Der selige Petrus Lieou, Gärtner und Katechet, Märtyrer in China, + 17.5.1834 - Gedenktag: 17. Mai

 

Die Kraft des christlichen Glaubens leuchtet in den Bekennern der neueren Zeit in derselben ungebrochenen Lebensfreude und Erhabenheit wie in den ersten Verfolgungen des römischen Heidentums. Nur ein Gefühl der Bewunderung kann uns erfassen, wenn wir das Lebensbild eines einfachen Mannes aus dem heidnischen Reich China vor unseren Augen erstehen lassen, der erst in schwerem Kampf mit seinen Eltern um den Glauben ringen muss, der um dieses Gutes wegen eine langjährige, entbehrungsreiche und leidensvolle Verbannung duldet und schließlich im hohen Alter noch freiwillig die Hände nach der Palme des Martyriums ausstreckt.

 

Kwej-Yang-Fu, die Hauptstadt der Provinz Kweitschou, ist der Geburtsort wie auch die Todesstätte des seligen Lieou oder, wie er auch genannt wird, Quen-Yen. Buddha war der Gott seiner Jugend und die Ahnen, die bei den Chinesen in fast göttlichen Ehren stehen, gaben seinem Streben die Ideale. Doch ließ ihm Gott bald die wahren, ewigen schauen. Ein seinem elterlichen Haus benachbarter Christ, Xaver Quang, hatte Lieou ob seiner trefflichen Eigenschaften liebgewonnen. Er zog ihn an sich, sprach gelegentlich über religiöse Dinge und zeigte ihm die Wahrheit des Evangeliums. Klar trat dem Jüngling die hohe Überlegenheit des Christentums über den Buddhismus entgegen. Gottes Gnade fand in dem unverdorbenen Herzen des jungen Mannes einen offenen Nährboden. Nachdem er einmal die Wahrheit erkannte, tat er auch den entscheidenden Schritt: er empfing die Taufe, obwohl er wusste, dass er sich dadurch den unversöhnlichen Groll seines stockheidnischen Vaters zuziehen würde. Dieser entlud denn auch seinen ganzen bisher den Christen geltenden Hass auf seinen „ungeratenen Sohn“. Bitten, Drohungen, Vorwürfe, Schläge und andere Unbilden wurden nicht gespart. Doch Petrus blieb Christ, und der Vater ergab sich schließlich.

 

Nach diesem ersten siegreich überstandenen Kampf erhoben sich andere mächtigere Feinde, die dem mutigen Streiter härter und länger zusetzten, die staatlichen Verfolger. Einige Zeit konnte Petrus, der das Gärtnereigeschäft betrieb, ungestört in seiner Vaterstadt leben. Wohl wurde er im Jahr 1797 als Christ bei der Behörde angegeben und, den Verordnungen gemäß, mit anderen Christen nach Peking in die Gefangenschaft gebracht. Seinem am kaiserlichen Hof einflussreichen Gönner Quang gelang es aber, ihm nach einigen Monaten die Freiheit wieder zu erwirken. Indessen setzte die Verfolgung Kaiser Kia-Kings 1811 erst mit ganzer Schärfe ein. Im dritten Jahr, wo sie am heftigsten um sich griff, wurde Lieou aufs Neue von einem Heiden angezeigt, in Ketten nach Peking gebracht und, weil er sich weigerte, dem christlichen Glauben zu entsagen, zusammen mit einer beträchtlichen Anzahl Leidensgefährten in die Verbannung nach der Tatarei geschickt.

 

Das war nun nicht ein einfaches Ausgewiesensein von der Heimat und den Angehörigen, es war Verurteilung zur Sklaverei in ihrer schlimmsten Art, ein Martyrium, das nicht nur Stunden und Tage, das viele Jahre hindurch mit körperlichen und seelischen Qualen auf die christlichen Dulder einwirkte und geeignet war, auch die Kräftigsten zu zermürben und, wenn nicht Gottes Gnade sie stützte, wankend zu machen. Lieous Herr war ein grausamer, herzloser Tatar, der seinen Sklaven mehr wie ein Tier als wie einen Menschen behandelte. Petrus litt Unsägliches, litt schweigend und geduldig, wie ein Christ, der den Geist Jesu Chisti vollkommen erfasst und in sich aufgenommen hat. Gütig verzieh er seinem Peiniger. Die schweren Misshandlungen erschütterten schließlich die Gesundheit Lieous so sehr, dass er krank und zur Arbeit unfähig wurde. Da war er dem Herrn nur mehr eine Last, die man abwirft. So lag der arme und doch glückliche Christ im dreizehnten Jahr seiner Gefangenschaft auf der Straße, frei, wie das ausgebrauchte Geschirr auf dem Scherbenhaufen, allein, hilflos, fern der Liebe der Seinen, unter Fremden, denen der Christensklave wertlos, nur der Verachtung wert war. Er wäre dem Verderben anheimgefallen, hätte nicht des himmlischen Vaters Güte über seinem Kind gewacht, um es zu noch größerer Prüfung, damit aber auch zu noch größerer Herrlichkeit zu berufen. Eine mitleidige Familie erbarmte sich des Verstoßenen, pflegte ihn und brachte ihn so wieder zu Kräften.

 

Um diese Zeit, 1827, erhob sich in der Tatarei ein Aufstand gegen den neuen Kaiser Tao-Kuang. Die Aussichten standen gut. Für die Christen wäre es eine günstige Gelegenheit gewesen, sich der Empörung anzuschließen und die Freiheit zu erringen. Doch von der Art sind wahre Christen nicht. Sie kennen nur den Weg des Rechtes, nicht den der bloßen Nützlichkeit. Die Urchristen in der römischen Arena grüßten die Kaiser und beteten für die, die sie zum Tode führten. Die Martyrer der Tatarei dachten nicht weniger edel. Sie standen treu zu den kaiserlichen Truppen, halfen ihnen zum Sieg und widerlegten so schlagend den Vorwurf der Treulosigkeit gegen Kaiser und Reich. Für solche Tugend klang auch im Herzen des Heiden eine Saite an. Tao-Kuang gab aus Dankbarkeit den verbannten Christen die Freiheit wieder. Frohlockend kehrten sie zu den Ihrigen zurück. Petrus Lieou konnte seine Gattin und zwei Söhne unter Tränen der Freude und dem Dankgebet gegen Gott in seine Arme schließen. Im Frieden des häuslichen Glückes heilten die Wunden der Verbannung, eine ruhige, ungestörte Zukunft schien dem in der Treue Erprobten gesichert. Aber eben diese Treue gegen Gott und den Kaiser hatte der wahre „Herr des Himmels“ mit einer köstlicheren, dauernden Krone zu belohnen beschlossen.

 

Eine Tat der Liebe gab den Anlass, dass der selige Lieou noch sein Leben dem Herrn zum Opfer hingeben durfte. Im öffentlichen Krankenhaus zu Kwej-Yang-Fu starb ein armer Christ. Der buddhistische Vorsteher traf Vorbereitungen, ihn nach seiner Art bestatten zu lassen, fand aber bei Petrus und seinen Söhnen und anderen Christen, die eine christliche Leichenfeier forderten, Widerstand. Darüber erbost, verklagte sie der Vorsteher wegen Störung der gesetzlichen Ordnung. Der Stadtpräfekt ließ sie ohne weiteres verhaften, nur Lieou wurde wegen seines hohen Alters – er zählte etwa vierundsiebzig Jahre – verschont. Das schmerzte aber den guten Mann, der das Los seiner Kinder teilen und sie in der Standhaftigkeit bestärken wollte. So nahm er Abschied von seiner ihm gleichgesinnten Frau und versuchte in das Gefängnis der Christen Einlass zu bekommen. Doch die Wächter wiesen ihn ab. Nun mischte er sich als Gärtner, mit einem Korb Gemüse am Arm, unter die Verkäufer, die täglich den Gefangenen Nahrung brachten. Schon eingelassen, wurde er aber von einem Soldaten erkannt und verhaftet. Zum dritten Mal trug der Mutige jetzt um des Namens Jesu willen die Fesseln. Werden sie ihm diesmal die lang ersehnte Gnade des Todes für seinen Herrn und Gott bringen? Freudig und trostvoll sah er ihm entgegen. Doch ist das noch die Sprache eines Menschen oder die des Geistes von oben, den ja der Heiland denen versprochen hat, die seinetwegen vor den Richterstühlen stehen werden? Als der Mandarin den greisen Bekenner fragte, weshalb er denn in das Gefängnis eingedrungen sei, gab dieser die treffende Antwort: „Wenn es ein Verbrechen ist, sich zur christlichen Religion zu bekennen, so bin ich schuldbarer als meine Söhne und muss daher wenigstens gerade so bestraft werden wie sie. Ich habe sie ja zu Christen gemacht, denn ich habe sie in der christlichen Religion unterrichtet. Es falle daher die Strafe auf mich. Bin ich aber nicht strafbar, so sind es auch meine Söhne und ihre Frauen nicht, und ihr müsst ihnen dann die Freiheit geben.“ Zehn schwere Backenstreiche waren die Strafe für die freimütige Sprache. Der Selige aber dankte den Soldaten für die erhaltenen Schläge. Noch verwunderlicher war es, dass aus dem Gefängnis frohe Lieder erklangen. Die Soldaten staunten, Petrus aber verstand diese Töne. Sein Wort und Beispiel hat den Christen den Mut gestärkt und die Hoffnung auf die himmlische Freiheit mächtig gehoben. Bald traf sie das Urteil der Verbannung.

 

Willig und freudig nahmen die christlichen Gefangenen die Kunde von der Verhängung einer langen, schweren Leidenszeit auf. Einer nur war bis zur Vergießung von Tränen schmerzlich betrübt, Lieou, ihr verehrter Vater und Lehrer, der wiederum das Los seiner Söhne und Gefährten nicht sollte teilen dürfen. Wie wahr und innig konnte er darum flehen! „Du wirst nach Lan-Lou gehen,“ entschied der Richter. Nun war der treue Alte zufrieden. Der Weg nach Lan-Lou führte zur Richtstätte. Seinen altersmüden Füßen mutete man nur den kurzen Weg zum Ziel zu, seine jüngeren Freunde durfte er auf längerem, steinigem Aufstieg vertrauensvoll der Hand der gütigen Vorsehung überlassen. Sie zur Ausdauer und Beharrlichkeit immer wieder zu ermutigen, sich selbst aber auf das letzte Stündlein bestens vorzubereiten, benützte der edle christliche Lehrer die wenigen Monate bis zum Eintreffen der kaiserlichen Urteilsbestätigung. Am 17. Mai kam sie an. Sie lautete für Lieou auf sofortige Erdrosselung wegen Rückfalls in das Bekenntnis der christlichen Religion und Verbreitung derselben.

 

So stand der Selige wohlbereitet auf dem Höhepunkt seines schönen, opfer- und verdienstreichen Lebens. „Ich bin bereit“, das war auch sein letztes Wort auf dem Richtplatz, nachdem er sich kniend im Gebet dem Herrn zum Opfer gebracht hatte. Noch einmal drückte er sich das Zeichen der Erlösung auf Stirn, Mund und Brust, dann vollzog der Henker sein Werk und in kurzer Frist entrang sich die freie Seele dem gewaltsam entlebten Leib des Christen.

 

Doch siehe! Auch der Himmel will sein Wohlgefallen zeigen an der Glaubenstreue dieser neuen Heldenchristen. Noch hielten die Schergen den Strick in der Hand, da zeigte sich über dem Martyrer eine leuchtende Kugel. Staunend blickten alle in die Höhe und schauten, wie der wunderbare Lichtball sich langsam herniedersenkte, die Todesstätte umkreiste, über dem Seligen ruhen blieb, ihn mit sonderbarem Glanz übergießend und nach einigen Minuten verschwand. Vor Schrecken fast erstarrt, sahen Richter, Soldaten und Zuschauer das wunderbare Schauspiel. Doch noch mehr des Staunens! Ein schönes blendendweiß gekleidetes Knäblein trat zu dem Toten, trocknete mit weißem Linnen das Blut, das aus Mund und Nase träufelte und verschwand ungesehen, wie es gekommen war. Die Anwesenden ergriff nun eine allgemeine Panik. Erschreckt über diese unerklärlichen Ereignisse flohen sie eilends von der unheimlichen Stätte. Die Schergen, die nach zwei Tagen den Leib des Martyrers noch biegsam fanden, gestanden einander: „Es ist wunderbar, dieser Mensch scheint nicht tot zu sein.“ „Die christliche Religion ist gewiss eine gute.“ Das geschah im Jahr des Heiles 1834.

 

Der Ruf des Seligen verbreitete sich in der ganzen Gegend. Sein Grab wurde viel besucht, und Gebetserhörungen der verschiedensten Art verherrlichten den Martyrer. Hatte doch Gott selbst augenscheinlich seinen Diener bezeugt. Soll der Allmächtige, der in den ersten Anfängen des Christentums seinen Getreuen das Siegel der Beglaubigung so oft wunderbarerweise aufgedrückt hat, in den Heidenländern, denen erst in unseren Zeiten das Licht der Wahrheit zu leuchten beginnt, nicht gleich sieghaft seinen Namen unter den Völkern verherrlichen? Freuen wir uns des Wunderzeichens vom Himmel. An seiner Beglaubigung zu zweifeln, wäre nicht recht, da es ein Geschichtsschreiber berichtet, dem sichere Quellen und die Akten des Seligsprechungsprozesses, der im Jahr 1900 vollendet wurde, zur Verfügung standen.

 

 

Ehre dem Glaubenszeugen, Ehre dem treusorgenden Vater, der inmitten einer feindlichen Umwelt, sich selbst vergessend, das Seelenheil der Seinen zu sichern weder Gefahr noch Tod scheut! Der älteste Sohn starb kurz nach dem Vater noch im Gefängnis, der andere zog mit Frau und Schwägerin in die Verbannung. „Glückselig alle, die da fürchten den Herrn, die wandeln auf seinen Wegen! . . . Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock an den Wänden deines Hauses, deine Kinder wie Ölbaumsprossen um deinen Tisch herum. Siehe also wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet.“ (Psalm 127)