Die heilige Thiatildis, Äbtissin von Freckenhorst, Westfalen, + 30.1.865 ? - Fest: 30. Januar

 

Die heilige Thiatildis wurde von frühester Kindheit an zu Ewerswinkel bei Warendorf in dem Haus der seligen Eheleute Everword und Geva aufgezogen, die selbst keine Kinder hatten und deshalb die Enkelin des Bruders von Geva an Kindesstatt annahmen. Infolge eines augenfälligen Wunders, durch das die göttliche Güte das Leben und die Gesundheit der kleinen Thiatildis schützte, weihten sie die frommen Edelleute Gott und übergaben sie dem heiligen Dienst an der Kirche zu Freckenhorst. Es lag nämlich das Kind mit offenen Augen in seinem Bettlein und spielte mit einem Apfel, den ihr die Pflegemutter bei ihrem Weggang aus dem Haus gegeben hatte, damit es nicht weinen sollte. Als Everword eintrat, richtete sich die kleine Thiatildis auf, drehte sich aus dem Bettlein, um fröhlich den Nährvater zu begrüßen, und fiel, ohne dass der es bemerkte, in einen Kessel voll siedenden Wassers. Everword erschrak aufs höchste, zog Thiatilde aus dem Wasser und erzählte seiner Frau das unglückliche Ereignis. In ihrer Angst fassten sie den Entschluss, das Kind dem steten Dienst Gottes zu weihen, wenn es ihm gefiele, das schrecklich verbrannte und gefährdete Kind zu heilen. Der Himmel zeigte sich diesem Gelübde gewogen. Kaum hatten sie sich nach ihrem inbrünstigen Gebet erhoben, so fanden sie das Kind schlafend. Sie wecken es auf, untersuchen, waschen es und sehen es nicht nur fröhlich und wohlgemut, sondern auch frei von jeder Verletzung, so dass auch nicht einmal die geringste Spur des Unglücksfalles am Körper erschien. Wer war glücklicher, als diese frommen Eheleute? Voll Dank Gott gegenüber für dieses plötzliche Wunder, trafen sie die eifrigste Fürsorge, das Mädchen zu solcher Heiligkeit heranzubilden, die der Dienst Gottes und die Würde der Religion von einer Gott geweihten Jungfrau verlangt.

 

Nachdem Thiatildis ihre Kinderjahre zurückgelegt hatte, übergab sie sich ganz dem göttlichen Dienst in dem Jungfrauenstift zu Freckenhorst, das Everword gestiftet hatte, und ließ keinen Tag vorübergehen, ohne einen weiteren Schritt zur Heiligkeit zu tun und sich mit Tugenden zu schmücken. Sie war die erste Äbtissin dieses Frauenklosters und führte dieses Amt mit einem solchen Eifer, dass sie allen das Muster eines vollkommenen Lebens wurde. Was sie ihre Ordensfrauen lehrte, tat sie selbst, wozu sie ermahnte, hatte sie selbst geübt, was sie befahl, hatte sie zuerst ausgeführt. Mit einem Wort, obgleich sie unter Menschen weilte, erschien ihr Leben mehr ein Engel- als Menschenleben. Reich an den schönsten Tugenden und Verdiensten ging sie zum Himmel ein am 30. Januar um das Jahr 865, und wurde in der Kapelle, die nach ihrem Namen St. Thiadilden-Kapelle genannt wird, an der linken Seite des Chores der Stiftskirche zu Freckenhorst beigesetzt.

 

Das Kreuz zu Freckenhorst

 

Die gelehrten Bollandisten knüpfen an das Leben der heiligen Thiatildis die Geschichte des wunderbaren Kreuzes zu Freckenhorst. Die heilige Äbtissin flehte inbrünstig zu Gott, er möge ihr zum ständigen Schutz ihrer Kirche Reliquien geben. Als sie eines Tages heftiger den Himmel mit ihren Bitten bestürmte, sah sie plötzlich durch das Gewölbe des Tempels ein Kreuz vom Himmel fallen und auf dem Estrich zu ihren Füßen niedersinken. Sogleich eilte sie hocherfreut zu einem Priester, damit er das heilige Pfand von der Erde aufnehme und auf den Altar stelle. Von der Zeit an hielt sie mit ihrer ganzen Genossenschaft das Kreuz in höchsten Ehren.

 

Einst besuchte die Äbtissin ihr Bruder und klagte, er habe viel Unglück und Fehde mit seinen Feinden und Nebenbuhlern. Die gütige Schwester entgegnete, sie habe ein sicheres Schutzmittel in dem heiligen Kreuz. Wenn er es mit sich führe, so zweifle sie nicht, dass er alle Unglücksfälle und Feinde besiege und weiteren Schaden verhüte. Was konnte dem Bruder erwünschter sein, als ein solches Unterpfand? Er bat um das Kreuz und sie überließ es ihm unter dem feierlichen Versprechen, dass er es ihr zurückstelle, sobald er den Feind überwunden habe. Aber was galt die Treue einem siegestrunkenen Soldaten? Er hielt mit seinen Gesellen Rat, wie er das so heilbringende Kreuz für sich behalten könnte. Sie rieten ihm, er solle seinem Gelübde gemäß das Kreuz zurückbringen lassen; sie wollten indes Soldaten ausschicken, die es mit bewaffneter Hand zurückbrächten. So geschah es. Die Äbtissin schmerzte eine solche Gottlosigkeit so tief, dass sie bald darauf starb.

 

Der Bruder wurde nicht wenig durch den plötzlichen Tod seiner Schwester erschrocken, da er sich die Schuld ihres frühen Endes beimessen musste. Deshalb ging er nach Lievland, um im heiligen Krieg gegen die Feinde des christlichen Namens seinen Frevel zu büßen. Das Kreuz nahm er mit und stellte es in einer Kirche auf, wo es von den Gläubigen sehr verehrt wurde. Einige Zeit darauf entstand in der Stadt ein großes Wehgeschrei über das Näherrücken der Feinde, und ein solcher Schrecken, dass selbst der Priester, der schon zur heiligen Messe an den Altar getreten war, sofort die Gewänder ablegte und zu den Stadtmauern eilte. In diesem Tumult blieb nur ein Mann, namens Legwik, in der Kirche. Plötzlich erscholl eine Stimme vom Himmel und mahnte ihn, er solle heimlich das Kreuz vom Altar nehmen, in seine Tasche stecken und nach Freckenhorst zurücktragen. Er gehorchte, aber weil sich schon das Gerücht vom Verlust des Kreuzes verbreitet hatte, sah er nicht weit von der Stadt auf einer Brücke eine Menge Männer stehen, die alle Vorübergehenden untersuchten, ob einer vielleicht das ihnen weggenommene Pfand in der Tasche trüge. Der in die Enge getriebene Mann flehte im heißen Gebet zu Gott und er sah das Kreuz von selbst aus der Tasche in das Wasser springen, bis er den spähenden Augen und Händen der Männer entgangen war.

 

Nach einer halben Meile sah der Hocherfreute das Kreuz wieder in seiner Tasche und setzte seine Reise glücklich fort. Gegen Abend kam er in ein Gasthaus und bat die Witwe des Hauses, sein Heiligtum für die Nacht unverletzt zu bewahren. Ihrem Versprechen getreu, wachte die Frau bei dem Kreuz und sah in der Nacht bei ihm brennende Lichter und hörte den schönsten Engelgesang. Entzückt von dem Wunder, wollte die Frau das kostbare Pfand nicht herausgeben. Betrübt und weinend ging der Mann aus dem Gasthaus und setzte die Reise mit dem heißesten Gebet fort, Gott möge ihm den Schatz zurückgeben, um ihn nach seinem Bestimmungsort bringen zu können. Er wolle in der Folge vorsichtiger sein. Was geschieht? Während er mit Seufzern und Flehen den Himmel bestürmt, sieht er plötzlich wieder das Kreuz in seiner Tasche, und seine Freude war so groß, dass er die weitere Beschwerde der Reise gar nicht achtete. Endlich kam er nach Westfalen und in ein Dorf, das nahe bei Freckenhorst liegt. Dort ließ er das Kreuz zurück, eilte zu dem Jungfrauenstift und erzählte allen Nonnen mit großer Freude, unter welchen Wundern er das lange vermisste Kreuz nach Gottes Geheiß zurückgebracht habe. Unverzüglich zogen die Geistlichen und das Volk mit Kreuzen und Reliquien in feierlicher Prozession dem heilbringenden Kreuz entgegen und führten es zur Kollegiatkirche, wo es fortan bis auf unsere Zeit an Wundern reich berühmt war und vom gläubigen Volk besonders am Fest Kreuzauffindung hoch verehrt wird.