren Glauben mir.

 

Was Gottes Sohn gesagt, das glaub` ich hier allein,

Es ist der Wahrheit Wort, und was kann wahrer sein?

 

Am Kreuzesstamme war die Gottheit nur verhüllt,

Hier hüllt die Menschheit auch sich gnädig in ein Bild;

 

Doch beide glaubt mein Herz und sie bekennt mein Mund,

Wie einst der Schächer tat in seiner Todesstund`.

 

Die Wunden seh` ich nicht, wie Thomas einst sie sah;

Doch ruf` ich: Herr, mein Gott, du bist wahrhaftig da!

 

O gib, dass immer mehr mein Glaub` lebendig sei;

Mach` meine Hoffnung fest, mach` meine Liebe treu.

 

O, Denkmal meines Herrn an seinen bittren Tod,

O lebenspendendes und selbst lebend`ges Brot!

 

Gib, dass von dir allein sich meine Seele nährt

Und deine Süßigkeit stets kräftiger erfährt.

 

O, guter Pelikan, o Jesu, höchstes Gut!

Wasch` rein mein Herz mit deinem teuern Blut;

 

Ein einz`ger Tropfen macht die ganze Erde neu,

Wascht alle Sünder rein, stellt alle schuldenfrei.

 

O Jesu, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht,

Wann stillst das Sehnen du, das in der Brust mir glüht,

 

Dass ich enthüllet dich anschau` von Angesicht

Und ewig selig sei in deiner Glorie Licht? – Amen.“

 

Von Köln weg, wo der junge Lehrer hohe Berühmtheit erlangt hatte, kam er als Lehrer der Theologie nach Rom. Hier wie dort gewann er die weitesten Massen durch seine unvergleichlichen, zündenden Predigten. Auch seine Angehörigen durfte er Gott zuführen. Neben dem anstrengenden Beruf eines Hochschullehrers schrieb Thomas unermüdlich Werke über Philosophie und Theologie, in denen er sein gotterleuchtetes Wissen niederlegte. Bis zu seinem Ende blieb Thomas so demütig, dass er alle Ehrenstellen, die ihm vom Papst angetragen wurden, zurückwies.

 

Über seine Werke war er oft unruhig, ob sie doch – alle die 18 Folianten – nichts gegen die katholische Lehre enthielten. Gott selbst gab ihm Antwort. Als er einst in Neapel vor einem Kruzifix betete, fiel er in Extase und hörte die Worte: „Thomas, du hast gut von mir geschrieben; welche Belohnung begehrst du dafür?“ Da erwiderte der Heilige: „Keine andere, als dich, o Herr!“ – Und der große Lohn kam bald. Von übergroßer Geistesarbeit geschwächt, begann Thomas zu kränkeln. Der Papst sandte ihn als Verteidiger der katholischen Lehre gegen die Griechen zum Konzil von Lyon (1274). Unterwegs erkrankte der Heilige so heftig, dass er in der Zisterzienser-Abtei in Fossa Nuova die Fahrt unterbrechen musste. Als er die Pforte durchschritt, sagte er: „Hier ist der Ort meiner Ruhe für alle Zeit!“ Schnell schwanden trotz der besten Pflege seine Lebenskräfte und nach einer allgemeinen Beichte und der mit der Andachtsglut eines Heiligen empfangenen heiligen Wegzehrung verschied der Fürst der Gottesgelehrten sanft und leicht.

 

Er wurde 1567 von Pius V. zum Doctor ecclesiae (Kirchenlehrer) und 1880 von Leo XIII. zum „Patron der studierenden Jugend und der Schulen“ ernannt. Er heißt auch „Doctor angelicus“ – der englische Kirchenlehrer – da er durch eine besondere Gnade keine Anfechtungen gegen seine Unschuld zu leiden hatte.