Der heilige Prodrus, Franziskaner, Festtag: 19. Dezember

 

Aus einem unbekannten Buch entnehmen wir folgende auf den heutigen Tag eingesetzte Legende:

 

 

Schon in den ersten Zeiten des seraphischen Ordens befand sich im Konvent von Aracöli zu Rom ein Novize, an dem die Brüder durchaus kein Zeichen einer höheren Tugend zu bemerken vermochten, denn je genauer sich Prodrus beobachtet sah, desto sorgfältiger trachtete er, seine Handlungen zu verbergen. Während der Nacht aber, wenn die anderen sich der Ruhe überließen, schlich er allein in die Kirche und wachte vor dem hochwürdigsten Gut im Gebet und in der Betrachtung, bis der Morgen graute. Alsdann aber ging er in seine Zelle zurück und ließ sich schlafend antreffen. Als nun nach Ablauf des Noviziates über seine Aufnahme abgestimmt werden sollte, war niemand, der für ihn ein gutes Wort eingelegt hätte, und selbst der Novizenmeister wusste zu seiner Empfehlung nichts zu sagen, als dass ihm der einzige Umstand löblich scheine, dass der Jüngling bei der heiligen Beicht so viele Tränen vergieße. Daher fällte der Provinzial, Pater Regnerius de Seins, auch keine Entscheidung, bevor er sich hinsichtlich dieses ungewöhnlichen Menschen selbst überzeugt habe. Als er daher in der Nacht die Zelle des Novizen, der schon früher schlafen gegangen war, durchsuchte, fand er das Lager leer und traf den Vermissten in der Kirche vor einem Bildnis der allerheiligsten Jungfrau verzückt und hoch über dem Boden erhoben, wie er die Himmelskönigin unter vielen Tränen anflehte, sie möchte die Herzen der Brüder zur Nachsicht gegen ihn stimmen, damit er nicht aus dem Orden verstoßen werde. Am folgenden Tag offenbarte der Provinzial dem versammelten Konvent, was er gesehen, und so wurde Prodrus einstimmig aufgenommen und fortan besser in Ehren gehalten. Dies fiel aber dem demütigen Bruder so schmerzlich, dass er nach abgelegter Profess den P. Provinzial flehentlich bat, in ein anderes, entlegenes Kloster, wo ihn niemand kenne, versetzt zu werden.