Die heilige Pauline von Schwarzburg (auch von Thüringen), Witwe, Stifterin von Kloster Paulinzella, Reklusin in Thüringen, + 14.3.1113 - Fest: 14. März

 

Thüringen, jetzt Diasporagebiet, besaß im Mittelalter mehrere heilige Stätten. Am romantischen Flusslauf der Schwarza, wenn der Wanderer vom Trippstein aus das einzig schöne Bild von Schwarzburg mit seinem Schloss genossen hat, begegnen ihm, von Blankenburg aus nach Westen weiter marschierend, nach einer kleinen Steigung der Straße, mitten in eine grüne Wiese gebettet, umlagert von einigen Häusern, eingeschlossen ringsum von Tannenwald, die Ruinen der alten Abteikirche Paulinzelle. Mächtige Wände und Pfeiler ragen empor, aber kein schirmendes Dach breitet sich mehr darüber. Sonne und Sterne schauen neugierig in diese stille Welt hinein, und wenn des Nachts das milde Licht des Mondes das Ganze übergießt, mag es wie ein Bild aus der Märchenwelt erscheinen. Da, wo einst das Chor mit dem Hochaltar stand, ist nun der Zutritt unbehindert. Eine breite Lücke klafft hier auf. Rechts und links ragen hohe Pfeiler empor, zwölf an der Zahl, die zum Teil ausgebessert und mit eisernen Bändern versehen sind. So hat man die mächtige Ruine zu stützen und zu erhalten versucht. Und sie verdient es, denn sie ist vielleicht die bedeutendste und glänzendste ihrer Art in Deutschland, ein ganz hervorragendes Baudenkmal romanischer Kunst aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts. Der Zugang von Westen führt durch ein baulich merkwürdiges Tor ins sogenannte Paradies, in die Vorkirche, neben dem sich noch der eine Turmstumpf erhebt mit einer alten Glocke. Halb in die Erde eingesunken, ruht zur Linken ein großes Steinbecken, einst wohl für das Weihwasser dienend. Im linken Seitenschiff, dessen äußere Mauer, im Gegensatz zur anderen Seite, noch erhalten ist, ruhen angelehnt sechs alte, großenteils verwitterte Grabsteine, deren Bilder noch einigermaßen zu erkennen sind. Wo einst der Hochaltar in seiner Pracht sich erhob, zur Seite des Benediktusaltars, ruhen noch heute im Schoß der Erde die Reste der merkwürdigen Frau, die mit einer geradezu männlichen Kraft und Beharrlichkeit das Ziel ihres Lebens durchzuführen wusste, die Stiftung des nach ihr benannten Doppelklosters Paulinzelle.

 

Die Einführung der Reformation durch die Schwarzburger Grafen 1533 war der Beginn des Untergangs für das Kloster. Johann V. Schidt war von 1528 bis 1541 der letzte Abt von Paulinzelle und versuchte noch einen tapferen, aber fruchtlosen Widerstand gegen die drohende Auflösung. Die Güter wurden durch Verfügung der weltlichen Gerichte verpachtet oder zwangsverwaltet. Der Kirchenschatz und alle Besitzungen des Klosters wurden eingezogen. Später dann, während der Bauernkriege, wurde das Kloster geplündert und im weiteren Verlauf der Reformation gänzlich aufgehoben. Nach der Aufhebung begann natürlich der allmähliche Verfall der gesamten Anlage des Klosters und vorhandene Sandsteine wurden für andere bauliche Zwecke entwendet: Das einst so segensreiche Kloster Paulinzelle wurde schließlich zu einem Steinbruch. Im 17. Jahrhundert brach in der gesamten noch vorhandenen Anlage ein verheerendes Feuer aus und im Anschluss daran verkamen die Reste zur völligen Ruine.

 

Die heilige Pauline ist eine Zierde ihres längst erloschenen Geschlechtes, das dem Stamm der Käfernburger Grafen, der Stifter von Kloster Georgental, angehörte. Schon der Vater Moricho, Truchsess am Hof des unglücklichen Heinrich IV., entsagte nach dem Tod seiner Gattin allen weltlichen Ehren und suchte und fand den Frieden im bekannten Kloster Hirsau im Schwabenland. Die Tochter Pauline, eines der vier Kinder, war auf Wunsch der Eltern zweimal vermählt. Den ersten Gatten verlor sie als Opfer einer Feuersbrunst. Dann vermählte sie sich abermals mit einem hochangesehenen Ritter Udalrich von Schraplan. Aber die Reize der Welt hatten nie Macht über die junge Gräfin von Schwarzburg gewonnen, deren Herz von frühester Kindheit an Gott gehörte. Ihr Kleid war auffallend schlicht und ärmlich, auf Reisen benützte sie ein minderwertiges Lasttier zum Reiten. Der zweite Gemahl Ulrich, der ihre Gesinnung teilte, legte ihr bei ihren Werken der Buße und christlichen Barmherzigkeit nichts in den Weg, er tadelte sie mit keinem Wort, wenn sie die Kranken pflegte, ihr Geschmeide an Arme verschenkte oder bei großer Tafel sich insgeheim mit Aschenbrot und Wasser begnügte.

 

Mit ihm und einigem Ingesinde unternahm Pauline eine Wallfahrt nach Rom, die sie sogar bis zum weit entlegenen Kompostella, dem berühmten Heiligtum des heiligen Jakobus in Spanien, ausdehnte. Starkmütigen Herzens ertrug sie die großen Gefahren einer damals so weiten und so beschwerlichen Fahrt. Durch ihre Geistesgegenwart rettete sie auf sinkendem Schiff sich und die Ihrigen aus den Fluten der Garonne. Nach der Rückkehr in die Heimat lebten die Gatten in Merseburg, wo Paulinens Onkel Bischof war. Mit dem Tod des Gatten 1108 kam ihr Wunsch, Gott in klösterlicher Abgeschiedenheit zu dienen, zum Durchbruch. Sie wählte unter ihren Gütern ein abgelegenes Waldtal des Längwitzgaues aus zwischen Rudolfstadt und Arnstadt. Hier gründete Pauline eine Maria-Magdalena-Kapelle und daneben für sich und ihre geringe Umgebung eine Klause. So war sie zunächst eine der Reklusen, wie sie in der Geschichte des heiligen Bonifatius eine Rolle spielen. Bald folgten ihr auch ihre Töchter. Ihr Sohn Werner dagegen machte ihr viel Kummer, da er ein ganz weltliches Leben führte. Aber das Gebet und die Tränen der Mutter besiegten auch ihn. Zum Zeichen seiner entschlossenen Umkehr zündete er seine Burg an und gesellte sich als dienender Bruder dem frommen Verein seiner Mutter bei. Allmählich erweiterte sich die Stätte des Gebetes. Strenges Bußleben in Verbindung mit emsiger Arbeit, besonders in Weben und Sticken, war der Grundzug der bescheidenen Niederlassung.

 

Doch der Plan Paulinens ging weiter. Sie erstrebte die Gründung eines eigentlichen Klosters, und zwar eines Doppelklosters, wie es deren in Thüringen schon mehrere gab. Schon bisher hatten einige Mönche aus Hirsau die geistliche Leitung der Vereinigung besorgt. Die Zahl der Jungfrauen und Mönche wuchs. Da Pauline aus dem Nebeneinander der beiden für die Zukunft Unzuträglichkeiten fürchtete, siedelte sie die Nonnen in der engen Waldschlucht in der Nähe an. Den bisherigen Platz überließ sie den Mönchen, für die sie ein vollständig eingerichtetes Kloster stiften wollte. Manche mühsame Reise unternahm Pauline, um die Mittel dafür sicherzustellen. Schließlich machte sie sich 1111 abermals auf den Weg nach Rom, um vom Papst selbst Zustimmung und Segen für ihre geplante Gründung zu erbitten. Papst Paschal II. nahm die Pilgerin huldvoll auf, empfing von ihr eine kunstvoll gestickte Stola und gab Ratschläge und Segen mit auf den Weg. Obwohl auf dem Rückweg ein schwerer Unfall sie traf, da sie durch den Sturz mit dem Pferd sich einen unheilbaren Armbruch zuzog, begann sie doch ihr Werk. Noch im gleichen Jahr wurde der Grundstein zur Kirche gelegt. Jetzt galt es auch noch den geistigen Bau zu begründen. Auf ihre Bitte sagte man ihr von Hirsau Mönche zu. Darum machte sie sich im Winter 1112 mit ihrem Sohn Werner und einigen Begleitern wiederum auf den Weg, um die ihr zugewiesenen Mönche unter dem neuen Abt in die thüringische Heimat zu führen. Sie gelangte aber nicht mehr ans Ziel. Im Kloster Münsterschwarzach bei Würzburg erkrankte sie schwer und musste im Armenhospiz liegen bleiben. Doch sagte ihr eine innere Stimme, dass sie den Tod nicht sehen würde, bis ihr Wunsch erfüllt sei. Ihre Begleiter setzten unterdessen die Reise fort. Als diese am 13. März 1113 zurückkehrten, trafen sie Pauline in den letzten Zügen. Voll Freude und Verehrung begrüßte die Stifterin den neuen Abt Gerung. Am folgenden Morgen empfing sie aus seiner Hand nochmals die heilige Wegzehrung, dann gab sie ihre Seele dem allmächtigen Schöpfer zurück. Ihre irdische Hülle führten die Mönche in das Kloster mit heim und bestatteten sie zunächst in der Maria-Magdalena-Kapelle. Das schon begonnene Werk wurde rüstig gefördert. Mächtig stiegen die Mauern des Klosters und der Kirche empor. Doch noch einmal kam die Stiftung ins Wanken. Man glaubte schon, der Platz sei doch nicht günstig gewählt. Schon war man aufgebrochen, um in der Nähe von Querfurt das Werk von neuem zu beginnen, schon hatte man den Leichnam Paulines heimlich erhoben und versteckt mit sich geführt, da kehrte man doch, vielleicht infolge vielseitigen Widerspruchs, zurück und vollendete das begonnene Werk. Das Doppelkloster trat ins Leben, doch gedieh das Nonnenkloster weniger, während das der Mönche sich bedeutend entwickelte. Paulines irdische Reste aber wurden vor dem Hochaltar nahe dem Nebenaltar des heiligen Benediktus eingebettet, wo sie heute noch ruhen sollen.

 

Über 400 Jahre hat Kloster Paulinzelle die Kultur in der Waldwildnis Thüringens verbreitet in stiller, unverdrossener Arbeit, zeitweilig auch bekannt durch seine Klosterschule. Da wurde die ruhige Entwicklung unterbrochen durch den furchtbaren Sturm des Bauernkrieges, der gerade in Thüringen so viele Ruinen schuf. Zwar ging es Paulinzelle erträglicher als anderen heiligen Stätten. Es wurde gründlich ausgeplündert, aber nicht in einen Trümmerhaufen verwandelt wie Reinhardsbrunn, das der lieben heiligen Elisabeth als Begräbnisstätte ihres Gemahls so teuer war, Georgental und andere Klöster. Doch als die Klosterinsassen zurückkehrten, legten die Schwarzburger Grafen, also Glieder aus der Familie der Stifterin, 1534, ihre schwere Hand auf den Klosterbesitz, und trotz allen Einspruches gelang es ihnen, sich an diesem Gut zu bereichern. Seitdem ist Paulinzelle verödet. Die Klostergebäude verfielen. Die großartigen Ruinen der ehemaligen Stiftskirche aber sind noch immer ein einzigartiges Grabdenkmal und Erinnerungszeichen für die heilige Pauline von Schwarzburg.

 

„Ich habe euch auserwählt und habe euch gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe!“ (Joh 15,16) Ja, noch Jahrhunderte erzählen von den Früchten der auserwählten Gotteskinder. Wenn die Bosheit der Menschen sie zerstören will, so „reden die Steine davon“. Die köstlichsten Früchte der Heiligen aber reifen für die Ewigkeit und sind unvergänglich, wie Gott, der ihr Gedeihen gab. Am eucharistischen Tisch unserer Gotteshäuser wählt Gott auch dich unter Tausenden aus. Da gehe hin und bringe Frucht, bleibende Frucht, unvergänglich für die Ewigkeit. Auch mit Gaben für den Bau von Kirchen in der Diaspora könntest du dir Erinnerungszeichen, Denkmale errichten, die unzerstörbar sind auf Gottes ewiger „Lohn“tafel.