Die heilige Rosalia Sinibaldi, Einsiedlerin von Palermo, + 4.9.1160 - Fest: 4. September

 

Die heilige Rosalia wurde zu Palermo in Sizilien von adeligen, mit der königlichen Familie verwandten Eltern im Anfang des 12. Jahrhunderts geboren. Da ihre Mutter bei der Königin in Sizilien in großem Ansehen stand, so wurde auch die kleine Rosalia am Hof standesgemäß erzogen. Dass sie aber besonders zur Erkenntnis und Liebe Gottes angeleitet wurde, beweist ihre weitere Geschichte.

 

In ihren Jugendjahren bot ihr die Welt alle ihre Freuden, Güter und Genüsse an. Da von Natur das Herz eines jeden Menschen mehr zum Bösen als zum Guten geneigt ist, so war auch wohl sie von Versuchungen nicht frei. Dessen ungeachtet folgte sie mit einer solchen Entschlossenheit einem außerordentlichen Ruf der Gnade, dass sie, um den Gefahren der Welt zu entfliehen, ihre Eltern und den Hof unbemerkt verließ, und von nun an in jeder Beziehung ein in Gott verborgenes Leben führte.

 

Einige tausend Schritte von Palermo liegt der Berg Montreal, mit dichtem und finsterem Gehölz bedeckt. In einer abhängigen Lage des Berges sieht man eine zweifache Höhle, in deren Öffnung man einen langen, etwas von der Erde erhabenen Stein in Gestalt eines Bettes wahrnimmt. Dieser Stein ist von beiden Seiten mit Felsen umgeben, und durch sie vor Regen und Wind geschützt. Das Tageslicht fällt, außer dem engen Eingang, nur durch einige Ritzen ein. Diesen Aufenthalt zog die heilige Rosalia den prächtigen, mit jeder Bequemlichkeit versehenen Palästen der sizilianischen Könige vor, wie es in einer Inschrift heißt, die dort gefunden wurde. Sie lautet: „Ich Rosalia, eine Tochter Sinibalds, Herrn von Montreal und Roses, habe aus Liebe zu Jesus Christus, meinem Heiland, diese Höhle bewohnt.“

 

Von hier begab sie sich auf den Berg Pelegrino, der drei Meilen von Palermo entfernt liegt, wahrscheinlich, um mit der erweiterten Freiheit ihres Gemütes auch ihrem körperlichen Auge einen Blick ins Unermessliche der zu ihren Füßen liegende Schöpfung zu verschaffen. Denn seine Höhe gewährt eine herzerhebende Aussicht. Auf einer Seite sieht man das Meer, dessen Wellen donnernd und schäumend an seine Felsen schlagen; und an der Landseite liegen kleine Hügel mit Waldungen und blumenreichen Wiesen. Auf dem Gipfel des Berges eröffnet sich eine mehr als hundert Schuh tiefe Höhle, die sich in der Tiefe noch mehr ausbreitete, und im Grund eine kleine Öffnung bildet.

 

Von dem Augenblick an, als Rosalia am Hof unsichtbar geworden war, bemühten sich die Eltern unaufhörlich, ihren Aufenthalt zu erforschen. Als sie auf dem Berg Montreal die genannte Inschrift gefunden hatten, verdoppelten sie ihren Eifer. Gott fügte es aber, dass sie Rosalia in der eben beschriebenen Höhle nicht mehr am Leben fanden. Sie lag auf der Erde, unterstützte mit einer Hand ihr Haupt, und hatte die andere auf ihr ruhen, gleich einer schlafenden Person.

 

Sie vollendete dort das Opfer ihres Herzens durch Abtötung, Gebet und beständige Vereinigung mit Gott im Jahr 1160.

 

Als im Jahr 1624 Palermo, die Hauptstadt des Königreiches Sizilien, von der Pest hart mitgenommen wurde und dadurch sehr viele Einwohner verlor, gefiel es dem Herrn, einen Schatz bekannt zu machen, den seine Vorsehung auf dem nicht weit von dieser Stadt gelegenen, sogenannten Peregriniberge verborgen hielt. Dieser Schatz war der Leib der heiligen Rosalia, der über 400 Jahre in einer Kluft dieses Berges in der Höhlung eines Steines begraben lag, ohne dass man ihn sonst, ungeachtet aller angewandten Mühe, gefunden hatte. Am 15. Juli 1624 aber wurden die Reliquien der Heiligen auf wunderbare Weise gefunden und mit allgemeinem sehr großen Jubel in die Stadt Palermo gebracht, die mit Gelübden und Bitten diese heilige Jungfrau um ihren Schutz beim Allerhöchsten anflehte, damit sie von dem Pestübel befreit würden. Und sie erlangte die gewünschte Gnade, die Stadt wurde in kurzer Zeit von der ganzen Seuche frei. Die Heilige wurde daher zur Beschützerin und Patronin der Stadt gewählt, und von dieser Zeit an wurde sie allzeit sowohl zu Palermo, als auch in den übrigen Städten Siziliens und an anderen Orten, ganz besonders verehrt.

 

Als im Jahr 1743 die Pest zu Messina wütete und in kurzer Zeit sehr viele Einwohner dort hinwegraffte, nahm die Stadt Palermo, die in der Nähe von Messina liegt, durch eifriges Gebet wieder ihre Zuflucht zu ihrer Mitbürgerin Rosalia, um vor der bevorstehenden Seuche bewahrt zu werden. Sie gebrauchten dabei aber auch alle Vorsicht, die man in solchen Fällen gebrauchen soll, um Gott nicht zu versuchen und sich nicht unbesonnen einer Gefahr auszusetzen. Und ihr Bitten war nicht vergeblich: denn die Pest kam bis nach Palermo nicht, sie drang nicht einmal in die übrigen Städte Siziliens ein, denn auch sie riefen die heilige Rosalia um ihren Schutz an. Fast alle Orte besitzen Reliquien von ihr, die nach Auffindung ihres Leibes verteilt und eine Quelle des Segens bei allen Drangsalen wurden.

 

Gott hat wirklich auf die Fürbitte dieser heiligen Jungfrau an allen Orten vielen Menschen unzählige Gnaden verliehen. Dies zeugt denn hinreichend von ihrer besonderen Heiligkeit, obwohl uns einige Umstände aus ihrem Leben und ihren Tugenden nicht bekannt sind.

 

Wie unendlich gut ist der Herr! Schon in dieser Welt verherrlicht er seine Heiligen, wie und wann es ihm gefällt. Er zieht, wie der heilige Augustinus sagt, aus seinem verborgenen Schatz die Reliquien seiner Dienerinnen und Diener hervor, damit die Gläubigen ihnen Ehre erweisen, ihren Glauben dadurch wecken, und durch sie die ihnen notwendigen Gnaden von seiner Barmherzigkeit erlangen.

 

Wir lernen aus diesen Wundern auch, dass die Verehrung, die man nach der Lehre der katholischen Kirche den Heiligen und ihren Reliquien erweist, Gott wohlgefällig ist. Rufen wir daher in unseren Nöten zu ihnen, und hoffen wir, dass uns Gott auf ihre Fürsprache erhören wird. Nur vergessen wir dabei nie, was der heilige Augustinus sagt, dass die Heiligen sich unser lieber annehmen und die Gnaden, um die wir bitten, leichter erlangen, wenn wir uns bemühen, die Tugenden nachzuahmen, die sie während ihres Lebens auf dieser Erde ausgeübt haben.