Der heilige Theodosius, Erzvater der Mönche, Abt und Bekenner in Judäa, + 11.1.529 - Fest: 11. Januar

 

Vier vortreffliche Männer mit dem Namen Theodosius sind fast in einem Jahrhundert berühmt geworden, zwei Kaiser und zwei Ordensmänner. Waren jene ausgezeichnet durch Herrschertugenden und Eifer für die Kirche, wobei freilich der zweite Theodosius der Irrlehre nachgab, so diese durch große Heiligkeit des Lebens und reiche Verdienste um das Mönchswesen im Orient. Dieses, erst in den Anfängen der Entwicklung begriffen, nahm rasch einen solchen Umfang an, dass wir ungläubig lauschen, wenn wir von vielen Tausenden hören, die nach gemeinsamer Regel unter einem Vorsteher zusammen lebten. Theodosius, der jüngere der zwei Klostergründer gleichen Namens, ist weitaus der berühmtere, da er sich den Ehrentitel eines Zönobiarchen, d.h. eines Erzvaters oder Vorstehers der in Gemeinschaft Lebenden (der Mönche) sich erwarb.

 

Geboren um das Jahr 424 im Dorf Garissos in Kappadozien in Kleinasien und unter der Hut guter Eltern aufwachsend, wurde Theodosius in der Jugend Psalmensänger und Vorleser in der Kirche, wodurch er mit den Heiligen Schriften vertraut wurde. Angezogen vom Leben der Väter in der Wüste, verließ er seine Heimat und pilgerte nach Palästina. Unterwegs wollte er den heiligen Simeon, den vielbewunderten Säulensteher, besuchen, um seinen Segen und seine Gebetshilfe zu erbitten. Vom Heiligen Geist erleuchtet, rief der merkwürdige Mann schon von weitem den Ankömmling mit Namen: „Theodos, Diener Gottes, sei mir willkommen!“ Erstaunt und verwirrt über den unerwarteten Gruß, konnte dieser nur mit einer tiefen Verdemütigung erwidern, in dem er sich mit dem Angesicht auf die Erde warf. Aber Simeon hieß ihn zu sich auf die Säule kommen, umarmte ihn zärtlich, sagte ihm einiges voraus, was ihm begegnen werde, und bestärkte ihn in seinem Vorhaben.

 

In der heiligen Stadt wählte sich Theodosius zum Lehrer im geistlichen Leben den hochbetagten Mönch Longinus, der in einer Zelle des sogenannten Turmes Davids wohnte. Dieser pries sich glücklich, einen so tugendhaften Jünger gefunden zu haben, entließ ihn dann aber auf Drängen einer reichen Frau namens Ikelia, die eine prächtige Marienkirche an der Straße nach Bethlehem erbaut hatte, zum Dienst an dieser Kirche. Er wird also wohl schon damals Priester gewesen sein. Doch entsagte er diesem Amt, das er nur auf ausdrücklichen Befehl seines Oberen übernommen hatte, auch bald wieder aus Furcht, die vielen Lobeserhebungen, die seiner trefflichen Amtsführung und seinen Tugenden zuteilwurden, möchten sein Herz verderben. Er wanderte in der Wüste Juda weiter ostwärts und bezog auf einem Berg eine Höhle. Hier lebte er, ganz der inneren Sammlung ergeben, in solcher Zerknirschung des Herzens, dass bei seinen ganze Nächte währenden Gebeten häufige Tränen der innigsten Rührung flossen. Gemüse und wilde Kräuter waren seine ganze Nahrung. Den Genuss von Brot hatte er sich gänzlich versagt. Dreißig Jahre lang übte er diese große Entsagung, bis später eine Milderung gebeten erschien.

 

Gedachte so Theodosius sich den Blicken der Menschen zu entziehen, so gab Gott seiner Tugend einen Solchen Glanz, dass er wie ein helles Licht sich selber entdeckte, um anderen nützlich zu werden. Bei dem allgemeinen Zug nach einem vollkommenen Leben, der damals alle Wüsten bevölkerte, kamen Heilsbegierige auch zu dem heiligen Einsiedler und baten, sich ihm als ihrem Führer anschließen zu dürfen. Da er hierin den sichtbaren Willen Gottes zu erkennen glaubte, so konnte er nicht widersprechen. Nur bis sieben sollte die Zahl der Jünger gehen, aber wie gewaltig ist sie in der Folge gewachsen!

 

Als erste eindringliche Lehre wollte Theodosius unvergesslich die Nützlichkeit des Andenkens an das Ende, an den Tod einprägen. Daher ließ er eine für die ganze Gemeinde bestimmte Grabstätte machen. Als sie vollendet war, führte er seine Brüder dahin und sprach in seiner einnehmenden Art, mit der er die ernstesten Dinge durch gewinnende Freundlichkeit zu mildern wusste: „Hier ist uns allen das Grab bereitet; aber wer von euch wird es einweihen?“ Einer von ihnen, Basilius, ein Priester, nahm das Wort als ihm geltend auf. Er warf sich vor dem Vorsteher auf die Knie und bat um seinen Segen. Der Heilige, der in die Zukunft zu schauen vermochte, wusste, dass Gott wirklich das Opfer des Basilius annehmen würde, ließ ihn in die Grabstätte eintreten und für ihn die Gebete für die Verstorbenen verrichten, wie sie am Tag des Hinscheidens und am dritten, neunten und vierzigsten Tag üblich waren. Bekanntlich ist heute noch in der Kirche der Dritte, Siebente und Dreißigste in Gebrauch. Und merkwürdig! Nach Schluss dieser Gebete, am vierzigsten Tag, verfiel Basilius, ohne vorher ein Fieber oder sonst einen Schmerz gehabt zu haben, in einen sanften Schlaf, der ihm zum Todesschlaf wurde.

 

Diesem ersten Zeugnis, das Gott für die Tugendgröße seines Dieners Theodosius ablegen wollte, folgten noch mehrere. Das zog aber eine große Zahl von Schülern an und zwang schließlich den Vorsteher, ein geräumiges Haus zu ihrer Aufnahme zu bauen, nachdem er Gottes augenscheinlichen Willen hierzu erkannt hatte. Männer aus allen Ständen, Beamte, Gelehrte, Kaufleute, Militärpersonen entsagten ihren Stellen, und wie ein Wunder war es zu schauen, wie eine so große Verschiedenheit der Stände und Nationen sich eines Sinnes an einem Ort zusammenfanden. Was aber noch wunderbarer zu schauen war, das war die treffliche Ordnung und Einrichtung, die Theodosius, die Seele des Ganzen, dem scheinbaren Wirrwar zu geben wusste. Zelle um Zelle, Gebäude um Gebäude wuchsen, so wie es das Bedürfnis verlangte, wuchsen zur Form einer Stadt in der Wüste, deren Ruinen noch heute den Namen Der-Dosi (Theodosius) führen. Die Mönche waren nach ihren Wohnräumen und teilweise auch im Gottesdienst in drei Abteilungen geschieden. Die griechisch Redenden aus dem Reich, die Armenier, zu denen auch Perser und Araber zählten, und als dritte, die Bessen, slavonische Völker aus Thrazien und den nördlichen Ländern, hatten jede ihre eigene Kirche. Darin hielten sie die sieben kirchlichen Tagzeiten und den vorbereitenden Teil der heiligen Messe bis zum Evangelium. Dann versammelten sich die Armenier und Bessen zur Feier der heiligen Geheimnisse und zum Empfang der heiligen Kommunion in der großen Kirche der Griechen. Eine vierte Kirche wurde errichtet für die Büßer, die Besessenen und Irrsinnigen, deren Heilung der Heilige mit besonders väterlicher Liebe und zartem Mitleid sich hingab. Mit dem Kloster waren dann drei Krankenhäuser verbunden für fremde Mönche und Einsiedler, für Laien besseren Standes und für Gebrechliche Arme. Ein Herbergshaus nahm die fremden Pilger auf, deren Zahl einmal so groß war, dass beinahe hundert besetzte Tische zu ihrer Speisung aufgestellt werden mussten. Da ereignete es sich auch mehr als einmal, dass Theodosius durch die Kraft seines Gebetes dem Mangel der erforderlichen Nahrungsmittel abhelfen musste.

 

Aus diesen Einrichtungen erhellt von selbst, dass die Brüder außer dem Gebet die Übung der christlichen Nächstenliebe und die Betätigung aller Handwerke und Arbeiten, wie man sie in einem so großen Haushalt brauchte, zu ihrer Pflicht gemacht hatten. Nie und nimmer, schon von Anfang an nicht, duldete man in den Klöstern den Müßiggang. Wo übrigens die Gottesliebe lebendig ist, da sucht und findet sie immer Wege, um auch das Wohl des Nächsten in opferfreudiger Liebe zu fördern.

 

Wegen der großen Verdienste um die Einrichtung des klösterlichen Lebens wurde Theodosius, dessen Kloster das größte in Palästina war, von den unter dem Vorsitz des Patriarchen Sallustius in Jerusalem im Jahr 493 versammelten Mönchen zum Archimandriten, zum Vorsteher aller Mönche des Heiligen Landes gewählt, während die Oberaufsicht über die Anachoreten oder Eremiten (Einsiedler) dem heiligen Sabbas (Fest 5. Dezember) übertragen wurde. Diese beiden Männer waren in treuer Freundschaft miteinander verbunden. Was sie aber so oft zusammenführte, das war die gegenseitige Erbauung, die Beratung in geistlichen Dingen und das Wohl der Kirche. In den damaligen Kämpfen gegen die Irrlehre des Eutyches, der die zwei Naturen in Christus leugnete, waren es diese beiden unerschrockenen Heiligen, die dem Eindringen des Irrtums in die Kirche von Jerusalem kräftig wehrten. Schon hatte der Erzbischof Johannes dem Treiben des hinterlistigen und gewalttätigen Kaisers Anastasius nachgegeben und der Kirchenversammlung von Chalcedon, durch die des Eutyches Irrlehre verworfen worden war, die Anerkennung versagt. Da bewogen Theodosius und Sabbas den Erzbischof zu öffentlichem Widerruf. Umgeben von den beiden Äbten, verkündete der Erzbischof von der Kanzel aus dem dichtgedrängten Volk die Verwerfung der Irrlehre und aller ihrer Anhänger. Als die drei von der Kanzel herabgestiegen waren, kehrte Theodosius in seinem Glaubenseifer nochmals dorthin zurück und rief feierlich aus: „Wer die vier heiligen Konzilien nicht wie die vier heiligen Evangelien annimmt, der sei im Bann.“ Der Plan, den mutigen Verteidiger der Lehre der Kirche in die Verbannung zu schicken, kam nicht zur Ausführung.

 

Dem so segensreich wirkenden Diener Gottes blieben auch die Leiden nicht erspart. Als ihm in seiner letzten, sehr schmerzhaften Krankheit jemand den Rat gab, von Gott Linderung zu erbitten, sprach er das schöne Wort: „Nein, nein, ein solches Gebet würde ein Zeichen der Ungeduld sein und mir meine Krone rauben.“ Sterbend konnte er auf 105 gottgesegnete Lebensjahre zurückblicken.

 

Er hat unserer heiligen Kirche viel Mühe und Kampf gekostet, die Lehre Christi in allen Stürmen rein und unverfälscht zu erhalten. Darum sei das Erbgut unseres Glaubens uns auch jederzeit ein treu zu hütendes Kleinod in den alles stürzenden Wirren unserer Zeit!