Der heilige Stanislaus, Bischof und Martyrer von Krakau, + 8.5.1079 - Fest: 7. Mai

 

Da lebte im 11. Jahrhundert in Polen ein christliches Ehepaar, vornehm und brav, dessen größter Kummer darin bestand, dass ihnen ein Kindlein versagt blieb. Dreißig Jahre beteten sie scheinbar vergebens um die Erfüllung ihres Herzenswunsches, bis ihnen endlich in ihren alten Tagen noch wie später Sonnenschein ein Sohn geschenkt wurde, der in der Taufe den landesüblichen Namen Stanislaus erhielt.

 

Mit jungen Jahren wanderte Stanislaus nach Paris, um auf der dortigen weltberühmten Hochschule zu studieren. Als er später heimkehrte, hatten Vater und Mutter das Zeitliche gesegnet. Stanislaus empfing die heilige Priesterweihe und wirkte so eifrig und gut an den ihm anvertrauten Seelen, dass der Papst ihn trotz seines Sträubens zum Bischof von Krakau in Polen ernannte.

 

Das Christentum steckte damals in Polen noch in den Kinderschuhen. Unter christlicher Decke glomm und schwelte das Heidentum mächtig weiter. Ein unvorstellbarer Aberglaube herrschte im Volk, und die großen des Landes waren über die Maßen der Völlerei und Sittenlosigkeit ergeben. Bischof Stanislaus tat seine Pflicht und ging scharf gegen die geschilderten Missstände vor, und weil er ein Mann ohne Fehl und Makel war und überdies durch eine unbegrenzte Wohltätigkeit das Volk auf seine Seite zog, wäre es ihm mit der Zeit auch wohl geglückt, die Polen von innen her christlich zu machen, wenn ihm nicht in dem König Boleslaus ein übermächtiger Gegner erwachsen wäre.

 

Dieser König war, mit einem Wort gesagt, ein Schandkerl, und weil Bischof Stanislaus dem königlichen Lumpen die Wahrheit kühn ins Gesicht schleuderte, kann man sich den Rest schon denken.

 

Einst hatte nämlich der Bischof für seine Domkirche von einem Mann mit Namen Peter ein Grundstück gekauft und es in Gegenwart amtlicher Zeugen bar bezahlt. Die Sache war also in Ordnung. Als der Verkäufer drei Jahre später starb, hetzte König Boleslaus die Erben auf und drängte sie, gegen Bischof Stanislaus bei Gericht Klage wegen Erbschleicherei zu erheben. So kam es zur Verhandlung, und weil auch die Zeugen des stattgefundenen Verkaufs, durch Drohungen eingeschüchtert, schwiegen, verurteilte das ungerechte Gericht in Gegenwart des höhnisch lachenden Königs den Angeklagten zur Herausgabe des Grundstücks. „Gut“, sagte der Bischof Stanislaus, „gebt mir drei Tage Zeit, dann bringe ich euch einen Zeugen, gegen den keiner ankommt.“ So sprach der Verurteilte, und das Gericht gab dem Begehren unter spöttischen Worten statt.

 

Bischof Stanislaus benutzte die gewährte Frist zu inständigem Gebet, und am dritten Tag zog er in feierlicher Prozession mit Kreuz und Fahnen nach dem Friedhof, ließ die Gruft des verstorbenen Grundstücksbesitzers öffnen und befahl diesem im Namen Gottes mit lauter Stimme, von den Toten aufzustehen und mit ihm zu gehen, damit er der Wahrheit Zeugnis gebe, und siehe da, das Unglaubliche geschah, im Angesicht einer ungeheuren Menschenmenge entstieg der Verstorbene dem Grab und folgte dem Bischof vor Gericht, wo er dem ehrlosen König, den ungerechten Richtern und seinen eigenen Erben wegen ihrer Schlechtigkeit ernst ins Gewissen redete.

 

Darauf kehrte der Mann nach dem Friedhof zurück, und als sich Bischof Stanislaus unterwegs anerbot, ihm noch einige Jahre Lebenszeit von Gott zu erbitten, lehnte er entschieden ab, indem er sagte, lieber wolle er in das harte Fegfeuer, in dem er sich befinde, zurückkehren, als sich noch einmal der Gefahr aussetzen, durch eine mögliche schwere Sünde das ewige Glück zu verlieren, dessen er nach erfolgter Läuterung sicher sei. Mit diesen Worten stieg Peter wieder in die offene Gruft, empfahl seine Seele dem Fürbittgebet der anwesenden Gläubigen und entschlief zum zweitenmal im Frieden des Herrn.

 

Man kann sich denken, dass die Begebenheit bei allen, die zugegen waren, den tiefsten Eindruck hinterließ und dass manche Bösewichte in sich gingen und fortan ein besseres Leben führten. Nur König Boleslaus machte eine unrühmliche Ausnahme, denn von jener Zeit an hasste er den bischöflichen Gegner noch zehnmal mehr, und weil er keinen anderen fand, tötete er einige Zeit später mit eigener Hand seinen Widersacher sogar noch während der heiligen Messe am Altar der Michaelskirche zu Krakau. Wehe dem Menschen, dessen Wille in der Sünde verhärtet und verstockt ist!